Msd Manual

Please confirm that you are not located inside the Russian Federation

Lädt...

Multiple endokrine Neoplasie (MEN)

Von

Patricia A. Daly

, MD, University of Virginia;


Lewis Landsberg

, MD, Northwestern University Feinberg School of Medicine

Letzte vollständige Überprüfung/Überarbeitung Jan 2019| Inhalt zuletzt geändert Jan 2019
Hier klicken, um zur Ausgabe für medizinische Fachkreise zu gelangen
Quellen zum Thema

Die multiple endokrine Neoplasie ist eine Gruppe seltener Erbkrankheiten, bei denen mehrere endokrine Drüsen gutartige (benigne) oder bösartige (maligne) Tumoren entwickeln oder, die selbst wuchern, ohne dass sich Tumoren bilden.

  • Eine multiple endokrine Neoplasie wird durch Genmutationen verursacht, sie treten also tendenziell familiär gehäuft auf.

  • Die Symptome hängen davon ab, welche Drüsen betroffen sind.

  • Genetische Screening-Untersuchungen können zum Nachweis der Erkrankung bei Familienmitgliedern von Menschen erfolgen, die an multiplen endokrinen Neoplasien leiden.

  • Es gibt keine Heilung. Ärzte behandeln jedoch die Veränderungen in den einzelnen Drüsen bei deren Auftreten operativ oder medikamentös, um die übermäßige Hormonproduktion zu kontrollieren.

Multiple endokrine Neoplasien können bei Kindern ebenso wie bei 70-Jährigen auftreten. Diese Syndrome werden in der Regel vererbt.

Die Tumoren und die abnorm großen Drüsen setzen häufig übermäßig viele Hormone frei. Obwohl die Tumoren oder abnormes Wachstum in mehreren Drüsen gleichzeitig auftreten können, entstehen die Veränderungen erst nach und nach.

Multiple endokrine Neoplasien werden durch ererbte Genmutationen verursacht. Es wurde ein einzelnes Gen identifiziert, das die Erkrankung vom Typ 1 verursacht. Bei Menschen mit Erkrankungen vom Typ 2A und 2B wurden Veränderungen eines anderen Gens festgestellt.

Typen

Multiple endokrine Neoplasien treten in drei Mustern auf, nämlich als Typ 1, 2A und 2B, wobei die Typen gelegentlich überlappen.

Erkrankung MEN Typ 1

Patienten mit multipler endokriner Neoplasie des Typs 1 entwickeln Tumoren oder übermäßiges Wachstum und Aktivität in zwei oder mehr der folgenden Drüsen:

  • den Nebenschilddrüsen (den kleinen Drüsen, die sich neben der Schilddrüse an der Halsbasis befinden)

  • Bauchspeicheldrüse

  • der Hypophyse (Hirnanhangdrüse)

  • der Schilddrüse (weniger häufig betroffen)

  • der Nebennieren (weniger häufig betroffen)

Nahezu alle Menschen mit multiplen endokrinen Neoplasien vom Typ 1 haben Tumoren der Nebenschilddrüsen. Die meisten dieser Tumoren sind nicht bösartig, können aber die Drüsen zur Produktion von zu viel Parathormon anregen (Hyperparathyreoidismus). Das überschüssige Parathormon hebt normalerweise die Kalziumspiegel im Blut an und verursacht so manchmal Nierensteine.

Viele der an Typ 1 Erkrankten (30 bis 80 Prozent) entwickeln auch Tumoren der hormonproduzierenden Zellen (Inselzellen) der Bauchspeicheldrüse (auch neuroendokrine Tumoren der Bauchspeicheldrüse genannt).

Mehr als die Hälfte der Inselzelltumoren bilden übermäßig viel Gastrin, das die Säurebildung im Magen übermäßig anregt. Personen mit Gastrin produzierenden Tumoren entwickeln in der Regel Magengeschwüre, die häufig bluten, durchbrechen (perforieren) und Mageninhalt in die Bauchhöhle gelangen lassen oder, die den Magen verschließen. Der hohe Säurespiegel beeinträchtigt häufig die Tätigkeit der Enzyme der Bauchspeicheldrüse, was zu Durchfall und übelriechenden Fettstühlen (Steatorrhö) führt. Einige dieser Tumoren führen zu hohen Insulinspiegeln und demzufolge zu sehr niedrigen Blutzuckerspiegeln (Hypoglykämie), vor allem, wenn die betreffende Person mehrere Stunden nichts gegessen hat. Die übrigen Inselzelltumoren können andere Hormone bilden, z. B. vasoaktives intestinales Polypeptid, das schwere Durchfälle und Dehydration (Austrocknung) hervorrufen kann. Manche Inselzelltumoren produzieren überhaupt keine Hormone.

Einige Inselzelltumoren sind bösartig und können in andere Körperregionen streuen (metastasieren). Bei Menschen mit einer Erkrankung vom Typ 1 wachsen bösartige Inselzelltumoren tendenziell langsamer als bei Menschen ohne diesen Erkrankungstyp.

Einige Menschen mit Erkrankungstyp 1 entwickeln Tumoren der Hypophyse. Einige dieser Tumoren produzieren das Hormon Prolaktin, wodurch es zu menstruellen Veränderungen und Brustsekretion bei Frauen, die nicht stillen, kommt (Galaktorrhö), sowie zu reduziertem sexuellem Verlangen und Erektionsstörung (Impotenz) bei Männern. Andere Tumoren bilden Wachstumshormone (wodurch es zur Akromegalie kommt). Ein kleiner Prozentsatz der Hypophysentumoren bildet Kortikotropin, das die Nebennieren zu stark anregt, wodurch es zu hohen Spiegeln von Kortikosteroidhormonen und der Entstehung eines Cushing-Syndroms kommt. Einige wenige Hypophysentumoren bilden überhaupt keine Hormone. Manche Hypophysentumoren verursachen Kopfschmerzen, Sehstörungen und eine verminderte Funktion der Hypophyse als Folge des Drucks auf benachbarte Teile des Gehirns.

Bei manchen Personen mit Typ-1-Erkrankung kommen Tumoren oder übermäßiges Wachstum und eine übermäßige Tätigkeit der Schilddrüse und der Nebennieren vor. Ein kleiner Prozentsatz der Patienten entwickelt eine andere Tumorform, die Karzinoidtumoren. Manche Menschen bilden auch nicht bösartige Wucherungen unmittelbar unter der Haut.

Erkrankung MEN Typ 2A

Patienten mit multipler endokriner Neoplasie vom Typ 2A entwickeln Tumoren oder übermäßiges Wachstum und Aktivität in zwei oder drei der folgenden Drüsen:

Gelegentlich tritt bei Patienten mit Erkrankungstyp 2A eine juckende Hauterkrankung auf, die als kutanes Lichen amyloidosus bezeichnet wird. Die Hirschsprung-Krankheit tritt bei 2 bis 5 % der Patienten mit Erkrankungstyp 2A auf.

Fast jeder Patient mit Erkrankungstyp 2A entwickelt ein medulläres Schilddrüsenkarzinom. Etwa 40 bis 50 % entwickeln bestimmte Tumoren der Nebennieren (Phäochromozytome), durch die wegen der Produktion von Adrenalin und anderen Substanzen meist der Blutdruck ansteigt. Der Bluthochdruck kann zeitweilig oder dauerhaft auftreten und ist häufig sehr schwer.

Manche Menschen mit Erkrankungstyp 2A haben überaktive Nebenschilddrüsen. Hohe Parathormonspiegel führen zu erhöhten Kalziumspiegeln im Blut. Das vermehrte Kalzium verursacht häufig keine Symptome, führt jedoch bei ca. 25 % der Patienten zu Nierensteinen.

Erkrankung MEN Typ 2B

Die multiple endokrine Neoplasie Typ 2B kann aus Folgendem bestehen:

Manche Menschen mit Erkrankungstyp 2B weisen diesbezüglich keine Familiengeschichte auf. Bei diesen Menschen ist die Erkrankung das Ergebnis eines neuen Gendefekts (einer Genmutation).

Das medulläre Schilddrüsenkarzinom beim Erkrankungstyp 2B entwickelt sich tendenziell in jungen Jahren und ist schon bei Kindern im Alter von 3 Monaten festgestellt worden. Die medullären Schilddrüsentumoren bei Erkrankungstyp 2B wachsen schneller und breiten sich rascher aus als jene bei Erkrankungstyp 2A.

Die meisten Menschen mit Erkrankungstyp 2B entwickeln Neurinome in ihren Schleimhäuten. Diese Neurinome treten als glänzende Knötchen im Bereich von Lippen, Zunge und der Mundschleimhaut in Erscheinung. Neurinome können auch auf den Augenlidern und der glänzenden Oberfläche der Augen, einschließlich der Bindehaut und der Hornhaut, auftreten. Die Augenlider und Lippen können anschwellen und die Lippen können sich nach außen stülpen (evertieren).

Veränderungen im Bereich des Verdauungstrakts können zu Verstopfung und Durchfall führen. Gelegentlich bilden sich im Dickdarm große, dilatierte Schlingen (Megakolon). Vermutlich sind diese Auffälligkeiten auf Neurinome zurückzuführen, die an den Nerven des Darmtrakts entstehen.

Menschen mit Erkrankungstyp 2B entwickeln oft Wirbelsäulenanomalien, insbesondere eine Krümmung der Wirbelsäule. Sie können auch Veränderungen der Knochen des Schädels, der Füße und Oberschenkel aufweisen. Viele haben lange Gliedmaßen und gelockerte Gelenke. Manche dieser Auffälligkeiten sind denen des Marfan-Syndroms ähnlich.

Tabelle
icon

Zustände, die bei bestimmten multiplen endokrinen Neoplasien auftreten

Erkrankung

MEN 1

MEN 2A

MEN 2B

Hyperparathyreoidismus (hohe Parathormonspiegel)

95 % oder mehr

10–20 %

30–80 %

Tumoren der Hypophyse

15–42 %

Tumoren der Schilddrüse (speziell das medulläre Karzinom)

Mehr als 95 %

Mehr als 95 %

Phäochromozytom (Tumor der Nebennieren)

40–50 %

50 Prozent

Neurinome (Geschwülste um die Nerven) auf den Schleimhäuten

Fast 100 %

Physikalische Merkmale gleichen denen von Patienten mit Marfan-Syndrom

Fast 100 %

MEN = multiple endokrine Neoplasie.

Diagnose

  • Genetische Untersuchung

  • Hormonspiegel im Blut und Urin

  • Manchmal bildgebende Diagnostikverfahren

Es gibt Tests zur Feststellung der bei den jeweiligen multiplen endokrinen Neoplasien vorliegenden genetischen Veränderung. Ärzte führen diese genetischen Tests normalerweise bei Menschen durch, die einen der Tumoren aufweisen, die mit multipler endokriner Neoplasie assoziiert werden, und bei Familienmitgliedern von Menschen, bei denen bereits eines der Syndrome diagnostiziert wurde. Das Screening von Familienmitgliedern, manchmal sogar vor der Geburt, ist besonders wichtig, da ca. die Hälfte der Kinder von Menschen mit einer multiplen endokrinen Neoplasie die Erkrankung erbt.

Blut- und Urintests werden durchgeführt, um erhöhte Hormonspiegel nachzuweisen.

Bildgebende Verfahren, wie z. B. Ultraschall, Computertomographie (CT), Magnetresonanztomographie (MRT) und Positronen-Emissions-Tomographie (PET), sind ebenfalls notwendig, um die Lage der Tumoren zu bestimmen.

Behandlung

  • Tumorentfernung

  • Oft Entfernung der Schilddrüse

  • Arzneimittel

Für keine der multiplen endokrinen Neoplasien ist eine Heilung bekannt. Ärzte behandeln die Veränderungen der einzelnen Drüsen individuell.

Ein Tumor wird, falls möglich, durch operative Entfernung behandelt. Einige kleine Inselzelltumoren der Bauchspeicheldrüse werden nicht sofort entfernt, aber überwacht, um zu überprüfen, ob diese so groß werden, dass sie Probleme verursachen könnten. Vor einer Entfernung oder wenn eine Entfernung nicht möglich ist, verabreichen Ärzte Medikamente, um das Hormon-Ungleichgewicht durch die Überaktivität der Drüse zu korrigieren. Eine massiv vergrößerte und überaktive Drüse ohne Tumor wird mit Medikamenten behandelt, um die Wirkungen der Drüsenüberaktivität auszugleichen.

Da das medulläre Schilddrüsenkarzinom unbehandelt tödlich endet, empfehlen Ärzte am ehesten die präventive operative Entfernung der Schilddrüse, wenn bei den Untersuchungen der Nachweis einer multiplen endokrinen Neoplasie vom Typ 2A oder 2B erbracht wurde. Dieser präventive chirurgische Eingriff wird selbst dann durchgeführt, wenn die Diagnose eines medullären Schilddrüsenkarzinoms vor der Operation nicht gestellt wurde. Anders als bei anderen Formen des Schilddrüsenkarzinoms kann diese aggressive Art nicht mit radioaktivem Jod behandelt werden. Nach der Entfernung der Schilddrüse müssen die Personen lebenslang Schilddrüsenhormone einnehmen. Wenn der Schilddrüsenkrebs bereits gestreut (metastasiert) hat, können andere Behandlungen (wie Chemotherapie oder Medikamente) manchmal das Leben des Betroffenen verlängern. Phäochromozytome müssen operativ entfernt werden, nachdem der Blutdruck der Person mit entsprechenden Medikamenten unter Kontrolle gebracht wurde.

Da sich die Tumoren nicht immer alle gleichzeitig entwickeln, können Patienten mit multipler endokriner Neoplasie ängstlich und darüber besorgt sein, ob und wann sich ein weiterer Tumor entwickelt. Um den Betroffenen bei der Bewältigung dieser Ängste zu helfen, kann eine Beratung notwendig sein.

HINWEIS: Dies ist die Ausgabe für Patienten. ÄRZTE: Hier klicken, um zur Ausgabe für medizinische Fachkreise zu gelangen
Hier klicken, um zur Ausgabe für medizinische Fachkreise zu gelangen
Erfahren Sie

Auch von Interesse

Videos

Alle anzeigen
Insulingabe
Video
Insulingabe
Diabetes bezeichnet eine Erkrankung, die durch erhöhte Glukose- bzw. Blutzuckerwerte im Blut...
3D-Modelle
Alle anzeigen
Endokrines System bei weiblichen Personen
3D-Modell
Endokrines System bei weiblichen Personen

SOZIALE MEDIEN

NACH OBEN