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Aphasie

Von

Juebin Huang

, MD, PhD, Memory Impairment and Neurodegenerative Dementia (MIND) Center, University of Mississippi Medical Center

Inhalt zuletzt geändert Jul 2017
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Quellen zum Thema

Eine Aphasie ist eine Sprachstörung, die die Beeinträchtigung von Wortverständnis oder Wortproduktion oder nichtverbalen Entsprechungen von Wörtern umfasst. Sie resultiert aus einer Funktionsstörung der Sprachzentren in der Großhirnrinde und in den Basalganglien oder den verbindenden Bahnen in der weißen Substanz. Die Diagnose wird klinisch gestellt, häufig umfasst sie auch neuropsychologische Tets. Zur Identifizierung der Ursache wird eine Bildgebung des Gehirns (CCT, MRT) veranlasst. Die Prognose hängt von der Ursache und dem Ausmaß der Schädigung und dem Alter des Patienten ab. Es gibt keine spezifische Behandlung, jedoch kann eine logopädische Therapie die Wiederherstellung fördern.

Bei Rechtshändern und etwa zwei Drittel der Linkshänder, liegt die Sprachfunktion in der linken Hemisphäre. In dem anderen Drittel der Linkshänder, viel von Sprache-Funktion befindet sich in der rechten Hemisphäre. Kortikale Bereiche, die für die Sprache-Funktion verantwortlich sind:

  • Posterosuperiorer Temporallappen (welche das Wernicke-Areal enthalten)

  • Angrenzender inferiorer Parietallappen

  • Posteroinferiorer Teil des Frontallappens direkt vor dem motorischen Kortex (Broca-Areal)

  • Subkortikale Verbindungen zwischen diesen Regionen

Die Schädigung jedes Teils dieses etwa dreieckigen Areals (z. B. durch Infarkt, Tumor, Trauma oder Degeneration) beeinflusst Aspekte der Sprachfunktion.

Eine Prosodie (Qualität des Rhythmus und der Betonung, die der Sprache Bedeutung geben) wird meist von beiden Hemisphären beeinflusst, aber manchmal auch durch eine alleinige Störung der nichtdominanten Hemisphäre.

Eine Aphasie unterscheidet sich von einer Sprachentwicklungsstörung und von Funktionsstörungen der motorischen Bahnen und Muskeln, die für die Sprachproduktion verantwortlich sind (Dysarthrie).

Ätiologie

Aphasie ergibt sich n der Regel aus Störungen, die keine fortschreitende Schädigung verursachen (z. B. Schlaganfall, Schädeltrauma, Enzephalitis); in solchen Fällen verschlechtert sich die Aphasie nicht. Manchmal ist sie Folge einer progressiven Erkrankung (z. B. sich ausdehnender Hirntumor, Demenz); In solchen Fällen ist die Aphasie progressiv und verschlimmert sich.

Formen

Aphasien werden grob eingeteilt in rezeptive (sensorische) und expressive (motorische) Aphasien.

  • Rezeptive Aphasie (sensorische, flüssige oder Wernicke-Aphasie): die Patienten können weder Wörter verstehen noch auditorische, visuelle oder taktile Symbole erkennen. Sie wird durch eine Störung des posterosuperioren temporalen Gyrus der sprachdominanten Hemisphäre hervorgerufen (Wernicke-Areal). Häufig besteht auch eine Alexie (Verlust der Fähigkeit, Wörter zu lesen).

  • Expressive Aphasie (motorische, unflüssige oder Broca-Aphasie): Die Fähigkeit zur Wortbildung ist beeinträchtigt, das Wortverständnis und das Vermögen, begrifflich zu denken, sind dagegen relativ konserviert. Sie beruht auf einer Störung, die den dominanten linken frontalen oder frontoparietalen Bereich betrifft, inkl. des Broca-Areals. Sie verursacht häufig eine Agraphie (Verlust der Fähigkeit, zu schreiben) und behindert das Vorlesen.

Es gibt andere Arten von Aphasien (siehe Tabelle: Aphasietypen), die sich erheblich überschneiden können. Kein Aphasie-Klassifikationssystem ist ideal. Es ist oft am genauesten, die Art der Defizite zu beschreiben, um eine bestimmte Aphasie zu bezeichnen.

Tabelle
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Aphasietypen

Typ

Ort der verursachenden Läsion*

Häufige Ursachen

Sprachmuster

Anomisch

Läsion (meist klein) überall in den linkshemisphärischen Spracharealen

Verschiedene Störungen

Anomie (Unfähigkeit Objekte zu benennen) in der gesprochenen Sprache (führt zu inhaltsleerem, umschreibendem, paraphasischem Sprechen) und in der Schriftsprache, fließendes Sprechen, gutes Hör- und Leseverstehen, normale Wortwiederholung

Broca-Aphasie (unflüssig, expressiv, motorisch)

Große Läsion im linken frontalen oder frontoparietalen Bereich, inkl. des Broca-Areals

Infarkt

Blutung

Trauma

Tumor

Anomie in der gesprochenen und der geschriebenen Sprache, unflüssige Rede (mit langsamer, angestrengter Produktion, kurze Sätze, beeinträchtigte Prosodie und eingeschränkte Verwendung von Präpositionen und Konjunktionen), gutes Wortverständnis, beeinträchtigte Wortwiederholung, beeinträchtigtes Schreiben (Agraphie)

Leitungsbedingt

Subkortikale Läsion in der linken Hemisphäre, oft unterhalb des Gyrus temporalis superior oder unter dem unteren Parietallappen

Infarkt

Blutung

Tumor

Anomie (mit deutlichen Paraphasien), sonst fließendes Sprechen, gutes Wortverständnis, beeinträchtigte Wortwiederholung (mit häufigen Paraphasien), gutes Leseverständnis

Schreiben nicht beeinflusst

Global

Große Läsion im linken frontotemporoparietalen Bereich, inkl. des Broca- und Wernicke-Areals

Infarkt

Blutung

Trauma

Tumor

Schwere Anomie in der gesprochenen und der geschriebenen Sprache, unflüssiges Sprechen (oft mit geringem Output), geringes Wortverständnis, beeinträchtigte Wortwiederholung, Alexie, Agraphie

Transkortikal motorisch

Läsion im linken frontalen Bereich, mit Ausnahme des Broca- und des Wernicke-Areals

Infarkt

Enzephalitis

Blutung

Trauma

Tumor

Ähnlich der Broca-Aphasie, ausgenommen normale Wortwiederholung

Artikulation oft unbeeinflusst

Transkortikal sensorisch

Läsion im temporoparietalen Bereich, mit Ausnahme des Broca- und des Wernicke-Areals

Infarkt

Enzephalitis

Blutung

Trauma

Tumor

Ähnlich der Wernicke-Aphasie, ausgenommen normale Wortwiederholung

Wernicke-Aphasie (fließend, rezeptiv, sensorisch)

Große Läsion im linken temporoparietalen Bereich, inkl. Wernicke-Areal

Infarkt

Tumor

Anomie in der gesprochenen und der geschriebenen Sprache, fließendes Sprechen (mit Paraphasien, einer Vielzahl von grammatischen Formen, die aber oft wenig Sinn vermitteln), schlechtes Verständnis von gehörten und geschriebenen Wörtern, beeinträchtigte Wortwiederholung, Fehler beim Lesen (Alexie), fließende Agraphie

* Verursachende Läsion ist in der sprachdominanten Hemisphäre (meist links).

Paraphasische Sprache (Paraphasie) ist die Verwendung von falschen oder falsch ausgesprochenen Wörtern oder Wörtern in unsinnigen Kombinationen.

Symptome und Beschwerden

Anomia (die Unfähigkeit, Objekte zu benennen) tritt normalerweise bei allen Formen der Aphasie auf.

Wernicke Aphasie

Patienten mit Wenicke-Aphasie sprechen normale Wörter flüssig und verwenden dabei häufig bedeutungslose Phoneme, sie kennen jedoch die Bedeutung der Wörter oder ihre Bezüge untereinander nicht. Das Resultat ist ein "Wortsalat". Die Patienten sind sich typischerweise nicht bewusst, dass ihre Sprache für andere unverständlich ist.

Das auditive und schriftliche Verständnis ist beeinträchtigt. Patienten machen Lesefehler (Alexia). Das Schreiben ist fließend, hat aber viele Fehler und neigt dazu, inhaltliche Wörter zu vermissen (fließende Agraphie).

Eine Einschränkung des rechten Gesichtsfelds begleitet häufig eine Wernicke-Aphasie, weil die visuelle Bahn in der Nähe des betroffenen Areals verläuft.

Broca-Aphasie

Patienten mit Broca-Aphasie können verstehen und Begriffe relativ gut bilden, jedoch ist ihre Fähigkeit, Worte zu artikulieren, behindert. Die gestörte Sprachproduktion und Schreibfähigkeit (Agraphie, Dysgraphie) frustrieren die Patienten bei ihren Kommunikationsversuchen normalerweise sehr. Jedoch sind mündliche und schriftliche Kommunikation für den Patienten sinnvoll.

Broca-Aphasie kann Anomie (Unfähigkeit, Objekte zu benennen) und beeinträchtigte Prosodie und Wiederholung beinhalten. Das Schreiben ist beeinträchtigt.

Diagnose

  • Ausschluss anderer Kommunikationsprobleme

  • Untersuchungen am Krankenbett und neuropsychologische Tests

  • Bildgebung des Gehirns

In einer Unterhaltung können typischerweise ausgeprägte Aphasien identifiziert werden. Allerdings sollte der Arzt versuchen, Aphasien von Kommunikationsproblemen zu unterscheiden, die von einer schweren Dysarthrie oder durch Schwerhörigkeit, Fehlsichtigkeit (z. B. bei der Beurteilung der Leseleistung) oder eingeschränkten motorischen Fähigkeiten beim Schreiben herrühren.

Zu Beginn kann eine Wernicke-Aphasie irrtümlich für ein Delir gehalten werden. Jedoch ist die Wernicke-Aphasie eine reine Sprachstörung ohne andere Anzeichen eines Delirs (z. B. fluktuierender Bewusstseinszustand, Halluzinationen, Unaufmerksamkeit).

Die Untersuchung am Krankenbett zur Identifikation bestimmter Defizite sollte eine Erhebung der folgenden Punkte einschließen:

  • Spontansprache: Die Sprache wird überprüft auf Wortflüssigkeit, die Anzahl der gesprochenen Wörter, die Fähigkeit zur Sprachinitiation, spontane Irrtümer, Wortfindungspausen, Zögern und Prosodie.

  • Benennung: Die Patienten werden aufgefordert, Objekte zu benennen. Diejenigen, die damit Schwierigkeiten haben, verwenden oft Umschreibungen (z. B. "was man benutzt, um die Zeit anzugeben" für "Uhr").

  • Wiederholung: Die Patienten werden gebeten, grammatisch komplexe Sätze (z. B. "ohne wenn, und, aber") zu wiederholen.

  • Verstehen: Die Patienten werden aufgefordert, auf Objekte zu zeigen, die der Arzt benennt, einfache oder mehrstufige Kommandos zu befolgen und auf einfache und komplexe Ja-oder-Nein-Fragen zu antworten.

  • Lesen und Schreiben: Die Patienten werden gebeten, spontan zu schreiben und vorzulesen. Leseverständnis, Rechtschreibung und Schreiben nach Diktat werden bewertet.

Eine standardisierte neuropsychologische Untersuchung durch einen Neuropsychologen oder Logopäden kann leichter ausgeprägte Störungen entdecken und bei der Behandlungsplanung und Auslotung des Erholungspotenzials helfen. Es gibt diverse standardisierte Aphasietests (z. B. Boston Diagnostic Aphasia Examination, Western Aphasia Battery, Boston Naming Test, Token Test, Action Naming Test; Anm. d. Übers.: In Deutschland wird der Aachener Aphasie-Test durchgeführt).

Die Bildgebung (CT, MRT, mit oder ohne angiographische Sequenzen) ist zur Charakterisierung der Läsion (z. B. Infarkt, Hämorrhagie, Raumforderung) erforderlich. Wenn nötig, werden weitere Untersuchungen zur Klärung der Ursache der Läsion (z. B. Schlaganfalluntersuchung)durchgeführt.

Prognose

Genesung wird durch Folgendes beeinflusst:

  • Grund

  • Größe und Lage der Läsionen

  • Ausmaß des Sprachfehlers

  • Ansprechen auf die Therapie

  • In geringerem Maße, Alter, Bildung, und der allgemeine Gesundheitszustand des Patienten

Oft erreichen Kinder < 8 Jahre nach schwerer Schädigung wieder ihre Sprachfähigkeit durch die Funktionsübernahme der anderen Hemisphäre. Nach diesem Alter kommt es zur größten Erholung innerhalb der ersten 3 Monate, jedoch kann eine kontinuierliche Verbesserung unterschiedlichen Ausmaßes noch bis zu einem Jahr fortdauern.

Behandlung

  • Behandlung der Ursache

  • Sprachtherapie

  • Verstärkende Kommunikationhilfen

Behandlung bestimmter Läsionen kann sehr effektiv sein (z. B. Kortikosteroide, wenn eine Raumforderung ein vasogenes Ödem verursacht). Der Nutzen einer Behandlung der Aphasie alleine ist unklar, aber die meisten Kliniker sind der Ansicht, dass eine Behandlung durch qualifizierte Logopäden hilft, und dass Patienten, die möglichst bald nach Einsetzen der Schädigung behandelt werden, am meisten profitieren.

Patienten, die grundlegende Sprachfertigkeiten nicht mehr wiedererlangen können, und ihren Betreuern gelingt es manchmal, Nachrichten mit unterstütztenden Kommunikationshilfen zu vermitteln (z. B. ein Buch oder eine Kommunikationstafel, die Bilder oder Symbole des täglichen Bedarf eines Patienten zeigen, computergestützte Geräte).

Wichtige Punkte

  • Die Sprachefunktion liegt in der linken Hemisphäre bei Rechtshändern und bei zwei Drittel der Linkshänder.

  • Eine bestimmte Aphasie sollte durch die Beschreibung der Typen von Defiziten beschrieben werden, weil Typen von Aphasie überlappen und kein Klassifikationssystem ideal ist.

  • Werten Sie die Fähigkeit des Patienten, am Krankenbett zu benennen, zu wiederholen, zu verstehen, zu lesen, zu schreiben und führen sie eine Bildgebung des Gehirns durch, und ziehen sie neuropsychologische Tests in Betracht.

  • Wenn möglich erfolgt eine ursächliche Behandlung und logopädische Therapie sollte empfohlen werden.

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