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Medizinische Untersuchung nach Vergewaltigung

Von

Erin G. Clifton

, PhD, Department of Psychiatry, University of Michigan

Inhalt zuletzt geändert Nov 2017
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Quellen zum Thema

Obwohl rechtliche und medizinische Definitionen variieren, wird Vergewaltigung typischerweise als orale, anale oder vaginale Penetration definiert, die Drohungen oder Gewalt gegen eine Person beinhaltet, die nicht willens (d.h. nicht zustimmend) oder unfähig ist (wegen kognitiver oder körperlicher Behinderung oder Intoxikation). Sind die Opfer noch nicht Volljährigkeit, wird bei dieser Art der Penetration, ob erwünscht oder unerwünscht, in den USA von Statutory rape (Unzucht mit Minderjährigen) gesprochen.

Eine typische Vergewaltigung ist ein Ausdruck von Aggression, Wut oder Machtbedürfnis. Bei der Vergewaltigung von weiblichen Personen kommt es in ca. 50% der Fälle zu nichtgenitalen und genitalen Verletzungen.

Ein sexueller Übergriff ist eine Vergewaltigung oder jedweder andere mit Nötigung einhergehende sexuelle Kontakt; dazu gehört auch die Verführung eines Kindes mittels Zuneigungsbekundungen oder Bestechungsgeschenke; er umfasst auch das Berühren, Küssen oder Vorzeigen des Genitales.

Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe, einschließlich sexuelle Übergriffe auf Kinder, kommen häufig vor; man schätzt, dass die Prävalenz für beide im Laufe des Lebens zwischen 2 und 30%, tendenziell aber bei ca. 15–20% liegt. Allerdings kann die tatsächliche Prävalenz höher sein, weil Vergewaltigung und sexuelle Nötigung häufig nicht angezeigt werden.

Frauen sind häufiger Opfer von Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen als Männer. Männer werden häufig von anderen Männern vergewaltigt, oftmals geschieht dies im Gefängnis. Vergewaltigte Männer unterliegen einem höheren Verletzungsrisiko als Frauen und zeigen den Übergriff seltener an; häufig sind mehrere Angreifer beteiligt.

Symptome und Beschwerden

Eine Vergewaltigung kann zu folgenden Symptomen führen:

Obwohl die körperlichen Verletzungen gewöhnlich relativ gering sind, können Risswunden der oberen Vagina schwerwiegend sein. Weitere Verletzungen können sich durch Schläge, Druck, Stich- oder Schusswunden ergeben.

Die psychischen Symptome stehen nach Vergewaltigung im Vordergrund. Kurzfristig erleben die meisten Vergewaltigungsopfer Angst, Albträume, Schlafstörungen, Wut, Verlegenheit und/oder Schamgefühle. Unmittelbar nach einem Übergriff kann das Verhalten der Betroffenen das gesamte Spektrum von Redseligkeit, Anspannung, Weinen und Zittern bis hin zu Schock und Unglauben, begleitet von Gleichmut, scheinbarer Ruhe und Lächeln, umfassen. Nur selten spiegeln die zuletzt genannten Haltungen einen Mangel an Betroffenheit wider; vielmehr sind sie Ausdruck einer Vermeidungsreaktion, von körperlicher Erschöpfung oder Bewältigungsstrategien, die nach Kontrolle der Emotionen verlangen. Ersatzweise wird die Wut oft an Krankenhausmitarbeitern oder Familienmitgliedern ausgelassen.

Nach einem sexuellen Übergriff äußern sich Freunde, Familienmitglieder und Amtspersonen oft wertend, höhnisch oder anderweitig negativ. Derartige Reaktionen können die Genesung behindern.

Die meisten Betroffenen erholen sich im Laufe der Zeit wieder; allerdings kann v. a. bei Frauen als langfristige Auswirkung einer Vergewaltigung eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entstehen. PTBS ist eine traumabedingte Störung; Symptome der PTBS schließen ein

  • Das Trauma wiedererleben (z. B. Rückblenden, aufdringliche verwirrende Gedanken oder Bilder)

  • Vermeidung (z. B. von trauma-bezogenen Situationen, Gedanken und Gefühlen)

  • Negative Auswirkungen auf Kognition und Stimmung (z. B. anhaltende verzerrte Selbst- oder Fremdschuld, Unfähigkeit, positive Emotionen zu erleben)

  • Veränderte Erregung und Reaktivität (z. B. Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme)

Damit PTSD diagnostiziert werden kann, müssen die Symptome > 1 Monat andauern, dürfen nicht auf die physiologischen Wirkungen eines Stoffes oder einer medizinischen Störung zurückzuführen sein und müssen das soziale und berufliche Funktionieren erheblich beeinträchtigen. Patienten mit PTSD haben oft auch Depression und/oder andere psychologische Störungen (z. B. Substanzgebrauchsstörung).

Hinweis auf Symptome und Zeichen

  • 1. Holmes MM, Resnick HS, Kilpatrick DG, et al: Rape-related pregnancy: estimates and descriptive characteristics from a national sample of women. Am J Obstet Gynecol 175 (2): 320–324; Diskussion 324–325, 1996.

Abklärung

Ziele der Abklärung einer Vergewaltigung sind

  • Medizinische Beurteilung und Behandlung von Verletzungen sowie Beurteilung, Behandlung und Prävention von sexuell übertragbaren Krankheiten und Schwangerschaft

  • Sammlung forensischer Beweise

  • Psychologische Abklärung

  • Psychologische Unterstützung

Wenn Patient(inn)en bereits vor der medizinischen Untersuchung Rat suchen, werden sie darüber aufgeklärt, dass sie ihre Kleidung weder entsorgen noch wechseln, sie sich weder waschen noch duschen noch Scheidenspülungen vornehmen, sich weder die Zähne putzen, ihre Fingernägel schneiden noch Mundwasser verwenden dürfen, weil dadurch Beweismaterial vernichtet werden könnte.

Wenn möglich, werden alle Vergewaltigungsopfer an ein Vergewaltigungszentrum vor Ort (oftmals in den Krankenhausnotaufnahmen) überwiesen. Derartige Zentren verfügen über speziell ausgebildetes Personal (in den USA z. B. die sog. „sexual assault nurse examiners“ [SANE]). In einigen Gebieten in den USA gibt es ein SART-Team (Sexual Assault Response), zu dem Angehörige des Gesundheitswesens, Forensiker, das lokale Krisenzentrum, Strafverfolgungsbehörden und die Staatsanwaltschaft gehören. Die Vorteile einer Untersuchung nach Vergewaltigung werden erläutert, aber es bleibt den Opfern überlassen, der Untersuchung zuzustimmen oder sie abzulehnen. Wenn die Patient(inn)en zustimmen, wird die Polizei verständigt. Die meisten Patient(inn)en sind stark traumatisiert, und der Umgang mit ihnen erfordert Zartgefühl, Einfühlungsvermögen und Mitgefühl. Patienten können sich bei einem Arzt gleichen Geschlechts wohler fühlen. Alle Patienten sollten vor der Untersuchung nach ihrer Präferenz gefragt werden. Jeder Arzt, der ein weibliches Opfer untersucht, muss von einer Mitarbeiterin begleitet werden. Wann immer möglich, sollte den Patient(inn)en eine private, ruhige Umgebung zugewiesen werden.

Um forensische Beweise und medizinische Befunde festzuhalten, wird ein Formular (manchmal in einem sog. „Rape Kit“ enthalten) verwendet (typische Bestandteile eines solchen Formulars siehe Tabelle: Typischer Untersuchungsgang bei Verdacht auf Vergewaltigung), das den Anforderungen vor Ort angepasst werden sollte. Da der medizinische Bericht u. U. vor Gericht verwendet wird, müssen die Ergebnisse lesbar und in für Schöffen ggf. verständlichen Formulierungen dargelegt werden.

Tabelle
icon

Typischer Untersuchungsgang bei Verdacht auf Vergewaltigung

Kategorie

Spezifische Details

Allgemeine Informationen

Personalien des Opfers

Bei Minderjährigen Name, Adresse und Telefonnummer des Erziehungsberechtigten

Name des Polizeibeamten, Ausweisnummer und Revierbezeichnung

Datum, Uhrzeit und Ort der Untersuchung

Anamnese

Umstände des Übergriffs, inkl.

  • Datum, Uhrzeit, Ort (dem Opfer bekannt?)

  • Informationen über den/die Angreifer (Anzahl, Namen [falls bekannt], Beschreibung)

  • Anwendung von Drohungen, Fixierungen oder Waffen

  • Art des sexuellen Kontakts (vaginal, oral, rektal; Kondomgebrauch?)

  • Art der extragenitalen Verletzungen

  • Ob Blutungen (beim Opfer oder Angreifer) aufgetreten sind

  • Ob und wo eine Ejakulation des Angreifers stattgefunden hat

Handlungen des Opfers nach der Vergewaltigung, wie z. B.

  • Scheidenspülung oder Baden

  • Verwendung eines Tampons oder einer Damenbinde

  • Wasserlassen oder Stuhlgang

  • Kleidungswechsel

  • Essen oder Trinken

  • Anwendung von Zahnpasta, Mundwasser oder Arzneimitteln bzw. Drogen

Letzte Menstruationsblutung

Datum des letzten freiwilligen Koitus, wenn vor kurzer Zeit

Kontrazeptionsanamnese (z. B. orale Kontrazeptiva, Intrauterinpessar)

Körperliche Untersuchung

Allgemeine (extragenitale) Verletzungen am Körper

Verletzungen an Perineum, Hymen, Vulva, Vagina, Zervix und Anus

Fremdmaterial am Körper (z. B. Flecken, Haare, Erde, Zweige)

Untersuchung mit Wood-Lampe oder Kolposkopie, falls vorhanden

Beweismaterial

Zustand der Bekleidung (z. B. beschädigt, fleckig, anhaftendes Fremdmaterial)

Kleine Probestücke der Bekleidung inkl. eines unbefleckten Stückchens, für die Polizei oder das Labor asserviert

Haarproben, inkl. lose Haare, die dem Opfer oder der Bekleidung anhaften; spermaverkrustete Schamhaare und abgeschnittene Schamhaare des Opfers – mind. 10 (zum Vergleich) Kopf- u. Schamhaare

Spermaproben, von der Zervix, der Vagina, dem Rektum, dem Mund, den Oberschenkeln entnommen

Blutprobe des Opfers

Getrocknete Blutproben des Angreifers, von Körper und Kleidung des Opfers entnommen

Urinprobe

Speichel

Wangenschleimhautabstrich

Abgeschnittene und abgeschabte Fingernagelproben

Andere Proben, je nach Anamnese oder körperlichem Untersuchungsbefund

Laboruntersuchungen

Saure Phosphatase, zum Nachweis von Sperma*

Nativpräparat aus der Vagina in NaCl-Lösung (zum Nachweis von beweglichen Spermien)

Spermaanalyse auf Spermienmorphologie und A-, B- oder H-Blutgruppenantigene

Ausgangsserologie auf Syphilis beim Opfer§

Ausgangstests auf sexuell übertragbare Krankheiten beim Opfer§

Blutgruppenbestimmungen (unter Verwendung von Blut des Opfers und getrockneten Blutproben des Angreifers)

Urintests, inkl. Drogen-Screening|| und Schwangerschaftstests

Andere Tests, je nach Anamnese oder körperlichem Untersuchungsbefund

Behandlung, Überweisungen, klinische Kommentare des Arztes

Angeben

Zeuge der Untersuchung

Unterschrift

Verbleib des Beweismaterials

Name der Personen, die das Beweismaterial überbracht bzw. in Empfang genommen hat

Datum und Uhrzeit der Einlieferung und des Empfangs

* Dieser Test ist besonders nützlich, wenn der Angreifer eine Vasektomie hatte, eine Oligospermie aufweist oder ein Kondom benutzt hat, wodurch Spermien fehlen können. Wenn der Test nicht sofort durchgeführt werden kann, sollte eine Probe eingefroren werden.

Dieser Test sollte vom untersuchenden Arzt durchgeführt werden, falls der Zeitpunkt noch früh genug ist, um bewegliche Spermien nachzuweisen.

In 80% der Fälle werden in der Samenflüssigkeit Blutgruppenantigene gefunden.

§ Dieser Test wird nicht von allen Experten empfohlen, da Hinweise auf bereits bestehende sexuell übertragbare Krankheiten verwendet werden könnten, um das Opfer vor Gericht zu diskreditieren.

|| Zahlreiche Experten empfehlen, von Kommentaren oder Tests bez. Alkohol- oder Drogenkonsum abzusehen, weil Hinweise auf eine Intoxikation dazu verwendet werden können, das Opfer vor Gericht zu diskreditieren.

Anamnese und Untersuchung

Vor Beginn der Untersuchung muss der/die Patient(in) ihr Einverständnis geben. Weil die Wiedergabe der Ereignisse den Betroffenen oft Angst oder Verlegenheit bereitet, muss der Untersucher Ruhe, Mitgefühl und wertfreie Verständnisbereitschaft ausstrahlen und darf nicht zur Eile drängen. Diskretion sollte gewährleistet sein. Der Untersucher eruiert spezifische Detailinformationen, u. a.

  • Art der vorliegenden Verletzungen (v. a. des Mundes, der Brüste, der Vagina und des Rektums)

  • Blutungen oder Abschürfungen am Opfer oder Patient (um das Risiko einer Ansteckung mit HIV oder Hepatitis abschätzen zu helfen)

  • Beschreibung des Angriffs (z. B. welche Körperöffnungen penetriert wurden, ob eine Ejakulation stattgefunden hat oder ein Kondom verwendet wurde)

  • Aggression, Drohungen, Waffengebrauch und Gewalttätigkeit seitens des Angreifers

  • Beschreibung des Angreifers

Die meisten oder alle diese Fragen sind Bestandteil von Vergewaltigungsformularen (siehe Tabelle: Typischer Untersuchungsgang bei Verdacht auf Vergewaltigung). Der/die Patient/in sollte informiert werden, warum solche Fragen gestellt werden (z. B. dass Angaben über die Anwendung kontrazeptiver Maßnahmen helfen, das Risiko einer Schwangerschaft nach Vergewaltigung abzuschätzen; Informationen über vorausgegangenen Koitus helfen, den Aussagewert von Spermientests zu bestimmen).

Der Ablauf der Untersuchung sollte Schritt für Schritt erklärt und die Ergebnisse mit dem/der Betroffenen besprochen werden. Wenn möglich, sollte man die Verletzungen fotografieren. Der Mund, die Brüste, das Genitale und das Rektum werden sorgfältig untersucht. Häufig verletzte Stellen sind die kleinen Schamlippen und die hintere Vagina. Beleuchtung mit einer Wood-Lampe weist Spermaspuren oder Fremdmaterial auf der Haut nach. Die Kolposkopie ist eine besonders empfindliche Methode zum Nachweis subtiler Verletzungen am Genitale. Manche Kolposkope haben einen aufgesteckten Fotoapparat, der die Erkennung und das Fotografieren von Verletzungen in einem Arbeitsgang ermöglicht. Ob die Verwendung von Toluidinblau zur Markierung von verletzten Bereichen als Nachweismethode akzeptiert wird, hängt von der Gerichtsbarkeit ab.

Tests und Sammeln von Beweismaterial

Routinemäßig werden ein Schwangerschaftstest und serologische Tests auf Syphilis, Hepatitis B und HIV vorgenommen. Innerhalb weniger Stunden nach einer Vergewaltigung durchgeführt, geben diese Tests Aufschluss über Schwangerschaft oder Infektionen, die vor der Vergewaltigung vorlagen, aber nicht über solche, die sich nach der Vergewaltigung entwickeln. Vaginaler Ausfluss wird auf Trichomonaden-Vaginitis und bakterielle Vaginose untersucht; zur Untersuchung auf Gonorrhö und Chlamydien werden Proben aus jeder penetrierten Körperöffnung (Vagina, Mund, Rektum) entnommen. Wenn der/die Patient/in hinsichtlich der Ereignisse im Zeitraum der Vergewaltigung Gedächtnislücken aufweist, sollte ein Drogenscreening auf Flunitrazepam (sog. Date-Rape-Droge oder K.-o.-Tropfen) und Gamma-Hydroxybutyrat (GHB) erwogen werden. Tests auf Drogen und Alkohol sind umstritten, weil Hinweise auf eine Intoxikation dazu verwendet werden können, das Opfer vor Gericht zu diskreditieren.

Folgende Nachuntersuchungen werden durchgeführt:

  • Nach 6 Wochen: Gonorrhö, Chlamydien-Infektion, HPV-Infektion (anfangs unter Verwendung eines Zervixabstrichs aus einem Pap-Test), Syphilis und Hepatitis

  • Nach 90 Tagen: HIV-Infektion

  • Nach 6 Monaten: Syphilis, Hepatitis und HIV-Infektion

Allerdings sind Tests auf sexuell übertragbare Krankheiten umstritten, da Hinweise auf bereits bestehende sexuell übertragbare Krankheiten verwendet werden könnten, um das Opfer vor Gericht zu diskreditieren.

Wenn die Vagina penetriert wurde und der Schwangerschaftstest in der ersten Untersuchung negativ war, wird der Test innerhalb der nächsten 2 Wochen wiederholt.

Bei Patientinnen mit Risswunden der oberen Vagina, v. a. bei Kindern, kann eine Laparoskopie erforderlich werden, um das Ausmaß der Verletzung erkennen zu können.

Beweise, die eine Vergewaltigung nachweisen können, werden gesammelt (siehe Tabelle: Typischer Untersuchungsgang bei Verdacht auf Vergewaltigung). Sie beinhaltet typischerweise

  • Kleidung

  • Abstriche der bukkalen, vaginalen und rektalen Schleimhaut

  • Gekämmte Proben von Kopfhaut und Schamhaaren sowie Kontrollproben (aus dem Patienten gezogen)

  • Abgeschnittene und abgeschabte Fingernagelproben

  • Blut- und Speichelproben

  • Wenn verfügbar, Samen

Zahlreiche Nachweiskits sind kommerziell erhältlich, wobei einige Staaten spezielle Kits empfehlen. Oft fehlt das Beweismaterial oder ist nach dem Duschen, Kleiderwechsel oder Aktivitäten, die die Stelle der Penetration betreffen, wie z. B. Scheidenspülungen, nicht mehr aussagekräftig. Im Laufe der Zeit (v. a. nach > 36 Stunden) reduziert sich oder verschwindet die Aussagekraft des Beweismaterials; abhängig von der zuständigen Gerichtsbarkeit können Beweismittel bis zu 7 Tage nach einer Vergewaltigung genommen werden.

Zur Asservierung der Beweismittel ist eine Kette von Maßnahmen einzuhalten, wobei das Beweismaterial die ganze Zeit über von einer dazu legitimierten Person aufbewahrt werden muss. Dazu werden die Proben einzeln verpackt, etikettiert, datiert, versiegelt und aufbewahrt, bis sie gegen eine Empfangsbescheinigung an eine dritte Person (gewöhnlich Polizei- oder Laborpersonal) ausgehändigt werden. Zur Identifizierung des Angreifers werden in einigen Gerichtsbarkeiten Proben für eine DNA-Untersuchung entnommen (so auch in Deutschland).

Behandlung

  • Psychologische Unterstützung oder Intervention

  • Prophylaxe gegen sexuell übertragbare Krankheiten und möglicherweise gegen Hepatitis-B- oder HIV-Infektion

  • Möglicherweise Notfallkontrazeption

Nach der Untersuchung erhält das Opfer Gelegenheit, sich zu waschen und umzuziehen, den Mund zu spülen und ggf. die Toilette aufzusuchen. Im Rahmen des lokalen Krisenmanagements für Vergewaltigungsopfer können Überweisungen an medizinische und psychologische Dienste ausgestellt und Rechtsanwälte vermittelt werden.

Die meisten körperlichen Verletzungen sind geringfügig und werden konservativ behandelt. Bei Risswunden der Scheide kann eine operative Versorgung erforderlich sein.

Psychologische Unterstützung

Manchmal gelingt es dem Untersucher, starke Schuld- oder Angstgefühle durch „gesunden Menschenverstand“ (z. B. Beruhigung, Verständnis, werturteilsfreies Verhalten) abzubauen. Mögliche psychische und soziale Auswirkungen werden erklärt, und das Opfer wird einem im Vergewaltigungs-Krisenmanagement geschulten Spezialisten vorgestellt. Weil sich das volle Ausmaß der psychischen Auswirkungen nicht immer bei der ersten Untersuchung feststellen lässt, sind in 2-wöchigen Abständen weitere Konsultationen vorgesehen. Schwerwiegende psychische Auswirkungen (z. B. wiederkehrende Rückblenden, erhebliche Schlafstörungen, Angst mit signifikantem Vermeidungsverhalten) oder solche, die bis zu den nachfolgenden Untersuchungsterminen nicht abgeklungen sind, stellen eine Indikation zur Überweisung an einen Psychiater oder Psychologen dar.

Familienmitglieder und Freunde können wichtige Unterstützung bieten, aber auch sie brauchen manchmal Hilfe von Fachleuten im Vergewaltigungs-Krisenmanagement, um mit ihren eigenen negativen Reaktionen zurechtzukommen.

Eine PTSD lässt sich mit psychosozialen und pharmakologischen Maßnahmen wirksam behandeln ( Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) : Therapie).

Prävention von Infektionen

Routinemäßige empirische Prophylaxe für sexuell übertragbare Krankheiten besteht aus

  • Ceftriaxon 125 mg i. m. in einer einzigen Dosis (für Gonorrhoe)

  • Metronidazol 2 g p. o. in einer einzigen Dosis (für Trichomoniasis und bakterielle Vaginose)

  • Entweder Doxycyclin 100 mg p. o. für 7 Tage oder Azithromycin 1 g p. o. einmal (für Chlamydien-Infektion)

  • Alternativ Azithromycin 2 g p.o. (das sowohl Gonorrhö als auch Chlamydieninfektion abdeckt) plus Metronidazol 2 g p.o., beide als Einzeldosis.

Bezüglich Hepatitis B empfehlen die Centers for Disease Control (CDC) eine entsprechende Impfung, falls das Opfer nicht schon geimpft und seine Immunität dokumentiert ist. Die Impfung wird nach 1 und 6 Monaten wiederholt. Hepatitis-B-Immunglobulin (HBIG) wird nicht verabreicht.

Empirische Postexpositionsprophylaxe bei HIV-Infektion ist umstritten. Die meisten Experten empfehlen eine Prophylaxe, jedoch sollte dem Patienten mitgeteilt werden, dass das Risiko einer HIV-Infektion nach einer Vergewaltigung durch einen unbekannten Angreifer im Durchschnitt nur etwa 0,2% beträgt. Das Risiko kann unter folgenden Bedingungen höher sein:

  • Anale Penetration

  • Blutung (des Angreifers oder Opfers)

  • Vergewaltigung eines Mannes durch einen Mann

  • Vergewaltigung durch mehrere Angreifer (z. B. männliche Opfer in Gefängnissen)

  • Vergewaltigung in Gebieten mit einer hohen Prävalenz für eine HIV-Infektion

Die Prophylaxe einer HIV-Infektion wird am besten < 4 Stunden nach der Penetration eingeleitet, nach > 72 Stunden jedoch nicht mehr begonnen. Bei geringem Risiko wird gewöhnlich eine fixe Kombination aus Zidovudin (ZDV, 300 mg) und Lamivudin (3TC, 150 mg) 2-mal/Tag für 4 Wochen verabreicht. Bei erhöhtem Risiko wird ein Proteasehemmer hinzugefügt.

Schwangerschaftsverhütung

Notfallkontrazeption sollte allen Frauen mit negativem Schwangerschaftstest angeboten werden. Gewöhnlich verwendet man dafür orale Kontrazeptiva, die mehr als 72 Stunden nach einer Vergewaltigung aber kaum noch wirksam sind. Ein Antiemetikum kann bei Übelkeit hilfreich sein. Ein Intrauterinpessar kann erfolgreich sein, wenn es < 10 Tagen nach der Vergewaltigung eingesetzt wird.

Im Falle einer Schwangerschaft, die aus der Vergewaltigung resultiert, sollte die Einstellung der Patientin bezüglich Schwangerschaft und Abtreibung eruiert und ggf. die Möglichkeit einer elektiven Schwangerschaftsunterbrechung erörtert werden.

Wichtige Punkte

  • Eine typische Vergewaltigung ist ein Ausdruck von Aggression, Wut oder Machtbedürfnis.

  • Bei der Vergewaltigung von weiblichen Personen kommt es in ca. 50% der Fälle zu nichtgenitalen und genitalen Verletzungen. Männer, die vergewaltigt werden, haben eine größere Wahrscheinlichkeit als Frauen, körperlich verletzt zu werden.

  • Kurzfristig erleben die meisten Patienten Angst, Alpträume, Schlafprobleme, Wut, Verlegenheit und andere psychologische Symptome; obwohl sich die meisten Patienten schließlich erholen; einige, insbesondere Frauen, entwickeln eine posttraumatische Belastungsstörung (PTSD).

  • Erklären Sie die Vorteile einer Vergewaltigungsbewertung, der der Patient zustimmen oder ablehnen kann. Fragen Sie vor Beginn der Untersuchung die Zustimmung des Patienten und erklären Sie, was jeder Schritt beinhaltet und warum er durchgeführt wird.

  • Überprüfen Sie auf Verletzungen, testen Sie auf Schwangerschaft und sexuell übertragbare Krankheiten, sammeln Sie Beweise, die einen Beweis für eine Vergewaltigung erbringen können (z. B. Abstriche der Mund-, Vaginal- und Mastdarmschleimhaut) und bewahren Sie die Kontrollkette auf.

  • Bereitstellung psychologischer Unterstützung für den Patienten und die Familie des Patienten, Bereitstellung von Prophylaxe für sexuell übertragbare Krankheiten und Verhütung von Notfällen.

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