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Autismus-Spektrum-Störungen

Von

Stephen Brian Sulkes

, MD, Golisano Children’s Hospital at Strong, University of Rochester School of Medicine and Dentistry

Letzte vollständige Überprüfung/Überarbeitung Mai 2020| Inhalt zuletzt geändert Mai 2020
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Kurzinformationen
Quellen zum Thema

Eine unter Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) leidende Person hat Schwierigkeiten normale soziale Beziehungen aufzubauen, benutzt Sprache nicht normal oder gar nicht und legt ein zwanghaftes und ritualisiertes Verhalten an den Tag.

  • Betroffene Personen haben Schwierigkeiten mit der Kommunikation und dem Umgang mit anderen.

  • Zudem zeigen Personen mit Autismus-Spektrum-Störungen eingeschränkte Verhaltensmuster, Interessen und/oder Aktivitäten und folgen oft ganz strengen Routinen.

  • Die Diagnose basiert auf Beobachtungen, Berichten von Eltern und anderen Betreuungspersonen und standardisierten autistischen Screening-Tests.

  • Die meisten Personen sprechen am besten auf stark strukturierte Verhaltensinterventionen an.

Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) sind neurologische Entwicklungsstörungen.

Autismus-Spektrum-Störungen gelten als Spektrum (Bandbreite) von Erkrankungen, da die Manifestationen in der Art und Schwere stark variieren. Früher wurden ASS unterteilt in klassischen Autismus, Asperger-Syndrom, Rett-Syndrom, desintegrative Störung des Kindesalters und nicht näher bezeichnete tiefgreifende Entwicklungsstörung. Ärzte verwenden diese Terminologie jedoch nicht mehr und betrachten sie allgemein als ASS (mit Ausnahme des Rett-Syndroms, einer eigenen genetischen Erkrankung). ASS unterscheiden sich von einer intellektuellen Behinderung, obschon viele Personen mit ASS beides haben. Das Klassifikationssystem hebt hervor, dass innerhalb des breiten Spektrums verschiedene Merkmale bei einer bestimmten Person mehr oder weniger stark ausgeprägt sein können.

Diese Störungen treten bei ungefähr 1 von 59 Personen auf und sind bei Jungen 4-mal häufiger als bei Mädchen. Die geschätzte Zahl der mit Autismus-Spektrum-Störungen diagnostizierten Personen steigt weiterhin an, da Ärzte und Betreuungspersonen immer mehr über die Symptome der Störung lernen.

Ursachen

Die spezifischen Ursachen der Autismus-Spektrum-Störungen sind noch nicht vollkommen erklärt, werden jedoch häufig mit genetischen Faktoren in Zusammenhang gebracht. Eltern, die ein Kind mit ASS haben, tragen ein 50- bis 100-mal höheres Risiko, ein weiteres Kind mit ASS zu haben. Mehrere Genanomalien, wie z. B. Fragiles-X-Syndrom, tuberöse Sklerose und Down-Syndrom werden mit ASS in Verbindung gebracht. Vorgeburtliche Infektionen, z. B. Virusinfektionen wie Röteln und mit dem Zytomegalievirus, können ebenfalls eine Rolle spielen. Sicher ist jedoch, dass ASS nicht durch mangelnde Zuwendung, ungünstige Bedingungen in der Kindheit oder Impfungen verursacht werden (siehe auch MMR-Impfstoff und Autismus).

Manche Kinder mit ASS zeigen im Vergleich zu normalen Kindern Unterschiede im Aufbau und der Funktion ihres Gehirns.

Wussten Sie ...

  • Autismus-Spektrum-Störungen werden nicht durch Impfungen verursacht.

Symptome

Symptome der Autismus-Spektrum-Störungen treten zwar in den ersten 2 Lebensjahren auf, in leichter Form können sie aber bis zum Schulalter unentdeckt bleiben.

Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung entwickeln Symptome in den folgenden Bereichen:

  • Soziale Kommunikation und Interaktion

  • Eingeschränkte, ritualisierte Verhaltensmuster

Die Symptome von Autismus-Spektrum-Störungen können leicht bis schwer sein, die meisten Betroffenen benötigen aber in beiden Bereichen einen gewissen Grad an Unterstützung. Die Fähigkeit, in der Schule oder der Gesellschaft zurechtzukommen, sowie der Bedarf an Unterstützung variiert bei ASS-Patienten stark. Darüber hinaus entwickeln 20 bis 40 Prozent der Kinder mit einer ASS, speziell jene mit einem IQ unter 50, vor dem Jugendalter Krampfanfälle. Bei rund 25 Prozent der betroffenen Kinder findet ungefähr zum Zeitpunkt der Diagnose ein Verlust der vorher erlernten Fertigkeiten statt, was ein erster Hinweis auf die Störung sein kann.

Soziale Kommunikation und Interaktion

Häufig zeigen Säuglinge mit einer ASS Auffälligkeiten beim Kuscheln und Augenkontakt. Obschon einige betroffene Säuglinge aufgebracht sind, wenn sie von ihren Eltern getrennt werden, suchen sie nicht wie andere Kinder Schutz und Geborgenheit bei ihren Eltern. Ältere Kinder spielen am liebsten für sich allein und bauen keine persönlichen Beziehungen auf, insbesondere nicht außerhalb der Familie. Im Umgang mit anderen Kindern setzen Kinder mit ASS weder Blickkontakt noch Mimik ein, um Kontakt aufzunehmen; außerdem haben sie Schwierigkeiten, die Stimmungen und Gesichtsausdrücke anderer richtig zu deuten. Sie wissen möglicherweise nicht recht, wie und mit welchen Worten man in ein Gespräch einsteigt, und haben Schwierigkeiten unangemessene und verletzende Worte als solche zu erkennen. Dadurch werden sie von anderen möglicherweise als komisch oder exzentrisch angesehen, was zu einer sozialen Isolation führt.

Sprache

Die am stärksten betroffen Kinder lernen nie, zu sprechen. Die anderen lernen das Sprechen sehr viel später als gesunde Gleichaltrige und setzen die Sprache dann auf ungewöhnliche Art und Weise ein. Oft wiederholen sie Fragen oder Äußerungen, die an sie gerichtet waren (Echolalie), verwenden auswendig gelernte Sätze anstelle von spontaner Sprache oder vertauschen die Fürwörter. So sagen sie vor allem du statt ich oder mich, wenn sie sich selbst meinen. Konversation ist nicht interaktiv und wird, wenn vorhanden, eher für Feststellungen oder Anfragen genutzt statt zum Teilen von Ideen oder Gefühlen. Von Autismus-Spektrum-Störungen betroffene Personen sprechen bisweilen mit einem auffälligen Rhythmus oder in einer ungewöhnlichen Tonhöhe.

Verhalten, Interessen und Aktivitäten

Personen mit einer Autismus-Spektrum-Störung sperren sich häufig gegen Veränderungen, wie neue Speisen, Spielzeuge, Umstellen von Möbeln und neue Kleidungsstücke. Sie können extrem anhänglich gegenüber bestimmten leblosen Objekten werden. Sie wiederholen Dinge häufig. Jüngere und/oder stärker betroffene Kinder wiederholen oft bestimmte Handlungen, wie Schaukeln, Händeflattern oder Drehen von Gegenständen. Manche Kinder fügen sich z. B. durch wiederholtes Kopfschlagen oder Handbeißen selbst Verletzungen zu. Weniger stark betroffene Personen sehen sich mehrere Male hintereinander dasselbe Video an oder bestehen darauf, immer dieselbe Mahlzeit zu essen. Von ASS Betroffene haben oft sehr spezielle, häufig ungewöhnliche Interessen. Ein Kind kann sich beispielsweise ausschließlich mit dem Staubsauger beschäftigen.

Betroffene reagieren häufig zu sehr oder zu wenig auf Eindrücke. Sie können sich durch gewisse Geschmäcker, Gerüche oder Oberflächenstrukturen extrem abgestoßen fühlen oder ungewöhnlich auf schmerzhafte, heiße oder kalte Empfindungen reagieren, was für Außenstehende quälend sein kann. Bestimmte Geräusche werden vollkommen ignoriert, während andere als extrem nervig empfunden werden.

Intelligenz

Viele Personen mit einer ASS haben bis zu einem gewissen Grad eine intellektuelle Behinderung (IQ unter 70). Sie zeigen auf verschiedenen Gebieten unterschiedliche Leistungen. Sie schneiden bei Tests, bei denen die motorischen Fähigkeiten und die räumliche Wahrnehmung getestet werden, gewöhnlich besser ab als bei Tests, in denen die sprachlichen Fähigkeiten untersucht werden. Einige Personen mit einer ASS haben idiosynkratische Fähigkeiten oder eine „Inselbegabung“, wie die Fähigkeit, komplexe Kopfrechenaufgaben zu lösen, oder eine musikalische Sonderbegabung. Allerdings können solche Personen diese Fähigkeiten oft nicht produktiv oder sozial-interaktiv einsetzen.

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Zeichen von Autismus-Spektrum-Störungen

Für die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung müssen nicht alle Merkmale vorliegen, die Kinder müssen aber Schwierigkeiten in den beiden Bereichen A und B haben. Der Schweregrad der einzelnen Merkmale kann stark variieren, muss die normale Lebensführung des Kindes aber einschränken.

A. Schwierigkeiten mit sozialer Kommunikation und Interaktion:

  • Schwierigkeit, mit anderen zu interagieren und Gedanken und Gefühle zu vermitteln

  • Schwierigkeit mit der nonverbalen Kommunikation (wie Augenkontakt herstellen, Körpersprache und Gesichtsausdrücke verstehen und einsetzen)

  • Schwierigkeit, persönliche Beziehungen zu knüpfen, zu pflegen und zu verstehen

B. Eingeschränkte, repetitive Verhaltensmuster, Interessen und/oder Aktivitäten:

  • Repetitive Bewegungs- oder Sprachmuster

  • Unflexibles Festhalten an Ritualen und Widerstand gegenüber Veränderungen

  • Sehr beschränkte, eingehende Interessen

  • Stark erhöhte oder verminderte Reaktion auf Sinneseindrücke (wie Geschmäcker, Gerüche und Oberflächenstrukturen)

Diagnose

  • Untersuchung durch den Arzt

  • Berichte von Eltern und anderen Betreuungspersonen

  • Standardisierte Autismus-spezifische Screening-Tests

Der Arzt stellt die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung, indem er das Spielverhalten des Kindes beobachtet und die Eltern und Lehrer des Kindes befragt. Standardisierte Autismus-spezifische Screening-Tests, wie der Fragebogen zur sozialen Kommunikation und die modifizierte Checkliste für Autismus-Spektrum-Störungen bei Kleinkindern (Modified Checklist for Autism in Toddlers, M-CHAT-R), können bei der Identifikation von Kindern helfen, die genauer untersucht werden müssen. Psychologen und andere Fachkräfte können die komplexere Beobachtungsskala für Autistische Störungen und andere Werkzeuge nutzen.

Zudem führen Ärzte bestimmte Blut- oder Gentests durch, um behandelbare Grunderkrankungen oder Erbkrankheiten wie erblicheStoffwechselstörungen und Fragiles-X-Syndrom ausschließen zu können.

Prognose

Die Symptome von Autismus-Spektrum-Störungen bleiben im Allgemeinen ein Leben lang bestehen. Die Prognose hängt im Wesentlichen von den sprachlichen Fähigkeiten ab, die das Kind bis zum Grundschulalter erworben hat. Kinder mit einer ASS mit einer niedrigeren Intelligenz – vor allem jene mit einem IQ unter 50 bei Standard-Intelligenztests –, sind als Erwachsene meist auf eine intensivere Betreuung angewiesen.

Behandlung

  • Angewandte Verhaltensanalyse

  • Bildungsprogramme

  • Sprech- und Sprachtherapie

  • Manchmal medikamentöse Therapie

Angewandte Verhaltensanalyse (ABA) ist eine Therapie, die Ärzte bei Kindern mit einer ASS zur Verbesserung, Änderung oder Entwicklung bestimmter Verhaltensweisen anwenden. Zu diesen Verhaltensweisen gehören soziale Kompetenzen, Sprach- und Kommunikationsfähigkeiten, Lesen und Lernen sowie erlernte Fähigkeiten wie Selbstversorgung (zum Beispiel Duschen und Körperpflege), Kompetenz in Alltagstätigkeiten, Pünktlichkeit und berufliche Kompetenz. Diese Therapie wird auch eingesetzt, um Kindern dabei zu helfen, Verhaltensweisen (z. B. Aggression) zu unterdrücken, die ihre Fortschritte zunichte machen können. Die angewandte Verhaltenstherapie wird auf die Bedürfnisse jedes Kindes zugeschnitten und wird typischerweise von zertifizierten Fachleuten auf dem Gebiet der Verhaltensanalyse konzipiert und beaufsichtigt.

Bildungsprogramme für Schulkinder mit einer ASS sollten die Entwicklung sozialer Kompetenzen umfassen und Sprech- und Sprachverzögerungen behandeln und den Kindern helfen, sich auf eine schulische Weiterbildung oder Berufsausbildung nach dem Schulabschluss vorzubereiten.

In den USA verlangt das Bildungsgesetz für Amerikaner mit Behinderungen (Individuals with Disabilities Education Act; IDEA), dass Kinder und Jugendliche mit einer ASS an öffentlichen Schulen kostenlos und angemessen unterrichtet werden. Der Unterricht muss so wenig restriktiv wie möglich und so inklusiv wie nötig sein. Das heißt, ein Umfeld, in dem den Kindern jede Möglichkeit geboten wird, mit nicht behinderten Gleichaltrigen zu interagieren und wo sie den gleichen Zugang zu vorhandenen kommunalen Ressourcen erhalten. Der Americans with Disabilities Act und der Artikel 504 des amerikanischen Rehabilitationsgesetzes regeln in den USA auch die Unterbringung in Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen.

Medikamente können an der zugrunde liegenden Störung nichts ändern. Selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI), wie Fluoxetin, Paroxetin und Fluvoxamin, beeinflussen das ritualisierte, zwanghafte Verhalten von Personen mit einer ASS jedoch oft positiv. Antipsychotika, wie Risperidon, können zur Behandlung des selbstzerstörerischen Verhaltens eingesetzt werden, wobei die möglichen Nebenwirkungen (wie Gewichtszunahme und Bewegungsstörungen) berücksichtigt werden müssen. Stimmungsstabilisatoren und Psychostimulanzien sind nützlich für Personen, die unaufmerksam, impulsiv oder hyperaktiv sind.

Zwar probieren manche Eltern Spezialdiäten, Magendarm-Therapien oder immunologische Therapien aus, aber derzeit gibt es keinen Nachweis dafür, dass diese Therapien bei Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung hilfreich sind. Andere komplementäre Therapien, wie gestützte Kommunikation, Chelat-Therapie, auditorisches Integrationstraining und hyperbare Oxygenierung, haben sich nicht als wirksam erwiesen. Bei solchen Behandlungen sollte sich die Familie mit dem Kinderarzt ihres Kindes beraten, um Nutzen und Risiken gegeneinander abzuwägen.

Weitere Informationen

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