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Polyneuropathie

Von

Michael Rubin

, MDCM, New York Presbyterian Hospital-Cornell Medical Center

Letzte vollständige Überprüfung/Überarbeitung Dez 2020| Inhalt zuletzt geändert Dez 2020
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Eine Polyneuropathie liegt vor, wenn gleichzeitig mehrere periphere Nerven im Körper nicht richtig funktionieren.

  • Infektionen, Toxine, bestimmte Arzneimittel, Krebs, Nährstoffmangel, Diabetes, Autoimmunerkrankungen und andere Erkrankungen können eine Fehlfunktion vieler peripheren Nerven zur Folge haben.

  • Es kommt eventuell zu Empfindungsverlust, Schwäche oder zu beiden Symptomen, zuerst in den Füßen und Händen und anschließend in den Armen, Beinen oder dem Rumpf.

  • Die Diagnose lässt sich anhand der Ergebnisse von Elektromyographie, Messungen der Nervenleitungsgeschwindigkeit sowie Blut- und Urintests nachweisen.

  • Wenn es bei der Behandlung der ursächlichen Störung nicht zu einer Beseitigung der Symptome kommt, ist der Einsatz von Physiotherapie, bestimmten Arzneimitteln und anderen Maßnahmen sinnvoll.

Polyneuropathie kann folgende Ausprägungen haben:

  • Akut (plötzlicher Beginn)

  • chronisch (langsame Entwicklung, oft über Monate oder Jahre hinweg).

Ursachen

Eine Akute Polyneuropathie ist auf viele Ursachen zurückzuführen:

  • Infektion aufgrund eines von Bakterien produzierten Toxins, wie bei Diphterie

  • Eine Autoimmunreaktion (wenn körpereigene Gewebe angegriffen werden), wie beim Guillain-Barré-Syndrom

  • Bestimmte Toxine, z. B. Trikresylphosphat (TOCP) und Thallium

Die Ursache für eine chronische Polyneuropathie ist häufig unbekannt. Zu den bekannten Ursachen gehören:

Die häufigste Form der chronischen Polyneuropathie ist oft auf mangelnde Kontrolle des Blutzuckerspiegels bei Diabetikern zurückzuführen. Ein übermäßiger Konsum von Alkohol kann jedoch auch eine Rolle spielen.

Der Begriff diabetische Neuropathie umfasst alle Formen der Polyneuropathie, die auf Diabetes zurückzuführen sind. (Diabetes kann auch Mononeuropathie oder multiple Mononeuropathie auslösen, die typischerweise zu einer Muskelschwäche der Oberschenkel und Augen führt.)

Einige Menschen leiden an einer hereditären Form von Polyneuropathie.

Abhängig von der Ursache können sich Polyneuropathien auf folgende Bereiche des Körpers auswirken:

  • Motorische Nerven (die die Bewegung der Muskeln kontrollieren)

  • Sensorische Nerven (die die sensorischen Informationen weiterleiten)

  • Hirnnerven (die Kopf, Gesicht, Augen, Nase, Muskeln und Ohren mit dem Gehirn verbinden)

  • Autonome Nerven (die unwillkürliche Funktionen wie Blutdruck und Herzfrequenz steuern)

  • Eine Kombination der oben genannten Infektionen

Eine Polyneuropathie kann durch Schäden an den folgenden Stellen entstehen:

  • Myelinscheide (die Membranen, die das Axon umgeben und die rasche Übermittlung von Impulsen ermöglichen), wie beim Guillain-Barré-Syndrom

  • Die Blutversorgung des Nervs, wie bei einer Vaskulitis (Entzündung der Blutgefäße)

  • Axon (der lange Zweig des Nervs, der Nachrichten weiterleitet), wie bei Diabetes oder Niereninsuffizienz

Symptome

Die Symptome der Polyneuropathie können - je nach Ursache - plötzlich auftreten (akut, über einige Tage bis zu einigen Wochen) oder sie entwickeln sich langsam und treten über einen längeren Zeitraum auf (chronisch, über Monate oder Jahre).

Akute Polyneuropathien (wie beim Guillain-Barré-Syndrom oder der Lyme-Borreliose oder im Zusammenhang mit Toxinen) setzen plötzlich in beiden Beinen ein und schreiten rasch nach oben bis in die Arme fort. Zu den Symptomen gehören Schwäche und Kribbeln oder Empfindungsverlust. Oft ist die Atemmuskulatur betroffen, was zu Ateminsuffizienz führt.

Viele chronische Polyneuropathien wirken sich hauptsächlich auf das Empfindungsvermögen aus. Gewöhnlich sind anfangs die Füße betroffen, manchmal aber auch die Hände. Prickeln, Taubheit, brennender Schmerz und Verlust des Vibrationsempfindens und des Lagesinns (Unfähigkeit, die Arme und Beine zu spüren) sind die auffälligsten Symptome. Da die Betroffenen die Lage ihrer Gelenke nicht spüren, gehen sie wackelig und stehen nicht sicher. Dabei werden oft die Muskeln nicht benutzt. Sie werden also letztendlich schwach und verkümmern. Das führt eventuell zu ihrer Steife und andauernden Verschrumpfung (Kontrakturen).

Eine diabetische Neuropathie führt gewöhnlich zu einem schmerzhaften Kribbeln oder Brennen in den Händen und Füßen – distale Polyneuropathie. Die Schmerzen werden oft nachts heftiger und verstärken sich durch Berührung oder Temperaturschwankungen. Es kommt eventuell zum Verlust des Temperatur- und Schmerzempfindens, sodass die Betroffenen sich leicht verbrennen und durch längere Druckeinwirkung oder Verletzungen Hautgeschwüre entwickeln. Dabei fehlen auch Schmerzen, die vor übermäßiger Belastung warnen, sodass es häufiger zu einer Verletzung der Gelenke kommt. Diese Art von Gelenksschädigung wird als neurogene Arthropathie bezeichnet (Charcot-Gelenke).

Häufig entwickeln sich zusätzlich Auffälligkeiten im vegetativen Nervensystem, das die automatisch ablaufenden Körperfunktionen regelt (wie Blutdruck, Herzschlag, Darmfunktion, Speichelbildung und Blasenkontrolle). Typische Beschwerden sind Verstopfung, Störung der Sexualfunktion und fluktuierender Blutdruck – am auffälligsten ist ein plötzlicher Abfall des Blutdrucks beim Aufstehen (orthostatische Hypotonie). Die Haut kann blass und trocken werden; möglicherweise wird weniger Schweiß abgesondert. Seltener tritt ein Verlust der Blasen- und Darmkontrolle auf, was zu Harn- und Stuhlinkontinenz führt.

Menschen, die an einer erblichen Polyneuropathie leiden, können Hammerzehen, Hohlfuß und eine verkrümmte Wirbelsäule (Skoliose) haben. Symptome wie ungewöhnliche sensorische Empfindungen und Muskelschwäche sind meistens nur leicht ausgeprägt. Patienten mit leichten Symptomen nehmen diese unter Umständen gar nicht wahr oder beachten sie nicht. Andere Patienten sind stark betroffen.

Eine völlige Heilung ist durch die Ursache der Polyneuropathie bedingt.

Diagnose

  • Untersuchung durch den Arzt

  • Elektromyographie und Messung der Nervenleitungsgeschwindigkeit

  • Blut- und Urintests zur Ursachenfeststellung

Eine chronische Polyneuropathie lässt sich in der Regel an den Symptomen erkennen. Eine körperliche Untersuchung kann bei der Diagnose der Polyneuropathie und Ursachenfindung helfen.

In der Regel werden Elektromyographie und Messungen der Nervenleitungsgeschwindigkeit durchgeführt, insbesondere in Beinen und Füßen. Diese Tests können durchgeführt werden, um:

  • Eine Polyneuropathie zu bestätigen

  • Ihren Schweregrad zu bestimmen

  • Zu bestimmen, ob motorische Nerven, sensorische Nerven oder eine Kombination beider Arten beteiligt sind

  • Festzustellen, welche Art von Schädigung das Problem verursacht—ob beispielsweise die Myelinscheide um die Nerven geschädigt ist (genannt Demyelinisation)

Nach der Diagnosestellung ist die – ggf. heilbare – Ursache der Polyneuropathie zu erkennen. Es wird nach ähnlichen Symptomen sowie ihrer Entwicklungsgeschwindigkeit gesucht. Diese Informationen geben Aufschluss über mögliche Ursachen.

Blut- und Urinuntersuchungen geben eventuell Aufschluss darüber, was die Polyneuropathie hervorruft, z. B. Diabetes, Niereninsuffizienz oder eine Schilddrüsenunterfunktion.

Manchmal ist eine Nerven- oder Muskelbiopsie notwendig.

Polyneuropathie an den Händen und Füßen ist manchmal der erste Hinweis auf Diabetes.

Manchmal, wenn sich nach umfassenden Untersuchungen keine auffällige Ursache nachweisen lässt, ist die Neuropathie auf eine erbliche Form zurückzuführen, von der zwar andere Familienangehörige leicht betroffen sind, die aber nie bei ihnen diagnostiziert wurde.

Bei einer weit verbreiteten, sich rasch verstärkenden Schwäche werden andere Tests durchgeführt:

  • Eine Spinalpunktion (Lumbalpunktion) wird durchgeführt, um eine Probe der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit zu entnehmen, die das Gehirn und das Rückenmark umgibt. Ein hoher Eiweißgehalt bei gleichzeitigem Mangel oder Fehlen von weißen Blutkörperchen in der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit deutet auf eine Autoimmunerkrankung als Ursache der Demyelinisation, wie das Guillain-Barré-Syndrom, hin.

  • Mit einer Spirometrie wird festgestellt, ob die Atmungsmuskulatur betroffen ist. Mit der Spirometrie wird gemessen, welches Luftfassungsvermögen die Lunge aufweist und wie schnell die Luft wieder ausgeatmet werden kann.

Behandlung

  • Behandlung der Krankheitsursache

  • Schmerzbehandlung

  • Manchmal Physio- und Ergotherapie

Eine spezifische Behandlung der Polyneuropathie ist durch folgende Ursachen bedingt:

  • Diabetes: Durch sorgfältige Kontrolle des Blutzuckerspiegels wird das Fortschreiten der Krankheit aufgehalten, und gelegentlich werden auch die Symptome beseitigt. Die Durchführung einer Transplantation von Inselzellen ( Insulin produzierenden Zellen), die sich in der Bauchspeicheldrüse befinden, führt manchmal zur Heilung von Diabetes und zu einer Abschwächung der Neuropathie.

  • Multiples Myelom, Leber- oder Niereninsuffizienz: Die Behandlung dieser Störungen führt eventuell langsam zur Heilung.

  • Krebs: Die operative Entfernung des Krebses kann die Neuropathie lindern.

  • Schilddrüsenunterfunktion: Schilddrüsenhormon wird eingesetzt.

  • Autoimmunerkrankungen: Die Behandlung umfasst Kortikosteroide, Arzneimittel, die das Immunsystem unterdrücken (Immunsuppressiva), Plasmaaustausch (Filtern der Giftstoffe aus dem Blut, z. B. anormale Antikörper) und intravenöse Gabe von Immunglobulin (eine Lösung aus vielen verschiedenen Antikörpern, gesammelt aus einer Spendergruppe).

  • Arzneimittel und Toxine: Das Absetzen des Arzneimittels oder Vermeiden einer Exposition gegenüber dem Toxin kann die Polyneuropathie mitunter rückgängig machen. Manche toxischen Wirkungen lassen sich durch entsprechende Gegenmittel beseitigen.

  • Übermaß an Vitamin-B6: Das Absetzen des Vitamins führt eventuell zur Heilung.

Lässt sich die Ursache nicht beseitigen, liegt der Schwerpunkt der Behandlung auf der Beseitigung der Schmerzen und der Muskelschwäche. Physiotherapie verringert manchmal die Muskelsteife und kann verhindern, dass sich die Muskeln verkürzen und steif werden. Dazu empfehlen Physio- und Ergotherapeuten die richtigen Hilfsgeräte.

Einige Arzneimittel, obwohl sie keine reinen schmerzlindernden Wirkstoffe enthalten, führen zur Beseitigung der von Nervenschädigung hervorgerufenen Schmerzen. Dazu gehören das Antidepressivum Amitriptylin, die Antiepileptika Gabapentin und Pregabalin sowie Mexiletin (zur Therapie von Herzrhythmusstörungen). Positiv wirkt auch Lidocain, ein Betäubungsmittel, welches in Form einer Lotion, einer Salbe oder eines Hautpflasters Anwendung findet.

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