Botulismus

VonLarry M. Bush, MD, FACP, Charles E. Schmidt College of Medicine, Florida Atlantic University;
Maria T. Vazquez-Pertejo, MD, FACP, Wellington Regional Medical Center
Überprüft vonBrenda L. Tesini, MD, University of Rochester School of Medicine and Dentistry
Überprüft/überarbeitet Geändert Dez. 2025
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Botulismus ist eine seltene, lebensbedrohliche Vergiftung, die durch Toxine des aneroben Bakteriums Clostridium botulinum verursacht wird.

  • Die giftigen, meist über Nahrung aufgenommenen Botulinumtoxine führen zu Muskelschwäche oder -lähmung.

  • Botulismus beginnt meistens mit Mundtrockenheit, Schluckbeschwerden und Sprechstörungen, Diplopie und Akkommodationsstörungen oder mit Verdauungssymptomen wie Durchfall, Erbrechen und Bauchkrämpfen.

  • Untersucht werden Proben von Blut, Stuhl oder Magensekreten oder eine Probe des Wundgewebes, wobei auch eine Elektromyografie durchgeführt werden kann.

  • Personen, die vermuten, Botulismus zu haben, sollten sich unverzüglich ins Krankenhaus begeben.

  • Durch Verabreichung eines Antitoxins können Toxine neutralisiert werden.

  • Sorgfältige Zubereitung und Lagerung von Nahrungsmitteln verhindern lebensmittelbedingten Botulismus.

Clostridium botulinum sind Anaerobier, die keinen Sauerstoff zum Leben brauchen.

Die Toxine, die Botulismus hervorrufen, zählen zu den stärksten bekannten Giften und können schwere Schäden an den peripheren Nerven verursachen. Das Botulinumtoxin blockiert die Freisetzung des chemischen Botenstoffes Acetylcholin (Neurotransmitter) durch die Nerven, was zu Muskellähmung führt. Acetylcholin wirkt anregend auf die Rezeptoren der Muskeln (an der neuromuskulären Verbindungsstelle) ein, sodass die Muskeln sich zusammenziehen.

In sehr geringer Dosierung kann das Botulinumtoxin vom Typ A und B zur Kontrolle von Muskelkrämpfen und zur Abschwächung von Falten eingesetzt werden.

Wussten Sie ...

  • Toxine, die Botulismus verursachen, gehören zu den stärksten Giften, die bekannt sind.

  • In sehr geringer Dosierung kann das Toxin vom Typ A und B zur Kontrolle von Muskelkrämpfen und zur Abschwächung von Falten eingesetzt werden.

(Siehe auch Übersicht über Clostridieninfektionen und Botulismus bei Säuglingen.)

Ursachen von Botulismus

Clostridium-botulinum-Bakterien bilden ruhende Zellen, sogenannte Sporen. Diese ruhenden Sporen sind in der Umwelt weit verbreitet, auch im Boden und im Fluss- und Meerwasser. Wie Pflanzensamen sind Sporen sehr widerstandsfähig gegenüber Einflüssen wie zum Beispiel Wärme und können über viele Jahre im Ruhezustand verharren. Wenn Feuchtigkeit und Nährstoffe vorhanden sind und Sauerstoff fehlt (wie im Darm oder in verschlossenen Konservendosen), beginnen sich die Sporen zu aktiven Bakterien zu entwickeln, die Toxine produzieren. Einige der von Clostridium botulinum produzierten Toxine werden von der Magensäure oder von den Darmenzymen nicht zerstört.

Clostridium botulinum ist in der Umgebung weit verbreitet; die Sporen können durch die Luft übertragen werden. Gelegentlich sind Fälle von Botulismus auf das Verschlucken oder Einatmen geringer Mengen Erde oder Staub zurückzuführen, die Sporen enthalten, oder auf das Schnupfen von kontaminiertem Kokain durch die Nase. Zudem kann das Toxin als biologische Waffe verwendet werden. Die Sporen können auch über das Auge oder eine Hautverletzung in den Körper eintreten.

Botulismus ist in seltenen Fällen nach Injektionen von Botulinumtoxin (Onabotulinumtoxin A) aus kosmetischen Gründen wie z. B. gegen Falten oder aus medizinischen Gründen wie bei Migränekopfschmerzen aufgetreten.

Die meisten Fälle entstehen jedoch durch den Verzehr von Nahrungsmitteln, die mit den Toxinen belastet sind.

Bedingt durch die Ursache unterscheidet man zwischen verschiedenen Formen von Botulismus. Die häufigsten Formen sind:

  • Lebensmittelbedingter Botulismus

  • Wundbotulismus

  • Darmtoxämie-Botulismus

  • Säuglingsbotulismus (wird an anderer Stelle besprochen)

Lebensmittelbedingter Botulismus

Ein lebensmittelbedingter Botulismus entsteht, wenn Lebensmittel verspeist werden, die mit einem durch Clostridium-botulinum-Bakterien gebildeten Botulinumtoxin verunreinigt sind. Das Botulinumtoxin dringt vom Dünndarm aus in die Blutbahn ein und gelangt zu den Nerven. Nahrungsmittel können verunreinigt sein, wenn sie vor der Aufbewahrung nicht ausreichend durchgegart wurden oder falsch gelagert werden.

Die häufigsten Quellen von lebensmittelbedingtem Botulismus sind:

  • selbst eingemachte Lebensmittel, insbesondere solche, die einen niedrigen Säuregehalt aufweisen, wie Spargel, grüne Bohnen, Bete und Mais

Andere Quellen sind gehackter Knoblauch in Öl, Chilischoten, in Alufolie gebackene Kartoffeln, die lange bei Raumtemperatur aufbewahrt wurden, sowie selbst eingemachter oder fermentierter Fisch. Einige wenige Ausbrüche sind jedoch auf den Konsum von im Handel erhältlichen Lebensmitteln – hauptsächlich Gemüse, Fisch, Obst und Gewürzen (Soßen) – zurückzuführen. Rindfleisch, Milchprodukte, Schweinefleisch, Geflügel, Meeresfrüchte oder bestimmte andere Lebensmittel führen ebenfalls zu Botulismus, wenn auch seltener.

Kühlung macht Lebensmittel nicht sicherer, weil Clostridien Giftstoffe (Toxine) auch bei typischen Kühlschranktemperaturen bilden können. Obwohl Sporen in gefrorenen Lebensmitteln kein Toxin bilden, können sie beim Auftauen des Nahrungsmittels Toxin produzieren.

Wundbotulismus

Wundbotulismus liegt vor, wenn Clostridium botulinum Wunden infiziert oder in andere Gewebe gelangt. Bakterien in der Wunde produzieren Toxine, die in den Blutkreislauf aufgenommen werden.

Ursache dieser Form von Botulismus ist die Injektion von illegalen Drogen mit unsterilisierten Nadeln oder die intravenöse oder intramuskuläre Injektion von Heroin (skin popping).

Darmtoxämie-Botulismus

Eine seltene Form von Botulismus ist der Darmtoxämie-Botulismus. Sie kann auftreten, wenn die Sporen in den Darm einer Person gelangen und dort das Toxin produzieren. Wenn bei Säuglingen ein Botulismus durch Vergiftung des Darms auftritt, spricht man von Säuglingsbotulismus. Ist das Kind bereits über 1 Jahr alt, spricht man von Darmtoxämie-Botulismus. Diese 2 Formen des Darmtoxämie-Botulismus unterscheiden sich von lebensmittelbedingtem Botulismus, der häufiger vorkommt und auftritt, wenn Menschen Nahrungsmittel verzehren, die mit dem Toxin selbst verunreinigt sind.

Es ist nicht klar, wie die Sporen bei Darmtoxämie-Botulismus in den Darm gelangen. Bei Säuglingen kann das Schlucken von Honig oder von kontaminierter Erde die Ursache sein. Bei Erwachsenen und Kindern im Alter von unter 1 Jahr, die sich einer Operation am Magen oder Darm unterzogen haben, an einer entzündlichen Darmerkrankung leiden oder Antibiotika oder immunschwächende Medikamente einnehmen, besteht ein größeres Risiko, an Darmtoxämie-Botulismus zu erkranken.

Symptome des Botulismus

Die verschiedenen Formen von Botulismus verursachen viele der gleichen Symptome:

  • Mundtrockenheit

  • Sehtrübung oder Diplopie (Doppelsehen)

  • Hängende Augenlider

  • Schwierigkeiten beim Fokussieren auf nahe Objekte

  • Pupillen, die sich beim Kontakt mit Licht nicht normal zusammenziehen

  • Undeutliche Sprache

  • Schwierigkeiten beim Schlucken

Die durch das Bakteriengift verursachte Nervenschädigung beeinträchtigt die Muskelkraft. Die sensorische Wahrnehmung bleibt jedoch erhalten. Normalerweise bleiben Betroffene bei klarem Verstand.

Aufgrund der Schluckstörungen kann Nahrung oder Speichel unabsichtlich in die Lunge gelangen (Aspiration), was zu Erstickungsanfällen führen kann und das Risiko einer Pneumonie erhöht (als Aspirationspneumonie bezeichnet).

Nach Verlust der Muskelkraft in Gesicht und Kopf kommt es üblicherweise zu einem allmählichen Verlust der Muskelkraft in Armen und Beinen und der Atemmuskulatur. Die Muskulatur wird zunehmend schwächer. Eine Lähmung der Atemmuskulatur kann zum Tod führen, wenn keine künstliche Beatmung (die Verwendung einer Maschine zur Unterstützung der Atmung) vorgenommen wird.

Bei lebensmittelbedingtem Botulismus treten die Symptome plötzlich auf, und zwar in der Regel innerhalb von 18 bis 36 Stunden, nachdem das Gift in den Körper gelangte; aber die Krankheit kann auch schon nach 4 Stunden oder erst nach 8 Tagen ausbrechen. Je mehr Gift aufgenommen wird, desto eher kommt es zu einer Erkrankung.

Die ersten Symptome des lebensmittelbedingten Botulismus sind oft Übelkeit, Erbrechen, Magenkrämpfe und Durchfall. Einige Patienten leiden mit der Zeit an Verstopfung. Diese Verdauungssymptome treten in der Regel auf, bevor die Muskeln betroffen sind.

Menschen mit Wundbotulismus haben zumeist die gleichen Symptome wie Menschen mit lebensmittelbedingtem Botulismus, mit der Ausnahme, dass sie keine Verdauungssymptome haben.

Diagnose des Botulismus

  • Tests zum Nachweis von Toxinen in Nahrungsmitteln, Blut, Magensekreten oder Stuhl

  • Manchmal ein Elektromyogramm

Der Verdacht auf Botulismus ist symptombedingt. Da jedoch andere Störungen sich durch ähnliche Symptome manifestieren, bedarf die Diagnose zusätzlicher Informationen.

Hinweise auf einen lebensmittelbedingten Botulismus bieten Nahrungsmittelquellen. Wenn beispielsweise 2 Menschen betroffen sind, die die gleiche, am selben Ort zubereitete Speise gegessen haben, erleichtert das die Diagnose. Die Diagnose bestätigt sich, wenn das Gift im Blut oder Magensekreten nachgewiesen wird oder wenn Bakterien oder Toxine in einer Stuhlprobe nachgewiesen werden. Toxine können auch in gegessenen Speisen nachgewiesen werden.

Eine Verletzung der Haut deutet eventuell auf Wundbotulismus hin. Die Haut wird auf Einstichstellen untersucht, welche den Konsum illegaler Drogen nachweisen können. Die Diagnose bestätigt sich, wenn das Gift im Blut nachgewiesen wird oder wenn in einer Kultur aus einer Probe des Wundgewebes Bakterien wachsen.

Elektromyografie (elektrische Stimulierung der Muskeln und Aufzeichnung ihrer elektrischen Aktivität) kann sinnvoll sein. In den meisten Fällen von Botulismus ergibt ein Elektromyogramm ungewöhnliche Reaktionen der Muskeln nach elektrischer Stimulation.

Manchmal lässt sich einfach feststellen, ob der Botulismus durch eine Wunde oder ein Nahrungsmittel entstanden ist.

Behandlung des Botulismus

  • Manchmal Aktivkohle zur Verhinderung der Absorption des durch Lebensmittel aufgenommenen Toxins

  • Antitoxin

  • Bei Atmungsproblemen die Verwendung eines mechanischen Beatmungsgeräts

Personen, die vermuten, Botulismus zu haben, sollten sich unverzüglich ins Krankenhaus begeben. Wird Botulismus diagnostiziert, werden sie ins Krankenhaus eingewiesen und eng überwacht.

Meist kann man mit der Behandlung nicht warten, bis die Ergebnisse von Laboruntersuchungen vorliegen, die aber dennoch durchgeführt werden, um die Diagnose zu sichern. Um noch nicht ins Blut aufgenommenes Gift zu entfernen, kann Aktivkohle entweder oral verabreicht oder über eine in den Mund oder durch die Nase eingeführte Magensonde infundiert werden. Damit wird das Gift gebunden und die Menge des ins Blut aufgenommenen Giftes reduziert. Ärzte können auch Medikamente verabreichen, die zu mehr Stuhlgang führen.

Die Lebenszeichen (Puls, Atemfrequenz, Blutdruck und Temperatur) werden regelmäßig überwacht. Bei Atemschwierigkeiten wird der Betroffene auf die Intensivstation verlegt und unter Umständen vorübergehend künstlich beatmet. Eine Behandlung, die den Betroffenen beim Atmen hilft, hat den Prozentsatz der Todesfälle aufgrund von Botulismus auf etwa 5 bis 8 Prozent reduziert.

Bei Bedarf können Menschen, die nicht schlucken können, über eine dünne Sonde aus Kunststoff ernährt werden, die durch Nase und Rachen eingeführt wird (eine nasogastrale Sonde).

Beim Wundbotulismus muss die Wunde sorgfältig gereinigt und das tote Gewebe entfernt werden. Anschließend werden Antibiotika, wie Penicillin und Metronidazol, intravenös verabreicht.

Einige Menschen, die eine Botulismuserkrankung überstanden haben, fühlen sich noch Jahre danach müde und kurzatmig. Sie brauchen unter Umständen eine langfristige Physiotherapie.

Nach einer Infektion entwickeln die Betroffenen keine Immunität gegen das Clostridium-botulinum-Toxin, sodass sie sich erneut infizieren können.

Antitoxin

Antitoxin ist eine Substanz, die die Wirkung der Toxine hemmt. Es wird so bald wie möglich nach der Diagnose von Botulismus verabreicht.

Menschen jeden Alters kann ein Gegengift (Antitoxin) verabreicht werden. Am besten wirkt es innerhalb von 72 Stunden nach Auftreten der Symptome.

Das Antitoxin führt eventuell zur Verringerung oder Hemmung der physikalischen Schädigung, sodass es innerhalb weniger Monate zu einer Regeneration des Körpers kommt. Das Antitoxin kann jedoch Schädigungen, die bereits entstanden sind, nicht rückgängig machen. Darüber hinaus kann das Antitoxin, weil es aus Pferdeserum gewonnen wird, bei einigen Betroffenen eine allergische Reaktion (anaphylaktische Reaktion) auslösen oder zu einer anderen Form von Reaktion, der Serumkrankheit, führen.

Vorbeugung gegen Botulismus

  • gründliches Garen oder Erhitzen von Nahrungsmitteln

  • angemessene Lagerung und Handhabung von Nahrungsmitteln

Die Sporen von Clostridium botulinum sind extrem hitzeresistent; sie überstehen sogar mehrstündiges Kochen. Giftstoffe lassen sich dagegen durch Hitze leicht zerstören.

Lebensmittelvorräte, die unzureichend gekocht und anschließend gelagert wurden, führen oft zu Botulismus. Die Bakterien lassen Toxine wachsen, und zwar bei niedrigsten, typischen Kühlschranktemperaturen bis zu 3° C. Die kühle Aufbewahrung von Lebensmitteln garantiert daher nicht, dass diese unbedenklich sind.

Folgende Maßnahmen sollen gegen das Auftreten von lebensmittelbedingtem Botulismus helfen:

  • Abkochen von Lebensmitteln bei 80° C für 30 Minuten; Toxine werden dadurch fast immer zerstört

  • Konservierte Lebensmittel wegwerfen, wenn sie verdorben riechen oder aufgetrieben sind oder Flüssigkeiten aus ihnen austreten

  • Den Anweisungen zum Einmachen von Lebensmitteln der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) folgen

  • Hausgemachte Öle mit Knoblauch oder Kräutern kühl lagern und unverbrauchte Öle nach 4 Tagen wegwerfen

  • Gebackene Kartoffeln vor dem Servieren in Alufolie heiß aufbewahren

Wenn man sich nicht sicher ist, ob eine Dose entsorgt werden muss, sollte man die Dose auf Folgendes kontrollieren: ob sie aufgebläht, undicht, beschädigt, verfärbt ist oder schlecht riecht. Wenn die Frage besteht, ob eine Dose mit Lebensmitteln sicher ist, ist es besser, sie zu entsorgen als das Risiko einzugehen, an Botulismus zu erkranken.

Verseuchte Lebensmittel müssen sorgfältig entsorgt werden. Selbst wenn nur winzige Mengen Gift durch Verzehr, Einatmen oder durch die Augen oder eine Wunde auf der Haut in den Körper eindringen, kann eine ernste Erkrankung die Folge sein. Dabei sollte man die Lebensmittel möglichst nicht direkt berühren und sich anschließend gründlich die Hände waschen.

Wenn sich eine Wunde infiziert, ist ein Arztbesuch angebracht, um das Risiko des Wundbotulismus zu vermindern.

Weitere Informationen

Die folgende Quelle in englischer Sprache kann nützlich sein. Bitte beachten Sie, dass MSD MANUAL nicht für den Inhalt dieser Quelle verantwortlich ist.

  1. Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Home-canning instructions

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