Übersicht über Unterernährung

VonShilpa N Bhupathiraju, PhD, Harvard Medical School and Brigham and Women's Hospital;
Frank Hu, MD, MPH, PhD, Harvard T.H. Chan School of Public Health
Reviewed ByGlenn D. Braunstein, MD, Cedars-Sinai Medical Center
Überprüft/überarbeitet Geändert Dez. 2025
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Unterernährung ist eine Form der Mangelernährung. (Mangelernährung schließt auch Überernährung ein). Unterernährung kann durch unzureichende Nährstoffaufnahme, Malabsorption, Stoffwechselstörung, Verlust von Nährstoffen durch Diarrhö oder erhöhten Nährstoffbedarf (wie er bei Wachstumsschüben und erhöhten Ernährungsbedürfnissen oder bei Erkrankungen [z. B. Krebs, Infektion] auftritt) verursacht werden. Chronische Unterernährung liegt vor, wenn die Zufuhr von Kalorien und essenziellen Nährstoffen langfristig nicht ausreicht, um den Nährstoffbedarf einer Person zu decken. Unterernährung vollzieht sich in Phasen; sie kann sich langsam entwickeln, wenn sie durch Anorexie verursacht ist, oder sehr schnell, wie es manchmal geschieht, wenn sie durch eine rasch fortschreitende Krebs-Kachexie verursacht ist. Zunächst verändert sich der Nährstoff-Pool im Blut und im Körpergewebe, woraufhin intrazelluläre Veränderungen der biochemischen Abläufe und der Zellstrukturen folgen. Zuletzt werden die Symptome der Unterernährung sichtbar. Eine Diagnose stützt sich auf die Vorgeschichte, die körperliche Untersuchung, die Analyse der körperlichen Konstitution und manchmal auf Labortests (z. B. Albumin).

Unterernährung ist ein weltweites Problem (1). Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) berichtete, dass im Jahr 2022 fast 735 Millionen Menschen, also 9,2 % der Weltbevölkerung, unter Hunger litten, gemessen an der Prävalenz von Unterernährung. Das waren 122 Millionen Menschen mehr, als 2019 vor der COVID‑19‑Pandemie berichtet worden waren. Die Auswirkungen der Pandemie waren weltweit unterschiedlich, ebenso wie die anschließenden Wirtschaftswachstums- und Erholungsraten, was sich wiederum auf die Unterernährungsraten in verschiedenen Teilen der Welt auswirkte. Beispielsweise stieg die Prävalenz der Unterernährung in Afrika von 19,4 % im Jahr 2021 auf 19,7 % im Jahr 2022, was einem Anstieg um 11 Millionen Menschen entspricht. In Asien hingegen ging die Prävalenz der Unterernährung von 8,8% im Jahr 2021 auf 8,5% im Jahr 2022 zurück, was einem Rückgang von mehr als 12 Millionen Menschen entspricht.

Allgemeiner Hinweis

  1. 1. Food and Agriculture Organization of the United Nations. Food Security and Nutrition Around the World. Accessed September 15, 2025.

Risikofaktoren für Unterernährung

Unterernährung wird durch soziale, kulturelle und politische Faktoren verursacht. Armut ist nach wie vor die Hauptursache für Unterernährung in Ländern mit niedrigem, mittlerem und hohem Einkommen. Krieg, zivile Unruhen, Überbevölkerung, unsichere Wohnverhältnisse, Infektionskrankheiten, Pandemien und Verstädterung können zur Unterernährung beitragen.

Unterernährung ist zu bestimmten Zeiten von besonderem Interesse (d. h. Während der Kindheit, der frühen Kindheit, der Adoleszenz, Schwangerschaft, Stillzeit und im Alter), weil diese Bedingungen ein schnelles Wachstum und/oder einen erhöhten Bedarf an Nährstoffen beinhalten.

Säuglingsalter und Kindheit

Bei Säuglingen und Kindern entwickelt sich eine Unterernährung besonders rasch, da ihr Bedarf für Energie und essenzielle Nährstoffe sehr hoch ist. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren im Jahr 2022 schätzungsweise 149 Millionen Kinder unter 5 Jahren von Wachstumsverzögerung betroffen (zu klein für ihr Alter) und 45 Millionen von Auszehrung (zu dünn für ihre Größe [1]). Protein-Energie-Unterernährung (PEU – früher als Protein-Energie-Mangelernährung bezeichnet) ist eine wichtige Todesursache bei Neugeborenen und Kindern im Alter von 1 bis 4 Jahren (2). Unzureichend ernährte Säuglinge und Kinder weltweit sind zudem gefährdet für Mangelzustände an Eisen, Jod, Folat (Folsäure), Vitamin A und Zink (3).

Säuglinge, die ausschließlich mit Muttermilch ernährt werden, sollten eine Vitamin-D-Supplementierung erhalten, da Muttermilch in der Regel nicht genügend Vitamin D enthält (4); außerdem kann es zu einem Vitamin-B12-Mangel kommen, wenn die Mutter sich vegan ernährt (5).

Im Jugendalter erhöht sich der Nährstoffbedarf, da sich das Wachstum beschleunigt. Die Anorexia nervosa betrifft häufig insbesondere heranwachsende Mädchen.

Schwangerschaft und Stillzeit

Der Bedarf an Nährstoffen steigt während der Schwangerschaft (zur Unterstützung der metabolischen Anforderungen der Schwangerschaft und des fetalen Wachstums) und der Stillzeit. Essstörungen, einschließlich Pica-Syndrom, (Konsum von nicht nahrhaften Stoffen wie Ton und Kohle), können während der Schwangerschaft auftreten. Eisenmangelanämie ist die häufigste Ursache einer Anämie während der Schwangerschaft (6). Anämie durch Folsäuremangel ist auch häufig bei Frauen, die orale Kontrazeptiva eingenommen haben (7). Vitamin-D-Mangel ist während der späten Schwangerschaft verbreitet und prädisponiert das Kind für eine verminderte Knochenmasse (8). Bei schwangeren oder stillenden Frauen müssen die Ärzte möglicherweise Diätpläne oder Nahrungsergänzungsmittel empfehlen, insbesondere wenn der Ernährungszustand beeinträchtigt ist.

ltere Erwachsene

Ältere Erwachsene sind einem hohen Risiko der Unterernährung ausgesetzt, da ihr Nährstoffbedarf steigt, ihr Energiebedarf jedoch typischerweise sinkt. Diese Ungleichheit erfordert den Verzehr von nährstoffreichen Lebensmitteln.

Altern führt, auch wenn Krankheiten oder Ernährungsmängel nicht vorliegen, zu Sarkopenie (fortschreitendem Verlust fettarmer Körpermasse), die nach dem 40. Lebensjahr beginnt. Unterernährung trägt zu Sarkopenie bei (9).

Zu den Ursachen von Sarkopenie gehören die folgenden:

  • Verminderte körperliche Aktivität

  • Verminderte Nahrungsaufnahme

  • Erhöhte Konzentrationen von Zytokinen (insbesondere Interleukin-6)

  • Erniedrigte Spiegel von Wachstumshormon und Mechano growth factor (Insulin-like growth factor-3)

  • Fallende Androgenspiegel bei Männern

Der Grundumsatz (basale Stoffwechselrate) steigt bei Neugeborenen in der Regel bis etwa zum 1. Lebensjahr an, bevor er abfällt und sich dann im Erwachsenenalter (20. bis 60. Lebensjahr) stabilisiert (10). Nach dem 60. Lebensjahr sinkt der Grundumsatz (hauptsächlich aufgrund der reduzierten fettfreien Masse).

Mangelernährung bei älteren Erwachsenen wird häufig durch eine verminderte Nahrungsaufnahme verursacht, die auf eine Vielzahl von Faktoren zurückzuführen ist, darunter die folgenden (11, 12):

  • Reduzierte rezeptive Relaxation des Magenfundus

  • Erhöhte Freisetzung und Aktivität von Cholecystokinin (die eine Sättigung erzeugen)

  • Erhöhtes Leptin (ein Appetitzüglerhormon, das von Fettzellen produziert wird)

  • Eine geschwächte Geschmacks- und Geruchswahrnehmung, die den Genuss von Mahlzeiten schmälern kann, verringert die Nahrungszufuhr in der Regel jedoch nur wenig.

  • Depression (eine häufige Ursache) und andere affektive Störungen

  • Demenz

  • Medikamentennebenwirkungen

Gelegentlich beeinträchtigt Anorexia nervosa (bei älteren Patienten manchmal als Anorexia tardive bezeichnet) die Nahrungsaufnahme (11). Zahnprobleme schränken die Kaufähigkeit und in der Folge die Verdauung der verzehrten Mahlzeiten ein. Schluckbeschwerden (z. B. aufgrund von Apoplex, ösophagealer Candidiasis oder Xerostomie) sind häufig. Ernährungsunsicherheit aufgrund von Armut kann auch den Zugang zu Nährstoffen einschränken.

Bei älteren Patienten, die in Heimen leben, besteht ebenfalls ein Risiko für das Auftreten einer Protein-Energie-Unterernährung (13). Sie können verwirrt sein und können Gefühle des Hungers oder Vorlieben für bestimmte Lebensmittel nicht mitteilen. Teilweise sind sie nicht dazu fähig, selbstständig zu essen. Das Kauen und Schlucken dauert sehr lange, sodass eine Pflegeperson viel Geduld benötigt, um dem Betreuten ausreichend Nahrung einzugeben.

Krankheiten und medizinische Eingriffe

Diabetes kann die Magenentleerung verringern und die Resorption verringern (14).

Darmresektionen und bestimmte andere gastrointestinale chirurgische Verfahren (z. B. gastrointestinale Bypass-Operationen) können ebenfalls die Resorption fettlöslicher Vitamine, von Vitamin B12, Kalzium und Eisen beeinträchtigen (15).

Erkrankungen wie Zöliakie oder Pankreasinsuffizienz führen zur Malabsorption. Eine mangelhafte Absorption führt gegebenenfalls zu Eisenmangel und Osteoporose.

Einige chronische Erkrankungen (z. B. Krebs, fortgeschrittene HIV-Infektion) können Anorexie verursachen.

Infektionen, traumatische Verletzungen, Hyperthyreoidismus, starke Verbrennungen und andauernde fieberhafte Erkrankungen steigern den Nährstoffbedarf für Stoffwechselprozesse. Jeder Zytokinanstieg kann mit Muskelabbau, Lipolyse, niedrigen Albuminspiegeln und Appetitlosigkeit assoziiert sein.

Vegetarische und vegane Ernährung

Bei Menschen, die sich vegetarisch oder vegan ernähren, kann es zu einem Mangel an Vitamin B12, Vitamin B2, Niacin, Jod, Zink, Kalzium, Kalium und Selen kommen (16).

Diäten

Viele Modediäten führen zu Vitamin-, Mineral- und Proteinmängeln, wenn bestimmte Lebensmittel oder Lebensmittelgruppen nicht verzehrt werden (17).

Arzneimittel und Nahrungsergänzungen (Supplemente)

Viele Medikamente (z. B. Appetitzügler, Digoxin, Glukagon-ähnliche Peptid-1 [GLP-1] -Rezeptor-Agonisten) verringern den Appetit; andere beeinträchtigen die Nährstoffaufnahme oder den Stoffwechsel. Einige Medikamente und andere Substanzen (z. B. Stimulanzien) haben eine katabole Wirkung. Bestimmte Medikamente können die Aufnahme vieler Nährstoffe beeinträchtigen; z. B. können Antiepileptika die Aufnahme von Vitaminen beeinträchtigen.

Alkohol- oder Substanzabhängigkeit

Patienten mit Alkohol- oder Substanzabhängigkeit können ihre Ernährungsbedürfnisse vernachlässigen (18). Zudem können Resorption und Verstoffwechselung der Nährstoffe beeinträchtigt sein. Eine Alkoholkonsumstörung kann einen Mangel an Magnesium, Zink und bestimmten Vitaminen, einschließlich Thiamin, verursachen.

Literatur zu Risikofaktoren

  1. 1. World Health Organization (WHO). Infant and young child feeding, 2021. December 20, 2023. Accessed September 15, 2025.

  2. 2. Global Burden of Disease Child and Adolescent Health Collaboration, Kassebaum N, Kyu HH, et al. Child and Adolescent Health From 1990 to 2015: Findings From the Global Burden of Diseases, Injuries, and Risk Factors 2015 Study. JAMA Pediatr. 2017;171(6):573-592. doi:10.1001/jamapediatrics.2017.0250

  3. 3. Bailey RL, West Jr KP, Black RE. The epidemiology of global micronutrient deficiencies. Ann Nutr Metab. 2015;66(Suppl 2):22-23.

  4. 4. Tan ML, Abrams SA, Osborn DA. Vitamin D supplementation for term breastfed infants to prevent vitamin D deficiency and improve bone health. Cochrane Database Syst Rev. 2020;12(12):CD013046. Published 2020 Dec 11. doi:10.1002/14651858.CD013046.pub2

  5. 5. Wirthensohn M, Wehrli S, Ljungblad UW, Huemer M. Biochemical, Nutritional, and Clinical Parameters of Vitamin B12 Deficiency in Infants: A Systematic Review and Analysis of 292 Cases Published between 1962 and 2022. Nutrients. 2023;15(23):4960. Published 2023 Nov 29. doi:10.3390/nu15234960

  6. 6. James AH. Iron Deficiency Anemia in Pregnancy. Obstet Gynecol. 2021;138(4):663-674. doi:10.1097/AOG.0000000000004559

  7. 7. Shere M, Bapat P, Nickel C, et al. Association Between Use of Oral Contraceptives and Folate Status: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Obstetric Gynaecol Canada. 2015;37(5):430-438. https://doi.org/10.1002/jbmr.2138

  8. 8. Zhu K, Whitehouse A, Hart P, et al. Maternal vitamin D status during pregnancy and bone mass offspring at 20 years of age: A prospective cohort study. J Bone Mineral Res. 2014;29(5):1088-1095. https://doi.org/10.1002/jbmr.2138

  9. 9. Beaudart C, Sanchez-Rodriguez D, Locquet M, et al. Malnutrition as a Strong Predictor of the Onset of Sarcopenia. Nutrients. 2019, 11(12), 2883; https://doi.org/10.3390/nu11122883

  10. 10. Pontzer H, Yamada Y, Sagayama H, et al. Daily energy expenditure through the human life course. Science. 2021;373(6556):808-812. DOI: 10.1126/science.abe5017 

  11. 11. Cruz-Jentoft AJ, Volkert D. Malnutrition in Older Adults. N Engl J Med. 2025;392(22):2244-2255. doi:10.1056/NEJMra2412275

  12. 12. Morley JE. Decreased food intake with aging. J Gerontol: Series A. 2001;56:81-88. https://doi.org/10.1093/gerona/56.suppl_2.81

  13. 13. Volkert D, Beck AM, Cederholm T, et al. ESPEN guideline on clinical nutrition and hydration in geriatrics. Clin Nutr. 2019;38(1):10-47. doi:10.1016/j.clnu.2018.05.024

  14. 14. Goyal RK. Gastric Emptying Abnormalities in Diabetes Mellitus. N Engl J Med. 2021;384(18):1742-1751. doi:10.1056/NEJMra2020927

  15. 15. Utrilla Fornals A, Costas-Batlle C, Medlin S, et al. Metabolic and Nutritional Issues after Lower Digestive Tract Surgery: The Important Role of the Dietitian in a Multidisciplinary Setting. Nutrients. 2024;16(2):246. Published 2024 Jan 12. doi:10.3390/nu16020246

  16. 16. Yannakoulia M, Scarmeas N. Diets. N Engl J Med. 2024;390(22):2098-2106. doi:10.1056/NEJMra2211889

  17. 17. Anderson K. Popular fad diets: An evidence-based perspective. Prog Cardiovasc Dis. 2023;77:78-85. doi:10.1016/j.pcad.2023.02.001

  18. 18. Jeynes KD, Gibson EL. The importance of nutrition in aiding recovery from substance use disorders: A review. Drug Alcohol Depend. 2017;179:229-239. doi:10.1016/j.drugalcdep.2017.07.006

Symptome und Anzeichen von Unterernährung

Die Symptome einer Unterernährung unterscheiden sich je nach Ursache und Typ des Krankheitsbilds (z. B. Protein-Energie-Unterversorgung, Vitaminmangel).

Bewertung der Unterernährung

Die Diagnose von Unterernährung stützt sich auf die Krankheits- und Ernährungsgeschichte, die körperliche Untersuchung, die Analyse der körperlichen Konstitution und spezifische Labortests. Es wurden explizite Konsenskriterien vorgeschlagen, die jedoch noch nicht allgemein anerkannt sind (1).

Historie

Die Anamnese sollte Fragen beinhalten über

  • Nahrungsaufnahme: siehe Mini Nutritional Assessment (MNA), ein Ernährungs-Screening- und Bewertungsinstrument, mit dem Patienten im Alter von ≥ 65 Jahren identifiziert werden können, die unterernährt sind oder bei denen das Risiko einer Unterernährung besteht (2)

  • Chronische Krankheit: Siehe die Global Diet Quality Score (GDQS), eine schnelle Methode zur Beurteilung des Risikos für Unterernährung und chronische Erkrankungen bei nicht schwangeren, nicht stillenden Frauen im gebärfähigen Alter (3)

  • Letzte Gewichtsänderungen

  • Risiken wie Medikamenten- und Alkoholkonsum befragt werden, die für eine Unterernährung eine Rolle spielen.

Die unbeabsichtigte Abnahme von 10% des gewohnten Körpergewichts innerhalb von 3 Monaten deutet mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine Unterernährung hin (1, 4). Die Sozialanamnese sollte Fragen zur Ernährungssicherheit und der Fähigkeit des Patienten zum Einkaufen und Kochen beinhalten.

Die Untersuchung der Körpersysteme sollte sich auf Symptome eines Nährstoffmangels konzentrieren (siehe Tabelle ). So kann beispielsweise eine beeinträchtigte Nachtsicht auf einen Vitamin-A-Mangel hinweisen.

Tabelle
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Körperliche Untersuchung

Die körperliche Untersuchung sollte einschließen

  • Die Messung von Körpergröße und Gewicht

  • Die Untersuchung der Verteilung des Körperfetts

  • Anthropometrische Messungen der fettfreien Körpermasse

Der Body Mass Index (BMI = Gewicht [kg]/Körpergröße [m]2) gibt das Verhältnis von Körpergewicht und Größe wieder. Wenn der BMI < 18,5 liegt, sollte eine Unterernährung vermutet werden (5). Obwohl diese Ergebnisse für die Diagnose einer Unterernährung nützlich und hinreichend sensitiv sind, sind sie nicht spezifisch genug.

Klinischer Rechner

Die Muskelmasse der Oberarmmitte gibt Auskunft über die fettfreie Körpermasse. Der Wert wird von der Tricepshautfalte (TSF = triceps skin fold) und dem Umfang des mittleren Oberarms abgeleitet. Beide Werte werden an derselben Stelle gemessen, der Patient hält seinen rechten Arm dabei in entspannter Position. Der durchschnittliche Umfang des mittleren Oberarms liegt bei etwa 34,1 cm für Männer und bei 31,9 cm für Frauen (6). (Formel zur Berechnung der Muskelmasse der Oberarmmitte in cm2s. u.)

equation

Diese Formel gibt Normwerte für den Bereich des Oberarms für Fett und Knochen an. Die Durchschnittswerte für die Muskelmasse des mittleren Oberarms liegen für Männer bei 54 ± 11 cm2, für Frauen bei 30 ± 7 cm2. Ein Ergebnis von < 75% dieser (altersabhängigen) Standardwerte deutet auf eine Auszehrung der fettarmen Körpermasse hin (siehe Tabelle ). Die Messergebnisse werden von körperlicher Aktivität, genetischen Faktoren und altersbedingtem Muskelverlust beeinflusst.

Tabelle
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Die körperliche Untersuchung sollte sich auf Anzeichen bestimmter Nährstoffmängel konzentrieren. Dabei sind Zeichen für eine Protein-Energie-Unterernährung (z. B. Ödeme, massiver Muskelabbau oder Hautveränderungen) zu beobachten. Auch sollten bei der Untersuchung Beschwerden wie Zahnprobleme Beachtung finden, die ggf. zu Nährstoffmängeln führen. Zudem ist der psychische Zustand zu beurteilen, da Depressionen und kognitive Schwächen zu Gewichtsverlusten führen.

Die folgenden Bewertungstools können nützlich sein:

  • Das Malnutrition Screening Tool (MST) ist ein Screening-Instrument mit zwei Fragen zur Identifikation von Mangelernährung bei hospitalisierten älteren Patienten. Ein Score von 2 oder höher weist auf ein Risiko für Mangelernährung hin, während ein Score von 0 bis 1 kein Risiko anzeigt (7).

  • Das Malnutrition Universal Screening Tool (MUST) wurde von der British Association for Parenteral and Enteral Nutrition entwickelt. Es stuft Patienten anhand ihres BMI, einer Vorgeschichte von unbeabsichtigtem Gewichtsverlust und der Wahrscheinlichkeit eines künftigen Gewichtsverlusts aufgrund einer akuten Erkrankung in die Risikogruppen „geringes“, „mittleres“ oder „hohes“ Mangelernährungsrisiko ein (4).

  • Das verbreitete Subjective Global Assessment (SGA) bezieht Informationen aus der Patientengeschichte (z. B. Gewichtsverlust, Veränderung der Nahrungsaufnahme, gastrointestinale Symptome), den Ergebnissen der körperlichen Untersuchung (z. B. Verlust von Muskelmasse und subkutanem Fettgewebe, Ödeme, Aszites) sowie der klinischen Einschätzung des Ernährungszustandes durch die behandelnde Fachperson.

  • Das Mini Nutritional Assessment (MNA®) wurde offiziell anerkannt und wird vor allem für ältere Patienten verwendet. Der MNA besteht aus 18 bewerteten Fragen, die in vier Abschnitte unterteilt sind: anthropometrische Messungen, umfassende Bewertung, Ernährungsanamnese und metabolische Belastung. Die mögliche Gesamtpunktzahl beträgt 30; Werte ≥ 24 weisen auf einen normalen Ernährungszustand hin, Werte zwischen 17 und 23,5 auf ein Risiko für Unterernährung und Werte < 17 Punkte auf Unterernährung (8–10). Die MNA Short Form (MNA-SF) umfasst nur 6 Elemente und ist somit schneller und einfacher zu verwenden. Ein Score von ≤ 11 Punkten (von insgesamt 14) deutet auf das Risiko von Unterernährung hin und zusätzliche Bewertungen sollten durchgeführt werden, um die Diagnose einer Unterernährung zu bestätigen (11).

  • Der Simplified Nutrition Assessment Questionnaire (SNAQ), eine einfache und validierte Methode zur Vorhersage zukünftigen Gewichtsverlusts bei in der Gemeinschaft lebenden älteren Erwachsenen, kann verwendet werden (12).

Der vereinfachte Ernährungsbeurteilungsfragebogen (SNAQ)

Testung

In welchem Umfang Labortests notwendig sind, ist bisher nicht geklärt und abhängig von den Umständen, unter denen die Unterernährung eines Patienten eingetreten ist. Lässt sich die Ursache eindeutig feststellen und beseitigen, wenn z. B. ein Patient einen Aufenthalt in der Wildnis überlebt hat, bieten Tests wenig Vorteile. In anderen Fällen ist eine detailliertere Auswertung notwendig.

Die Serum-Albumin-Bestimmung ist ein häufig durchgeführter Labortest, obwohl sich nicht gezeigt hat, dass er ein zuverlässiger Indikator für den Ernährungszustand ist (13). Ein gesunkener Albuminspiegel oder niedrige Werte anderer Proteine wie Präalbumin (Transthyretin), Transferrin, Retinol-bindendes Protein weisen auf einen Proteinmangel oder eine Protein-Energie-Unterernährung hin. Verschlimmert sich der Zustand der Unterernährung, verkleinert sich der Albuminwert langsam; der Präalbumin -, Transferrin - und der Retinol-bindende Proteinspiegel sinken rasch. Die Bestimmung des Albuminwerts ist kostengünstig und lässt zuverlässigere Schlüsse auf den Krankheitsverlauf und die Sterblichkeit zu, als die Werte der restlichen Proteine. Jedoch hängt der Einfluss von Albumin auf den Krankheitsverlauf und die Sterblichkeit sowohl von nicht-ernährungsbedingten als auch von ernährungsbedingten Faktoren ab. Entzündungen stellen Zytokine her, die Ursache dafür, dass Albumin und weitere Marker für Nahrungsproteine in das benachbarte Körpergewebe austreten und die Serumspiegel fallen. Da die Werte für Präalbumin, Transferrin und Retinol-bindendes Protein in Hungerzuständen schneller sinken als für Albumin, wird ihre Bestimmung teilweise genutzt, um die Ausprägung eines akuten Hungerzustands zu diagnostizieren oder zu beurteilen. Jedoch ist nicht erwiesen, ob diese Proteine sensibler oder spezifischer als Albumin reagieren.

Kreatinin im Urin steht im Zusammenhang mit der Muskelmasse. Die Kreatininausscheidung im Urin über einen Zeitraum von 24 Stunden kann zur Berechnung des Kreatinin-Höhenindexes (CHI [%]) verwendet werden, der die fettfreie Muskelmasse widerspiegelt. Der CHI wird berechnet als (24-Stunden-Kreatinin im Urin x 100)/ideale Kreatininausscheidung für die Körpergröße (aus Standardtabellen). Der CHI zeigt das Ausmaß des Muskelabbaus wie folgt an: > 30 % ist schwer, 15–30 % ist mäßig und 5–15 % ist leicht (14).

Selektive Labortests wie die Bestimmung der Vitamin- und Mineralstoffspiegel unterstützen die Diagnose einzelner Nährstoffmängel.

Literatur zur Evaluierung

  1. 1. Cederholm T, Jensen GL, Correia MITD, et al. GLIM (Global Leadership Initiative on Malnutrition) criteria for the diagnosis of malnutrition: a consensus report from the global clinical nutrition community. Clin Nutr. 38(1):1–9, 2019. doi: 10.1016/j.clnu.2018.08.002

  2. 2. Guigoz Y, Vellas B. Nutritional assessment in older adults: MNA® 25 years of a screening tool and a reference standard for care and research; What next? J Nutr Health Aging. 25(4):528–583, 2021. doi: 10.1007/s12603-021-1601-y

  3. 3. Bromage S, Batis C, Bhupathiraju SN, et al. Development and validation of a novel food-based Global Diet Quality Score (GDQS). J Nutr. 151(12 Suppl 2):75S–92S, 2021. doi: 10.1093/jn/nxab244

  4. 4. Stratton RJ, Hackston A, Longmore D, et al. Malnutrition in hospital outpatients and inpatients: prevalence, concurrent validity and ease of use of the 'malnutrition universal screening tool' ('MUST') for adults. Br J Nutr. 2004;92(5):799-808. doi:10.1079/bjn20041258

  5. 5. Jensen GL, Cederholm T, Correia ITD, et al. GLIM criteria for the diagnosis of malnutrition: A consensus report from the global clinical nutrition community. J Parenteral Enteral Nutr. 2018; Accessed September 16, 2025.

  6. 6. Fryar CD, Gu Q, Ogden CL, Flegal KM. Anthropometric reference data for children and adults: United States, 2011–2014. National Center for Health Statistics. Vital Health Stat. 3(39), 2016.

  7. 7. Thanh XLT, Thi PD, Thi HL, et al. Validity of NRS-2002, MUST, MST, and MNA-SF as first-step screening tools for malnutrition based on GLIM criteria in older adults. Clin Nutr Open Sci. 2025;63:99-112. doi.org/10.1016/j.nutos.2025.07.008

  8. 8. Laporte M, Keller HH, Payette H. et al. Validity and reliability of the new Canadian Nutrition Screening Tool in the ‘real-world’ hospital setting. Eur J Clin Nutr. 69(5):558–564, 2015. doi: 10.1038/ejcn.2014.270 Epub 2014 Dec 17.

  9. 9. Kaiser MJ, Bauer JM, Rämsch C, et al. Frequency of malnutrition in older adults: A multinational perspective using the mini nutritional assessment. J Am Geriatr Soc. 58(9):1734–1738, 2010. doi: 10.1111/j.1532-5415.2010.03016.x

  10. 10. Guigoz Y. The Mini Nutritional Assessment (MNA) review of the literature—What does it tell us? J Nutr Health Aging. 10(6):466–485; discussion 485–487, 2006.

  11. 11. Soysal P, Veronese N, Arik F, et al. Mini Nutritional Assessment Scale-Short Form can be useful for frailty screening in older adults. Clin Interv Aging. 14:693–699, 2019. doi: 10.2147/CIA.S196770 eCollection 2019.

  12. 12. Lau S, Pek K, Chew J, et al. The Simplified Nutritional Appetite Questionnaire (SNAQ) as a Screening Tool for Risk of Malnutrition: Optimal Cutoff, Factor Structure, and Validation in Healthy Community-Dwelling Older Adults. Nutrients. 2020;12(9):2885. Published 2020 Sep 21. doi:10.3390/nu12092885

  13. 13. Evans DC, Corkins MR, Malone A, et al. The Use of Visceral Proteins as Nutrition Markers: An ASPEN Position Paper. Nutr Clin Pract. 2021;36(1):22-28. doi:10.1002/ncp.10588

  14. 14. Hamada Y. Objective data assessment (ODA) methods as nutritional assessment tools. J Med Invest. 62(3–4):119–122, 2015. doi: 10.2152/jmi.62.119

Weitere Informationen

Die folgenden englischsprachigen Quellen können nützlich sein. Bitte beachten Sie, dass das MSD-Manual nicht für den Inhalt dieser Quelle verantwortlich ist.

  1. The State of Food Security and Nutrition in the World 2023

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