Obwohl manchmal angenommen wird, dass Kindheit und Jugend unbeschwerte Lebensphasen sind, leiden in den Vereinigten Staaten bis zu 20 % der Kinder und etwa jeder vierte bis fünfte Jugendliche an einer diagnostizierbaren psychiatrischen Störung, die mit Leidensdruck und funktioneller Beeinträchtigung einhergeht (1, 2). Mit zunehmendem Alter steigt die Prävalenz psychiatrischer Erkrankungen. Darüber hinaus erfüllen 27,9 % der US-amerikanischen Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren die Kriterien für zwei oder mehr Störungen (3). Studien, die Kinder von der Geburt bis zum Erwachsenenalter begleiten, zeigen, dass die meisten psychischen Störungen im Erwachsenenalter in der frühen Kindheit und Jugend beginnen (4). Gene, die mit psychiatrischen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden, weisen Berichten zufolge eine hohe Expression während der gesamten Lebensspanne auf, beginnend beim Fötus im 2. Trimenon und mit Auswirkungen auf neuroentwicklungsbezogene Prozesse, was das frühe Alter des Auftretens erklären könnte (5). Die meisten dieser Störungen können als Übertreibung oder Verzerrung von typischen Verhaltensweisen und Emotionen gesehen werden.
Wie Erwachsene auch sind Kinder und Jugendliche im Temperament unterschiedlich. Manche sind schüchtern und zurückhaltend, andere gehen überschwänglich auf Menschen zu. Einige sind methodisch und vorsichtig, andere sind impulsiv und leichtsinnig. Ob ein Kind sich wie ein typisches Kind verhält oder ob es eine psychiatrische Störung hat, hängt von der Beeinträchtigung und dem Ausmaß der Belastung durch die Symptome ab. Zum Beispiel kann ein 12-jähriges Mädchen bei der Aussicht, ein Buchreferat vor der Klasse halten zu müssen, Angst haben. Diese Angst wird nicht als soziale Angststörung betrachtet, außer wenn die Furcht stark genug ist, um signifikanten Stress und Vermeidungsverhalten auszulösen
Zwischen den Symptomen vieler Störungen und den herausfordernden Verhaltensweisen sowie Emotionen von Kindern ohne psychiatrische Erkrankung besteht eine erhebliche Überschneidung. Deshalb können viele Behandlungsstrategien, die bei der Behandlung von Verhaltensstörungen bei Kindern nützlich sind, auch bei Kindern mit psychiatrischen Erkrankungen angewendet werden. Ein geeigneter Umgang mit kindlichen Verhaltensproblemen kann das Risiko verringern, dass temperamentell anfällige Kinder eine klinische Störung entwickeln. Die wirksame Behandlung einiger Störungen (z. B. Angst) während der Kindheit kann auch das Risiko für Stimmungsstörungen im späteren Verlauf des Lebens verringern.
Die häufigsten psychiatrische Erkrankungen in Kindheit und Jugend können in die folgenden Kategorien eingeteilt werden:
Disruptive Verhaltensstörungen (z. B. Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung [ADHS], Verhaltensstörung und "oppositionelle Trotzstörung").
Neurologische Entwicklungsstörungen
Schizophrenie und verwandte psychotische Störungen sind viel seltener. Eine pädiatrische Katatonie ist häufiger als eine Schizophrenie im Kindesalter. Sie kann sich als psychiatrische Störung darstellen, tritt aber häufig bei medizinischen Erkrankungen auf (z. B. Infektionen, Stoffwechselstörungen) und wird häufig von Pädiatern nicht erkannt (6).
Kinder und Jugendliche haben jedoch oft Symptome und Probleme, die die diagnostischen Grenzen überschreiten. So haben beispielsweise 15 bis 35 % der Kinder mit ADHS zusätzlich eine Angststörung, und 12 bis 50 % erfüllen die Kriterien für eine affektive Störung (z. B. Depression) (7).
Neurologische Entwicklungsstörungen beeinträchtigen sowohl die psychische Gesundheit als auch die allgemeine Entwicklung von Kindern. Einige dieser Erkrankungen umfassen
Allgemeine Literatur
1. Merikangas KR, He JP, Burstein M, et al. Lifetime prevalence of mental disorders in US adolescents: Results from the National Comorbidity Study – Adolescent Supplement (NCS-A). J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 49(10):980-989, 2010.
2. Elia J, Pajer K, Prasad R, et al. Electronic health records identify timely trends in childhood mental health conditions. Child Adolesc Psychiatry Ment Health. 2023;17(1):107. Published 2023 Sep 14. doi:10.1186/s13034-023-00650-7
3. Kessler RC, Avenevoli S, McLaughlin KA, et al. Lifetime comorbidity of DSM-IV disorders in the National Comorbidity Survey – Replication Adolescent Supplement (NCS-A). Psychol Med. 42(9)1997-2010, 2012.
4. Solmi M, Radua J, Olivola M, et al. Age at onset of mental disorders worldwide: large-scale meta-analysis of 192 epidemiological studies. Mol Psychiatry. 2022;27(1):281-295. doi:10.1038/s41380-021-01161-7
5. Lee PH, Anttila V, Won H, et al. Genome-wide meta-analysis identifies genomic relationships, novel loci, and pleiotropic mechanisms across eight psychiatric disorders. Cell. 2019. doi.org/10.1101/528117
6. Dhossche DM, Wachtel LE. Catatonia is hidden in plain sight among different pediatric disorders: A review article. Pediatr Neurol. 43(5):307-315, 2010. doi: 10.1016/j.pediatrneurol.2010.07.001
7. Gnanavel S, Sharma P, Kaushal P, Hussain S. Attention deficit hyperactivity disorder and comorbidity: A review of literature. World J Clin Cases. 2019;7(17):2420-2426. doi:10.12998/wjcc.v7.i17.2420
Abklärung von psychiatrischen Erkrankungen
Die Einschätzung von psychiatrischen Symptomen unterscheidet sich bei Kindern und Jugendlichen in wichtigen Punkten von denjenigen bei Erwachsenen:
Der Entwicklungskontext (wie sich das Kind im Laufe der Zeit und im Vergleich zu Gleichaltrigen entwickelt hat) ist bei Kindern von entscheidender Bedeutung. Verhaltensweisen, die in jungen Jahren erwartet werden, können auf eine psychiatrische Störung hindeuten, wenn sie in einem höheren Alter auftreten.
Kinder leben im Kontext eines Familiensystems, und dieses System hat einen tiefgreifenden Einfluss auf ihre Symptome und ihr Verhalten; Kinder ohne eine psychiatrische Störung, die in einer Familie mit Gewalt oder Substanzkonsumstörungen leben, können oberflächlich betrachtet eine oder mehrere psychiatrische Störungen aufweisen.
Kinder leben auch im Kontext von Umweltstressoren (z. B. COVID-19-Pandemie, militärischer Konflikt). Die daraus resultierende Unterbrechung wichtiger Routinen und die Isolation von der Großfamilie, Gleichaltrigen, Lehrern sowie kulturellen und religiösen Gruppen haben erhebliche Auswirkungen, insbesondere auf die am meisten gefährdeten Gruppen (1).
Kinder haben oft nicht die sprachlichen oder gedanklichen Möglichkeiten, ihre Symptome genau zu beschreiben, Daher muss sich der Kliniker in hohem Maße auf die direkte Beobachtung stützen, die durch Beobachtungen anderer Personen wie Eltern, Lehrer oder anderer Betreuungspersonen bestätigt wird.
In vielen Fällen sind Entwicklungs- und Verhaltensprobleme (z. B. mangelhafte schulische Fortschritte, Verzögerungen im Spracherwerb, Defizite in der sozialen Kompetenz) schwer von den Problemen aufgrund einer psychiatrischen Störung zu unterscheiden. In diesen Fällen sollten formale Entwicklungs- und neurologische Tests Teil der Untersuchung sein.
Aufgrund dieser Faktoren ist die Beurteilung von Kindern mit einer psychiatrischen Störung in der Regel komplexer als die von Erwachsenen und kann einen multidisziplinären Ansatz erfordern, einschließlich Entwicklungspädiatrie, Psychologie, Psychiatrie und Genetik. Die Koordination der Betreuung mit dem Hausarzt (z. B. Kinderarzt oder Allgemeinarzt) ist unerlässlich.
Evaluationshinweis
1. Walter HJ, Bukstein OG, Abright AR, et al. Clinical practice guideline for the assessment and treatment of children and adolescents with anxiety disorders. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 59(10):1107-1124, 2020. doi: https://doi.org/10.1016/j.jaac.2020.05.005



