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Übersicht zu Sexualfunktionen und Sexualstörungen der Frau

Von

Rosemary Basson

, MD, University of British Columbia and Vancouver Hospital

Inhalt zuletzt geändert Sep 2013
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Quellen zum Thema

Das Ergreifen der Initiative bei oder die Zustimmung zu sexueller Aktivität erfolgt bei Männern und Frauen aus zahlreichen Gründen, inklusive aus sexuellem Verlangen und körperlicher Lust sowie dem Erleben von Zuneigung, Liebe, Romantik oder Intimität. Allerdings ist die Motivation bei Frauen eher im emotionalen Bereich zu finden, wie z. B.

  • Um emotionale Intimität zu suchen und zu erfahren

  • Um ihr Wohlbefinden zu steigern

  • Um ihre Attraktivität zu bestätigen

  • Um dem Partner zu gefallen oder ihn besänftigen zu wollen

Insbesondere Frauen in festen Beziehungen spüren zunächst oft wenig oder kein sexuelles Verlangen, sondern sie erlangen es (responsives Verlangen), wenn die sexuelle Stimulation zur Erregung und Lust (subjektive Erregung) und zur Vasokongestion der Genitalorgane (physische genitale Erregung) führt. Das Verlangen nach sexueller Befriedigung, die mit einem oder mehreren Orgasmen oder ohne einen Orgasmus einhergehen kann, wächst mit Fortsetzen der sexuellen Aktivität und Intimität, und ein körperlich und emotional positives Erlebnis erfüllt und verstärkt die ursprünglichen Motivationen der Frau.

Der sexuelle Reaktionszyklus wird von ihrem mentalen Zustand und der Qualität der Beziehung zu ihrem Partner stark beeinflusst. Das anfängliche sexuelle Verlangen nimmt gewöhnlich mit zunehmendem Alter ab, steigt mit einem neuen Partner aber in jedem Alter wieder an.

Physiologie

Die sexuelle Reaktion umfasst folgende Phasen:

  • Motivation (einschließlich Verlangen)

  • Subjektive Erregung

  • Vasokongestion der Genitalorgane

  • Orgasmus

  • Rückbildung

Die Physiologie der sexuellen Reaktion bei der Frau wird nur teilweise verstanden, jedoch sind daran hormonelle und ZNS-Faktoren beteiligt.

Östrogene beeinflussen die sexuelle Reaktion. Es wird zwar angenommen, doch ist nicht gesichert, dass auch Androgene beteiligt sind und über Androgen- und Östrogenrezeptoren (nach intrazellulärer Umwandlung von Testosteron in Estradiol) wirken.

In der Postmenopause endet die ovarielle Östrogenproduktion, während ovarielle Androgenproduktion schwankt. Allerdings nimmt bei der Frau ab einem Alter von 30–40 Jahren die adrenale Produktion von Prohormonen (z. B. Dehydroepiandrosteronsulfat [DHEAS]) ab, die sowohl in Androgene als auch in Östrogene in den peripheren Zellen umgewandelt werden. Nach der Menopause nimmt auch die Produktion der Prohormone in den Ovarien ab. Ob diese Abnahme bei der Verminderung des sexuellen Verlangens, des Interesses oder der Erregung eine Rolle spielt, ist unklar.

Das Gehirn bildet Sexualhormone (Neurosteroide) aus Cholesterin, ihre Produktion kann sich nach der Menopause erhöhen. Es ist unklar, ob diese dokumentierte Zunahme allgemein zutrifft, ob sie die Erregung mit Abnahme der peripheren Produktion fördert und ob sie durch die Gabe von exogenen Hormonen beeinflusst wird.

Motivation

Motivation ist der Wunsch nach sexueller Aktivität. Es gibt viele Gründe für den Wunsch nach sexueller Aktivität, einschließlich das sexuelle Verlangen. Gedanken, Worte, visuelle Reize, Gerüche oder Berührung können ein Verlangen auslösen. Verlangen kann bereits zu Beginn vorhanden sein oder sich mit der sexuellen Erregung der Frau aufbauen.

Sexuelle Erregung

Hirnareale, die an der Kognition, Emotion, Motivation und Auslösung der genitalen Vasokongestion teilhaben, werden aktiviert. Es sind Neurotransmitter beteiligt, die an spezifische Rezeptoren binden. Aufgrund der den Arzneimitteln zugeschriebenen Wirkmechanismen und aufgrund von tierexperimentellen Studien wird angenommen, dass einige Neurotransmitter prosexuell sind; dazu gehören Dopamin, Noradrenalin und Melanocortin. Sexuell hemmend wirken in der Regel Serotonin sowie Prolaktin und γ-Aminobuttersäure (GABA).

Genitale Vasokongestion

Diese reflektorische vegetative Reaktion setzt innerhalb von Sekunden nach einem sexuellen Stimulus ein und löst eine Blutfüllung und Lubrikation des Genitales aus. Die Einschätzung des Gehirns, dass ein Stimulus biologisch sexuell – nicht notwendigerweise erotisch oder subjektiv erregend – ist, löst diese Reaktion aus. Glatte Muskelzellen dilatieren die Blutlakunen in Vulva und Klitoris sowie die vaginalen Arteriolen, wodurch der Blutfluss (Blutfüllung) und die Transsudation von interstitieller Flüssigkeit über das Vaginalepithel (Lubrikation) zunehmen. Frauen sind sich der genitalen Vasokongestion nicht immer bewusst; jüngere Frauen berichten häufig von Kribbeln und Pochen am Genital. Mit zunehmendem Alter verringert sich die basale Durchblutung des Genitales, jedoch kann die genitale Vasokongestion als Reaktion auf sexuelle Stimulation (z. B. durch erotische Videos) erhalten bleiben.

Orgasmus

Es kommt zu einer Erregungsspitze, die durch Kontraktionen der Beckenmuskeln alle 0,8 Sekunden und langsames Nachlassen der genitalen Vasokongestion charakterisiert ist. Obwohl die efferenten Fasern des thorakolumbalen Grenzstranges anscheinend eine Rolle spielen, ist ein Orgasmus sogar noch nach kompletter Durchtrennung des Rückenmarks möglich (wenn zur Zervixstimulierung ein Vibrator benutzt wird). Prolakin, ADH und Oxytocin werden beim Orgasmus freigesetzt und können zum nachfolgenden Gefühl von Wohlbefinden, Entspannung oder Müdigkeit beitragen (Rückbildung). Allerdings nehmen viele Frauen ein Gefühl von Wohlbefinden und Entspannung wahr, auch ohne einen Orgasmus zu erleben.

Rückbildung

Die Rückbildung ist ein Gefühl des Wohlbefindens und geht mit ausgedehnter Muskelentspannung oder Müdigkeit, die meist dem Orgasmus folgt, einher. Allerdings kann die Rückbildung nach starker sehr sexueller Erregung und Aktivität ohne Orgasmus langsam ablaufen. Viele Frauen können nach der Rückbildung auf erneute Stimulation nahezu ohne Verzögerung reagieren.

Einteilung

Die sexuelle Funktionsstörung der Frau kann mit reduzierten oder gesteigerten sexuellen Reaktionen einhergehen. Die Einteilung erfolgt anhand der Symptome. Es werden 5 Hauptgruppen verminderter Reaktionen und eine Hauptgruppe erhöhter Reaktionen (anhaltende genitale Erregung) unterschieden.

Störungen des sexuellen Verlangens bzw. Interesses sind der Mangel an oder die Abnahme von sexuellem Interesse, Verlangen, Gedanken und Fantasien sowie das Fehlen eines reaktiven Verlangens.

Eine Störung der sexuellen Erregung ist ein Mangel an subjektiver und/oder genitaler Erregung.

Bei einer Orgasmusstörung tritt ein Orgasmus trotz eines als hoch empfundenen sexuellen Erregungszustands entweder nicht auf, ist von stark herabgesetzter Intensität oder tritt als Reaktion auf Stimulation stark verzögert auf.

Unter Vaginismus versteht man die reflektorische Verengung des Introitus beim Versuch, ganz oder teilweise in die Vagina einzudringen, trotz eines von der Frau ausdrücklich bestätigten Wunsches nach Penetration, ohne dass strukturelle oder andere körperliche Anomalien vorleigen würden.

Als Dyspareunie werden Schmerzen während der versuchten oder vollzogenen vaginalen Penetration oder des Koitus bezeichnet. Provozierte Vestibulodynie (PVD, auch als Vestibulitis-Vulvae-Syndrom bezeichnet) ist die häufigste Form einer oberflächlichen (introitalen) Dyspareunie und ein chronisches Schmerzsyndrom, das mit veränderter Immunabwehr und Sensibilisierung des Nervensystems einhergeht.

Anhaltende genitale Erregung ist eine übermäßige genitale Erregung.

Eine Störung wird diagnostiziert, sobald die Frau unter den entsprechenden Symptomen leidet. Einige Frauen leiden nicht oder fühlen sich nicht gestört durch ein Nachlassen oder Fehlen von sexuellem Verlangen, Interesse, Erregung oder des Orgasmus.

Fast alle Frauen mit sexueller Funktionsstörung weisen Merkmale von mehr als einer Störung auf. Beispielsweise führt eine chronische Dyspareunie bei PVD oft zu Störungen des sexuellen Verlangens bzw. Interesses und der Erregbarkeit. Eine Störung der Erregbarkeit kann den Genuss beim Koitus einschränken oder Schmerzen verursachen und damit die Wahrscheinlichkeit eines Orgasmus und als Folge davon die sexuelle Motivation vermindern. Allerdings kann eine Dyspareunie durch gestörte Lubrikation auch als isoliertes Symptom bei Frauen mit ausgeprägtem sexuellen Verlangen, Interesse und subjektiver Erregung vorkommen.

Sexuelle Störungen der Frau lassen sich sekundär einteilen als lebenslang vorhanden oder erworben, situationsspezifisch oder ständig vorhanden sowie als leicht, mäßiggradig oder schwer, je nach Ausmaß des Leidens, das sie der Frau verursachen.

Obwohl es dazu nur wenige Untersuchungen gibt, treffen diese Störungen wohl für Frauen in heterosexuellen wie in homosexuellen Beziehungen gleichermaßen zu.

Ätiologie

Die übliche Trennung von psychischen und körperlichen Ätiologien ist künstlich. Psychische Belastung verursacht Veränderungen in der hormonellen und neurologischen Physiologie, und körperliche Veränderungen können zu psychischen Reaktionen, die die Störung begleiten, führen. Oft sind die Symptome auf mehrere Ursachen innerhalb und zwischen den verschiedenen Kategorien der sexuellen Funktionsstörung zurückzuführen, und die Ursache bleibt oft unklar.

Primär psychische Ursachen

Affektive Störungen sind eng mit geringem Verlangen und Erregung verbunden. Bei bis zu 80% der Frauen mit schweren Depressionen und sexueller Erregungsstörung bessert sich die sexuelle Erregungsstörung, wenn die Depressionen mit Antidepressiva effektiv behandelt werden. Sind die Antidepressiva allerdings unwirksam, bleibt die sexuelle Erregungsstörung bestehen oder verschlimmert sich sogar. Frauen mit Angststörung leiden auch häufiger an einer sexuellen Erregungsstörung, die das Verlangen, die Erregung und/oder den Orgasmus betreffen kann, oder an einer PVD. Verschiedene Ängste – des Loslassens, des Verletztwerdens, des Abgewiesenwerdens oder des Kontrollverlustes – und ein geringes Selbstwertgefühl können dazu beitragen.

Zurückliegende Erfahrungen können die psychosexuelle Entwicklung der Frau beeinflussen, wie beispielsweise:

  • Unangenehme sexuelle oder andere Erfahrungen können zu einem geringen Selbstwertgefühl oder zu Scham- oder Schuldgefühlen führen.

  • Emotionale, körperliche oder sexuelle Misshandlung während der Kindheit oder im Jugendalter kann Kinder lehren, ihre Emotionen zu kontrollieren und zu verbergen – ein nützlicher Verteidigungsmechanismus. Jedoch kann eine derartige Hemmung das Ausdrücken sexueller Gefühle später erschweren.

  • Der frühe traumatische Verlust eines Elternteils oder einer anderen geliebten Person kann die Intimität mit einem Sexualpartner aus Furcht vor einem erneuten Verlust hemmen.

Die Angst vor negativen Erlebnissen (z. B. ungewollte Schwangerschaft, sexuell übertragbare Krankheiten, Orgasmusunfähigkeit, erektile Dysfunktion des Partners) kann ebenfalls die sexuelle Reaktion beeinträchtigen.

Zu den kontextbezogenen Ursachen (solche, die die spezifische aktuelle Situation der Frau betreffen) gehören die folgenden:

  • Persönliche Ursachen: geringes sexuelles Selbstverständnis (z. B. durch Infertilität, vorzeitige Menopause oder operative Entfernung der Mamma, des Uterus oder eines anderen Körperteils, der während der sexuellen Aktivität eine Rolle spielt)

  • In der Beziehung liegende Ursachen: mangelndes Vertrauen, negative Gefühle oder herabgesetzte Anziehung zum Geschlechtspartner (z. B. aufgrund seines Verhaltens oder des zunehmenden Bewusstseins einer sich verändernden sexuellen Orientierung)

  • Sexuelle Ursachen: beispielsweise eine Umgebung, die als nicht ausreichend erotisch, privat oder sicher angesehen wird

  • Kulturelle Ursachen: beispielsweise kulturelle Einschränkungen in der Sexualität

Ablenkungen (z. B. von Familie, Arbeit oder Finanzen) können die Erregung beeinflussen.

Primär physische Ursachen

Verschiedene genitale Läsionen, systemische und hormonelle Faktoren sowie Arzneimittel können zu Störungen führen oder zu ihrer Entwicklung beitragen (siehe Tabelle: Physische Ursachen für Sexualstörungen der Frau).

Tabelle
icon

Physische Ursachen für Sexualstörungen der Frau

Kategorie

Ursache

Genitale Läsionen

Atrophische Vaginitis

Kongenitale Fehlbildungen

Genitaler Herpes simplex

Lichen sclerosus

Operationsbedingte Verengung des Introitus

Fibrose nach Bestrahlungstherapie

Rezidivierendes Einreißen der hinteren Kommissur

Vaginale Infektionen

Muskeldystrophien

Andere physische Ursachen

Bilaterale Ovarektomie bei prämenopausalen Frauen

Schwäche

Müdigkeit

Hyperprolaktinämie

Schilddrüsenerkrankungen, hypoadrenale Zustände, hypophysäre Zustände

Nervenschäden (z. B. durch Diabetes, multipler Sklerose, Rückenmarkstörungen)

Arzneimittel

Alkohol

Gonadotropin-releasing-Hormon-Agonisten

Antikonvulsiva

β-Blocker

Einige Antidepressiva, insbesondere SSRI

SSRI sind eine besonders häufige arzneimittelbedingte Ursache.

Zukünftig wird wohl nachgewiesen werden, dass Androgene die sexuelle Reaktion der Frau beeinflussen, die aktuelle Datenlage ist allerdings schwach. Es gibt Hinweise darauf, dass solche Frauen mäßig von einer Testosterongabe profitieren, die ein geringes Verlagen haben, aber in der Lage sind, sexuelle Befriedigung zu erfahren. Die Gesamt-Androgenaktivität (bestimmt über die Metaboliten) ist bei Frauen mit oder ohne Verlangen ähnlich.

Alkoholabhängigkeit kann Sexualstörungen verursachen.

Diagnose

  • Befragung beider Partner, einzeln und gemeinsam

  • Gynäkologische Untersuchung, insbesondere um die Ursachen der Dyspareunie zu klären

Die Diagnose der sexuellen Funktionsstörung und ihrer Ursachen beruht auf der Anamnese und der körperlichen Untersuchung. Im Idealfall werden die Anamnesen beider Partner erhoben, die sowohl zusammen als auch getrennt befragt werden sollten. Zunächst wird die Frau dazu aufgefordert, das Problem mit eigenen Worten zu schildern; spezifische Inhalte sollten berücksichtigt werden (siehe Tabelle: Inhalte der Sexualanamnese bei der Abklärung der sexuellen Funktionsstörung der Frau). Auf kritische Punkte (z. B. negative sexuelle Erlebnisse in der Vergangenheit, negatives Selbstverständnis), die beim ersten Besuch identifiziert werden, kann man in einer nachfolgenden Konsultation eingehen.

Tabelle
icon

Inhalte der Sexualanamnese bei der Abklärung der sexuellen Funktionsstörung der Frau

Gebiet

Spezifische Inhalte

Medizinische Anamnese (vergangene und aktuelle Beschwerden)

Allgemeiner Gesundheitszustand (einschließlich körperliche Energie, Stress- und Angstniveau, psychiatrische Vorgeschichte und Stimmung), Arzneimittel, Schwangerschaften, Schwangerschaftsabbrüche, STD, Kontrazeption, Safer Sex

Beziehung zum Partner

Sexuelle Orientierung, emotionale Intimität, Vertrauen, Respekt, Anziehungskraft, Kommunikation, Treue, Wut, Feindseligkeit, Groll

Aktuelle sexuellen Situation

Sexualfunktionen des Partners, Ablauf der Stunden vor dem Versuch der sexuellen Aktivität, Fragen nach ausreichender sexueller Stimulation, nach der Güte der sexuellen Kommunikation und nach dem Zeitpunkt (z. B. zu spät in der Nacht, unter zeitlichem Druck), mangelnde Privatsphäre

Auslöser von Verlangen und Erregung

Der Rahmen; visuelle, geschriebene und gesprochene sexuelle Hilfen; Aktivitäten (z. B. gemeinsames Duschen, Tanzen, Musik); Stimulationmethoden (nichtkörperliche, körperlich nichtgenitale, nichtpenetrativ genitale)

Erregungsdämpfer

Müdigkeit, Stress, Angst, Depression, negative sexuelle Erfahrungen in der Vergangenheit, Ängste vor den Folgen (einschließlich Kontrollverlust, Schmerzen, ungewollte Schwangerschaft und Infertilität), Alltagsablenkungen

Orgasmus

Tritt ein oder bleibt aus, Reaktion bei Ausbleiben (ist die Frau seelisch belastet oder nicht), unterschiedliche Reaktionen auf den Partner und auf Masturbation

Folgezustand

Emotionale und körperliche Befriedigung oder Unzufriedenheit

Qualität und Lokalisation der Koitusschmerzen

Brennend, zerreißend, reibend, dehnend oder stumpf

Oberflächlich (introital) oder tief im Becken

Zeitpunkt der Koitusschmerzen

Bei partiellem oder vollständigem Einführen, tiefem Vordringen, Bewegung des Penis oder Ejakulation des Mannes; unmittelbar nach der Penetration oder beim Wasserlassen nach dem Koitus

Selbstverständnis

Selbstsicherheit, Gefühle bezüglich der eigenen Attraktivität, des Körpers, des Genitales oder der sexuellen Kompetenz

Kindheitsanamnese

Beziehung zu Pflegepersonen und Geschwistern, Traumata, Verlust von geliebten Personen, Misshandlung (emotionale, körperliche oder sexuelle), Folgen des Ausdrucks von Emotionalität in der Kindheit, kulturelle oder religiöse Beschränkungen

Sexuelle Erfahrung in der Vergangenheit

Art (gewünscht, gezwungen und/oder misshandelt), subjektive Erfahrung (beglückend, abwechslungsreich und angenehm), Folgen (positive oder negative, z. B. ungeplante Schwangerschaft, sexuell übertragbare Krankheiten, Missbilligung durch die Eltern oder die Gesellschaft, Schuld aufgrund religiöser Anschauung)

Persönlichkeitsfaktoren

Fähigkeit zum Vertrauen, Behagen beim Ausgeliefertsein; unterdrückte Wut, die zur Unterdrückung sexueller Emotionen führt; Bedürfnis nach Kontrolle, unangemessene Erwartungen an sich selbst, erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber Selbstverletzungen (d. h. Sorge vor Schmerzen, die die Freude hemmt), Besessenheit, Angst, Hang zu Depressivität

STD = sexuell übertragbare Krankheiten (sexually transmitted diseases).

Die körperliche Untersuchung ist am wichtigsten, um die Ursachen einer Dyspareunie zu bestimmen; die Technik kann sich von der einer routinemäßigen gynäkologischen Untersuchung geringfügig unterscheiden. Eine Beschreibung der Vorgehensweise bei der Untersuchung kann der Frau helfen, sich zu entspannen, und sollte auch während der Untersuchung fortgesetzt werden. Die Frau sollte gefragt werden, ob sie aufrecht sitzen und ihre Geschlechtsorgane während der Untersuchung in einem Spiegel anschauen möchte; dies vermittelt der Frau das Gefühl, die Situation unter Kontrolle zu haben.

Die mikroskopische Beurteilung des Vaginalsekrets als Nativpräparat und nach Gram-Färbung sowie das Anlegen einer Kultur oder einer DNA-Sonde auf Neisseria gonorrhoeae und Chlamydien sind indiziert, wenn Anamnese oder Untersuchung Hinweise auf Vulvitis, Vaginitis oder PID liefert.

Obwohl eine verringerte Östrogenaktivität zu sexueller Dysfunktion beitragen kann, ist die Messung dieses Parameters nur selten indiziert. Ein niedriger Östrogenwert wird klinisch nachgewiesen. Die Sexualfunktionen korrelieren nicht mit den Testosteronspiegeln, unabhängig davon, wie sie gemessen wurden. Besteht ein klinischer Verdacht auf Hyperprolaktinämie, wird der Prolaktinspiegel bestimmt. Wird eine Schilddrüsenerkrankung vermutet, werden entsprechende Tests durchgeführt; bei Verdacht auf Hypothyreose wird TSH und auf Hyperthyreose Thyroxin (T4) bestimmt, gelegentlich auch andere Schilddrüsenwerte.

Behandlung

  • Aufklärung des Paares über die weibliche sexuelle Reaktion

  • Korrektur der ursächlichen Faktoren

  • Ersatz der SSRI durch andere Antidepressiva oder zusätzliche Gabe von Bupropion

  • Psychotherapien

Die Therapie richtet sich nach Diagnose und Ursache; oft wird aufgrund der Überlappung der Erkrankungen mehr als eine Therapiemodalität eingesetzt. Ein einfühlsamer Umgang mit der Patientin und eine sorgfältige Untersuchung können an sich schon therapeutisch wirksam sein. Ursächliche Faktoren werden, wenn möglich, korrigiert. Affektive Störungen werden behandelt. Es kann auch hilfreich sein, die Faktoren, die an der weiblichen sexuellen Reaktion beteiligt sind, zu erklären.

Da SSRI zu verschiedenen Arten der sexuellen Funktionsstörung beitragen können, kann man eine Umstellung auf Antidepressiva erwägen, die weniger Nebenwirkungen auf das Sexualleben haben (z. B. Bupropion, Moclobemid, Mirtazapin, Duloxetin). Alternativ kann die kombinierte Gabe von Bupropion und selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer hilfreich sein kann.

Hauptsäule der Therapie ist die Psychotherapie. Kognitive Verhaltenstherapie zielt auf das negative und oft äußerst geringe Selbstwertgefühl aufgrund von Krankheit (einschließlich gynäkologische Erkrankungen) oder Infertilität ab.

Achtsamkeit (engl. mindfulness), eine östliche Methode mit Ursprung in der buddhistischen Meditation, kann wirksam sein. Sie konzentriert sich auf das wertfreie Bewusstsein des gegenwärtigen Moments. Durch ihre Anwendung werden Frauen in die Lage versetzt, sich nicht von Dingen ablenken zu lassen, die die Konzentration auf sexuelle Empfindungen beeinflussen. Achtsamkeit verringert Sexualstörungen bei gesunden Frauen und bei Frauen mit Tumor im Beckenbereich oder mit provozierter Vestibulodynie. Frauen können in sozialen Einrichtungen oder mittels Angebote im Internet die Anwendung der Achtsamkeit erlernen. Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie (MBCT) kombiniert eine spezielle Variante der kognitiven Verhaltenstherapie mit Achtsamkeit. Analog der kognitiven Verhaltenstherapie werden Frauen ermutigt, maladaptive Gedanken zu identifizieren, aber ihr Vorhandensein einfach nur zu beobachten, um dann festzustellen, dass es sich nur um mentale Ereignisse handelt und sie nicht die Realität widerspiegeln. Durch diese Methode können solche Gedanken weniger ablenkend sein. MBCT kann wiederkehrende Depressionen vorbeugen und in einer angepassten Form zur Behandlung von sexuellen Erregungsstörungen und von Störungen des sexuellen Verlangens/Interesses sowie des chronischen Schmerzes bei provozierter Vestibulodynie eingesetzt werden.

Wichtige Punkte

  • Meist spielen psychische und physische Faktoren bei der Entwicklung einer Sexualstörung der Frau eine Rolle; durch Interaktion kann sich die Störung verschlechtern.

  • Zu den psychischen Faktoren gehören affektive Störungen, Auswirkungen früherer Erfahrungen, Bedenken hinsichtlich negativer Folgen, besondere Umstände der Frau (z. B. geringes sexuelles Selbstverständnis) und Ablenkungen.

  • Zu den physischen Faktoren gehören genitale Läsionen, systemische und hormonelle Faktoren und Arzneimittel (insbesondere SSRI).

  • Beide Partner werden einzeln und gemeinsam befragt.

  • Meist kommt eine Psychotherapie (z. B. kognitive Verhaltenstherapie, Achtsamkeit, eine Kombination der beiden Methoden [MBCT]) zur Anwendung.

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