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Dekompressionskrankheit

(Decompression Illness; Caisson Disease; The Bends)

Von

Richard E. Moon

, MD, Duke University Medical Center

Letzte vollständige Überprüfung/Überarbeitung Aug 2019| Inhalt zuletzt geändert Aug 2019
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Bei der Dekompressionskrankheit bildet der unter erhöhtem Umgebungsdruck im Blut und Gewebe gelöste Stickstoff bei Druckabfall Gasbläschen.

  • Zu den Symptomen zählen Müdigkeit und Schmerzen in den Muskeln und Gelenken.

  • In schwereren Fällen können die Symptome denen eines Schlaganfalls ähneln oder mit Taubheit, Kribbeln, Schwäche in Armen oder Beinen, Gangunsicherheit, Schwindel (Drehen), Atembeschwerden und Brustschmerzen verbunden sein.

  • Die Patienten werden mit Sauerstoff und einer Kompressionstherapie (Hochdruck oder hyperbarischer Sauerstoff) behandelt.

  • Das Einschränken der Tiefe und Dauer der Tauchgänge und der Auftauchgeschwindigkeit kann zur Vorbeugung beitragen.

Luft besteht in erster Linie aus Stickstoff und Sauerstoff. Da höherer Druck die Luft zusammendrückt, enthält jeder Atemzug in der Tiefe wesentlich mehr Moleküle als außerhalb des Wassers. Da der Körper kontinuierlich Sauerstoff verwertet, sammeln sich diese unter hohem Umgebungsdruck eingeatmeten, zusätzlichen Sauerstoffmoleküle nicht an. Die zusätzlichen Stickstoffmoleküle jedoch reichern sich in Blut und Gewebe an.

Wenn der Umgebungsdruck nun sinkt, wie es beim Auftauchen und Verlassen einer Druckkammer der Fall ist, bildet der angereicherte Stickstoff, wenn er nicht sofort abgeatmet werden kann, Gasbläschen in Blut und Gewebe. Diese Bläschen können sich ausdehnen und das Gewebe schädigen, oder sie können in vielen Organen die Blutgefäße blockieren - entweder direkt oder indem sie die Bildung von Blutgerinnseln verursachen. Diese Blutbahnblockade verursacht Schmerzen und verschiedene andere Symptome (zum Beispiel eine plötzliche Schwäche auf einer Seite des Körpers, Sprachschwierigkeiten oder Benommenheit) oder sogar grippeähnliche Symptome, die auch manchmal denen eines Schlaganfalls ähneln. Stickstoffbläschen verursachen außerdem eine Entzündung, die Schwellungen und Schmerzen in den Muskeln, Gelenken und Sehnen hervorruft.

Das Risiko, eine Dekompressionskrankheit zu entwickeln, steigt mit der Anzahl der folgenden Faktoren:

  • Bestimmte Herzfehler, wie ein Loch im Herz oder ein Vorhofseptumdefekt

  • Kaltes Wasser

  • Dehydratation

  • Fliegen nach dem Tauchen

  • Belastung

  • Erschöpfung

  • Druckerhöhung (also tiefere Tauchtiefe)

  • Die Zeitspanne, die in einem Umfeld verbracht wird, in dem Druck herrscht

  • Adipositas

  • Fortgeschrittenes Alter

  • Rasches Auftauchen

Da der angereicherte Stickstoff nach jedem Tauchgang mindestens zwölf Stunden im Körpergewebe gelöst bleibt, ist bei mehreren Tauchgängen am Tag das Risiko, eine Dekompressionskrankheit zu erleiden, höher als bei einem einzigen Tauchgang. Wenn man innerhalb von 12 bis 24 Stunden nach einem Tauchgang fliegt (zum Beispiel am Ende des Urlaubs) besteht das Risiko, dass die Taucher sogar einem niedrigeren atmosphärischen Druck ausgesetzt sind, wodurch die Dekompressionskrankheit etwas wahrscheinlicher wird.

Stickstoffbläschen können sich in kleinen Blutgefäßen oder im Gewebe selbst bilden. Gewebe mit hohem Fettgehalt, wie beispielsweise im Gehirn oder im Rückenmark, sind besonders gefährdet, da sich Stickstoff sehr leicht in Fett löst.

  • Die Dekompressionskrankheit vom Typ I ist eher leicht und betrifft in erster Linie die Gelenke, die Haut und die Lymphgefäße.

  • Bei der Dekompressionskrankheit vom Typ II, die lebensgefährlich sein kann, sind oft die lebenswichtigen Organe betroffen, auch das Gehirn und das Rückenmark, die Atemwege und das Blutkreislaufsystem.

Symptome

Die Symptome der Dekompressionskrankheit entwickeln sich in der Regel schrittweise und langsamer als die der Luftembolie und des Barotraumas der Lunge. Nur die Hälfte der Betroffenen mit einer Dekompressionskrankheit haben innerhalb von 1 Stunde nach dem Auftauchen Symptome, 90 % dann aber innerhalb von 6 Stunden. In der Regel beginnen die Symptome nach und nach, und es braucht etwas Zeit, bis die maximale Wirkung eintritt. Die ersten Symptome können sein:

  • Erschöpfung

  • Appetitlosigkeit

  • Kopfschmerzen

  • Unbestimmtes Krankheitsgefühl

Typ-I-Dekompressionskrankheit (weniger schwerwiegend)

Die weniger gravierende Form der Dekompressionskrankheit (die muskuloskelettale Form), auch „Taucherkrankheit“ genannt, verursacht typischerweise Schmerzen. Die Schmerzen betreffen in erster Linie die Gelenke der Arme und Beine, den Rücken oder die Muskeln. Manchmal ist die Stelle schwer zu bestimmen. Der Schmerz kann anfänglich leicht sein, kommen und gehen, um danach ständig zunehmen und sehr stark zu werden. Der Schmerz kann schneidend sein und als „tief‟ und „bohrend‟ beschrieben werden. Er wird bei Bewegung schlimmer.

Seltenere Symptome sind Juckreiz, eine gesprenkelte Haut und geschwollene Lymphknoten, Hautausschlag und extreme Müdigkeit. Diese Symptome sind nicht lebensbedrohlich, können aber die Vorboten gefährlicherer Störungen sein.

Typ-II-Dekompressionskrankheit (gravierender)

Die schwerere Form der Dekompressionskrankheit zeigt meist neurologische Symptome, die von einem leichten Taubheitsgefühl bis zur Lähmung und zum Tod reichen können. Das Rückenmark ist besonders verletzungsanfällig.

Wenn das Rückenmark betroffen ist, können die Symptome unter anderem Taubheit, Kribbeln, Schwäche oder eine Kombination davon in den Armen und/oder Beinen sein. Leichte Schwäche oder Kribbeln können sich über Stunden zu einer dauerhaften Lähmung weiterentwickeln. Die Unfähigkeit zu urinieren oder das Urinieren zu kontrollieren oder Stuhlgang zu haben, kann auch eintreten. Häufig sind auch Schmerzen im Unterbauch und im Rücken.

Zu den Symptomen, bei denen das Gehirn betroffen ist, und von denen die meisten denen einer Luftembolie ähneln, zählen:

  • Kopfschmerzen

  • Verwirrtheit

  • Sprachstörungen

  • Doppeltsehen

Selten kommt es zur Bewusstlosigkeit.

Symptome mit Beteiligung des Innenohrs, wie starker Schwindel, Summen in den Ohren und Hörverlust treten auf, wenn die Nerven des Innenohrs betroffen sind.

Bei Symptomen mit Beteiligung der Lunge entstehen Gasblasen, die durch die Venen zur Lunge wandern und Husten, Schmerzen hinter dem Brustbein und zunehmende Atemnot verursachen. Schwere Fälle, die selten sind, können zum Schock und zum Tod führen.

Spätfolgen einer Dekompressionskrankheit

Eine Knochennekrose bei Caissonkrankheit (auch aseptische Knochennekrose genannt) kann eine Spätwirkung der Dekompressionskrankheit sein oder auch ohne Dekompressionskrankheit auftreten. Diese geht mit einer Zerstörung von Knochengewebe, insbesondere in Schulter und Hüfte, einher. Eine Knochennekrose bei Caissonkrankheit kann zu dauerhaften Schmerzen und schwerer Behinderung führen. Diese Verletzungen treten selten bei Freizeittauchern auf, sind aber häufig bei Menschen, die in einem Umfeld mit Druckluft arbeiten, und bei Tauchern, die in tiefen Unterwasserbehausungen arbeiten. Oft gibt es kein bestimmtes auslösendes Ereignis, das der Patient als Ursache für die Symptome nennen kann, sobald er auftaucht.

Die Arbeiter sind über lange Zeit hohem Druck ausgesetzt und leiden eventuell unter einer nicht erkannten Taucherkrankheit. Professionelle Taucher, die in größere Tiefen tauchen als Freizeittaucher, haben eventuell ein höheres Risiko als Freizeittaucher. Eine Knochennekrose bei Caissonkrankheit verursacht in der Regel keine Symptome, aber wenn sie nahe an einem Gelenk auftritt, kann sie sich über Monate oder Jahre schleichend zu einer schweren Erkrankung entwickeln. Ist das Gelenk erst einmal schwer geschädigt, ist ein künstliches Gelenk die einzige Behandlungsmöglichkeit.

Neurologische Dauerschäden, wie eine teilweise Lähmung, sind häufige Folgeerscheinungen, wenn eine Rückenmarksschädigung zu spät oder falsch behandelt wird. Manchmal ist der ursprüngliche Schaden aber auch zu schwer, als dass er behoben werden könnte. Wiederholte Behandlungen mit Sauerstoffzufuhr in einer Hochdruckkammer scheinen manchmal den Heilungsprozess zu unterstützen.

Diagnose

  • Untersuchung durch den Arzt

Die Dekompressionskrankheit wird hauptsächlich anhand der Art der Symptome und im zeitlichen Zusammenhang mit dem Tauchen diagnostiziert. Untersuchungsverfahren wie die Computertomographie (CT) oder die Magnetresonanztomographie (MRT) zeigen zwar in manchen Fällen eine Gehirn- oder Rückenmarkschädigung, sind aber nicht zuverlässig. Die Kompressionstherapie muss allerdings eingeleitet werden, bevor die Befunde der CT oder der MRT vorliegen, es sei denn, dass die Diagnose ungewiss und der Zustand des Tauchers stabil ist. Eine Knochennekrose bei Caissonkrankheit wird in der Regel mittels MRT diagnostiziert.

Vorbeugung

Taucher versuchen der Dekompressionskrankheit zu entgehen, indem sie versuchen, keine Gasblasen entstehen zu lassen. Sie tun dies, indem die Tiefe und die Dauer der Tauchgänge soweit eingeschränkt werden, dass beim Auftauchen keine Dekompressionsstopps notwendig sind (von den Tauchern „No-Stop-Grenzen“ genannt), oder indem mit Dekompressionsstopps aufgetaucht wird, wie dies in den offiziellen Richtlinien, z. B. in der Dekompressionstabelle im Kapitel, „Air Decompression“ (Druckentspannung) im United States Navy Diving Manual (Taucherhandbuch der Marine der USA) angegeben ist.

Diese Tabelle enthält einen Plan zum Auftauchen, bei dem überschüssiger Stickstoff ohne Schaden entweichen kann. Viele Taucher tragen mittlerweile einen Tauchcomputer, der u. a. die aktuelle und maximale Tauchtiefe sowie die abgelaufene Tauchzeit anzeigt. Der Computer rechnet aus, wann der richtige Zeitpunkt für einen sicheren Aufstieg gekommen ist und wann Dekompressionsstopps erforderlich sind.

Viele Taucher halten sich nicht nur an die Dekompressionstabellen und an die Computerrichtlinien zum Auftauchen, sondern legen zusätzlich in etwa viereinhalb Metern Tiefe eine Sicherheitspause von einigen Minuten ein.

Doch selbst wenn man sich strikt an die Richtlinien hält, ist damit die Gefahr einer Dekompressionskrankheit nicht komplett gebannt. Eine geringe Anzahl von Dekompressionskrankheiten entwickelt sich nach Tauchgängen jenseits der „No-Stop-Grenzen“. Das eine Dekompressionskrankheit nach wie vor besteht kann dadurch bedingt sein, dass die veröffentlichten Tabellen und Computertabellen nicht voll und ganz die Schwankungen der Risikofaktoren zwischen den verschiedenen Tauchern berücksichtigen oder dass manche Menschen die Empfehlungen der Tabellen oder Computer nicht befolgen.

Darüber hinaus sind weitere Vorsichtsmaßnahmen erforderlich:

  • So wird nach mehrtägigem Tauchen beispielsweise empfohlen, zunächst 12 bis 24 Stunden (z. B. 15 Stunden) in Höhe des Wasserspiegels zu verbringen und erst danach höher gelegene Orte aufzusuchen oder eine Flugreise anzutreten.

  • Taucher, die sich von einer leichten Dekompressionskrankheit komplett erholt haben, sollten mindestens 2 Wochen auf das Tauchen verzichten. Nach einer schweren Dekompressionskrankheit wartet man am besten, bevor man wieder tauchen geht (mindestens einen Monat) und sollte sich vorher von einem Arzt untersuchen lassen.

  • Wer trotz aller Vorsicht eine Dekompressionskrankheit entwickelt hat, sollte sich zuerst gründlich auf eine etwaige Grunderkrankung wie einen Herzfehler hin untersuchen lassen, bevor er wieder taucht.

Wussten Sie ...

  • Innerhalb von 12 bis 24 Stunden nach dem Tauchgang zu fliegen (häufig am Ende des Urlaubs) steigert das Risiko einer Dekompressionskrankheit.

Behandlung

Etwa 80 % der Betroffenen erholen sich wieder voll und ganz.

Taucher, die lediglich über Juckreiz, Hautausschlag und extreme Müdigkeit klagen, brauchen in der Regel keine Kompression, sollten aber unter Beobachtung bleiben, da sich ernstere Symptome entwickeln können. Über eine eng anliegende Atemmaske reinen Sauerstoff einzuatmen kann die Beschwerden lindern.

Kompressionstherapie

Alle anderen Symptome der Dekompressionskrankheit sind Anzeichen dafür, dass eine Behandlung in einer Überdruckkammer (Rekompression oder hyperbarer Sauerstoff) notwendig ist, damit sich die Durchblutung normalisiert und das Gewebe wieder ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Nach der Rekompression wird der Druck allmählich wieder gesenkt, wobei in bestimmten Abständen gestoppt wird, damit das überschüssige Gas aus dem Körper entweichen kann. Da die Symptome innerhalb der ersten 24 Stunden erneut auftreten oder sich verschlimmern können, werden auch Taucher mit nur leichten oder vorübergehenden Schmerzen oder neurologischen Symptomen behandelt.

Eine Kompressionstherapie ist bis zu 48 Stunden nach dem Tauchgang wirksam und sollte in jedem Fall durchgeführt werden, selbst wenn ein weiter Weg zurückgelegt werden muss, um zur nächsten Kammer zu gelangen. Während der Wartezeit und des Transports sollte über eine dicht abschließende Atemmaske Sauerstoff verabreicht und Flüssigkeit oral oder intravenös zugeführt werden. Die Behandlung sollte nicht lange aufgeschoben werden, weil sonst die Gefahr einer Dauerschädigung größer wird.

Weitere Informationen

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