Bipolare Störungen

(Manisch-depressive Erkrankung)

VonWilliam Coryell, MD, University of Iowa Carver College of Medicine
Überprüft vonMark Zimmerman, MD, South County Psychiatry
Überprüft/überarbeitet Geändert Jan. 2026
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Kurzinformationen

Bei der bipolaren Störung (früher als „manisch-depressive Erkrankung“ bezeichnet) wechseln sich Depression und Manie (oder eine weniger schwere Form der Manie, die „Hypomanie“) phasenweise ab. Die Manie ist durch übertriebene Euphorie und Zuversicht oder einen übermäßigen Tatendrang gekennzeichnet, der in keinem Verhältnis zur Situation steht und die Betroffenen dazu verführen kann, sich riskant zu verhalten.

  • Familiäre Veranlagung spielt bei bipolaren Störungen eine Rolle.

  • Phasen von Depressionen und Manie können getrennt oder gemeinsam auftreten.

  • Die Betroffenen haben 1 oder mehrere Phasen übermäßiger Traurigkeit und fehlenden Interesses am Leben, und 1 oder mehrere Phasen der Hochstimmung, übermäßiger Energie und oft Reizbarkeit, wobei es zwischendurch auch Phasen relativ normaler Stimmung gibt.

  • Ärzte treffen die Diagnose nach dem Symptommuster.

  • Medikamente, die die Stimmung stabilisieren, wie Lithium, und bestimmte Medikamente gegen Anfälle sowie manchmal eine Psychotherapie, können hilfreich sein.

Die Bezeichnung „bipolare Störung“ gründet sich auf den Stimmungswechsel zwischen 2 Extremen bzw. Polen von affektiven Störungen, der Depression und der Manie. Ungefähr 2 Prozent der US-Bevölkerung sind bis zu einem gewissen Grad davon betroffen. Weltweit sind Männer und Frauen gleichermaßen von bipolaren Störungen betroffen. Bipolare Störungen beginnen normalerweise in der Jugend, zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Bei Kindern kommen bipolare Störungen selten vor.

Die meisten bipolaren Störungen lassen sich einstufen als entweder:

  • Bipolar-I-Störung: Die Betroffenen hatten mindestens 1 ausgeprägte manische Episode (die einen normalen Alltag nahezu unmöglich macht oder mit Wahnvorstellungen einhergeht) und für gewöhnlich auch depressive Episoden.

  • Bipolar-II-Störung: Die Betroffenen hatten schwere depressive Episoden und mindestens 1 weniger schwere manische (hypomanische) Episode, jedoch keine ausgeprägten manischen Episoden.

Einige Betroffene haben jedoch Episoden, die denen einer bipolaren Störung gleichen, aber leichter sind und die spezifischen Kriterien für eine Bipolar-I- oder Bipolar-II-Störung nicht erfüllen. Solche Phasen können als eine unspezifische bipolare Störung oder Zyklothymia klassifiziert werden.

Bipolare und verwandte Störungen können auch durch eine andere Erkrankung oder durch Substanzgebrauch verursacht werden. (Siehe Tabelle für Beispiele.)

Wussten Sie ...

  • Bestimmte allgemeine körperliche Leiden, Medikamente und illegale Drogen können Symptome verursachen, die denen einer bipolaren Störung ähneln.

(Siehe auch Affektive Störungen – Übersicht.)

Ursachen für die bipolare Störung

Die exakte Ursache von bipolaren Störungen ist nicht bekannt. Eine familiäre Veranlagung spielt bei der Entstehung dieser Störung vermutlich in den meisten Fällen eine Rolle. Bei Menschen mit bipolarer Störung funktioniert möglicherweise auch die Regulierung bestimmter, vom Körper produzierter Substanzen, wie z. B. der Neurotransmitter Noradrenalin oder Serotonin, nicht richtig. (Neurotransmitter sind Substanzen, die für die Kommunikation der Nervenzellen gebraucht werden.)

Bipolare Störungen beginnen manchmal nach einem stressvollen Ereignis oder eine neue Phase wird durch solch ein Ereignis ausgelöst. Jedoch wurde keine Ursache-Wirkungs-Beziehung nachgewiesen.

Die manischen Symptome der bipolaren Störung können auch aus anderen Gründen auftreten, etwa bei bestimmten anderen Erkrankungen, wie z. B. bei einem hohen Schilddrüsenhormonspiegel (Hyperthyreose). Manische Episoden können auch durch Medikamente (z. B. Steroide, manchmal als Glukokortikoide oder Kortikosteroide bezeichnet) oder illegale Drogen (z. B. Kokain und Amphetamine) ausgelöst werden.

Tabelle
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Symptome der bipolaren Störung

Bei bipolaren Störungen wechseln sich symptomatische Phasen mit praktisch symptomfreien Phasen (Remissionen) ab. Die Phasen können von wenigen Wochen bis zu 6 Monaten andauern. Die Zyklen – d. h. die Zeit vom Beginn einer Phase bis zum Beginn der nächsten Phase – variieren in der Länge. Manche Menschen haben seltener Phasen, vielleicht nur einige wenige während ihres Lebens, wohingegen andere mindestens 4 Phasen pro Jahr erleben („Rapid Cycling“ genannt). Trotz dieser großen Abweichungen ist die Zyklusdauer bei den Einzelnen relativ konstant.

Die Phasen setzen sich zusammen aus Depression, Manie oder der weniger schweren Hypomanie. Nur sehr wenige Menschen wechseln bei jedem Zyklus zwischen Manie und Depression. Bei den meisten überwiegt eine von beiden in gewisser Weise.

Menschen mit bipolarer Störung können Selbstmord versuchen zu begehen oder ihn begehen. Im Laufe ihres Lebens haben sie eine mindestens 20 bis 60 Mal höhere Wahrscheinlichkeit, einen Suizid zu vollenden, als die Allgemeinbevölkerung, und bis zu 20 Prozent der Menschen mit bipolarer Störung nehmen sich selbst das Leben.

Diagnose der bipolaren Störung

  • Ärztliche Beurteilung auf der Basis standardisierter psychiatrischer Diagnosekriterien

  • Blut- und Urintests, um andere allgemeine Erkrankungen und den Konsum von illegalen Drogen auszuschließen

Die Diagnose einer bipolaren Störung basiert auf der jeweiligen Liste von Symptomen (Kriterien). Menschen mit Manie sind jedoch möglicherweise nicht in der Lage, ihre Symptome zu beschreiben, da sie glauben, mit ihnen sei alles in Ordnung. Deshalb müssen die Ärzte oft weitere Familienmitglieder befragen. Die Betroffenen und ihre Familienmitglieder können einen kurzen Fragebogen anwenden, der ihnen hilft, das Risiko einer bipolaren Störung zu beurteilen (siehe Fragebogen zur affektiven Störung).

Die Patienten werden auch gefragt, ob sie in irgendeiner Weise an Selbstmord denken.

Die Ärzte prüfen die eingenommenen Medikamente, um zu sehen, ob eines davon zu den Symptomen beitragen könnte. Es wird auch nach Anzeichen für andere allgemeine körperliche Leiden gesucht, die möglicherweise zu den Symptomen beitragen. Beispielsweise können Blutuntersuchungen bei vermuteter Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) und Blut- und Urintests zur Untersuchung hinsichtlich eines Drogenmissbrauchs durchgeführt werden.

Die Ärzte stellen fest, ob die Betroffenen gerade in einer Phase der Manie oder der Depression sind, sodass die richtige Behandlung erfolgen kann. Sie beurteilen die Person auch auf andere psychische Gesundheitsstörungen.

Behandlung der bipolaren Störung

  • Medikamente

  • Psychotherapie

  • Aufklärung und Unterstützung

  • Gelegentlich andere Behandlungen

Schwere Manie oder Depression erfordert oft eine stationäre Behandlung. Selbst, wenn die Manie weniger schwerwiegend ist, müssen die Betroffenen in eine Klinik eingewiesen werden, wenn sie selbstmordgefährdet sind, versucht haben, sich oder andere zu verletzen, wenn sie nicht für sich selbst sorgen können oder andere schwere Probleme haben (z. B. Alkoholkonsum oder andere Substanzgebrauchsstörungen). Die meisten Patienten mit Hypomanie können ambulant behandelt werden. Die Behandlung von Menschen mit Rapid Cycling gestaltet sich schwieriger. Ohne Behandlung treten bipolare Störungen bei den meisten Betroffenen immer wieder auf.

Die 3 Behandlungsphasen umfassen die Stabilisierung bei den ersten Symptomen der bipolaren Störung, das Erreichen einer Remission (ein Zeitraum mit minimalen oder gar keinen Symptomen) und die Erhaltung (verhindern, dass die abgeklungenen Symptome erneut auftreten).

Spezifische Behandlungen können Folgendes umfassen:

  • Stimmungsstabilisierende Medikamente wie Lithium und bestimmte Antiepileptika

  • Antipsychotika, normalerweise der zweiten Generation

  • Bestimmte Antidepressiva

  • Psychotherapie

  • Aufklärung und Unterstützung

  • Manchmal Elektrokrampftherapie, Phototherapie oder transkranielle Magnetstimulation

(Siehe Medikamente zur Behandlung bipolarer Störungen für eine ausführliche Erläuterung der verwendeten Medikamentenklassen.)

Psychotherapie

Eine Psychotherapie wird oft für Menschen empfohlen, die stimmungsstabilisierende Medikamente einnehmen. In den meisten Fällen geschieht dies, damit diese ihre medikamentöse Behandlung wie angeordnet durchführen können.

Eine Gruppentherapie hilft oft Betroffenen und deren Partnern oder Angehörigen, die bipolare Störung und deren Auswirkungen zu verstehen.

Eine individuelle Psychotherapie kann den Betroffenen helfen, besser mit ihren Alltagsproblemen umzugehen.

Aufklärung und Unterstützung

Eine Aufklärung über die Wirkung der verabreichten Medikamente zur Behandlung der Störung können den Betroffenen helfen, diese nach Anweisung einzunehmen. Es gibt Patienten, die sich gegen die Einnahme dieser Medikamente sträuben, weil sie glauben, dadurch weniger wachsam oder kreativ zu sein. Eine geringere Kreativität ist jedoch relativ ungewöhnlich, da Phasenprophylaktika Patienten normalerweise befähigen, bei der Arbeit, in der Schule wie auch in Beziehungen und im künstlerischen Schaffen besser zu funktionieren.

Die Betroffenen sollten lernen, wie man Symptome gleich am Anfang erkennt und wodurch man diese verhindern kann. Beispielsweise kann das Vermeiden von Aufputschmitteln (wie Koffein und Nikotin) und Alkohol helfen, ebenso ausreichender Schlaf.

Ärzte und Therapeuten können mit den Patienten über die Folgen ihrer Handlungen reden. Wenn die Betroffenen beispielsweise zu sexuellen Exzessen neigen, werden sie darüber informiert, wie sich ihre Handlungen auf ihre Beziehungen auswirken können und welche gesundheitlichen Risiken ihre sexuelle Freizügigkeit birgt, insbesondere in Bezug auf eine fortgeschrittene HIV-Infektion. Wenn die Betroffenen finanziell zur Verschwendung neigen, kann ihnen empfohlen werden, ein vertrauenswürdiges Familienmitglied mit der Verwaltung ihres Geldes zu beauftragen.

Für Familienmitglieder ist es wichtig, dass sie verstehen, worum es sich bei einer bipolaren Störung handelt, dass sie an der Behandlung beteiligt werden und den Betroffenen unterstützen.

Selbsthilfegruppen können helfen, indem sie ein Forum für den Austausch von Erfahrungen und Gefühlen bieten.

Andere Therapien

Eine Elektrokrampftherapie (ECT – manchmal als „Schocktherapie“ bezeichnet) wird mitunter bei behandlungsresistenter Depression und Manie eingesetzt. 

Eine Phototherapie, bei der die Patienten in helles Licht schauen, das Sonnenlicht simuliert, kann nützlich sein zur Behandlung einer saisonalen (mit Herbst-Winter-Depressionen und Frühling-Sommer-Hypomanie) bipolaren Störung, die einige Merkmale mit einer Winterdepression gemeinsam hat, aber auch zur Behandlung einer Bipolar-I- oder Bipolar-II-Störung, die nicht saisonal bedingt ist. Idealerweise wird sie ergänzend zu anderen Behandlungen eingesetzt. 

Die transkranielle magnetische Stimulation, bei der ein Gerät ein harmloses magnetisches Feld auf dem Kopf appliziert und zur Behandlung von schweren, resistenten Depression eingesetzt wird, hat sich bei der Behandlung einer bipolaren Depression ebenfalls bewährt.

Weitere Informationen

Die folgenden Quellen in englischer Sprache können nützlich sein. Bitte beachten Sie, dass das MANUAL nicht für den Inhalt dieser Quellen verantwortlich ist.

  1. Depression and Bipolar Support Alliance (DBSA), Bipolar Disorder

  2. Mental Health America (MHA), Bipolar Disorder

  3. National Alliance on Mental Illness (NAMI), Bipolar Disorder

  4. National Institutes of Mental Health (NIMH), Bipolar Disorder

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