Msd Manual

Please confirm that you are a health care professional

Lädt...

Geistige Behnderung (Intellectual Disability)

Von

Stephen Brian Sulkes

, MD, Golisano Children’s Hospital at Strong, University of Rochester School of Medicine and Dentistry

Inhalt zuletzt geändert Apr 2018
Zur Patientenaufklärung hier klicken.
Quellen zum Thema

Eine geistige Behinderung ist charakterisiert durch eine deutlich unterdurchschnittliche Intelligenz (IQ < 70–75) mit einer Beeinträchtigung von mindestens 2 der folgenden Fähigkeiten: Kommunikation, Selbstversorgung, Benutzung von Gemeinschaftseinrichtungen, Selbstbestimmung, Gesundheit und persönliche Sicherheit. Die Therapie besteht in Förderung, Familienberatung und sozialer Unterstützung.

Geistiger Behinderung wird als eine Erkrankung des Nervensystems betrachtet. Störungen der neurologischen Entwicklung sind neurologisch bedingte Umstände, die früh in der Kindheit auftreten, in der Regel vor dem Schuleintritt und die Entwicklung von persönlicher, sozialer, akademischer und/oder beruflicher Funktionsfähigkeit beeinflussen. Sie beinhalten in der Regel Schwierigkeiten beim Erwerb, bei der Aufrechterhaltung oder Anwendung besonderer Fähigkeiten oder von Reihen von Informationen. Störungen bei der Entwicklung des Nervensystems können eine Dysfunktion der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses, der Wahrnehmung, der Sprache, des Problemlösens und der sozialen Interaktion zur Folge haben. Zu den anderen häufigen neurologischemn Entwicklungsstörungen gehören Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, Autismus-Spektrum-Störungen sowie Lernstörungen z.B. Dyslexie)

Geistige Behinderung muss frühkindlichen Beginn der Defizite von beiden der folgenden beinhalten:

  • Intellektuelle Funktionen (z. B. Argumentation, Planung und Problemlösung, abstraktes Denken, Lernen in der Schule oder aus Erfahrungen )

  • Adaptiv funktionierend (d. h. Fähigkeit alters- und soziokulturell angemessenen Standards für unabhängiges Arbeiten in den Aktivitäten des täglichen Lebens gerecht zu werden)

Die Schwere der Erkrankung alleine am IQ auszurichten (leichte Intelligenzminderung 52–70 oder 75, mäßige 36–51, schwere 20–35, extrem schwere < 20), ist zu ungenau. Die Klassifikation muss bei allen Aktivitäten auch die benötigten Hilfsmittel – von wenig bis viel Unterstützung – einschließen. Diese Art der Therapie stellt die Stärken und Schwächen des Betroffenen in den Mittelpunkt und setzt sie in Relation zu den Anforderungen der Umgebung und den Erwartungen der Familie und Gemeinschaft.

Bei ungefähr 3% der Gesamtbevölkerung liegt der IQ < 70, zwei Standardabweichungen unter dem durchschnittlichen Intelligenzquotienten der Allgemeinbevölkerung (IQ < 100). Betrachtet man nur die Notwendigkeit von Hilfsmaßnahmen, weist nur 1% der Bevölkerung eine schwere mentale Retardierung auf. Eine schwere mentale Retardierung kommt in allen Bevölkerungsschichten und Ausbildungsniveaus vor. Minderschwere Formen der geistigen Retardierung (die gelegentliche oder begrenzte Unterstützung brauchen) findet man oft in den unteren sozialen Schichten, parallel zu der Erkenntnis, dass der IQ eher mit Schulleistungen und sozialem Status als mit spezifischen körperlichen Faktoren korreliert. Trotzdem suggerieren neuere Studien, dass auch bei den leichteren kognitiven Störungen die Genetik eine Rolle spielen könnte.

Ätiologie

Intelligenz wird sowohl durch die Umwelt als auch die Genetik bestimmt. Kinder von Eltern mit einer mentalen Retardierung haben ein erhöhtes Risiko für Entwicklungsstörungen, aber eine klare genetische Vererbung für mentale Retardierung gibt es nicht. Obwohl Fortschritte in der Genetik wie die chromosomale Microarray-Analyse und die ganze Genomsequenzierung der kodierten Regionen (Exom) die genetischen Ursachen bei mentaler Retardierung möglicherweise genauer untersuchen können, kann oft keine spezifische Ursache von geistiger Behinderung identifiziert werden. Eine Ursache wird eher bei schweren Fällen gefunden. Sprachprobleme und mindere soziale Fähigkeiten sind meist mehr ein Problem der Gemütsverfassung, der Isolierung von der Umgebung, von Lernstörungen und Taubheit, als ein Problem der geistigen Behinderung.

Pränatale Faktoren

Eine Reihe von Chromosomenanomalien und genetischen metabolischen und neurologischen Störungen können eine geistige Behinderung verursachen (siehe Tabelle: Einige chromosomale und genetische Ursachen mentaler Retardierung*).

Zu den kongenitalen Infektionen, die eine mentale Retardierung verursachen, gehören Röteln, Zytomegalie, Toxoplasma gondii, Treponema pallidum,Herpes-Simplex-Virus und HIV. Eine prenatal Zika-Virus-Infektion wurde vor kurzem mit kongenitaler Mikrozephalieund geistiger Behinderung in Zusammenhang gebracht.

Eine pränatale Medikamenten- und Toxinexposition kann eine mentale Retardierung verursachen. Das fetale Alkoholsyndrom ist eine der häufigsten Ursachen. Antikonvulsiva wie Phenytoin oder Valproat, Chemotherapie, Bestrahlung, Blei und Quecksilber sind weitere Ursachen.

Auch schwere Unterernährung während der Schwangerschaft kann die kindliche Hirnentwicklung beeinträchtigen, was zu einer mentalen Retardierung führt.

Perinatale Faktoren

Komplikationen aufgrund von Frühreife, Hirnblutung, periventrikulärer Leukomalazie, Zangen- oder Glockengeburt, multifetale Schwangerschaft, Placenta praevia, Präeklampsie und perinataler Sauerstoffmangel erhöhen das Risiko für eine mentale Retardierung. Das Risiko ist für Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht erhöht. Verminderte Intelligenz und niedriges Gewicht haben eine ähnliche Ursache. Kinder mit sehr oder extrem niedrigem Geburtsgewicht haben je nach Geburtsalter, perinatalen Ereignissen und der Betreuungsqualität ein unterschiedliches Risiko für eine geistige Behinderung.

Postnatale Faktoren

Unterernährung und soziale Deprivation (Fehlen körperlicher, emotionaler und geistiger Unterstützung, die für Wachstum, Entwicklung und soziale Adaptation wichtig sind) während der Säuglings- und Kleinkindphase können die meist verbreitete Ursache für eine mentale Retardierung weltweit sein. Virale und bakterielle Enzephalitiden (einschließlich der AIDS-assoziierten Neuroenzephalopathie), Meningitiden (z. B. Pneumokokkeninfektionen, Haemophilus influenzae-Infektion, Vergiftungen (Blei, Quecksilber), schwere Unterernährung und schwere Schädel-Hirntraumata oder Sauerstoffmangel können zur mentalen Retardierung führen.

Tabelle
icon

Symptome und Beschwerden

Die primären Symptome von geistiger Behinderung sind

  • Verlangsamter Erwerb neuer Kenntnisse und Fähigkeiten

  • Unreifes Verhalten

  • Eingeschränkte Selbstständigkeit

Einige Kinder mit leichter Retardierung entwickeln erst in der Schulzeit erkennbare Symptome. Aber Kinder mit mittelschwerer oder schwerer geistiger Behinderung oder mit zusätzlichen körperlichen Gebrechen oder mit Krankheiten (z. B. Anfälle), die eine bestimmte Ursache haben (z. B. perinataler Sauerstoffmangel), werden schon früh identifiziert. Die verzögerte Entwicklung ist bereits in der Vorschulzeit erkennbar. Bei älteren Kindern sind die Hauptzeichen ein niedriger IQ, kombiniert mit begrenzten Fähigkeiten zur Anpassung des eigenen Verhaltens. Obwohl die Entwicklung eine große Bandbreite zeigt, ist es für Kinder mit einer geistigen Behinderung üblich, eher langsame Fortschritte als einen Stillstand zu zeigen.

Der Grund für eine psychiatrische Behandlung und eine aushäusige Unterbringung geistig behinderter Kinder sind meistens Verhaltensstörungen. Verhaltensstörungen sind im Allgemeinen situationsbedingt; häufig lassen sich auslösende Faktoren identifizieren. Faktoren, die für inakzeptables Verhalten prädisponieren können, beinhalten

  • Mangelnde Erziehung zu sozial verantwortlichem Handeln

  • Uneinheitliche Disziplin

  • Verstärkung von Fehlverhalten

  • Eingeschränkte Fähigkeit zu kommunizieren

  • Beschwerden aufgrund von begleitenden physischen Problemen und psychischen Erkrankungen wie Depression oder Angst

In Heimen (jetzt in den USA unüblich) tragen Probleme durch Überfüllung, zu wenig Betreuungspersonal und fehlende Aktivitäten sowohl zu Verhaltensschwierigkeiten als auch zu begrenzten funktionalem Fortschritt bei. Die Vermeidung einer langfristigen Unterbringung in großen Pflegeeinrichtungen ist extrem wichtig, um den individuellen Erfolg zu maximieren.

komorbide Störungen

Komorbide Erkrankungen sind häufig, insbesondere Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, Stimmungsschwankungen (Depressionen, bipolare Störungen), Autismus-Spektrum-Störungen, Angststörung und andere.

Manche Kinder leiden unter zerebralen Anfälle oder grobmotorischen Entwicklungsdefiziten, Sprachverzögerung oder Taubheit. Solche motorischen und sensorischen Veränderungen können eine geistige Unterentwicklung vortäuschen, sind aber nicht deren Ursache. Manche Kinder entwickeln, wenn sie heranwachsen, Angstzustände oder eine Depression, wenn sie von anderen sozial abgelehnt werden oder bemerken, dass sie von anderen abgelehnt oder für dumm und andersartig gehalten werden. Gut ausgearbeitete Schulprogramme, die diese Kinder integrieren, können die soziale Integration maximal fördern und solche emotionalen Reaktionen vermindern.

Diagnose

  • Entwicklungsbiologie und Intelligenzbeurteilung

  • Bildgebende Verfahren zur Darstellung des ZNS

  • Gentests

Bei Verdacht auf mentale Retardierung werden geistige Entwicklung und Intelligenz untersucht. Standardisierte Intelligenztests können eine unterdurchschnittliche Intelligenz beurteilen. Sie sind aber fehleranfällig und sollten hinterfragt werden, wenn die Ergebnisse nicht zu den klinischen Befunden passen. Krankheiten, Störungen der Motorik und Sensorik, Sprachbarrieren oder kulturelle Unterschiede können die Testleistung des Kindes beeinträchtigen. Solche Tests orientieren sich an der Mittelschicht, doch im Allgemeinen schätzen sie die intellektuellen Fähigkeiten der Kinder, insbesondere der älteren Kinder, vernünftig ein.

Als Screeningtests auf Entwicklungsstörungen eignen sich etwa der "Ages and Stages Questionnaire" (ASQ) oder "the Parents' Evaluation of Development Status (PEDS) und können u. a. von Ärzten durchgeführt werden.. Diese Tests sollten nur zum Screening verwandt werden und nicht als Ersatz für ausführliche Intelligenztests, die von Psychologen durchgeführt werden sollten. Das Kind sollte entwicklungsneurologisch untersucht werden, sobald sich eine Verzögerung in der Entwicklung zeigt.

Ein Kinderneurologe sollte alle Fälle folgender Art untersuchen:

  • Mittelschwere bis schwere Entwicklungsverzögerungen

  • Progressive Behinderung

  • Neuromuskuläre Verschlechterung

  • Neonatale Anfallssyndrome

Falls die Diagnose mentale Retardierung gestellt wird, muss nach einer Ursache gesucht werden. Eine genaue Ursachenklärung trägt dazu bei, die Prognose für die weitere Entwicklung zu stellen, Erziehungs- und Trainingspläne nahezulegen, eine genetische Beratung durchzuführen und etwaige Schuldgefühle der Eltern zu mindern.

Diagnostik der Ursachen

Eine ausführliche Anamnese (einschließlich perinataler Entwicklung, neurologischer Anamnese und Familienanamnese) kann die Ursache aufdecken helfen. Ein Untersuchungsalgorithmusus für Kinder mit geistiger Behinderung wurde von der Child Neurology Society vorgeschlagen.

Eine MRT kann Veränderungen im Gehirn (wie bei den Phakomatosen Neurofibromatose und tuberöse Sklerose), einen behandelbaren Hydrozephalus oder schwerwiegendere Hirnpathologien wie die Schizenzephalie zeigen.

Genetische Tests können helfen, Störungen zu identifizieren.

  • Standard-Karyotypisierung zeigt Down-Syndrom (Trisomie 21) und andere Störungen der Chromosomenzahl

  • Ein Chromosomen-Microarray-Analyse identifiziert Kopiennummernvarianten, wie sie beim 5p-Syndrom (5p minus Syndrom oder cri du chat Syndrom) oder DiGeorge-Syndrom (Chromosom 22q Deletion) vorkommen können.

  • Direkte DNA-Untersuchungen identifizieren Fragiles X-Syndrom

Die chromosomale Microarray-Analyse ist zum bevorzugten Untersuchungswerkzeug geworden; sie kann dazu verwendet werden gezielt verdächtige Syndrome zu identifizieren und, wenn kein spezifisches Syndrom vermutet wird. Es bietet Möglichkeiten die sonst unerkannten Chromosomenstörungen zu identifizieren, erfordert aber Abstammungsgutachten, um positive Befunde zu interpretieren. Eine komplette Genom-Sequenzierung der kodierenden Regionen (komplette Exomsequenzierung) ist eine neuere, detailliertere Methode, die weitere Ursachen für geistige Behinderung aufdecken kann.

Klinischen Erscheinungsbilder (z. B. Wachstumsschwierigkeiten, Lethargie, Erbrechen, Anfälle, Hypotonie, Hepatosplenomegalie, Dysmorphiezeichen, ungewöhnlicher Uringeruch, Makroglossie) können auf eine genetisch bedingte Stoffwechselstörung hinweisen. Ein isolierter Entwicklungsrückstand im Sitzen oder Gehen (grobmotorische Fähigkeiten) und beim Pinzettengriff, beim Malen und Schreiben (feinmotorische Fähigkeiten) kann Ausdruck einer neuromuskulären Störung sein.

Spezifische Laboruntersuchungen können die zugrunde liegende Ursache klären (siehe Tabelle: Tests auf einige Ursachen von mentaler Retardierung). Sehen und Hören sollte in einem jungen Alter untersucht und eine Bleivergiftung ausgeschlossen werden.

Tabelle
icon

Tests auf einige Ursachen von mentaler Retardierung

Vermutete Ursache

Indizierte Tests

Einzelne große Anomalie oder mehrere kleinere Anomalien

Familiengeschichte mit kognitiver Behinderung

Chromosomenanalyse

Chromosomale Microarray-Analyse

Kraniale Magnetresonanztomographie*

Möglicherweise Exom-Sequenzierung

Idiopathische Hypotonie

HIV-Screening bei Hochrisiko-Säuglingen

Ernährungs- und psychosoziale Vorgeschichte

Nachweis von Aminosäuren in Urin und Blut und organische Säureanalyse und Enzymuntersuchungen zum Ausschluss von Speicherkrankheiten oder peroxisomalen Störungen

Muskuläre Enzyme

SMA 12 (enthält Albumin, alkalische Phosphatase, AST, Gesamt-Bilirubin, Harnstoffstickstoff, Kalzium, Cholesterin, Kreatinin, Glukose, P, Gesamteiweiß und Harnsäure)

Knochenalter, Röntgenaufnahmen des Skelettsystems

Krampfanfälle

EEG

Kraniale Magnetresonanztomographie*

Blutuntersuchung auf Kalzium, Phosphor, Magnesium, Aminosäuren, Glukose und Blei

Kraniale Anomalien (z. B. vorzeitige Schließung der Nähte, Mikrozephalie, Makrozephalie Kraniostenose, Hydrozephalus)

Hirnatrophie

Zerebrale Fehlbildungen

Hirnblutung

Tumor

Intrakranielle Verkalkungen durch Toxoplasmose, Zytomegalovirusinfektion oder tuberöser Sklerosekomplex

Kraniale Magnetresonanztomographie*

TORCH-Screening

Urinkultur für Viren

Chromosomenanalyse

Chromosomale Microarray-Analyse

* Nach neurologischer Beratung.

SMA = sequentieller multipler Analysator; TORCH =Toxoplasmose, Röteln, Zytomegalievirus, Herpes.

Prognose

Viele Menschen mit einer leichten bis mittelschweren geistigen Behinderung können sich selbst unterstützen, leben selbstständig und können Arbeiten mit niedrigen intellektuellen Ansprüchen ausführen. Die Lebenserwartung kann abhängig von der Ursache der Störung verkürzt sein. Die Gesundheitsvorsorge aber verlängert die Lebenszeit aller Betroffenen unabhängig von der Genese der Entwicklungsstörung. Menschen mit schwerer mentaler Retardierung brauchen ein Leben lang Unterstützung. Je schwerer die Behinderung ist, desto größer ist die Immobilität und damit das Mortalitätsrisiko.

Behandlung

  • Frühes Interventionsprogramm

  • Multidisziplinäres Unterstützungsteam

Behandlung und Unterstützung richten sich nach den kognitiven Fähigkeiten und den Sozialkompetenzen des betroffenen Kindes. Eine Überweisung an ein Frühförderzentrum kann die Schwere einer geistigen Behinderung, die eine perinatale Ursache hat, verhindern oder mindern. Eine realistische Versorgung des betroffenen Kindes muss angestrebt werden.

Unterstützung und Beratung der Familie sind wichtig. Sobald eine Retardierung bestätigt oder stark vermutet wird, sollte dies den Eltern mitgeteilt und ihnen Zeit gegeben werden, die Ursachen, Auswirkungen, Prognose, Erziehung und Training des Kindes zu diskutieren. Es ist auch wichtig, den negativen Ich-bezogenen Prophezeiungen bekannte prognostische Risiken entgegenzustellen, bei denen sich niedrige Erwartungen schlecht auf das spätere Leben auswirken. Eine einfühlsame weiterführende Beratung ist für den Anpassungsprozess der Familie wichtig. Jedoch sollte der Hausarzt die weitere medizinische Versorgung und Beratung planen. Wenn der Hausarzt dem nicht nachkommen kann, sollte er das Kind und die Familie an ein Zentrum mit einem multidisziplinärem Team überweisen, das Kinder mit geistiger Behinderung untersucht und behandelt.

Geeignete Spezialisten, darunter auch Erzieher, sollten ein umfassendes, individuelles Programm ausarbeiten.

Zu einem multidisziplinären Team gehören

  • Neurologen oder Kinderärzte, die auf Entwicklungsstörungen und Verhaltensstörungen spezialisiert sind

  • Orthopäden

  • Neurologen oder Entwicklungspädiater, Orthopäden, Krankengymnasten und Ergotherapeuten, die für die Behandlung der auftretenden motorischen Störungen zuständig sind

  • Sprachtherapeuten und Otologen, die bei sprachlich Unterentwickelten oder bei vermutetem Hörverlust helfen

  • Ernährungswissenschaftler, die bei der Behandlung von Mangelernährung zum Einsatz kommen

  • Sozialarbeiter, die dabei helfen, die äußeren Bedingungen zu verbessern und wichtige Ressourcen auszuloten

  • Psychologen (die die Planung von Verhaltensinterventionen überwachen)

Geistig behinderte Kinder mit gleichzeitigen psychiatrischen Krankheiten wie Depression können mit antipsychotischen Medikamenten in ähnlicher Dosierung wie Nichtbehinderte behandelt werden. Die Verwendung von antipsychotischen Medikamenten ohne eine Verhaltenstherapie oder eine Veränderung der Umwelt ist selten erfolgreich.

Es sollten alle Anstrengungen unternommen werden, um das Kind zu Hause oder in einer Gemeinschaft leben zu lassen. Auch wenn das Leben eines geistig behinderten Kindes zu Hause mitunter äußerst belastend ist, so kann es doch auch eine sehr dankenswerte Aufgabe sein. Neben der Hilfe bei der täglichen Pflege durch Kindertagesstätten, Familienhelfern oder Pflegestationen kann auch die psychologische Unterstützung der Familie hilfreich sein. Die Lebensumstände sollten Unabhängigkeit fördern und alle Fähigkeiten verstärken, um dieses Ziel zu erreichen.

Wann immer möglich, sollte ein Kind mit einer geistigen Behinderung eine normale Kindertagesstätte oder eine normale öffentliche Schule besuchen. Der Der Individuals with Disabilities Education Act (IDEA),(IDEA), das primäre US-Sonderbildungsgesetz, schreibt vor, dass alle Kinder mit Behinderungen angemessene Bildungsmöglichkeiten und Programme in einem möglichst restriktiven und integrativen Umfeld erhalten sollten.

Wenn geistig Behinderte das Erwachsenenalter erreichen, stehen ihnen geeignete Wohnmöglichkeiten und Arbeitsstätten zur Verfügung. Große Pflegeheime werden immer häufiger durch kleine Wohngruppen oder unterstütztes individuell betreutes Wohnen ersetzt, die zu den Fähigkeiten der jeweils betroffenen Person passen.

Vorbeugung

Die genetische Beratung vermittelt Hochrisikofamilien Hintergrundswissen für die Ursachen der Behinderung. Falls ein Kind eine geistige Behinderung hat, kann die Familie bei bekannter Ursache über das Risiko bei weiteren Schwangerschaften aufgeklärt werden.

Pränataltests können bei Hochrisiko-Paaren durchgeführt werden, die beschließen, Kinder zu haben. Eine pränatale Diagnostik ermöglicht es Paaren über einen Schwangerschaftsabbruch und die nachfolgende Familienplanung nachzudenken. Tests umfassen

  • Amniozentese oder Chorionzottenbiopsie

  • Sonographie

  • Mütterliches Serum Alpha-Fetoprotein

  • Nichtinvasive pränatale Diagnostik

Amniozentese oder Chorionzottenbiopsie können vererbte Stoffwechselstörungen, Chromosomenaberrationen, Trägerstatus und ZNS-Defekte (Neuralrohrdefekt, Anenzephalie) aufdecken. Die Amniozentese kann allen Frauen > 35 Jahre und allen Frauen mit einer Familienanamnese für angeborene Stoffwechselkrankheiten empfohlen werden, da sie ein erhöhtes Risiko haben, ein Kind mit Down-Syndrom zu gebären.

Die Sonographie eignet sich für die Entdeckung von ZNS-Defekten.

Die Bestimmung des Alpha-Fetoproteins bei der Mutter ist eine hilfreiche Screeningmethode zum Nachweis von Neuralrohrdefekten, Down-Syndrom oder anderen Störungen.

Nichtinvasives vorgeburtliches Screening (NIPS) -Verfahren können verwendet werden, um numerische Chromosomenanomalien zu identifizieren, und wurden verwendet, um einige größere Mikrodeletionssyndrome wie etwa die 22q11-Deletion zu identifizieren.

Impfstoffe haben fast kongenitale Röteln und Pneumokokken sowie H. influenzae-Meningitis als Ursachen für geistige Behinderung eliminiert.

Kontinuierliche Verbesserungen, zunehmende Verfügbarkeit einer guten Schwangerschaftsvorsorge und Neugeborenenversorgung, die Möglichkeit einer Austauschtransfusion und Anti-RH0(D)-Immunglobulin zur Vermeidung einer hämolytischen Krankheit des Neugeborenen haben die Inzidenz der geistigen Behinderung verringert. Wegen der wachsenden Häufigkeit von überlebenden Kindern mit niedrigem Geburtsgewicht ist die Prävalenz aber konstant geblieben.

Wichtige Punkte

  • Mentale Retardierung bedeutet eine langsame geistige Entwicklung mit unterdurchschnittlichen intellektuellen Fähigkeiten, unreifem Verhalten und eingeschränkter Autonomie, sodass ein Zustand erreicht wird, der unterstützende Hilfe erfordert.

  • Eine Anzahl von pränatalen, perinatalen und postnatalen Störungen verursachen mentale Retardierung, aber in 60–80% der Fälle kann oft keine spezifische Ursache identifiziert werden.

  • Sprachprobleme und mindere soziale Fähigkeiten sind meist mehr ein Problem der Gemütsverfassung, der Isolierung von der Umgebung, von Lernstörungen und Taubheit, als ein Problem der geistigen Behinderung.

  • Screenings mit standardisierten Tests wie die "ges- and Stages-Fragebögen" (ASQ) oder "the Parents' Evaluation of Development Status (PEDS) sollten vorgenommen werden. Auffällige Fälle werden dann genauer auf Intelligenz und neurologische Entwicklung untersucht.

  • Die Suche nach spezifischen Ursachen erfolgt mit kranialer Bildgebung, genetischen Tests (z. B. chromosomale Microarray-Analyse, Exom- Sequenzierung) und anderen Tests wie klinisch indiziert.

  • Wichtig ist ein umfassendes individuelles Programm einschließlich Unterstützung und Beratung der Familie mit einem multidisziplinären Team.

Weitere Informationen

Zur Patientenaufklärung hier klicken.
HINWEIS: Dies ist die Ausgabe für medizinische Fachkreise. LAIEN: Hier klicken, um zur Ausgabe für Patienten zu gelangen.
Erfahren Sie

Auch von Interesse

Videos

Alle anzeigen
Pränatale Herzzirkulation
Video
Pränatale Herzzirkulation
Das Herz und Kreislaufsystem eines Fötus entsteht schon bald nach der Empfängnis. Am Ende...
3D-Modelle
Alle anzeigen
Mukoviszidose: Defekter Chloridtransport
3D-Modell
Mukoviszidose: Defekter Chloridtransport

SOZIALE MEDIEN

NACH OBEN