Msd Manual

Please confirm that you are a health care professional

Lädt...

Ohrenschmerzen

(Otalgie)

Von

Debara L. Tucci

, MD, MS, MBA , Duke University Medical Center

Inhalt zuletzt geändert Okt 2016
Zur Patientenaufklärung hier klicken.
HINWEIS: Dies ist die Ausgabe für medizinische Fachkreise. LAIEN: Hier klicken, um zur Ausgabe für Patienten zu gelangen.
Quellen zum Thema

Ohrenschmerzen können für sich allein oder zusammen mit Ausfluss oder, selten, mit Hörverlust auftreten.

Pathophysiologie

Schmerzen können von einem Prozess innerhalb des Ohrs selbst stammen oder von einer nahe gelegenen nichtotologischen Störung auf das Ohr projiziert werden.

Schmerzen aus dem Ohr selbst können auf ein Druckgefälle zwischen dem Mittelohr und der Außenluft und/oder auf lokale Entzündungen zurückzuführen sein. Ein Druckgefälle im Mittelohr hat in der Regel eine Verlegung der Tuba Eustachii zur Folge, was einen Ausgleich zwischen dem Druck im Mittelohr und dem atmosphärischem Druck verhindert und zugleich eine Ansammlung von Flüssigkeit im Mittelohr ermöglicht. Bei einer Otitis media führen Trommelfellentzündung und Druckanstieg im Mittelohr zu Schmerzen und zur Vorwölbung des Trommelfells.

Ausstrahlende Schmerzen können auf Störungen in den Innervationsgebieten der Hirnnerven V, IX und X zurückzuführen sein, die das Außen- und Mittelohr sensibel versorgen. Spezifische Innervationsgebiete sind Nase, Nasennebenhöhlen, Nasopharynx, Zähne, Zahnfleisch, Kiefergelenk (Art. temporomandibularis), Unterkiefer, Ohrspeicheldrüsen, Zunge, Gaumenmandeln, Pharynx, Larynx, Trachea und Ösophagus. Störungen in diesen Bereichen verlegen manchmal auch die Ohrtrompete (Tuba Eustachii), was zu Schmerzen aufgrund des Druckgefälles im Mittelohr führt.

Ätiologie

Ohrenschmerzen können otologische (mit Beteiligung des äußeren und des Mittelohrs) oder nichtotologische Ursachen haben, falls Krankheitsprozesse in der Nähe auf das Ohr projiziert werden (siehe Tabelle: Ursachen von Ohrenschmerzen).

Die häufigsten Ursachen für akute Schmerzen sind:

Die häufigsten Ursachen für chronische Schmerzen (> 2–3 Wochen) sind:

Bei chronischen Schmerzen muss zudem immer ein Tumor in Betracht gezogen werden, vor allem bei älteren Patienten und wenn der Schmerz mit Ausfluss aus dem Ohr assoziiert ist. Bei Menschen mit Diabetes oder anderen immunkompromittierenden Zuständen kann sich eine besonders schwere Form der Otitis externa entwickeln, die als maligne oder nekrotisierende Otitis externa bezeichnet wird. Wenn bei der Untersuchung des Gehörgangs auffälliges Weichteilgewebe gefunden wird, muss eine Biopsie vorgenommen werden, um eine Krebserkrankung auszuschließen.

Eine Funktionsstörung des Kiefergelenks ist eine häufige Ursache für Ohrenschmerzen bei Patienten ohne auffälligen Befund bei der Untersuchung des Ohrs.

Tabelle
icon

Ursachen von Ohrenschmerzen

Ursache

Verdächtige Befunde*

Diagnostisches Vorgehen

Mittelohr

Akute Obstruktion der Ohrtrompete (Tuba Eustachii)

Weniger schwere Beschwerden

Gurgeln, Knistern oder knallende Geräusche, mit oder ohne verstopfte Nase

Trommelfell nicht gerötet, aber verringerte Mobilität

Einseitige Schallleitungsschwerhörigkeit

Klinische Abklärung

Erhebliche Schmerzen

Plötzliche Luftdruckveränderung in der Vorgeschichte (z. B. Flugreisen, Tauchen)

Häufig Blutung am oder hinter dem Trommelfell

Klinische Abklärung

Kurz zurückliegende Otitis media

Eventuell Otorrhö, Rötung und Druckschmerzhaftigkeit über dem Mastoid

Klinische Abklärung

Gewöhnlicherweise CT zur Beobachtung des Umfangs und manchmal MRT, wenn intrakranielle Komplikationen vermutet werden

Otitis media (akut oder chronisch)

Erhebliche Schmerzen, oft Symptome von Infekten der oberen Atemwege

Pralles, gerötetes Trommelfell

Häufiger bei Kindern

Eventuell Ausfluss bei Perforation des Trommelfells

Klinische Abklärung

Äußeres Ohr

Sichtbar bei Otoskopie

Klinische Abklärung

In der Regel Versuche, das Ohr zu reinigen

Läsion des Gehörgangs bei Otoskopie sichtbar

Klinische Abklärung

Otitis externa (akut oder chronisch)

Juckreiz und Schmerzen (mehr Juckreiz und nur leichte Beschwerden bei chronischer Otitis externa)

Häufig nach dem Schwimmen oder nach wiederkehrender Einwirkung von Wasser

Manchmal übel riechender Ausfluss

Gehörgang gerötet, geschwollen; eitriger Detritus

Trommelfell normal

Klinische Abklärung

CT des Os temporale bei Verdacht auf eine maligne Otitis externa

Nichtotologische Ursachen

Tumor (Nasopharynx, Tonsillen, Zungengrund, Kehlkopf)

Chronische Beschwerden

Oft Tabak- oder Alkoholkonsum

Manchmal Mittelohrerguss, zervikale Lymphadenopathie

In der Regel bei älteren Patienten

Gadolinium-MRT

Biopsie der sichtbaren Läsionen

Infektion (Tonsillen, Peritonsillarabszess)

Schmerzen beim Schlucken

Sichtbares Rachenerythem

Vorwölbung bei Abszess

Klinische Abklärung

Gelegentlich Streptokokkenkultur

Neuralgie (N. trigeminus, N. glossopharyngeus, Ganglion sphenopalatinum, Ganglion geniculatum)

Willkürlicher, kurzer, schwerer, stechender Schmerz

Klinische Abklärung

Schmerzen verschlimmern sich bei Kieferbewegung, fehlende Beweglichkeit des Kiefergelenks

Klinische Abklärung

* Ein gewisser Grad an Schallleitungsschwerhörigkeit ist bei vielen Erkrankungen des mittleren und äußeren Ohrs verbreitet.

Häufiges Merkmal ist eine Ohruntersuchung ohne Befund.

TM = Trommelfell; TMJ = Kiefergelenk.

Abklärung

Anamnese

Die Anamnese des Krankheitsverlaufs sollte Lage, Dauer und Schwere der Schmerzen beurteilen und ob es sich um konstante oder intermittierende Schmerzen handelt. Falls es intermittierende Schmerzen sind, ist es wichtig, festzustellen, ob diese willkürlich oder hauptsächlich beim Schlucken oder bei Bewegung des Kiefers auftreten. Wichtige assoziierte Symptome sind Ohrausfluss, Hörverlust und Halsschmerzen. Der Patient sollte über alle Versuche zur Reinigung des Gehörgangs (z. B. mit Wattestäbchen) oder vor Kurzem stattgehabte instrumentelle Eingriffe, Fremdkörper, kürzliche Flugreisen oder Tauchen und Schwimmen oder anderen wiederholten Kontakt der Ohren mit Wasser befragt werden.

Bei der Überprüfung der Organsysteme sollte nach Symptomen einer chronischen Krankheit wie Gewichtsverlust und Fieber gefragt werden.

Die Anamnese sollte nach einem bekannten Diabetes oder anderen immunkompromittierenden Zuständen, früheren Erkrankungen der Ohren (insbesondere Infektionen) und nach Ausmaß und Dauer von Tabak- und Alkoholkonsum fragen.

Körperliche Untersuchung

Bei der Untersuchung der Vitalparameter ist auf Fieber zu achten.

Die körperliche Untersuchung konzentriert sich auf Ohren, Nase und Hals.

Die Ohrmuschel und die Region über dem Mastoid sollten auf Rötung und Schwellung inspiziert werden. Die Ohrmuschel wird sanft gezogen; eine erhebliche Schmerzzunahme beim Ziehen deutet auf Otitis externa hin. Der Gehörgang sollte auf Rötung, Ausfluss, Schwellung, Zerumen oder Fremdkörper und andere Läsionen untersucht werden. Das Trommelfell sollte auf Rötung, Perforation, und Anzeichen für eine Flüssigkeitsansammlung im Mittelohr (z. B. Vorwölbung, Deformation, Veränderung des normalen Lichtreflexes) untersucht werden. Eine kurzer Hörtestsollte direkt am Krankenbett durchgeführt werden.

Der Hals sollte auf Rötung, tonsilläres Exsudat peritonsilläre Schwellung und Schleimhautläsionen, die auf einen Tumor hindeuten, untersucht werden.

Die Funktion des Kiefergelenks sollte durch Palpation der Gelenke beim Öffnen und Schließen des Mundes beurteilt werden; außerdem sollte auf Trismus oder Nachweise für Bruxismus geachtet werden.

Der Hals sollte nach einer Lymphadenopathie abgetastet werden. Eine fiberoptische Untersuchung von Rachen und Kehlkopf in der Praxis sollte in Betracht gezogen werden, insbesondere dann, wenn bei der Routineuntersuchung keine Ursache für die Schmerzen identifiziert werden kann und wenn nichtotologische Symptome wie Heiserkeit, Schluckbeschwerden oder nasale Obstruktion berichtet werden.

Warnzeichen

Die folgenden Befunde sind von besonderer Bedeutung:

  • Diabetes oder immunkompromittierter Zustand

  • Rötung und Fluktuieren über dem Mastoid sowie Vorfall der Ohrmuschel

  • Starke Schwellung am äußeren Gehörgang

  • Chronische Schmerzen, vor allem wenn sie mit anderen Kopf-/Hals-Symptomen assoziiert sind

Interpretation der Befunde

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist, ob die Untersuchung des Ohrs normal ausfällt; Erkrankungen des Mittel- und äußeren Ohrs verursachen anomale körperliche Befunde, die zusammen mit der Anamnese in der Regel auf eine Ätiologie hindeuten (siehe Tabelle: Ursachen von Ohrenschmerzen). Zum Beispiel zeigen Patienten mit chronischen Funktionsstörungen der Tuba Eustachii Anomalien des Trommelfells, typischerweise eine Retraktionstasche.

Patienten mit einer unauffälligen Ohrenuntersuchung weisen eine sichtbare oropharyngeale Ursache auf, wie z. B. eine Tonsillitis oder einen Peritonsillarabszess. Ohrenschmerzen aufgrund einer Neuralgie sind mit klassischen Symptomen assoziiert wie kurzen (in der Regel Sekunden, immer < 2 min) Episoden äußerst schwerer, stechender Schmerzen. Chronische Ohrenschmerzen ohne Auffälligkeiten bei der Ohrenuntersuchung könnten auf eine Störung des Kiefergelenks zurückzuführen sein; bei den Patienten sollte eine gründliche Untersuchung von Kopf und Hals (einschließlich fiberoptischer Untersuchung) erfolgen, um eine Krebserkrankung auszuschließen.

Tests

Die meisten Fälle sind nach Anamnese und körperlicher Untersuchung offensichtlich. Je nach klinischem Befund können nichtotologische Ursachen weitere Tests erfordern (siehe Tabelle: Ursachen von Ohrenschmerzen). Bei Patienten mit einer unauffälligen Ohrenuntersuchung, insbesondere bei solchen mit chronischen oder rezidivierenden Schmerzen, kann eine Abklärung durch ein MRT gerechtfertigt sein, um eine Krebserkrankung auszuschließen.

Therapie

Die zugrunde liegenden Störungen werden kausal behandelt.

Der Schmerz wird mit oralen Analgetika behandelt; in der Regel ist ein NSAR oder Paracetamol ausreichend, gelegentlich bedarf es jedoch einer kurzen Verabreichung eines oralen Opioids, vor allem in Fällen von schwerer Otitis externa. In Fällen von schwerer Otitis externa verlangt eine wirksame Behandlung das Absaugen von Detritus aus dem Gehörgang und das Einlegen eines Baumwoll-/Gazestreifens, der die Abgabe antibiotischer Ohrentropfen auf das infizierte Gewebe ermöglicht. Topische Analgetika (z. B. Antipyrin-Benzocain-Kombinationen) sind in der Regel nicht sehr effektiv, können aber in begrenztem Umfang angewendet werden.

Die Patienten sollten angewiesen werden, keine Objekte (egal wie weich die Objekte sind oder wie vorsichtig der Patient zu sein vorgibt) in ihre Ohren einzuführen. Auch sollten die Patienten Ohrspülungen erst nach ärztlicher Anleitung und nur sehr behutsam selbst durchführen. Für Ohrspülungen darf keinesfalls eine Munddusche verwendet werden.

Wichtige Punkte

  • Die meisten Fälle sind auf eine Infektion des Mittel- oder äußeren Ohres zurückzuführen.

  • Anamnese und körperliche Untersuchung sind zur Diagnosestellung in der Regel ausreichend.

  • Nichtotologische Ursachen sollten in Betracht gezogen werden, wenn die Untersuchung der Ohren unauffällig ist.

Zur Patientenaufklärung hier klicken.
HINWEIS: Dies ist die Ausgabe für medizinische Fachkreise. LAIEN: Hier klicken, um zur Ausgabe für Patienten zu gelangen.
Erfahren Sie

Auch von Interesse

Videos

Alle anzeigen
Ohrendruck
Video
Ohrendruck
Das Ohr kann in drei Abschnitte unterteilt werden: das Außenohr, das Mittelohr und das Innenohr...
3D-Modelle
Alle anzeigen
Mittelohr und Innenohr
3D-Modell
Mittelohr und Innenohr

SOZIALE MEDIEN

NACH OBEN