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Akute Nierenverletzung

(Acute Kidney Failure; Acute Renal Failure)

Von

Anna Malkina

, MD, University of California, San Francisco

Letzte vollständige Überprüfung/Überarbeitung Mrz 2020| Inhalt zuletzt geändert Mrz 2020
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Kurzinformationen
Quellen zum Thema

Bei der akuten Nierenschädigung verschlechtert sich die Fähigkeit der Nieren, das Blut von Stoffwechselabbauprodukten zu reinigen, zunehmend schneller (im Verlauf von Tagen bis Wochen).

  • Ursachen können eine verminderte Blutversorgung der Nieren sein, was die Nieren direkt schädigt oder die Ableitung des Urins von den Nieren blockiert.

  • Zu den Symptomen können Schwellungen, Übelkeit, Ermüdung, Juckreiz und Atemprobleme zählen sowie alle übrigen Symptome jener Krankheit, welche die akute Nierenschädigung verursacht hat.

  • Es können ernsthafte Komplikationen wie Herzinsuffizienz und eine erhöhte Kaliumkonzentration im Blut auftreten.

  • Die Diagnose erfolgt mittels Blut- und Urintests sowie in der Regel mittels bildgebender Diagnostikverfahren.

  • Die Behandlung umfasst zunächst die Behandlung der Ursache, die der akuten Nierenschädigung zugrunde liegt und in einigen Fällen die Dialyse.

Auslöser für eine akute Nierenschädigung kann alles sein, was die Blutversorgung der Nieren verringert, Erkrankungen oder toxische Substanzen (auch als Toxine bezeichnet), welche die Nieren selbst betreffen oder den Abfluss des Urins innerhalb der Harnwege blockieren.

In vielen Fällen lässt sich jedoch keine Ursache für eine akute Nierenschädigung finden.

Wenn beide Nieren normal funktionieren, verursacht die Schädigung einer Niere (z. B. Blockierung durch einen Nierenstein) in der Regel keine größeren Probleme, da die zweite gesunde Niere diesen Verlust kompensieren kann. Die Laborwerte zur Bestimmung der Nierenfunktion liegen in diesem Fall für gewöhnlich um den Normalbereich. So ist die akute Nierenschädigung für Ärzte oft schwer zu entdecken. Nur bei Schädigung oder eingeschränkter Funktionsfähigkeit beider Nieren verursacht ein Nierenversagen ernsthafte Probleme.

Tabelle
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Häufigste Gründe für eine akute Nierenschädigung

Ursache

Zugrunde liegende Ursache

Unzureichende Blutversorgung der Nieren

Blutverlust

Verlust großer Natrium- und Flüssigkeitsmengen

Physische Verletzung, die die Blutgefäße blockiert

Eingeschränkte Pumpfunktion des Herzens (Herzinsuffizienz)

Leberinsuffizienz (hepatorenales Syndrom)

Medikamente, die die Blutversorgung der Nieren vermindern

Verletzung der Nieren

Eine verminderte Blutversorgung der Nieren, die so lange anhält, dass die Nieren geschädigt werden

Toxische Substanzen (z. B. Medikamente, für bildgebende Verfahren verwendete jodhaltige Kontrastmittel und Gifte)

Rhabdomyolyse (toxische Wirkung auf die Nieren, die durch einen übermäßigen Muskelabbau verursacht wird)

Allergische Reaktionen (z. B. gegen bestimmte Antibiotika)

Krankheiten, die die Filterstationen (Nephronen) der Nieren schädigen (z. B. akute Glomerulonephritis, tubulo-interstitielle Nephritis, nierenschädigende Tumoren oder Verletzung der Blutgefäße, wie beim hämolytisch-urämischen Syndrom, systemischem Lupus erythematodes [Lupus], bei der atheroembolischen Nierenerkrankung, dem Goodpasture-Syndrom, der Granulomatose mit Polyangiitis oder mikroskopischen Polyangiitis)

Schwerwiegende Infektionen, die den gesamten Körper betreffen (Sepsis)

Blockierter Harnfluss

Blockierung (Verstopfung) der Harnblase (z. B. bei vergrößerter Prostata, Verengung der Harnröhre oder bei Blasenkrebs)

Tumor, der auf die Harnwege drückt

Verstopfungen innerhalb der Nieren (z. B. durch Kristalle oder Steine wie Oxalat oder Harnsäure)

Symptome

Die Symptome sind abhängig von folgenden Faktoren:

  • Schwere der Abnahme der Nierenfunktion

  • Geschwindigkeit der Abnahme der Nierenfunktion

  • Ursache der Abnahme der Nierenfunktion

Zu den frühen Symptomen zählen:

  • Wasserretention, die zu Gewichtszunahme, Schwellung von Händen, Füßen und Knöcheln führt und zu aufgedunsenem Gesicht

  • Verringerte Urinmenge

Die Harnmenge (die bei den meisten gesunden Erwachsenen zwischen 750 Milliliter und 2 Liter pro Tag liegt) sinkt oft auf weniger als einen halben Liter pro Tag oder geht ganz auf Null zurück. Eine sehr geringe Urinproduktion wird als Oligurie, das völlige Erliegen der Urinproduktion als Anurie bezeichnet. Einige Menschen mit einer akuten Nierenschädigung produzieren jedoch weiterhin eine normale Harnmenge.

Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die akute Nierenschädigung anhält und sich Stoffwechselendprodukte im Körper ansammeln, können folgende Symptome auftreten

  • Erschöpfung

  • Verminderte Konzentrationsfähigkeit

  • Appetitlosigkeit

  • Übelkeit

  • Allgemeiner Juckreiz (Pruritus)

Menschen mit akuter Nierenschädigung entwickeln möglicherweise schwerere Symptome wie Brustschmerzen, Muskelzuckungen oder sogar Krämpfe. Wenn sich Flüssigkeit in der Lunge ansammelt, leiden die Betroffenen möglicherweise unter Kurzatmigkeit.

Ein colafarbener Urin kann auf eine Vielzahl von Nierenerkrankungen hindeuten, welche die Glomeruli, die Filtereinheiten der Nieren, schädigen. Die braune Farbe entsteht durch das Blut in den Filtereinheiten und kann das erste Anzeichen einer Glomerulonephritis (einer Entzündung dieser Filtereinheiten) sein. Beispiele sind eine postinfektiöse Glomerulonephritis, antiglomeruläre Basalmembran-Antikörper und Lupusnephritis.

Wenn eine Blockierung (Verstopfung) der akuten Nierenschädigung zugrunde liegt, führt die Harnstauung in den Nieren dazu, dass sich das Nierenhohlsystem ausdehnt (Hydronephrose—{blank} Hydronephrose (Stauungsniere): Eine erweiterte Niere). Eine Harnwegsobstruktion verursacht häufig einen dumpfen Schmerz unterhalb der unteren Rippen, kann aber auch krampfartige Schmerzen auslösen, die leicht oder sehr stark sein können und in der Regel seitlich (an den Flanken) auftreten. Einige Menschen mit Hydronephrose (Nierenstauung) haben Blut im Urin. Wenn die Blockade unterhalb der Harnblase sitzt, vergrößert sich die Blase. Wenn sich die Harnblase rasch vergrößert, treten wahrscheinlich direkt oberhalb des Schambeins im Becken starke Schmerzen auf. Vergrößert sie sich langsam, sind die Schmerzen vielleicht nur sehr gering, doch der untere Bauchbereich kann aufgrund der vergrößerten Blase aufgebläht sein.

Wenn sich die akute Nierenschädigung während eines Krankenhausaufenthalts entwickelt, besteht meist ein Zusammenhang mit einer kürzlich erlittenen Verletzung, einem chirurgischen Eingriff, Medikamenten oder einer Erkrankung, wie einer Infektion. Die Symptome der der akuten Nierenschädigung zugrunde liegenden Erkrankung sind dann unter Umständen vorherrschend. Symptome wie hohes Fieber, ein lebensbedrohlich niedriger Blutdruck (Schock) sowie Herz- oder Leberinsuffizienz können sich noch vor den Symptomen der Niereninsuffizienz entwickeln und deutlich ausgeprägter und von größerer Dringlichkeit sein.

Manche Erkrankungen, die akute Nierenschädigung auslösen, beeinträchtigen auch andere Körperteile. Die Granulomatose mit Polyangiitis beispielsweise, welche die Blutgefäße in den Nieren schädigt, kann auch Blutgefäße in der Lunge in Mitleidenschaft ziehen, wodurch die Betroffenen dann Blut husten. Hautausschläge sind typisch für manche Ursachen von akuter Nierenschädigung, zu denen mikroskopische Polyangiitis, systemischer Lupus erythematodes (Lupus) und einige toxische Medikamente gehören.

Diagnose

  • Blut- und Urintests

  • Bildgebende Verfahren

Wussten Sie ...

  • Eine Erkrankung muss beide Nieren betreffen, um zu einer Niereninsuffizienz zu führen.

Die Ärzte beurteilen, ob eine akute Nierenschädigung vorliegt und vor allem deren Ursache.

Körperliche Untersuchung

Die körperliche Untersuchung kann dem Arzt helfen, die Ursache für die akute Nierenschädigung zu finden. Vergrößerte oder schmerzempfindliche Nieren können beispielsweise auf eine Obstruktion der Harnwege hinweisen, die zu einer Hydronephrose führt.

Bluttests

Blutuntersuchungen, mit denen die Konzentration von Kreatinin und Harnstoff-Stickstoff bestimmt werden, helfen, die Diagnose zu belegen. Wenn der Kreatininwert zunehmend ansteigt, weist das auf ein akutes Nierenversagen hin.

Der Kreatininwert ist außerdem der beste Indikator, um den Schweregrad der Abnahme der Nierenfunktion zu bestimmen. Je höher der Wert, desto schwerwiegender ist aller Wahrscheinlichkeit nach die Beeinträchtigung der Nierenfunktion.

Über weitere Bluttests können Stoffwechselentgleisungen wie eine Zunahme der Säure im Blut (Azidose, d. h. eine niedrige Bikarbonatkonzentration), eine hohe Kaliumkonzentration (Hyperkaliämie), eine verringerte Natriumkonzentration (Hyponatriämie) und eine erhöhte Phosphorkonzentration (Hyperphosphatämie) festgestellt werden, die bei schwerwiegender Beeinträchtigung der Nierenfunktion auftreten.

Urintests

Urintests wie eine Urinanalyse und Messungen der Konzentration bestimmter Elektrolyte (Natrium, Kalium, Kalzium, Phosphat) geben dem Arzt die Möglichkeit zu bestimmen, ob eine unzureichende Blutversorgung der Nieren, eine Schädigung der Nieren oder eine Harnstauung der Nierenschädigung als Ursache zugrunde liegt.

Bildgebende Verfahren

Bildgebende Verfahren der Nieren wie Ultraschall oder Computertomographie (CT) können manchmal hilfreich dabei sein, eine Hydronephrose oder eine vergrößerte Blase zu erkennen. Mittels bildgebender Diagnostikverfahren lässt sich auch die Größe der Nieren feststellen.

Eine Röntgenuntersuchung der Arterien und Venen, welche die Nieren versorgen (Angiographie), kann erfolgen, wenn man eine Verstopfung der Blutgefäße als Ursache vermutet. Eine Angiographie wird jedoch nur durchgeführt, wenn andere Untersuchungen keine ausreichenden Informationen liefern, da für dieses Verfahren ein intravenös verabreichtes jodhaltiges Kontrastmittel eingesetzt wird, das wiederum ein zusätzliches Risiko einer Nierenschädigung darstellt.

Eine Magnetresonanzangiographie (MRA) kann ähnliche Informationen liefern wie eine Angiographie. Für die MRA werden üblicherweise gadoliniumhaltige Kontrastmittel verwendet. In seltenen Fällen kann diese Substanz bei Personen mit stark beeinträchtigter Nierenfunktion die Bildung von Narbengewebe im Körper auslösen (nephrogene fibrosierende Dermopathie). Daher wird der Einsatz einer MRA nun stärker eingeschränkt und mit großer Vorsicht durchgeführt. Decken weitere Untersuchungen die Ursache der Nierenschädigung nicht auf, ist möglicherweise eine Biopsie erforderlich, um die Diagnose und Prognose zu bestimmen.

Prognose

Akute Nierenversagen und ihre unmittelbaren Komplikationen, wie Wasserretention, hoher Säure- und Kaliumspiegel sowie erhöhte Harnstoff-Stickstoff-Werte im Blut, können oft erfolgreich behandelt werden. Ist die Blutversorgung der Nieren eingeschränkt, weil durch Blutung, Erbrechen oder Durchfall Körperflüssigkeit verloren gegangen ist (zugrunde liegende Ursachen, die behandelt werden können), ist die Prognose in der Regel gut. Bei Patienten, bei denen gleichzeitig andere Organe (wie Herz, Lunge oder Leber) versagen, ist sie dagegen schlechter. Wie lange der Patient eine Dialyse benötigt (z. B. von Tagen bis zu lebenslang), hängt vom allgemeinen Gesundheitszustand und der Gesundheit der Nieren ab, bevor sich eine akute Nierenschädigung entwickelt.

Behandlung

  • Behandlung aller behandelbaren Ursachen

  • Einschränkung oder Anpassung der Dosen von Arzneimitteln, die über die Nieren ausgeschieden werden

  • Manchmal Dialyse

In einigen Fällen können ernsthafte, teilweise lebensbedrohliche Komplikationen der Niere auftreten. Die Patienten müssen eventuell auf einer Intensivstation behandelt werden.

Jede behandelbare Ursache für ein akutes Nierenversagen wird so schnell wie möglich behandelt. Wenn beispielsweise eine Harnstauung die Ursache ist, ist möglicherweise der Einsatz eines Katheters (ein Schlauch, der in die Blase eingeführt wird), eine Endoskopie oder ein chirurgischer Eingriff erforderlich.

Häufig haben die Nieren die Fähigkeit der Selbstheilung, insbesondere wenn das Nierenversagen nur wenige Tage andauerte und keine weiteren Komplikationen wie eine Infektion auftraten. Es werden während dieser Zeit Messungen durchgeführt, um zu verhindern, dass die beeinträchtigte Nierenfunktion ernsthafte Probleme verursacht. Derartige Maßnahmen umfassen Folgendes:

  • Einschränkung der Anwendung bestimmter Arzneimittel, die sich negativ auf die Nieren auswirken

  • Verminderte Flüssigkeitsaufnahme sowie natrium-, phosphor- und kaliumarme Ernährung

  • Einhaltung einer guten Ernährung

  • Einsatz von Medikamenten, wenn die Kalium- oder Phosphatwerte zu hoch sind

  • Einsatz von Dialyse

Ernährungsmaßnahmen

Die Aufnahme von Kochsalz (Natrium) und Kalium wird gewöhnlich eingeschränkt. Die Flüssigkeitsaufnahme wird darauf beschränkt, die aus dem Körper ausgeschiedene Flüssigkeit zu ersetzen, es sei denn, Flüssigkeit wird benötigt, da zu wenig Blut zu den Nieren fließt. Das Körpergewicht wird täglich überprüft, da Gewichtsveränderungen ein guter Indikator dafür sind, ob sich zu viel oder zu wenig Wasser im Körper befindet.

Betroffenen, deren Gesundheitszustand es ihnen erlaubt zu essen, wird eine gesunde Ernährung empfohlen. Eine mäßige Eiweißaufnahme ist tolerierbar, typischerweise 0,8 bis 1 g pro Kilogramm Körpergewicht am Tag. Der Phosphatgehalt lässt sich begrenzen, indem man den Anteil an stark phosphathaltigen Nahrungsmitteln in der Nahrung einschränkt; dazu gehören Milchprodukte, Leber, Gemüse, Nüsse und die meisten Softdrinks.

Medikamente

Kaliumsenkende Medikamente werden manchmal über den Mund (oral) eingenommen oder über das Rektum (rektal) verabreicht, um einen hohen Kaliumspiegel im Blut zu behandeln. Phosphatsenkende Medikamente (auch als „Phosphatbinder“ bezeichnet) können mit den Mahlzeiten eingenommen werden, um einen hohen Phosphatspiegel im Blut zu verhindern oder zu behandeln.

Dialyse

Wenn ein akutes Nierenversagen länger andauert, ist es erforderlich den Körper von Stoffwechselabbauprodukten und überschüssigem Wasser zu befreien. Dies erfolgt mittels Dialyse, in der Regel Hämodialyse. Wenn der Verlust der Nierenfunktion voraussichtlich länger andauert oder die Ernährungs- und Arzneimitteltherapie wahrscheinlich nicht wirksam sind, wird eine Dialyse eingeleitet. Diese hilft, die Komplikationen einer akuten Nierenschädigung zu kontrollieren. Eine Dialyse ist vielleicht nur zeitweise nötig, bis die Nieren ihre Arbeit wieder aufnehmen, was gewöhnlich nach mehreren Tagen bis Wochen der Fall ist, bisweilen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus. Wenn sich die Nieren nicht erholen, wird die Dialyse (Hämodialyse oder Peritonealdialyse) unbegrenzt fortgesetzt oder eine Nierentransplantation wird angestrebt.

Behandlung einer durch eine Obstruktion verursachten akuten Nierenschädigung

Die Flüssigkeitsaufnahme ist bei Patienten, die sich von einer durch eine Blockierung der Harnwege verursachten akuten Nierenversagen erholen, nicht einzuschränken. In der Rekonvaleszenzzeit können die Nieren Wasser und Natrium nicht normal rückresorbieren, und es wird für einen gewissen Zeitraum, nachdem die Blockierung beseitigt wurde, mehr Urin als gewöhnlich produziert. Aus diesem Grund müssen bei solchen Patienten unter Umständen Flüssigkeit und auch Elektrolyte, wie Natrium, Kalium und Magnesium, ersetzt werden.

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