Patienten mit urologischen Problemen können Symptome aufweisen, die sowohl die Nieren betreffen als auch andere Teile des Urogenitaltrakts. (Siehe auch Beurteilung des Patienten mit Nierenproblemen.)
Anamnese beim Patienten mit urologischen Problemen
Ein von den Nieren oder den Ureteren ausgehender Schmerz wird gewöhnlich in die Flanke oder den unteren Rücken projiziert und kann in die gleichseitige Leiste, Oberschenkel, Hoden oder Schamlippe ausstrahlen. Sind die Schmerzen durch eine Infektion bedingt, sind sie eher gleich bleibend. Durch Calculi verursachte Schmerzen sind kolikartig und können niederschmetternd sein. Ein unterhalb der Blase ausgelöster Harnverhalt verursacht quälende suprapubische Schmerzen. Eine chronische Restharnbildung verursacht weniger Schmerzen und kann asymptomatisch verlaufen. Dysurie ist ein Symptom von Blasen- und Harnröhrenirritationen. Von der Prostata ausgehende Schmerzen manifestieren sich in diffusem Missempfinden oder Druckgefühl in der perinealen, rektalen oder suprapubischen Gegend.
Bei Männern schließen die Symptome einer Blasenobstruktion einen verzögerten Miktionsbeginn, eine erschwerte Harnentleerung, Abschwächung des Harnstrahls und Nachträufeln ein. Inkontinenz kann verschiedene Formen haben. Ein Einnässen nach dem 3.–4. Lebensjahr kann bei Mädchen Symptom einer Harnröhrenstenose oder bei Jungen von hinteren Harnröhrenklappen sein. Die Enuresis kann als Zeichen von psychischem Druck bzw. neu bei Infektionen auftreten.
Pneumaturie (mit dem Urin wird Luft ausgeschieden) lässt auf eine vesikovaginale, vesikoenterale oder ureteroenterale Fistel schließen. Die beiden Letzteren können durch Divertikulitis, Morbus Crohn, einen Abszess oder ein Kolonkarzinom verursacht sein. Eine Pneumaturie könnte auch auf eine emphysematöse Pyelonephritis zurückzuführen sein.
Körperliche Untersuchung des Patienten mit urologischen Problemen
Die körperliche Untersuchung konzentriert sich auf den kostovertebralen Winkel, Abdomen, Rektum, Leisten und Genitalien. Bei Frauen mit urogenitalen Beschwerden wird in der Regel eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt.
Kostovertebraler Winkel
Schmerzen, die durch einen stumpfen Faustschlag auf den Rücken, die Flanken oder den Winkels zwischen 12. Rippe und Wirbelsäule (kostovertebraler Druck -/Klopfschmerz) ausgelöst werden, sprechen für Pyelonephritis, Stein oder Harntraktobstruktion.
Abdomen
Ein visuelles Völlegefühl im Oberbauch ist ein äußerst seltener und unspezifischer Befund einer Nieren- oder abdominalen Raumforderung. Klopfschalldämpfung im unteren Abdomen spricht für eine Harnblasendistension. Normalerweise kann selbst eine volle Blase nicht über der Symphysis pubis abgeklopft werden. Das Abtasten der Blase kann eine Blasendistension oder einen Harnverhalt bestätigen.
Rektum
Bei der digitalen rektalen Untersuchung kann eine Prostatitis als sumpfige, weiche Prostata getastet werden. Fokale Knoten und harte Bereiche müssen von einem Prostatakarzinom unterschieden werden. Die Prostata kann symmetrisch vergrößert, gummiartig und nicht schmerzhaft sein, mit benigner Prostatahyperplasie.
Leisten und Genitalien
Die inguinale und genitale Untersuchung sollte beim Patienten im Stehen erfolgen. Eine Inuginalhernie oder Adenopathie können die Erklärung für Schmerzen im Skrotum- oder Genitalbereich sein. Eine massive Asymmetrie, Schwellung, Rötung oder Verfärbung der Hoden kann ein Hinweis auf eine Infektion, Torsions, auf einen Tumor oder andere Raumforderungen sein. Eine horizontal Lage der Hoden ("bell-clapper deformity") zeigt ein erhöhtes Risiko für eine Hodentorsion. Liegt ein Hoden höher (normalerweise liegt der linke niedriger), kann dies ein Zeichen einer Hodentorsion sein. Der Penis wird mit und ohne Zurückziehen der Vorhaut untersucht. Durch eine Untersuchung des Penis kann Folgendes erkannt werden:
Hypospadie oder Epispadie bei Jungen
Peyronie-Krankheit bei Männern
Priapismus, Ulzera und Ausfluss bei beiden Gruppen.
Durch eine Palpation kann eine Inuginalhernie erkannt werden. Der Kremasterreflex kann bei einer Hodentorsion fehlen. Die Lokalisation der Raumforderungen in Bezug zu den Hoden und der Grad und die Lokalisation der Empfindlichkeit können helfen, zwischen den testikulären Raumforderungen (z. B. Spermatozelen, Epididymitis, Hydrozelen, Tumore) zu unterscheiden. Wenn eine Schwellung vorhanden ist, kann der Bereich sonographisch dargestellt werden, um festzustellen, ob die Schwellung zystisch oder fest ist. Fibröse Plaques, die am Penisschaft ertastet werden, sind Anzeichen einer Induratio penis plastica (Morbus Peyronie).
Testung des Patienten mit urologischen Problemen
Die Urinanalyse mit Mikroskopie ist für die Beurteilung urologischer Störungen von höchster Wichtigkeit. Bei Patienten mit Verdacht auf eine Infektion müssen eine Urinkultur und Tests auf sexuell übertragbare Infektionen durchgeführt werden. Patienten mit Hämaturie müssen vollständig urologisch untersucht werden, auch auf Malignität und Nierensteine. Patienten mit Symptomen des unteren Harntrakts (LUTS), wie z. B. häufiges Wasserlassen oder Dysurie, und einer Verschlechterung der Nierenfunktion müssen auf eine Obstruktion der Harnwege untersucht werden, wobei eine Untersuchung der Blase nach dem Wasserlassen und bildgebende Untersuchungen (z. B. Ultraschall, Computertomographie [CT], Magnetresonanztomographie [MRT]) je nach Indikation erforderlich sind. Bei einigen Patienten sind urodynamische Untersuchungen, intravenöse Pyelographie oder Zystourethrographie erforderlich, um Anomalien des Sammelsystems und der Blase, die zu einem Harnverhalt führen, weiter zu untersuchen. Für Spermatests siehe Spermastörungen.
Die Urinzytologie hat eine geringe Sensitivität, und molekulare Marker haben eine geringere Spezifität und sollten die Zystoskopie bei der Beurteilung der Hämaturie zur Diagnose von Blasenkrebs nicht ersetzen. Sie kann bei ausgewählten Patienten als Ergänzung zur Zystoskopie eingesetzt werden, da die Sensitivität bei hochgradigen Tumoren (84%) steigt und im Bereich von 28–100% liegt (1). Ein routinemäßiges Screening auf Blasenkrebs wird nicht empfohlen, kann aber bei Hochrisikopatienten von Vorteil sein (2). Die Untersuchung auf Blasentumorantigene hat eine bessere Sensitivität als die Zytologie bei der Überwachung von niedriggradigen Blasentumoren (3, 4).
Das prostataspezifische Antigen (PSA) ist ein Glykoprotein, das von den prostatischen Epithelzellen produziert wird. Der Spiegel kann bei Prostatakrebs, aber auch bei anderen allgemeinen nichtkarzinomatösen Veränderungen erhöht sein (z. B. gutartige Prostatahyperplasie, Infektion, Trauma). Die PSA-Bestimmung dient dem Nachweis von Rezidiven nach Therapie; der weit verbreitete Einsatz zum Krebs-Screening wird an anderer Stelle diskutiert.
Literatur zu Tests
1. Babjuk M, Burger M, Capoun O, et al. European Association of Urology Guidelines on Non-muscle-invasive Bladder Cancer (Ta, T1, and Carcinoma in Situ). Eur Urol 2022;81(1):75-94. doi:10.1016/j.eururo.2021.08.010
2. Lobo N, Afferi L, Moschini M, et al. Epidemiology, Screening, and Prevention of Bladder Cancer. Eur Urol Oncol 2022;5(6):628-639. doi:10.1016/j.euo.2022.10.003
3. Lotan Y, Roehrborn CG. Sensitivity and specificity of commonly available bladder tumor markers versus cytology: results of a comprehensive literature review and meta-analyses. Urology 2003;61(1):109-118. doi:10.1016/s0090-4295(02)02136-2
4. Yafi FA, Brimo F, Steinberg J, Aprikian AG, Tanguay S, Kassouf W. Prospective analysis of sensitivity and specificity of urinary cytology and other urinary biomarkers for bladder cancer. Urol Oncol 2015;33(2):66.e25-66.e6.6E31. doi:10.1016/j.urolonc.2014.06.008



