honeypot link

Msd Manual

Please confirm that you are not located inside the Russian Federation

Überblick über Verhaltensstörungen bei Kindern

Von

Stephen Brian Sulkes

, MD, Golisano Children’s Hospital at Strong, University of Rochester School of Medicine and Dentistry

Letzte vollständige Überprüfung/Überarbeitung Mrz 2020| Inhalt zuletzt geändert Mrz 2020
Hier klicken, um zur Ausgabe für medizinische Fachkreise zu gelangen

Kinder erlernen im Laufe ihrer Entwicklung viele Fähigkeiten. Manche Fähigkeiten, wie die Kontrolle über Harn- und Stuhlabgabe, hängen in erster Linie vom Reifegrad des kindlichen Nervensystems und Gehirns ab. Andere Fähigkeiten, wie das angemessene Verhalten zu Hause und in der Schule, sind das Ergebnis eines komplizierten Wechselspiels zwischen der körperlichen und intellektuellen (kognitiven) Entwicklung des Kindes, seiner gesundheitlichen Verfassung, seines Temperaments und der Beziehung zu den Eltern, Lehrern und anderen Bezugspersonen (siehe auch Kindesentwicklung). Andere Verhaltensweisen, wie Daumenlutschen, entstehen, wenn Kinder nach Wegen suchen, mit Stress umzugehen. Andere Verhaltensweisen wiederum entwickeln sich als Reaktion auf den Erziehungsstil.

Verhaltensstörungen können so belastend sein, dass sie die normalen Beziehungen zwischen dem Kind und anderen Personen in Gefahr bringen oder die emotionale, soziale und intellektuelle Entwicklung beeinflussen. Einige Verhaltensstörungen sind

Die meisten dieser Probleme entstehen aus Angewohnheiten, die für einen bestimmten Entwicklungsabschnitt normal sind.

Manche Verhaltensstörungen, wie Bettnässen ({blank} Inkontinenz bei Kindern), können schwach ausgeprägt sein und sich schnell und spontan als Teil der normalen Entwicklung lösen lassen. Andere Verhaltensstörungen, wie etwa solche von Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), können eine dauerhafte Behandlung erforderlich machen.

Stressbezogenes Verhalten bei Kindern

Jedes Kind geht mit Stress anders um. Typische Reaktionen auf Stress sind Daumenlutschen, Nägelkauen und manchmal auch Kopfschlagen.

Daumenlutschen

Daumenlutschen (oder das Saugen an einem Schnuller) ist in der frühen Kindheit normal, und die meisten Kinder hören im Alter von 1 bis 2 Jahren damit auf. Andere hingegen lutschen bis ins Schulalter am Daumen. Gelegentliches Daumenlutschen ist in Stressphasen normal, doch das regelmäßige Lutschen über das fünfte Lebensjahr hinaus kann die Form des Gaumens verändern, zu Zahnfehlstellungen oder Hänseleien von anderen Kindern führen. In manchen Fällen kann fortwährendes Daumenlutschen Anzeichen für eine tiefer liegende emotionale Störung sein.

Früher oder später hören alle Kinder auf, am Daumen zu lutschen. Eltern sollten nur dann eingreifen, wenn der Zahnarzt des Kindes dazu geraten hat oder wenn sie merken, dass dieses Verhalten ihres Kindes sozial unverträglich ist. Die Eltern sollten das Kind sanft dahin bringen, zu verstehen, warum es gut wäre, mit dem Daumenlutschen aufzuhören. Sobald das Kind seine Entwöhnungsbereitschaft signalisiert hat, sollte es am Anfang immer wieder sanft daran erinnert werden. Darauf kann eine symbolische Belohnung folgen: ein bunter Verband um den Daumen, Nagellack oder ein mit einem ungiftigen Marker aufgemalter farbiger Stern auf dem Daumennagel. Wenn nötig, kann auch unterstützend mit anderen Mitteln gearbeitet werden, darunter fallen ein Plastikschutz für den Daumen, das Anlegen von Ellbogenschienen während der Nacht, damit das Kind den Arm nicht abwinkeln kann, sowie Bittermittel, die auf den Daumennagel aufgetragen werden und dem Kind den Geschmack vergällen. Keines dieser Mittel sollte jedoch gegen den Willen des Kindes angewandt werden.

Nägelkauen

Nägelkauen kommt bei kleinen Kindern ebenfalls häufig vor. Diese Angewohnheit verschwindet im Allgemeinen zwar später, tritt jedoch im Zusammenhang mit Stress und Angst manchmal noch im Schulalter auf. Kinder, die gerne mit dem Nägelkauen aufhören möchten, können lernen, stattdessen etwas anderes zu tun (etwa einen Bleistift zu drehen). Ein Belohnungssystem, bei dem das Kind mehr von seiner Belohnung behalten darf, wenn es nicht an den Nägeln kaut, kann das wünschenswerte Verhalten bestärken. Man kann dem Kind zum Beispiel am Morgen 10 Cent geben und am Abend verlangen, für jeden im Lauf des Tages abgekauten Nagel wieder einen Cent zurückzuzahlen.

Kopfschlagen und rhythmisches Schaukeln

Kopfschlagen und Rhythmisches Schaukeln kommen bei gesunden Kleinkindern häufig vor. Obwohl die Eltern oft beunruhigt sind, geht es den Kindern offenbar gut, und sie scheinen sich durch diese Verhaltensweisen sogar besonders wohlzufühlen.

Im Alter zwischen 18 Monaten und 2 Jahren hören die Kinder in der Regel mit dem Schaukeln oder Kopfschlagen auf, manchmal können derartige repetitive Handlungen aber auch bei älteren Kindern und Jugendlichen noch auftreten.

Bei Kindern mit Autismus und gewissen anderen Entwicklungsstörungen wird ebenfalls Kopfschlagen beobachtet. Diese Kinder zeigen jedoch auch noch andere Symptome, die die Diagnose ersichtlich werden lassen.

Auch wenn sich die Kinder bei diesem Verhalten fast nie selbst verletzen, wird empfohlen, das Bett vorsichtshalber von der Wand wegzuziehen, etwaige Räder abzumontieren oder einen Schutzteppich unterzulegen und das Bett mit einer Stoßschutzpolsterung auszukleiden, um das Verletzungsrisiko (und den Lärm) zu minimieren.

Verhaltensstörungen und Erziehungsstil

Lob und Belohnungen können eingesetzt werden, um wünschenswertes Verhalten zu festigen. Wenn Eltern sehr gestresst sind, widmen sie ihren Kindern möglicherweise nur für unerwünschtes Verhalten Aufmerksamkeit. Wenn dies die einzige Aufmerksamkeit ist, die die Kinder erhalten, kann dies negative Folgen haben. Da die meisten Kinder lieber Aufmerksamkeit für unerwünschtes Verhalten bekommen als gar keine Aufmerksamkeit, sollten sich die Eltern jeden Tag die Zeit nehmen, sich auf angenehme Weise mit ihren Kindern zu beschäftigen, um einem unerwünschten Verhalten bei den Kindern vorzubeugen.

Viele verhältnismäßig geringfügige Verhaltensprobleme können ihre Ursache im Erziehungsstil haben.

Eltern-Kind-Interaktionsstörungen sind Störungen der Beziehung zwischen Eltern und Kind, die bereits in den ersten Lebensmonaten des Kindes beginnen können. Die Beziehung kann aus folgenden Gründen belastet sein

  • Eine schwierige Schwangerschaft oder Entbindung

  • Wochenbettdepression der Mutter

  • Unzureichende Unterstützung der Mutter durch den Vater, Partner, Verwandte oder Freunde

  • Desinteressierte Eltern

Zusätzliche Belastung für den Aufbau einer starken Beziehung entsteht durch den unvorhersehbaren Fütter- und Schlafrhythmus des Kindes. Die meisten Babys schlafen in den ersten 3 bis 4 Lebensmonaten nachts nicht durch. Die Beziehungsstörung kann sich negativ auf die geistige und soziale Entwicklung des Kindes auswirken und eine Gedeihstörung verursachen.

Ärzte oder Pfleger können mit den Eltern besprechen, wie sie mit dem charakteristischen Temperament ihres Kindes umgehen können, und Informationen zur Entwicklung von Kindern und nützliche Hinweise zum Bewältigen der damit verbundenen Herausforderungen bereitstellen. Dies hilft den Eltern, realistischere Erwartungen zu haben, zu erkennen, dass Schuldgefühle und Konflikte in der Kindererziehung normal sind, und wieder eine gesunde Beziehung aufzubauen. Wird an der Beziehung nicht gearbeitet, kann das Kind auch später noch Probleme haben.

Unrealistische Erwartungen tragen dazu bei, dass vermehrt Verhaltensstörungen wahrgenommen werden. So können etwa Eltern, die von einem zweijährigen Kind erwarten, selbstständig Spielsachen aufzuheben, fälschlicherweise glauben, dass eine Verhaltensstörung vorliegt. Auch kann es vorkommen, dass die Eltern andere alterstypische Verhaltensweisen eines zweijährigen Kindes fehlinterpretieren, etwa die Weigerung, eine Anweisung oder Regel eines Erwachsenen zu befolgen.

Unter einem Teufelskreis versteht man ein Verhaltensmuster, bei dem Eltern oder sonstige Betreuungspersonen des Kindes auf unerwünschtes Verhalten des Kindes negativ (verärgert) reagieren, was wiederum unerwünschtes Verhalten des Kindes und weitere negative Reaktionen der Eltern zur Folge hat. Ein Teufelskreis beginnt oft, wenn ein Kind aggressiv und bockig ist. Die Eltern oder Betreuungspersonen reagieren mit Tadel, Schreien oder Schlägen. Ein Teufelskreis kann auch entstehen, wenn Eltern auf ein ängstliches, anhängliches und sie manipulierendes Kind reagieren, indem sie es übermäßig behüten und zu nachgiebig sind.

Der Teufelskreis lässt sich unterbrechen, wenn die Eltern lernen, negatives Verhalten ihres Sprösslings, bei dem keine weiteren Personen in Mitleidenschaft gezogen werden, wie Trotzanfälle oder Essensverweigerung, zu ignorieren. Lenkt man die Aufmerksamkeit des Kindes auf eine interessante Aktivität, so entstehen Gelegenheiten, es für wünschenswerte Verhaltensweisen zu belohnen, was Kindern und Eltern das Gefühl eines Erfolgs gibt. Bei einem Verhalten, das nicht ignoriert werden kann, können Ablenkung oder eine Auszeit hilfreich sein.

Disziplinprobleme sind unangemessene Verhaltensweisen, die entstehen, wenn die Struktur, die einem Kind vorgegeben wird, nicht wirkt. Disziplin bedeutet mehr als nur Bestrafung. Es bedeutet, Kinder mit klaren, strukturierten, altersgerechten Erwartungen zu konfrontieren. Sowohl für Eltern als auch für Kinder ist es viel einfacher und befriedigender, wenn erwünschtes Verhalten bestärkt wird als wenn unangemessenes Verhalten bestraft wird.

Bei älteren Kindern und Jugendlichen können Probleme mit dem Verhalten auftreten, weil sie sich von den Regeln und der Aufsicht der Eltern freimachen möchten (siehe Störungen bei Jugendlichen). Eltern sollten lernen, solche Probleme von gelegentlichen Fehltritten unterscheiden können.

Behandlung

  • Frühes Eingreifen

  • Strategien für Eltern zur Änderung von Verhalten

Ziel der Behandlung ist es, unerwünschte Angewohnheiten zu ändern, indem man die Kinder dazu bringt, selbst ihr Verhalten ändern zu wollen. Dieses Ziel erfordert oft auch eine dauerhafte Verhaltensänderung bei den Eltern, die sich dann wiederum positiv auf das Verhalten des Kindes auswirkt.

Verhaltensstörungen sollten frühzeitig angegangen werden, da sich Verhaltensweisen im Laufe der Zeit schwerer ändern lassen. Manchmal ist es ausreichend, wenn den Eltern zugesichert wird, dass ein bestimmtes Verhalten normal ist oder wenn sie ein paar einfache Vorschläge erhalten. Zum Beispiel können die Eltern mindestens 15 bis 20 Minuten täglich gemeinsam mit dem Kind etwas Schönes machen oder das Kind auf erwünschte Verhaltensweisen aufmerksam machen. Eltern wird zudem empfohlen, regelmäßig Zeit ohne das Kind zu verbringen.

Weitere Strategien, das Verhalten zu ändern, sind:

  • Die Auslöser für das Verhalten des Kindes und Faktoren (z. B. mehr Aufmerksamkeit) zu identifizieren, die das Verhalten unabsichtlich verstärken

  • Dem Kind klarmachen, welche Verhaltensweisen erwünscht und welche unerwünscht sind

  • Klare Regeln und Grenzen einführen

  • Nachverfolgen, wie gut diese Regeln und Grenzen eingehalten werden

  • Entsprechende Belohnung für gutes Verhalten sowie die Konsequenzen bei nicht erwünschtem Verhalten

  • Beim Durchsetzen der Regeln den Ärger auf ein Minimum reduzieren und die positive Interaktion mit dem Kind steigern

Versuche, das kindliche Verhalten durch Tadel und körperliche Bestrafung wie Schläge zu steuern, mögen kurzfristig einen Effekt zeigen, wenn sie nur selten unternommen werden. Meist kann mit diesen Maßnahmen jedoch keine ausreichende Verhaltensänderung herbeigeführt werden. Zudem wird das Sicherheits- und Selbstwertgefühl des Kindes beeinträchtigt. Zudem können Schläge eines wütenden Elternteils leicht außer Kontrolle geraten. Auch kann das Kind körperliche Aggressionen als eine akzeptable Art, auf unerwünschte Situationen zu reagieren, verstehen. Eine Auszeit kann Abhilfe schaffen. Alle Bestrafungen werden jedoch unwirksam, wenn sie zu häufig oder nur halbherzig eingesetzt werden. Drohen die Eltern dem Kind, es zu verlassen oder wegzuschicken, kann das Kind psychische Schäden davontragen.

Wenn sich ein Verhaltensproblem innerhalb von 3 bis 4 Monaten nicht ändert, kann eine Beurteilung der geistigen Gesundheit empfohlen werden.

Auszeit

Diese Disziplinierungstechnik ist am wirksamsten, wenn das Kind begreift, dass es sich unangemessen oder inakzeptabel verhalten hat und Aufmerksamkeitsentzug als Bestrafung ansieht. In der Regel verstehen Kinder bis 2 Jahre nicht, dass Aufmerksamkeitsentzug eine Bestrafung für unerwünschtes Verhalten ist. Vorsicht ist geboten, wenn diese Technik in Gruppensettings wie etwa in Kindertagesstätten eingesetzt wird, da das Kind dadurch beschämt wird, was sich wiederum negativ auswirken kann.

Die Technik kann angewendet werden, wenn das Kind ein Fehlverhalten zeigt, bei dem es bereits weiß, dass eine Auszeit die Folge ist. Bevor die Auszeit-Technik angewandt wird, sollte zunächst ein kurzes Gespräch mit dem Kind geführt werden.

  • Dabei wird dem Kind erklärt, worin sein Fehlverhalten besteht, während das Kind zum Auszeit-Stuhl geschickt oder, wenn notwendig, gebracht wird.

  • Das Kind sollte pro Lebensjahr eine Minute lang in dem Stuhl sitzen bleiben (maximal 5 Minuten). Körperliche Einschränkungen sollten dabei vermieden werden.

  • Ein Kind, das vor Ablaufen der Zeit aufsteht, wird zurückgebracht, und die Auszeit beginnt von Neuem. Während der Auszeit wird nicht gesprochen und kein Blickkontakt hergestellt.

  • Wenn die Zeit abgelaufen ist, fragt die Bezugsperson das Kind in neutralem Tonfall, was der Grund für die Auszeit war. Ein Kind, das nicht den richtigen Grund nennen kann, wird kurz daran erinnert. Das Kind muss keine Reue für das unangemessene Verhalten zeigen, solange klar ist, dass es versteht, was der Grund für die Auszeit war.

Sobald wie möglich nach der Auszeit sollte die Bezugsperson versuchen, wünschenswertes Verhalten des Kindes auszumachen und es dafür zu loben. Dies kann einfacher sein, wenn das Kind aus der Situation, in der es zu dem unerwünschten Verhalten gekommen ist, herausgeführt wird und eine neue Aktivität begonnen wird.

Manchmal eskaliert das unerwünschte Verhalten auch während einer Auszeit. In diesen Fällen kann die Bezugsperson das Kind auf eine andere Aktivität lenken, bevor die Auszeit komplett vorbei ist. Diese Umlenkungen sollten nur erfolgen, wenn das Kind verstanden hat, warum die Auszeit verhängt wurde.

HINWEIS: Dies ist die Ausgabe für Patienten. ÄRZTE: Hier klicken, um zur Ausgabe für medizinische Fachkreise zu gelangen
Hier klicken, um zur Ausgabe für medizinische Fachkreise zu gelangen
Erfahren Sie

Auch von Interesse

SOZIALE MEDIEN

NACH OBEN