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Überblick über Immunschwächeerkrankungen

Von

James Fernandez

, MD, PhD, Cleveland Clinic Lerner College of Medicine at Case Western Reserve University

Inhalt zuletzt geändert Jun 2018
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Quellen zum Thema

Immunschwächestörungen sind mit verschiedenen Komplikationen assoziiert, einschließlich Infektionen, Autoimmunerkrankungen und Lymphomen und anderen Krebsarten; Immunschwächestörungen können Patienten auch zu solchen Komplikationen prädisponieren. Primäre Immundefekte sind genetisch bedingt und können erblich bedingt sein; sekundäre Immundefekte werden erworben und sind viel häufiger.

Diese Untersuchung einer Immunschwäche schließt eine Anamnese, eine körperliche Untersuchung und Untersuchnug der Immunfunktion mit ein. Die Untersuchungen variieren, basierend auf folgenden Kriterien:

  • Ob eine primäre oder sekundäre Immunschwäche vermutet wird

  • Bei primärer Immunschwäche, welche Komponente des Immunsystems einen Mangel aufzuweisen scheint.

Primäre Immundefekte

Diese Krankheiten sind genetisch bestimmt; sie können als einzelne Krankheit oder als Teil eines Syndroms auftreten. Es sind mehr als 100 dieser Störungen beschrieben worden, die untereinander eine starke Heterogenität aufweisen können. Bei mehr als 80% ist die molekulare Basis bekannt.

Die primären Immundefekte manifestieren sich üblicherweise im frühen Kindesalter und in der Kindheit als anormal häufige (rezidivierende) oder ungewöhnliche Infektionen. Beim ersten Auftreten der Krankheit sind etwa 70% der Patienten < 20 Jahre alt, und wegen der oft X-chromosomalen Vererbung sind 60% der Fälle männlich. Die Gesamtinzidenz der symptomatischen Immundefekte wird auf 1/280 geschätzt.

Die Klassifikation der primären Immundefekte erfolgt nach der Hauptkomponente des Immunsystems, die einen Mangel aufweist, nicht vorhanden oder defekt ist:

Je mehr molekulare Defekte definiert werden, umso eher wird eine Klassifizierung nach molekularen Defekten zweckmäßig.

Primäre Immundefektsyndrome sind genetisch bedingte Immundefekte mit immunologischen und nicht-immunologischen Manifestationen. Nichtimmunologische Manifestationen sind oft leichter zu erkennen. Beispiele sind Ataxie-Teleangiektasien, Knorpel-Haar-Hypoplasie, Di-George-Syndrom, Hyper-IgE-Syndrom und Wiskott-Aldrich-Syndrom. Neben dem Auftretens von Immundefekten entwickeln einige Patienten auch Autoimmunerkrankungen.

Üblicherweise manifestieren sich Immundefekte als rezidivierende Infektionen. Das Alter, in dem wiederkehrende Infektionen begonnen haben, liefert einen Hinweis auf die betroffenen Komponenten des Immunsystems. Weitere charakteristische Ergebnisse legen eine vorläufige klinische Diagnose nahe (siehe Charakteristische klinische Befunde bei einigen primären Immundefekten). Es sind jedoch Laboruntersuchungen zur Bestätigung der Diagnose erforderlich (siehe Ursprüngliche und zusätzliche Labortests auf Immunodefizienz). Weitere Tests sind indiziert, wenn klinische Befunde oder erste Laboruntersuchungen den Verdacht einer spezifischen Störung von Immunzellen oder Komplementfunktionen nahelegen (siehe Spezifische und erweiterte Labortests bei Immunodefizienz).

Die Prognose bei primären Immunerkrankungen hängt von der spezifischen Erkrankung ab.

Humorale Immunschwächestörungen

Humorale Immunschwächestörungen (B-Zell-Defekte), die einen Antikörpermangel hervorrufen, machen 50-60% der primären Immundefekte aus (siehe Tabelle Humorale Immunschwächestörungen). Durch abnehmende Serumantikörpertiter erhöht sich die Anfälligkeit für bakterielle Infektionen.

Der häufigste B-Zell-Defekt ist

Zur diagnostischen Bewertung von humoralen Immunitätsmängeln siehe Annäherung an den Patienten mit vermuteter Immunschwäche und Tabelle Spezifische und erweiterte Labortests bei Immunodefizienz.

Tabelle
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Humorale Immunschwächestörungen

Krankheit

Vererbung

Betroffene Gene

Klinische Befunde

Verschiedene

TACI, ICOS, BAFFR

Wiederkehrende sinopulmonale Infektionen, Autoimmunerkrankungen (z. B. Immun-Thrombozytopenie, autoimmune hämolytische Anämie), Malabsorption, Giardiasis, granulomatöse interstitielle Lungenerkrankung, noduläre lymphoide Hyperplasie des Magen-Darm-Trakts, Bronchiektase, lymphoide interstitielle Pneumonie, Splenomegalie; bei 10% Magenkarzinom und Lymphom

Gewöhnlich bei Patienten im Alter von 20-40 Jahren diagnostiziert

Autosomal-rezessiv

AID, UNG

Ähnlich wie bei X-chromosomal vererbter IgM-Vermehrung, aber mit lymphatischer Hyperplasie

Keine Leukopenie

Autosomal-rezessiv

CD40

Ähnlich wie bei X-chromosomal vererbtem Hyper-IgM-Syndrom

Lymphoide Hypoplasie, Neutropenie

X-chromosomal

CD40-Ligand (CD40L)

Ähnlich wie bei X-chromosomal vererbter Agammaglobulinämie (z. B. rezidivierende pyogene bakterielle sinopulmonale Infektionen), aber größere Häufigkeit von Pneumocystis jirovecii-Infektion, Kryptosporidiose, schwere Neutropenie und lymphoide Hypoplasie

Unbekannt

Rezidivierende sinopulmonale Infektionen

Manchmal atopische Befunde (z. B. atopische Dermatitis, Asthma, chronische Rhinitis)

Kann auftreten, bei milden, mittleren, schweren und Speicher-Phänotypen

Unbekannt

In manchen Fällen TACI

Meistens asymptomatisch

Wiederkehrende sinopulmonale Infektionen, Durchfall, Allergien (einschließlich anaphylaktischer Reaktionen auf Transfusionen [selten]), Autoimmunerkrankungen (z. B. Zöliakie, entzündliche Darmerkrankungen, systemischer Lupus erythematodes, chronisch-aktive Hepatitis)

Unbekannt

Üblicherweise asymptomatisch

Manchmal rezidivierende sinopulmonale oder Magen-Darm-Infektionen, Candidiasis, Meningitis

X-chromosomal

BTK

Wiederkehrende sinopulmonale Infektionen und Hautinfektionen während der Kindheit, transiente Neutropenie, lymphoide Hypoplasie

Persistente ZNS-Infektionen resultierend aus Leber-abgeschwächter Polio-Schluckimpfung, Echoviren oder Coxsackieviren

Erhöhtes Risiko für infektiöse Arthritis, Bronchiektase und bestimmte Krebsarten

AID= aktivierungsabhängige (induziert) Cytidindeaminase; BAFFR= B-Zell-Aktivierungsfaktor-Rezeptor; BTK = Bruton-Tyrosinkinase; C = Komplement, CAML = Kalzium-Modulator und Cyclophilin-Ligand; CD = Cluster der Differenzierung; ICOS = Induzierbarer T-Zell-Co-Stimulator; TACI = Transmembranen-Aktivator und CAML-Interaktors; UNG = Uracil-DNA-Glycosylase.

Zelluläre Immunschwächestörungen

Zelluläre Immunschwächestörungen (T-Zell-Störungen)stellen etwa 5-10% der primären Immundefekte und machen anfällig für Infektionen durch Viren, Pneumocystis jirovecii, Pilze, andere opportunistische Organismen und viele häufig vorkommende Erreger (siehe Tabelle Zelluläre Immunschwächestörungen). Da das B- und T-Zell-Immunsystem voneinander abhängig sind, können auch T-Zell-Defekte einen Immunglobulinmangel verursachen.

Die häufigsten T-Zellen-Erkrankungen sind

Primäre natürliche Killerzell-Defekte, die sehr selten auftreten, machen eventuell für virale Infektionen und Tumoren anfällig. Primäre natürliche Killerzell-Defekte können bei Patienten auftreten, die verschiedene andere primäre oder sekundäre Immunschwächestörungen haben.

Für die diagnostische Bewertung zellulärer Immunitätsmängel siehe Tabellen Ursprüngliche und zusätzliche Labortests auf Immunodefizienz und Spezifische und erweiterte Labortests bei Immunodefizienz.

Tabelle
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Zelluläre Immunschwächestörungen

Krankheit

Vererbung

Betroffene Gene

Klinische Befunde

Autosomal-dominant oder -rezessiv

STAT1 (dominant)

AIRE (rezessiv)

Persistierende oder rezidivierende Candida-Infektionen, Onychomykose, autosomal-rezessiv vererbte Autoimmunerkrankung Polyendokrinopathie-Candidosis-Ektodermal-Dystropie (mit Hypoparathyreoidismus und Nebenniereninsuffizienz)

Autosomal

Gene in der Chromosomenregion 22q11.2

Gene auf Chromosom 10p13

Charakteristischer Gesichtsausdruck mit tiefsitzenden Ohren, angeborener Herzkrankheit (z. B. Anomalien des Aortenbogens), Thymushypoplasie oder -aplasie, Hypoparathyreoidismus mit hypokalzämischer Tetanie, rezidivierende Infektionen, Entwicklungsverzögerung

X-chromosomal

SH2D1A (Typ 1)

XIAP (Typ 2)

Asymptomatisch bis zum Einsetzen der Epstein-Barr-Virusinfektion, dann fulminant oder tödlich infektiöse Mononukleose mit Leberversagen, B-Zell-Lymphomen, Splenomegalie, aplastische Anämie

Autosomal-rezessiv

ZAP-70

Häufige und opportunistische Infektionen

Keine CD8-Zellen

AIRE = Autoimmunregulator; CD = Cluster der Differenzierung; SH2D1A = SH2-Domäne mit 1A; STAT = Signalgeber und Aktivator der Transkription; XIAP =X-verknüpfter Inhibitor der Apoptose.

Kombinierte humorale und zelluläre Immunschwächestörungen

Etwa 20% der primären Immundefekte sind kombinierte humorale und zelluläre Immunschwächestörungen (B- und T-Zell-Defekte) (siehe Tabelle Kombinierte humorale und zelluläre Immunschwächestörungen).

Der wichtigste Form ist

Bei einigen Formen des kombinierten Immundefizienz-Syndroms (z. B. Purinnukleosid-Phosphorylase-Mangel) sind die Immunglobulin-Konzentrationen normal oder erhöht, aufgrund der inadäquaten T-Zell-Funktion jedoch ist die Antikörperbildung beeinträchtigt.

zur diagnostischen Untersuchnug von kombinierten humoralen und zellulären Immunschwächestörungen, siehe Tabelle Spezifische und erweiterte Labortests bei Immunodefizienz.

Tabelle
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Kombinierte Humorale und Zelluläre Immunschwächestörungen

Krankheit

Vererbung

Betroffene Gene

Klinische Befunde

Autosomal-rezessiv

ATM

Ataxie, Teleangiektasien, wiederkehrende sinopulmonale Infektionen, endokrine Störungen (z. B. gestörte Gonadenentwicklung, Hodenatrophie, Diabetes mellitus), erhöhtes Krebsrisiko

Knorpel-Haar-Hypoplasie

Autosomal-rezessiv

RMRP

Kurzgliedriger Minderwuchs, häufige und opportunistische Infektionen

Kombinierter Immundefekt mit unzureichender, aber vorhandener T-Zell-Funktion und normalem oder erhöhtem Immunglobulin

Autosomal-rezessiv oder X-chromosomal

NEMO

Häufige und opportunistische Infektionen, Lymphopenie, Lymphadenopathie, Hepatosplenomegalie, Hautläsionen bei einigen Patienten ähnlich denen von Langerhans-Zell-Histiozytose

Autosomal-dominant oder -rezessiv

STAT3 (dominant)

TYK2, DOCK8 (rezessiv)

Sinopulmonale Infektionen; Staphylokokken-Abszesse von Haut, Lunge, Gelenke und inneren Organen; pulmonale Pneumatozelen; juckende Dermatitis; grobe Gesichtszüge; verzögerter Milchzahnverlust; Osteopenie; wiederkehrende Frakturen; Eosinophilie in Gewebe und Blut

MHC-Antigen-Mangel

Autosomal-rezessiv

Verschiedene einschließlich, RFX: RFXANK, RFX5 und RFXAP

Häufige und opportunistische Infektionen

Autosomal-rezessiv oder X-chromosomal

JAK3, PTPRC (CD45]) RAG1, RAG2 (autosomal-rezessiv)

IL-2RG(X-chromosomal)

Orale Candida-Mykose, Pneumocystis jirovecii Lungenentzündung, Durchfall innerhalb 6 Monate, Gedeihstörung, Graft-versus-host-Krankheit, fehlender Thymusschatten, Lymphopenie, Knochenanomalien (bei ADA-Mangel), exfoliative Dermatitis als Teil eines Omenn-Syndrom*

X-chromosomal-rezessiv

WASP

Typischerweise pyogene und opportunistische Infektionen, Ekzem, Thrombozytopenie

Möglicherweise gastrointestinale Blutungen (z. B. blutiger Durchfall), wiederkehrende Infektionen der Atemwege, Krebs (bei 10% der Patienten nach > 10 Jahre), Varizella-Zoster-Virusinfektion, Herpesvirusinfektion

* Das Omenn-Syndrom ist eine autosomal-rezessive Form eines schweren SCID, die Erythrodermie, Desquamation, Alopezie, chronische Diarrhoe, Gedeihstörungen, Lymphadenopathie, Eosinophilie, Hepatosplenomegalie und erhöhte IgE-Spiegel im Serum verursacht.

ADA = Adenosine Deaminase; ATM = Ataxie Teleangiektasie–mutiert; DOCK = Dedicator von Zytokinese; IL-2RG = IL-2-Rezeptor Gamma; JAK = Janus-Kinase; MHC = Haupthistokompatibilitätskomplex; NEMO = Nucklearer Faktor–Kappa-B wesentlicher Modulator; PTPRC = Protein-Tyrosinphosphatase, Rezeptortyp, C; RAG = reekombinationsaktivierendes Gen; RFX = Regulierungsfaktor X; RFXANK= RFX mit Ankyrin-Wiederholungen; RFXAP = RFX-assoziiertes Protein; RMRP = Ribonuklease mitochondriale RNA-Verarbeitung; SCID = schwere kombinierte Immunschwäche; STAT = Signalgeber und Aktivator der Transkription; TYK = Tyrosinkinase; WASP = Wiskott-Aldrich-Syndrom-Protein.

Phagozytäre Zelldefekte

Phagozytendefekte stellen 10-15% der primären Immundefekte; die Fähigkeit der Phagozyten (z. B. Monozyten, Makrophagen, neutrophile und eosinophile Granulozyten), Erreger zu zerstören ist beeinträchtigt (siehe Tabelle Phagozytäre Zelldefekte). Charakteristisch sind außerdem Hautinfektionen mit Staphylokokken und gramnegativen Erregern.

Die häufigsten (obwohl immer noch selten) phagozytischen Zelldefekte sind

Tabelle
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Phagozytäre Zelldefekte

Krankheit

Vererbung

Betroffene Gene

Klinische Befunde

Autosomal-rezessiv

LYST (CHS1)

Okulokutaner Albinismus, Infektanfälligkeit, Fieber, Gelbsucht, Hepatosplenomegalie, Lymphadenopathie, Neuropathie, Panzytopenie, Blutungsneigung

X-chromosomal oder autosomal-rezessiv

gp91Ppfox (CYBB; X-chromosomal)

p22phox, p47phox, p67phox (autosomal-rezessiv)

Granulomatöse Läsionen in der Lunge, Leber, Lymphknoten und im Gastrointestinal- und Urogenitaltrakt (verursacht Obstruktion); Lymphadenitis, Hepatosplenomegalie, Haut, Lymphknoten, Lunge, Leber, und perianale Abszesse, Osteomyelitis, Pneumonie, Staphylokokken gramnegative- und aspergillus-Infektionen

Autosomal-rezessiv

ITGB2-Gen, enkodiert CD18 von Beta-2-Integrinen (Typ 1)

GDP-Fucose-Transporter-Gen (Typ 2)

Weichteilinfektionen, Parodontitis, schlechte Wundheilung, verzögerte Nabelschnurablösung, Leukozytose, keine Eiterbildung

Entwicklungsverzögerung (Typ 2)

Mendelanfälligkeit für mykobakterielle Krankheit (MSMD)

Autosomal-dominant oder -rezessiv

Defekte in Genen, die den IFN-gamma-Rezeptor, IL-12 oder den IL-12-Rezeptor enkodieren

Mykobakterielle Infektionen

Unterschiedliche klinische Schwere basierend auf genetischem Defekt

Zyklische Neutropenie

Autosomal-dominant

ELA2

Pyogene bakterielle Infektionen während rezidivierender Episoden von Neutropenie (z. B. alle 14 bis 35 Tage)

CD = Cluster der Differenzierung; CHS = Chediak-Higashi-Syndrom; CYBB = Cytochrom b-245, Beta-Polypeptid; ELA = Elastase; BIP = Glukose Diphosphat; gp = Glycoprotein; IFN =Interferon; ITGB2 = Integrin Beta-2; LYST = Lysosomalen Transporter.

Defekte des Komplementsystems

Komplementdefekte kommen selten vor ( 2%); es handelt sich um einzelne (erbliche oder erworbene) Defekte von Komplementkomponenten oder Inhibitoren (siehe Tabelle Defekte des Komplementsystems). Mit Ausnahme des autosomal-dominanten C1-Inhibitor-Mangels und des X-chromosomal vererbten Properdin-Defektes werden hereditäre Defekte autosomal-rezessiv vererbt. Die Komplementdefekte führen zu einer unzulänglichen Opsonierung, Phagozytose und Lyse von Pathogenen sowie zur mangelhaften Auflösung von Antigen-Antikörper-Komplexen.

Die schwersten Folgen sind

  • Wiederkehrende Infektion aufgrund defekter Opsonisierung

  • Autoimmunerkrankungen (z. B. SLE [St.-Louis-Enzephalitis], Glomerulonephritis) infolge einer unzulänglichen Auflösung von Antigen-Antikörper-Komplexen.

Ein Mangel an einem komplementregulatorischen Protein verursacht das hereditäre Angioödem.

Komplementdefekte können den klassischen Weg und/oder den alternativen Weg des Komplementsystems betreffen. Die alternative Weg teilt C3 und C5 durch C9 mit dem klassischen Weg, verfügt jedoch über zusätzliche Komponenten: Faktor D, Faktor B, Properdin (P) und regulatorische Faktoren H und I.

Tabelle
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Defekte des Komplementsystems

Krankheit

Vererbung

Klinische Befunde

C1

Autosomal-rezessiv

SLE

C2

Autosomal-rezessiv

Systemischer Lupus erythematodes, rezidivierende eitrige Infektionen mit verkapselten Bakterien (vor allem Pneumokokken), die in der frühen Kindheit beginnen, andere Autoimmunerkrankungen (z. B. Glomerulonephritis, Polymyositis, Vaskulitis, IgA-assoziierte Vaskulitis, Hodgkin-Lymphom)

C3

Autosomal-rezessiv

Wiederkehrende eitrige Infektionen mit verkapselten Bakterien, die bereits bei der Geburt beginnen, Glomerulonephritis, andere Antigen-Antikörper-Komplex-Erkrankungen, Sepsis

C4

Autosomal-rezessiv

SLE, andere Autoimmunerkrankungen (z. B. IgA-Nephropathie, progressive systemische Sklerose, IgA-assoziierte Vaskulitis, Typ 1 Diabetes mellitus, Autoimmunhepatitis)

C5, C6, C7, C8, C9 (Membranangriffskomplex)

Autosomal-rezessiv

Wiederkehrende Neisseria meningitidis und verbreitet N. gonorrhoeaeinfektionen

Komplementdefekte bei der MBL-Aktivierung

MBL

Autosomal-rezessiv

Wiederkehrende eitrige Infektionen mit verkapselten Bakterien, die bei der Geburt beginnen; unerklärliche Sepsis; erhöhte Schwere der Infektion bei sekundären Immundefekten durch die Anwendung von Kortikosteroiden; zystische Fibrose oder chronische Lungenerkrankungen

MASP-2

Unbekannt

Autoimmunerkrankungen (z. B. chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Erythema multiforme), rezidivierende eitrige Infektionen mit verkapselten Bakterien (z. B. Streptococcus pneumoniae)

Komplementdefekte auf dem alternativen Weg

Faktor B

Autosomal-rezessiv

Eitrige Infektionen

Faktor D

Autosomal

Eitrige Infektionen

Properdin

X-chromosomal

Erhöhtes Risiko für fulminante Neisseria Infektion

Störungen der Regulationsproteine im Komplementsystem

C1-Inhibitor

Autosomal-dominant

Angioödem

Faktor I

Autosomal-dominant

Wie C3-Mangel

Faktor H

Autosomal-dominant

Wie C3-Mangel

Hämolytisch-urämisches Syndrom

Decay Beschleunigungsfaktor

Autosomal-rezessiv

Paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie

Komplement-Rezeptor-(CR) Mängel

CR1

Erworben

Sekundärer Befund bei Komplex-vermittelten Immunerkrankungen (Antigen-Antikörper)

CR3

Autosomal-rezessiv

Leukozytenadhäsionsdefekt-Syndrom (rezidivierende Staphylococcus aureus- und Pseudomonas aeruginosa-Infektionen)

C = complement (Ergänzung); MASP = Mannose-bindende Lektin-verbundene Serinprotease; MBL = Mannose-bindendes Lektin.

Sekundäre Immundefekte

Ursachen ( siehe Tabelle Ursachen einer sekundären Immunschwäche) beinhalten

  • Systemische Krankheiten (z. B. Diabetes, Unterernährung, HIV-Infektion)

  • Immunsuppressive Behandlungen (z. B. zytotoxische Chemotherapie, Knochenmarksablation vor der Transplantation, Strahlentherapie)

  • Längere schwere Krankheit

Sekundäre Immundefekte treten auch bei intensivpflichtigen Personen, älteren Menschen oder hospitalisierten Patienten auf. Längere, schwere Krankheiten können die Immunantwort schwächen, wobei die Beeinträchtigung oft reversibel ist, wenn die zugrunde liegende Krankheit abklingt.

Tabelle
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Ursachen einer sekundären Immunschwäche

Kategorie

Beispiele

endokrines System

Gastrointestinaltrakt

Hämatologisch

Iatrogen

Bestimmte Arzneimittel, wie Chemotherapeutika, Immunsuppressiva, Kortikosteroide; Strahlentherapie; Splenektomie

Infektiös

Virale Infektionen (z. B. Cytomegalovirus, Epstein-Barr-Virus, HIV, Masern-Virus, Varicella-Zoster-Virus), bakterielle Infektionen, bakterielle Infektionen mit seltenen Superantigenen (Antigene, die eine große Anzahl von T-Zellen aktivieren können, was zu einer massiven Produktion von Zytokinen führt, insbesondere von Staphylococcus aureus), mykobakterielle InfektionenSonstige Tuberkuloseähnliche Infektionen Durch Mykobakterien

Ernährungsbedingt

Physiologisch

Physiologische Immunschwäche bei Kindern wegen Unreife des Immunsystems, Schwangerschaft

Niere

Nephrotisches Syndrom, Niereninsuffizienz, Urämie

Rheumatologisch

SLE

Andere

Verbrennungen, Krebs, Chromosomenstörungen (z. B. Down-Syndrom), angeborene Asplenie, schwere und chronische Krankheit, Histiozytose, Sarkoidose

Tabelle
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Einige Medikamente, die Immunsuppression verursachen

Klasse

Beispiele

Antikonvulsiva

Lamotrigin, Phenytoin, Valproat

DMARDs (disease-modifying antirheumatic drugs)

IL-1-Inhibitoren (z. B. Anakinra)

IL-6-Inhibitoren (z. B. Tocilizumab)

IL-17-Inhibitoren (z. B. brodalumab)

TNF-Inhibitoren (z. B. Adalimumab, Etanercept, Infliximab)

T-Zell-Aktivierungs-Inhibitoren (z. B. Abatacept, Basiliximab)

CD20-Inhibitoren (z. B. Rituximab)

CD3-Inhibitoren (z. B. Muromonab-CD3)

Janus-Kinase(JAK)-Inhibitoren (z. B. Ruxolitinib)

Calcineurininhibitoren

Cyclosporin, Tacrolimus

Corticosteroide

Methylprednisolon, Prednison

Zytotoxische Chemotherapeutika

Inhibitoren des Purinmetabolismus

Azathioprin, Mycophenolat Mofetil (MMF)

Rapamycine

Everolimus, Sirolimus

Immunosuppressive Immunglobuline

Antilymphozytenglobulin, Antithymozytenglobulin

Ein Immundefekt kann durch renalen Verlust von Serumprotein (insb. IgG und Albumin) durch Folgendes entstehen:

  • Die Nieren beim nephrotischen Syndrom

  • Die Haut bei schweren Verbrennungen oder Dermatitis

  • Der GI-Trakt bei Enteropathie

die außerdem zu einem Verlust von Lymphozyten und in Folge davon zu Lymphozytopenie führen kann.

Die Behandlung konzentriert sich auf die Grunderkrankung; z. B. eine Diät mit einem hohen Anteil an mittelkettigen Triglyceriden kann den Verlust von Imunglobulinen Igs) und Lymphozyten aus dem Gastrointestinaltrakt verringern und sich als außerordentlich heilsam erweisen.

Bei Verdacht auf einen klinisch relevanten sekundären Immundefekt sollten sich die Untersuchungen auf diesen konzentrieren (z. B. Diabetes, HIV-Infektion, zystische Fibrose, primäre ziliäre Dyskinesie).

Geriatrische Grundlagen

Immundefekte treten auch altersbedingt auf. Zum Beispiel neigt der Thymus bei älteren Menschen dazu, weniger naive T-Zellen zu erzeugen; damit stehen weniger T-Zellen zur Verfügung, um auf neue Antigene zu reagieren. Die Zahl der T-Zellen ist nicht verringert (wegen Oligoklonalität), die vorhandenen Zellen können jedoch nur eine begrenzte Anzahl von Antigenen erkennen.

Die Signaltransduktion (Übertragung von Antigen-bindendem Signal durch die Zellmembran in die Zelle) ist beeinträchtigt, so dass T-Zellen weniger wahrscheinlich auf Antigene reagieren. Auch signalisieren die Helfer-T-Zellen den B-Zellen weniger wahrscheinlich, Antikörper zu produzieren.

Die Zahl der Neutrophilen nimmt nicht ab, aber die vorhandenen Zellen werden weniger wirksam bei der Phagozytose und in der keimtötenden Wirkung.

Unterernährung, häufig bei älteren Menschen, beeinträchtigt die Immunantworten. Kalzium-, Zink- und Vitamin E sind für die Immunität besonders. Die Gefahr von Kalziummangel ist bei älteren Menschen erhöht, zum Teil weil die Fähigkeit des Darms, Kalzium aufzunehmen, mit dem Älterwerden nachlässt. Auch deshalb, weil ältere Menschen evtl. nicht genug Kalzium mit ihrer Nahrung zu sich nehmen. Zinkmangel ist sehr häufig bei älteren Menschen in Einrichtungen und Patienten, die ans Haus gebunden sind.

Bestimmte Erkrankungen (z. B. Diabetes, chronische Nierenerkrankung, Unterernährung), die bei älteren Personen häufiger sind, und bestimmte Behandlungen (z. B. Immunsuppressiva, immunmodulatorische Medikamente und Behandlungen), die bei älteren Personen eher Verwendung finden, können die Immunität ebenfalls beeinträchtigen.

Wichtige Punkte

  • Sekundäre (erworbene) Immunschwächestörungen sind wesentlich häufiger als primäre (genetische) Immunschwächestörungen.

  • Primäre Immunschwächestörungen können die humorale Immunität (am häufigsten), die zelluläre Immunität, sowohl die humorale als auch die zelluläre Immunität, die Phagozyten oder das Komplementsystem betreffen.

  • Patienten, die primäre Immunschwächestörungen haben, können nicht-immune Manifestationen zeigen, die leichter zu erkennen sind als die Immunschwächestörungen.

  • Die Immunität neigt dazu, mit dem Alter teilweise aufgrund altersbedingter Veränderungen abzunehmen; zudem treten Bedingungen, die die Immunität beeinträchtigen (z. B. bestimmte Erkrankungen, Einnahme bestimmter Medikamente) bei älteren Menschen häufiger auf.

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