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Harnwegsinfekte (HWI) bei Kindern

Von

Geoffrey A. Weinberg

, MD, University of Rochester School of Medicine and Dentistry

Letzte vollständige Überprüfung/Überarbeitung Jan 2018| Inhalt zuletzt geändert Jan 2018
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Kurzinformationen
Quellen zum Thema

Unter einer Harnwegsinfektion (HWI) versteht man eine bakterielle Infektion der Harnblase (Zystitis) und/oder der Nieren (Nierenbeckenentzündung oder Pyelonephritis).

  • Harnwegsinfektionen werden durch Bakterien ausgelöst.

  • Bei Neugeborenen und Säuglingen kann als einziges Symptom Fieber auftreten, während ältere Kinder beim Wasserlassen Schmerzen oder ein Brennen spüren und Schmerzen in der Blasengegend sowie den Drang zu häufigem Wasserlassen haben.

  • Die Diagnose basiert auf einer Harnuntersuchung und -kultur.

  • Durch eine gute Hygiene lassen sich Harnwegsinfektionen verhindern.

  • Antibiotika werden zur Bekämpfung der Infektion verabreicht.

Harnwegsinfektionen (HWI) kommen bei Kindern häufig vor. Nahezu alle HWI werden durch Bakterien verursacht, die durch die Öffnung der Harnröhre (der Röhre, die den Urin aus dem Körper leitet) gelangen und zur Blase und manchmal auch zu den Nieren aufsteigen. In seltenen Fällen kann es bei schweren Infektionen dazu kommen, dass Bakterien von den Nieren in den Blutkreislauf gelangen und eine Infektion des Blutes (Sepsis) oder anderer Organe verursachen.

Während der Kindheit sind Harnwegsinfektionen bei Jungen wahrscheinlicher. Danach treten sie weitaus häufiger bei Mädchen auf. HWI treten häufiger bei Mädchen auf, da ihre Harnröhre kürzer ist und Bakterien so leichter über die Harnwege aufsteigen können. Jungen, die nicht beschnitten sind, und unter deren Vorhaut sich eher Bakterien ansiedeln, sowie kleine Kinder mit starker Verstopfung (da schwere Verstopfungen auch die normale Urinausscheidung behindern) haben ebenso ein erhöhtes Risiko für HWI.

Wussten Sie ...

  • Schwere Verstopfungen können bei Kindern zu Harnwegsinfektionen führen.

Harnweginfektionen bei älteren Schulkindern und Jugendlichen unterscheiden sich kaum von jenen bei Erwachsenen (siehe Übersicht über Harnwegsinfektionen). Jüngere Säuglinge und Kinder mit Harnwegsinfektionen weisen jedoch häufiger verschiedene strukturelle Anomalien der Harnwege auf, die sie anfälliger für solche Infektionen machen. Zu diesen Anomalien zählen der vesikoureterale Reflux (VUR). Dabei handelt es sich um eine Anomalie der Harnleiter (die Verbindung zwischen Nieren und Blase), die dazu führt, dass Urin von der Blase zurück in die Niere fließen kann, sowie eine Reihe von anderen Störungen, die eine Harnabflussbehinderung verursachen. Solche Störungen liegen bei der Hälfte aller Neugeborenen und Säuglinge mit HWI und bei 20 bis 30 Prozent aller Schulkinder mit HWI vor.

Die Harnwege

Die Harnwege

Bis zu 50 Prozent der Säuglinge und Kinder im Vorschulalter, die an einer HWI erkranken – insbesondere jene, die gleichzeitig auch Fieber haben – haben sowohl eine Blasen- als auch eine Niereninfektion. Wird der Niereninfekt von einem starken Harnrückfluss begleitet, entwickelt sich bei 5 bis 20 Prozent der Kinder eine Nierenvernarbung. Liegt kein oder nur geringfügiger Harnrückfluss vor, kommt es nur bei sehr wenigen Kindern zu einer solchen Vernarbung der Nieren. Eine Nierenvernarbung kann im Erwachsenenalter zu Bluthochdruck und einer eingeschränkten Nierenfunktion führen.

Symptome

Bei Neugeborenen mit HWI ist das einzige Symptom oft Fieber. Manchmal trinken sie auch schlecht und wachsen kaum, sind teilnahmslos (lethargisch), erbrechen oder haben Durchfall. Bei Neugeborenen kann es durch HWI zu einer überwältigend starken, den ganzen Körper betreffenden Infektion kommen (Sepsis).

Säuglinge und Kinder unter 2 Jahren mit HWI können Fieber, Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen oder übel riechenden Urin aufweisen.

Kinder ab 2 Jahren mit HWI haben normalerweise die gleichen Symptome einer Blasen- oder Niereninfektion wie Erwachsene.

Kinder mit Blaseninfektion (Zystitis) haben meist Schmerzen oder Brennen beim Wasserlassen, verspüren häufiger und dringender den Drang zum Wasserlassen und klagen über Schmerzen in der Blasengegend. Es können Schwierigkeiten beim Wasserlassen oder beim Halten des Urins (Harninkontinenz) auftreten. Der Urin kann übelriechend sein.

Kinder mit Niereninfektion (Pyelonephritis) haben typischerweise Schmerzen im Rücken oder an der Seite im Bereich der betroffenen Niere, hohes Fieber, Schüttelfrost und ein allgemeines Krankheitsgefühl.

Kinder mit Auffälligkeiten in den Harnwegen haben möglicherweise eine Raumforderung im Bauchraum, vergrößerte Nieren, eine abnorme Öffnung zur Harnröhre oder mögliche Deformitäten in der unteren Wirbelsäule. Kinder ohne kräftigen Urinstrahl haben eventuell eine Blockade in einer der Röhrchen, die den Urin von den Nieren in die Blase transportieren (Harnleiter), oder können ihre Blase aufgrund einer Nervenschädigung nicht kontrollieren.

Wussten Sie ...

  • Die Symptome und Ursachen einer Harnwegsinfektion bei Säuglingen und kleinen Kindern können sich stark von denen der Erwachsenen unterscheiden.

Diagnose

  • Urintests

  • Bildgebung der Harnwege

  • Mitunter Bluttests

Urintests

Die Diagnose einer HWI erfolgt durch Untersuchung des Urins (Urinanalyse) und Anlegen einer Urinkultur zur Züchtung eventuell vorhandener Bakterien.

Windelentwöhnte Kinder können mit Hilfe der Clean-Catch-Methode eine Urinprobe abgeben. Bei dieser Methode wird die Öffnung der Harnröhre mit einem kleinen, mit einem Antiseptikum getränkten Tupfer gereinigt. Anschließend uriniert das Kind eine kleine Menge in die Toilette und wäscht damit die Harnröhre aus. Das weitere Wasserlassen erfolgt dann in einen sterilen Becher.

Bei kleineren Kindern und Säuglingen wird der Harn durch einen dünnen und biegsamen sterilen Schlauch (Katheter), der durch die Harnröhre in die Blase eingeführt wird, gewonnen. Dieser Vorgang wird als Katheterisierung bezeichnet.

Bei manchen Neugeborenen und Säuglingen ist die Vorhaut zu eng, um sie über den Penis ziehen zu können. Dadurch wird die Öffnung der Harnröhre blockiert. Der Arzt muss den Urin dann mithilfe einer Nadel, die direkt oberhalb des Schambeins eingeführt wird, aus der Blase entnehmen.

Manchmal wird ein Urinentnahmebeutel zwischen die Geschlechtsorgane und den After geklebt, um den Urin für andere Tests zu sammeln. Diese Art, den Urin aufzufangen, ist zur Diagnose der HWI nicht sinnvoll, da der Urin mit Bakterien und anderen Stoffen der Haut verunreinigt wird.

Bei einer HWI sind die Zahl der weißen Blutkörperchen und der Bakterien im Urin erhöht. Um diese weißen Blutkörperchen und Bakterien nachzuweisen, wird der Urin im Labor mikroskopisch untersucht; und es werden verschiedene chemische Tests durchgeführt. Außerdem wird eine Urinkultur angelegt, um die Bakterienart zu bestimmen. Die Urinkultur ist die wichtigste Nachweismethode.

Bildgebende Verfahren

Viele anatomische Abweichungen der Harnwege werden während der routinemäßigen Ultraschalluntersuchungen im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge festgestellt. Manchmal bestehen jedoch Auffälligkeiten, die auf dem Ultraschall nicht zu sehen sind. Daher macht eine Harnwegsinfektion bei Mädchen unter 3 Jahren und bei Jungen jeden Alters für gewöhnlich weitere diagnostische Tests erforderlich, um abzuklären, ob eine Fehlbildung der Harnwege vorliegt. Bei älteren Mädchen mit wiederkehrenden HWI sind ebenfalls weitere Untersuchungen erforderlich.

Diese Tests umfassen:

  • Ultraschalluntersuchung der Nieren und Blase

  • Möglicherweise Miktionszystourethrographie (MZUG)

  • Manchmal Radionuklidzystographie (RNZ) oder Radionuklidaufnahme der Nieren

Eine Ultraschalluntersuchung wird durchgeführt, um Auffälligkeiten und Blockaden der Nieren und Blase festzustellen.

Eine Miktionszystourethrographie (Voiding Cystourethrography, VCUG) kann erfolgen, um Auffälligkeiten der Nieren, der Harnleiter und Blase näher zu bestimmen und um festzustellen, wenn der Urin teilweise in die Nieren zurückfließt (Reflux). Bei der Miktionszystourethrographie wird durch die Harnröhre ein Katheter in die Blase gelegt, durch den ein Kontrastmittel eingebracht wird. Anschließend wird eine Röntgenaufnahme vor und nach dem Wasserlassen gemacht. Eine Miktionszystourethrographie kann durchgeführt werden, wenn eine Ultraschalluntersuchung Auffälligkeiten ergab oder die Kinder wiederholt an HWIs leiden.

Die Radionuklidzystographie ähnelt der Miktionszystourethrographie, jedoch wird dabei ein radioaktiver Wirkstoff in die Blase eingebracht und mit einem Nuclear-Scanner Aufnahmen gemacht. Bei diesem Verfahren werden die Eierstöcke bzw. Hoden des Kindes einer geringeren Strahlenmenge ausgesetzt als bei der Miktionszystourethrographie (MZUG). Jedoch eignet sich die Radionuklidzystographie eher für die Überwachung des Abheilens eines Reflux als für dessen Diagnose, da die Umrisse nicht so klar erkennbar sind wie bei einer Miktionszystourethrographie.

Bei einer anderen Szintigraphie wird eine radioaktive Substanz (Dimercaptobernsteinsäure oder DMSA) in eine Vene gespritzt und gelangt so in die Nieren. Die Substanz wird von speziellen Kameras aufgenommen, die Bilder vom Inneren der Nieren machen. Um die Diagnose Nierenbeckenentzündung (Pyelonephritis) zu bestätigen und Vernarbungen der Niere erkennbar zu machen, kann die Aufnahme mit DMSA zum Einsatz kommen. Sie ist bei Kindern mit schweren HWI oder durch bestimmte Bakterien verursachten HWI am hilfreichsten.

Bluttests

Bluttests sowie Tests auf das Vorhandensein einer Entzündung (C-reaktives Protein und Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit) werden bei Kindern durchgeführt, deren Urintestergebnisse die Diagnose nicht bestätigen, oder um zusätzlich zur Blaseninfektion auch eine Niereninfektion zu diagnostizieren.

Blutkulturen werden bei Säuglingen mit HWI und Kindern ab 1 bis 2 Jahren mit einer schweren Erkrankung angelegt.

Prognose

Bei Kindern, die richtig behandelt werden, kommt es selten zu Niereninsuffizienz (dabei können die Nieren die Stoffwechselabfallprodukte nicht mehr richtig aus dem Blut filtern). Ausnahmen bestehen, wenn sie Fehlbildungen der Harnwege haben, die nicht repariert werden können. Man geht jedoch davon aus, dass wiederholte HWIs, insbesondere bei Kindern mit schwerem VUR, zu einer Vernarbung der Nieren führt. Dadurch kann es zu Bluthochdruck und einer chronischen Nierenerkrankung kommen.

Vorbeugung

Einem Harnweginfekt lässt sich nur schlecht vorbeugen, angemessene Hygiene kann jedoch Krankheiten vorbeugen. Kleine Mädchen müssen beizeiten lernen, sich nach dem Stuhlgang und Wasserlassen von vorn nach hinten und nicht umgekehrt abzuwischen, um das Risiko zu vermindern, dass Bakterien in die Harnröhrenöffnung gelangen. Außerdem sollte bei Jungen und Mädchen auf häufige Schaumbäder verzichtet werden, da diese den Bereich der Harnröhrenöffnung reizen und dadurch das Risiko für eine HWI erhöhen können. Eine Beschneidung von Jungen verringert das Risiko von HWI während der Kindheit. Die Infektionsrate bei beschnittenen Jungen beträgt nur 1/10 der nicht beschnitten. Es ist jedoch nicht geklärt, ob dieser Vorteil alleine eine ausreichende Begründung für eine Beschneidung darstellt. Regelmäßiges Wasserlassen und regelmäßiger Stuhlgang (insbesondere die Behandlung einer starken Verstopfung) tragen ebenfalls dazu bei, das HWI-Risiko zu senken.

Behandlung

  • Antibiotika

  • Manchmal Operation

Harnwegsinfektionen werden mit Antibiotika behandelt. Kinder, die sehr krank wirken, oder deren Testergebnisse auf eine HWI hindeuten, erhalten Antibiotika, auch wenn der Kulturbefund noch nicht vorliegt. In anderen Fällen wartet der Arzt auf das Vorliegen des Kulturbefunds, um die Diagnose HWI zu bestätigen. Sehr kranke Kinder und Neugeborene bekommen die Antibiotika in einen Muskel (intramuskulär) oder eine Vene (intravenös) gespritzt. Die übrigen Kinder nehmen die Antibiotika oral ein. Der Behandlungszyklus dauert normalerweise 7 bis 14 Tage. Muss das Kind noch auf strukturelle Fehlbildungen hin untersucht werden, kann das Antibiotikum niedrig dosiert so lange weitergegeben werden, bis die Untersuchungsbefunde vorliegen.

Bei manchen Kindern mit strukturellen Anomalien der Harnwege ist eine Operation erforderlich, um das Problem zu beheben. Andere Kinder müssen täglich Antibiotika einnehmen, um eine Infektion zu verhindern. Kinder mit starkem VUR benötigen normalerweise eine Operation und erhalten bis dahin Antibiotika. Kinder mit nicht als stark eingestuftem VUR werden engmaschig überwacht und eventuell mit Antibiotika behandelt.

Bestimmte Fälle von leichtem bis mittelschwerem VUR klingen ohne Behandlung ab.

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