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Depersonalisations-/Derealisationsstörung

Von

David Spiegel

, MD, Stanford University School of Medicine

Letzte vollständige Überprüfung/Überarbeitung Mrz 2019| Inhalt zuletzt geändert Mrz 2019
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Unter Depersonalisations-/Derealisationsstörung versteht man ein anhaltendes oder immer wiederkehrendes Gefühl, vom eigenen Körper oder Denken (Depersonalisation) und/oder von der eigenen Umgebung (Derealisation) losgelöst zu sein.

  • Die Störung wird üblicherweise durch erhebliche Belastung ausgelöst, insbesondere durch emotionalen Missbrauch oder Vernachlässigung in der Kindheit, oder durch andere schwer belastende Situationen (beispielsweise durch körperlichen Missbrauch oder Miterleben von körperlichem Missbrauch).

  • Gefühle der Entfremdung vom Selbst oder der Umgebung können in regelmäßigen Abständen oder kontinuierlich auftreten.

  • Diagnostiziert wird die Störung auf der Basis von Symptomen, nachdem durch Untersuchungen andere mögliche Ursachen ausgeschlossen wurden.

  • Eine Psychotherapie, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie, ist oft hilfreich.

Ein vorübergehendes Gefühl der Depersonalisation und/oder Derealisation ist häufig. Ungefähr die Hälfte der Personen haben sich zu irgendeinem Zeitpunkt schon einmal von sich selbst (Depersonalisation) oder der Umgebung (Derealisation) losgelöst gefühlt. Dieses Gefühl tritt häufig nach folgenden Situationen auf

  • Erleben von lebensbedrohlichen Gefahren

  • Konsumieren bestimmter Drogen (beispielsweiseMarihuana, Halluzinogene, Ketamine oder Ecstasy)

  • Extreme Müdigkeit

  • Entzug von Schlaf oder sensorischer Stimulation (wie beispielsweise auf der Intensivstation)

Depersonalisation oder Derealisation können auch als Symptom bei vielen anderen psychischen Erkrankungen sowie bei körperlichen Erkrankungen wie Anfallkrankheiten auftreten.

Gefühle der Depersonalisation/Derealisation werden als Störung betrachtet, wenn Folgendes zutrifft:

  • Die Depersonalisation oder Derealisation tritt von selbst auf (d. h, sie wird nicht durch Drogen/Medikamente oder andere psychische Störungen verursacht) und dauert an oder tritt wiederholt auf.

  • Die Symptome werden von der betroffenen Person als quälend empfunden oder beeinträchtigen die Lebensweise zu Hause oder bei der Arbeit.

Die Depersonalisations-/Derealisationsstörung kommt in etwa gleichermaßen bei Männern und Frauen vor und betrifft etwa 2 Prozent der Bevölkerung.

Die Störung kann erstmals im frühen oder mittleren Kindesalter auftreten. Sie kommt selten erstmalig nach einem Alter von 40 Jahren vor.

Ursachen

Die Depersonalisations-/Derealisationsstörung entwickelt sich häufig bei Personen, die schweren Belastungen ausgesetzt waren, wie beispielsweise:

  • Emotionaler Missbrauch oder Vernachlässigung während der Kindheit

  • Körperlicher Missbrauch

  • Erleben von häuslicher Gewalt

  • Ein Elternteil war schwer beeinträchtigt oder psychisch krank

  • Unerwarteter Tod einer geliebten Person

Die Symptome können durch hohe Belastung (beispielsweise in Beziehungen, Finanzen oder Arbeit), Depression, Angststörungen oder den Konsum illegaler oder von Freizeitdrogen ausgelöst werden. Bei 25 bis 50 Prozent der Fälle ist die Belastung jedoch relativ gering oder kann nicht identifiziert werden.

Symptome

Die Symptome einer Depersonalisations-/Derealisationsstörung können nach und nach oder plötzlich auftreten. Die Episoden können lediglich über Stunden oder Tage oder aber über Wochen, Monate oder Jahre anhalten. Sie beinhalten Depersonalisation, Derealisation oder beides.

Die Intensität der Symptome schwankt häufig. Wenn die Störung jedoch schwer ist, kann es zu Symptomen kommen, die über Jahre oder sogar Jahrzehnte die gleiche Intensität aufweisen.

Die Symptome einer Depersonalisation umfassen Folgendes:

  • Man fühlt sich losgelöst von seinem Körper, seinem Geist, seinen Gefühlen und/oder seinen Empfindungen

Die Betroffenen berichten möglicherweise, dass sie sich unwirklich oder wie ein Automat fühlen, und keine Kontrolle darüber haben, was sie tun und sagen. Eventuell fühlen sie sich emotional oder körperlich wie betäubt. Die betroffenen Personen beschreiben sich wie ein außenstehender Beobachter ihres eigenen Lebens oder als „Zombie“.

Die Symptome einer Derealisation umfassen Folgendes:

  • Gefühl, von der Umgebung, die als unwirklich empfunden wird, (Personen, Objekte oder alles) losgelöst zu sein

Sie fühlen sich möglicherweise wie in einem Traum oder Nebel, oder als würden sie durch eine Glasscheibe oder einen Schleier vom Rest der Welt abgeschnitten. Die Welt erscheint leb- und farblos oder künstlich. Die Welt kann verzerrt wirken. So erscheinen Gegenstände möglicherweise verschwommen oder ungewöhnlich klar, sie sehen flach aus oder kleiner oder größer als sie tatsächlich sind. Geräusche können lauter oder leiser wahrgenommen werden, als sie sind. Die Zeit scheint möglicherweise zu langsam oder zu schnell zu verstreichen.

Die Symptome verursachen fast immer großes Unbehagen. Manche Betroffene finden sie unerträglich. Angst und Depressionen sind häufig. Viele Betroffene haben Angst, dass die Symptome durch einen unheilbaren Hirnschaden hervorgerufen wurden. Manche fragen sich, ob sie tatsächlich existieren oder prüfen wiederholt, ob ihre Wahrnehmungen real sind.

Stress, ein Verschlimmern der Depression oder Angst, neue oder reizüberflutende Umgebungen und Schlafmangel können die Symptome verschlimmern.

Die Symptome sind oft anhaltend. Sie können

  • sich in Episoden wiederholen (bei ca. einem Drittel der Betroffenen)

  • fortlaufend auftreten (bei ca. einem Drittel)

  • chronisch werden (bei ca. einem Drittel)

Die Betroffenen haben oft große Schwierigkeiten, ihre Symptome zu beschreiben, und fürchten oder glauben, dass sie verrückt werden. Sie sind sich jedoch immer bewusst, dass ihre Erlebnisse des Losgelöstseins nicht real sind, sondern einfach die Art und Weise, wie sie sich fühlen. Es ist dieses Bewusstsein, das Depersonalisations-/Derealisationsstörungen von psychotischen Störungen trennt. Menschen mit psychotischen Störungen fehlt diese Erkenntnis immer.

Diagnose

  • Untersuchung durch den Arzt

  • Manchmal Untersuchungen zum Ausschluss anderer Ursachen

Ärzte vermuten diese Störung aufgrund von Symptomen:

  • Patienten haben Episoden mit Depersonalisation, Derealisation oder beidem, die eine lange Zeit andauern oder erneut auftreten.

  • Die Betroffenen sind sich bewusst, dass ihre unwirklichen Erlebnisse nicht real sind.

  • Die Symptome belasten die Betroffenen sehr oder beeinträchtigen die Lebensweise der Betroffenen in sozialen Situationen oder am Arbeitsplatz.

Um andere Störungen, die diese Symptome auslösen können, auszuschließen, einschließlich anderer psychischer Gesundheitsstörungen, Anfallkrankheiten und Substanzmissbrauch, werden eine körperliche Untersuchung und manchmal weitere Tests durchgeführt. Die Tests können eine Magnetresonanztomographie (MRT), Computertomographie (CT), Elektroenzephalographie (EEG) und Blut- und Urintests auf Drogen beinhalten.

Psychologische Tests und speziell strukturierte Gespräche und Fragebögen können den Ärzten ebenfalls bei der Diagnose helfen.

Prognose

Für viele Menschen mit einer Depersonalisations-/Derealisationsstörung ist eine vollständige Genesung möglich, insbesondere dann, wenn die Symptome durch Belastungen verursacht wurden, die während einer Behandlung aufgearbeitet werden können. Andere sprechen nicht gut auf eine Behandlung an und die Störung wird chronisch. Bei manchen Menschen klingt die Depersonalisations-/Derealisationsstörung von selbst ab.

Die Symptome, einschließlich der, die andauern oder wiederholt auftreten, verursachen möglicherweise nur geringe Probleme, wenn die Betroffenen ihren Geist beschäftigen und die Gedanken auf andere Aktivitäten lenken, anstatt über ihr Empfinden des Selbst nachzudenken. Einige Personen fühlen sich von ihrem Selbst und ihrer Umgebung jedoch derart gelöst oder leiden außerdem noch an Angststörungen oder Depressionen, dass sie nicht länger funktionsfähig sind.

Behandlung

  • Psychotherapie

  • Gelegentlich angstlösende Medikamente (Anxiolytika) und Antidepressiva

Depersonalisations-Derealisationsstörungen verschwinden möglicherweise ohne Behandlung. Betroffene werden nur behandelt, wenn die Störung andauert, wiederholt auftritt oder Leiden verursacht.

Psychodynamische Psychotherapie und kognitive Verhaltenstherapie sind bei manchen Menschen sehr effektiv. Eine Depersonalisations-/Derealisationsstörung geht oft mit anderen psychischen Erkrankungen einher oder wird von psychischen Gesundheitsstörungen (beispielsweise Angststörung oder Depression) ausgelöst, die behandelt werden müssen. Alle Belastungen, die die Symptome ausgelöst oder zur Entwicklung der Depersonalisations-Derealisationsstörung beigetragen haben, müssen ebenfalls aufgearbeitet werden.

Methoden, die helfen können:

  • Kognitive Methoden können dabei helfen, zwanghaftes Nachdenken über den unwirklichen Daseinszustand zu blockieren.

  • Verhaltenstherapeutische Methoden können Betroffenen dabei helfen, sich in Arbeiten zu versenken, die sie von der Depersonalisation ablenken.

  • Erdungsmethoden nutzen die fünf Sinne (Hören, Tasten, Riechen, Schmecken und Sehen), um Menschen zu helfen, sich mehr mit sich selbst und der Welt verbunden zu fühlen. Zum Beispiel wird laute Musik gespielt oder ein Stück Eis in die Hand gelegt. Diese Empfindungen sind schwer zu ignorieren und führen dazu, dass Menschen sich im gegenwärtigen Moment wahrnehmen.

  • Psychodynamische Methoden haben das Ziel, den Betroffenen dabei zu helfen, unerträgliche Konflikte, negative Gefühle und Erfahrungen aufzuarbeiten, die bei den Betroffenen das Gefühl hervorrufen, sich davon loslösen zu müssen.

  • Die Patienten lernen, Ihr Gefühl der Dissoziation zu erkennen und zu identifizieren, wenn sie die Dissoziation und den Affekt (den nach außen gerichteten Ausdruck von Gefühlen und Gedanken) von einem Moment zum nächsten nachverfolgen und benennen. Diese Benennung hilft manchen Patienten. Zudem hilft diese Technik den Betroffenen auch, sich auf das tatsächliche Geschehen in diesem Moment zu konzentrieren.

Verschiedene Medikamente wurden zur Behandlung von Depersonalisations-/Derealisationsstörungen eingesetzt, doch keines hat sich als wirkungsvoll herausgestellt. Angstlösende Medikamente und Antidepressiva helfen manchmal, vor allem, indem sie Angstgefühle oder Depressionen lindern, an denen viele Patienten mit Depersonalisations-/Derealisationsstörungen leiden. Die Depersonalisation oder Derealisation kann durch die angstlösenden Medikamente jedoch auch verschlimmert werden. Die Ärzte überwachen die Anwendung dieser Medikamente deshalb engmaschig.

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