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Überblick über das vegetative Nervensystem

Von

Phillip Low

, MD, College of Medicine, Mayo Clinic

Letzte vollständige Überprüfung/Überarbeitung Apr 2020| Inhalt zuletzt geändert Apr 2020
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Quellen zum Thema

Das vegetative Nervensystem reguliert bestimmte Prozesse im Körper, z. B. Blutdruck und Atemfrequenz. Dieses System arbeitet automatisch (autonom), ohne bewusste Mitwirkung einer Person.

Störungen des vegetativen Nervensystems können sich auf jeden Teil des Körpers oder jeden Prozess auswirken. Vegetative Störungen können reversibel oder progressiv sein.

Anatomie des vegetativen Nervensystems

Das vegetative Nervensystem ist der Teil des Nervensystems, der die inneren Organe, einschließlich Blutgefäße, Magen, Darm, Leber, Nieren, Harnblase, Genitalien, Lunge, Pupillen, Herz, Schweiß- und Speichelfluss sowie Verdauungsdrüsen versorgt.

Das vegetative Nervensystem besteht aus zwei wichtigen Abschnitten:

  • Sympathikus

  • Parasympathikus

Nachdem das vegetative Nervensystem Informationen über den Körper und das externe Umfeld erhalten hat, reagiert es über den sympathischen Abschnitt mit der Stimulation oder über den parasympathischen Abschnitt mit der Hemmung von bestimmten Körperprozessen.

Eine vegetative Nervenbahn besteht aus zwei Nervenzellen. Eine Zelle ist im Hirnstamm oder im Rückenmark angesiedelt. Sie ist mit der anderen Zelle, die in einem Nervenzellhaufen angesiedelt ist (genannt autonomes Ganglion), durch Nervenfasern verbunden. Die von diesen Ganglien ausgehenden Nervenfasern sind mit den inneren Organen verbunden. Die meisten Ganglien des sympathischen Abschnitts sind direkt außerhalb des Rückenmarks beidseitig angesiedelt. Die Ganglien des parasympathischen Abschnitts sind in der Nähe oder innerhalb der Organe angesiedelt, mit denen sie verbunden sind.

Funktion des vegetativen Nervensystems

Das vegetative Nervensystem reguliert bestimmte Prozesse im Körper, z. B. die Folgenden:

  • Blutdruck

  • Herz- und Atemfrequenz

  • Körpertemperatur

  • Verdauung

  • Stoffwechsel (damit ergibt sich auch ein Einfluss auf das Körpergewicht)

  • Wasser- und Elektrolythaushalt (wie Natrium und Kalzium)

  • Die Bildung von Körperflüssigkeiten (Speichel, Schweiß und Tränenflüssigkeit)

  • Urinieren

  • Defäkation

  • Sexuelle Reaktion

Viele Organe werden primär durch den sympathischen oder parasympathischen Abschnitt des Nervensystems gesteuert. In einigen Fällen haben die zwei Abschnitte gegensätzliche Wirkung auf ein Organ. Der sympathische Abschnitt erhöht z. B. den Blutdruck, der parasympathische Abschnitt senkt ihn. Grundsätzlich kooperieren die beiden Abschnitte, um sicherzustellen, dass der Körper auf unterschiedliche Situationen angemessen reagiert.

Vegetatives Nervensystem

Vegetatives Nervensystem

Der Sympathikus hat in der Regel folgende Aufgaben:

  • Vorbereitung des Körpers auf Stress- oder Notfallsituationen - Kampf oder Flucht

Daher erhöht er den Puls und die Kraft der Herzkontraktionen und erweitert (dilatiert) die Atemwege, um das Atmen zu erleichtern. Er veranlasst den Körper, gespeicherte Energie freizusetzen. Die Muskelkraft erhöht sich. Dieser Abschnitt ist auch dafür verantwortlich, dass die Handflächen schwitzen, die Pupillen sich erweitern und die Nackenhaare sich sträuben. Er verlangsamt die in Notfallsituationen weniger wichtigen Körperprozesse, z. B. Verdauung und Harndrang.

Der Parasympathikus hat folgende Aufgaben:

  • Steuerung von Körperprozessen in normalen Situationen.

Der Parasympathikus ist im Allgemeinen für Erhaltung und Wiederherstellung zuständig. Er verlangsamt den Puls und senkt den Blutdruck. Er stimuliert den Darmtrakt, Nahrung zu verarbeiten und Abfallprodukte zu beseitigen. Die aus der Nahrungsverarbeitung gewonnene Energie wird zur Wiederherstellung und Bildung von Gewebe verwendet.

Sowohl der Sympathikus als auch der Parasympathikus sind an sexuellen Aktivitäten beteiligt, denn sie sind diejenigen Teile des Nervensystems, die freiwillige Handlungen steuern und Hautempfindungen weiterleiten (somatisches Nervensystem).

Tabelle
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Komponenten des vegetativen Nervensystems

Komponente

Auswirkungen

Sympathikus

Erhöht Folgendes:

  • Puls und Kraft der Herzkontraktionen

  • Freisetzung von Energie, die in der Leber gespeichert ist

  • Geschwindigkeit, mit welcher die Körperfunktionen gewöhnlich ablaufen, wenn die Person ruht (Basalstoffwechselrate)

  • Muskelkraft

Erweitert die Atemwege, um die Atmung zu erleichtern

Verursacht schwitzende Handflächen

Senkt Funktionen, die in Notfallsituationen weniger wichtig sind (z. B. Verdauung und Harndrang)

Steuert die Freisetzung von Samen (Ejakulation)

Parasympathikus

Stimuliert den Verdauungstrakt, Nahrung zu verarbeiten und Abfallprodukte zu beseitigen (mit dem Stuhlgang)

Verlangsamt den Puls

Senkt den Blutdruck

Steuert Erektionen

Zwei chemische Botenstoffe (Neurotransmitter) werden verwendet, um innerhalb des vegetativen Nervensystems zu kommunizieren:

  • Acetylcholin

  • Noradrenalin

Die Nervenfasern, die Acetylcholin absondern, heißen cholinerge Fasern. Fasern, die Noradrenalin absondern, heißen adrenerge Fasern. Acetylcholin wirkt generell parasympathisch (hemmend) und Noradrenalin sympathisch (stimulierend). Acetylcholin hat jedoch auch einige sympathische Wirkungen. Es stimuliert z. B. manchmal die Schweißbildung oder führt dazu, dass sich die Nackenhaare sträuben.

Ursachen

Störungen des vegetativen Nervensystems sind auf eine Schädigung der vegetativen Nerven oder des Teils des Gehirns zurückzuführen, der die Körperprozesse steuert. Sie können jedoch auch ohne erkennbare Ursache von allein auftreten.

Häufige Ursachen von Störungen des vegetativen Nervensystems sind unter anderem

Zu den weiteren, weniger häufigen Ursachen gehören:

Symptome

Bei Männern kann die Schwierigkeit, eine Erektion herbeizuführen oder aufrechtzuerhalten (erektile Dysfunktion), ein erster Hinweis auf eine vegetative Störung sein.

Vegetative Störungen verursachen in der Regel Schwindel oder Benommenheit infolge eines übermäßigen Blutdruckabfalls, wenn der Betroffene steht (orthostatische Hypotonie).

Der Betroffene schwitzt ggf. weniger oder gar nicht und verträgt daher keine Hitze. Augen und Mund sind ggf. trocken.

Nach dem Essen leidet eine Person mit einer vegetativen Störung an Völlegefühl oder Brechreiz, weil sich der Magen sehr langsam leert (Gastroparese). Einige Menschen verlieren unfreiwillig Urin (Harninkontinenz), und zwar häufig, weil die Blase überaktiv ist. Andere haben wiederum Probleme, die Blase zu entleeren (Harnverhalt), weil die Blase unteraktiv ist. Verstopfung oder Stuhlinkontinenz können auftreten.

Die Pupillen erweitern bzw. verengen sich nicht bei Lichtwechsel.

Diagnose

  • Untersuchung durch den Arzt

  • Tests, um Veränderungen des Blutdrucks bei bestimmten Maßnahmen zu bestimmen

  • Elektrokardiogramm

  • Schweißtest

Bei der körperlichen Untersuchung kann der Arzt nach Hinweisen auf eine vegetative Störung suchen, wie z. B. eine orthostatische Hypotonie. Er misst zum Beispiel Blutdruck und Puls, während der Patient liegt oder sitzt und nachdem er aufgestanden ist, um zu überprüfen, wie sich der Blutdruck bei einem Positionswechsel verändert. Steht der Patient auf, hat das Blut in den Beinen wegen der Schwerkraft mehr Mühe, wieder zurück zum Herzen zu gelangen. Somit fällt der Blutdruck ab. Um dies auszugleichen, pumpt das Herz mehr und die Herzfrequenz steigt. Diese Veränderungen der Herzfrequenz und des Blutdrucks sind jedoch geringfügig und von kurzer Dauer. Wenn die Veränderungen größer sind oder länger anhalten, könnte der Patient an orthostatischer Hypotonie leiden.

Der Blutdruck wird zudem laufend gemessen, während der Patient ein Valsalva-Manöver macht (versucht, kräftig auszuatmen, ohne dass Luft aus Nase oder Mund entweicht – wie bei der Anstrengung während des Stuhlgangs). Mit einem Elektrokardiogramm wird festgestellt, ob sich der Puls ändert, was bei Tiefatmung oder einem Valsalva-Manöver gewöhnlich der Fall ist.

In einigen Fällen kann eine weitere Untersuchung durchgeführt werden (Kipptisch-Untersuchung), um herauszufinden, wie sich Blutdruck und Puls durch eine Lageveränderung ändern. Bei dieser Untersuchung werden Blutdruck und Puls gemessen, bevor und nachdem der Patient – der flach auf einem Schwenktisch liegt – in die aufrechte Position gedreht wird.

Werden die Kipptisch-Untersuchung und das Valsalva-Manöver zusammen durchgeführt, können die Ärzte bestimmen, ob der Abfall des Blutdrucks einer Erkrankung des vegetativen Nervensystems geschuldet ist.

Der Arzt untersucht die Pupillen auf abnorme oder mangelnde Reaktionen bei Lichtveränderung.

Zudem wird eine Schweißuntersuchung durchgeführt. Bei dieser Untersuchung werden die Schweißdrüsen durch Elektroden stimuliert, die mit Acetylcholin gefüllt sind und auf Beinen und Unterarmen platziert werden. Dann wird das Schweißvolumen gemessen, um herauszufinden, ob die Schweißproduktion normal ist. Bei dieser Untersuchung kann der Patient ein leichtes Brennen spüren.

Bei der thermoregulatorischen Schweißuntersuchung wird ein Farbstoff auf die Haut aufgetragen und der Patient kommt in einen beheizten Kasten, um die Schweißbildung zu stimulieren. Durch den Schweiß ändert sich die Farbe des Farbstoffs. Dadurch kann das Muster des Schweißverlusts beurteilt werden, wodurch dann die Ursache der Störung des vegetativen Nervensystems ermittelt werden kann.

Weitere Untersuchungen können durchgeführt werden, um Störungen zu erkennen, die eine vegetative Störung verursachen können.

Behandlung

  • Behandlung der Ursache, sofern diese feststeht

  • Symptomlinderung

Störungen, die zur vegetativen Störung beitragen können, werden behandelt. Falls keine weiteren Störungen vorliegen oder die vorliegenden Störungen nicht behandelbar sind, wird der Schwerpunkt auf Symptomlinderung gelegt.

Einfache Maßnahmen, mitunter auch Medikamente, können zur Linderung bestimmter Symptome der vegetativen Störung beitragen:

  • Orthostatische Hypotonie: Der Patient wird aufgefordert, den Kopf ca. 10 cm aus dem Bett zu heben und langsam aufzustehen. Kompressionskleidung oder stützende Kleidung, z. B. Bauchkompressen oder Stützstrümpfe, können hilfreich sein. Eine erhöhte Salz- und Wasseraufnahme trägt zur Aufrechterhaltung des Blutvolumens im Kreislauf und somit zur Stabilisierung des Blutdrucks bei. In einigen Fällen werden Arzneimittel verabreicht. Fludrocortison trägt zur Aufrechterhaltung des Blutvolumens und somit zur Stabilisierung des Blutdrucks bei. Midodrin trägt zur Stabilisierung des Blutdrucks bei, indem es die Arterien veranlasst, sich zusammenzuziehen (verengen). Diese Arzneimittel werden oral eingenommen.

  • Verminderte oder keine Schweißbildung: Ist die Schweißbildung vermindert oder abwesend, hilft es, warme Umgebungen zu meiden.

  • Harnverhalt: Wenn Harnverhalt auftritt, weil die Blasenkontraktion nicht normal ist, kann der Patient lernen, einen Katheter (einen dünnen Gummischlauch) durch die Harnröhre in die Blase einzuführen. Der Katheter ermöglicht das Ablassen des in der Blase zurückgehaltenen Urins und bietet somit Erleichterung. Die Betroffenen führen den Katheter mehrmals täglich ein und entfernen ihn, wenn die Blase komplett leer ist. Bethanechol kann verabreicht werden, um den Blasentonus zu erhöhen und somit das Entleeren der Blase zu unterstützen.

  • Verstopfung: Eine ballaststoffreiche Ernährung und Stuhlweichmacher werden empfohlen. Wenn die Verstopfung anhält, kann ein Einlauf helfen.

  • Erektile Dysfunktion: In der Regel werden Arzneimittel wie Sildenafil, Tadalafil oder Vardenafil oral verabreicht. Konstriktionsmittel (Bänder oder Ringe, die am Penisansatz platziert werden) bzw. Vakuumgeräte werden in einigen Fällen eingesetzt.

Tabelle
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Einige Arzneimittel, mit denen Symptome vegetativer Störungen behandelt werden

Symptom

Medikament

Arzneimittelwirkung

Ballaststoffergänzungen (z. B. Kleie oder Wegerich)

Stuhlweichmacher (z. B. Docusat, Lactulose oder Polyethylenglykol)

Ballaststoffergänzungen fügen dem Stuhl Volumen hinzu und stimulieren somit die natürlichen Darmkontraktionen. Ballaststoffergänzungen und Stuhlweichmacher tragen dazu bei, dass die Nahrung schneller aus dem Darmtrakt entfernt wird.

Völlegefühl im Magen

Domperidon

Erythromycin

Metoclopramid

Dieses Arzneimittel stimuliert die Kontraktionen im Verdauungstrakt und trägt somit dazu bei, dass die Nahrung schneller hindurchbewegt wird.

Avanafil

Sildenafil

Tadalafil

Vardenafil

Diese Arzneimittel erhöhen die Häufigkeit, Steifheit und Dauer von Erektionen.

Orthostatische Hypotonie (übermäßiger Abfall des Blutdrucks, wenn der Betroffene steht)

Fludrocortison

Dieses Arzneimittel trägt dazu bei, dass der Körper Salz einbehält und stabilisiert somit Blutvolumen und Blutdruck.

Droxidopa

Midodrin

Diese Arzneimittel veranlassen die Verengung von kleinen Arterien (Arteriolen) und tragen somit zur Stabilisierung des Blutdrucks bei.

Mirabegron

Oxybutynin

Tamsulosin

Tolterodin

Diese Arzneimittel entspannen die Muskeln einer überaktiven Harnblase.

Bethanechol

Dieses Arzneimittel stimuliert die Kontraktionen der Blase und trägt somit zur Entleerung der Blase bei.

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