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Anorexia nervosa

Von

Evelyn Attia

, MD, Columbia University Medical Center, New York State Psychiatric Institute;


B. Timothy Walsh

, MD, College of Physicians and Surgeons, Columbia University

Letzte vollständige Überprüfung/Überarbeitung Jun 2020| Inhalt zuletzt geändert Jun 2020
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Kurzinformationen
Quellen zum Thema

Anorexia nervosa (Magersucht) ist eine Essstörung, die durch einen unablässigen Schlankheitswahn, ein verzerrtes Körperbild, eine extreme Angst vor Fettleibigkeit sowie die Einschränkung der Nahrungsaufnahme gekennzeichnet ist, was zu einem erheblichen Gewichtsverlust führt.

  • Anorexia nervosa beginnt normalerweise in der Jugend und ist stärker verbreitet unter Frauen.

  • Personen mit Anorexia nervosa schränken ihre Nahrungsaufnahme trotz fortlaufendem Gewichtsverlust ein, sind gedanklich mit dem Essen beschäftigt und leugnen möglicherweise, ein Problem zu haben.

  • Massiver oder rascher Gewichtsverlust kann lebensbedrohliche Folgen haben.

  • Ärzte stellen die Diagnose aufgrund von Symptomen und führen eine körperliche Untersuchung und Tests durch, um die nachteiligen Auswirkungen des exzessiven Gewichtsverlusts zu überprüfen.

  • Behandlungen, deren Ziel die Rückkehr zum Normalgewicht und einem normalen Essverhalten ist (beispielsweise psychologische Einzel- oder Familientherapie), können hilfreich sein.

Die Störung beginnt meistens im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter, in seltenen Fällen vor der Pubertät oder nach dem 40. Lebensjahr. Pro Jahr leidet ungefähr 1 von 200 jungen Mädchen an Anorexia nervosa. Anorexia nervosa tritt bei Jungen und Männern seltener auf. Es ist möglich, dass leichte Fälle nicht erfasst sind.

In Gegenden mit echtem Nahrungsmangel ist Magersucht selten.

Es gibt zwei Arten von Anorexia nervosa:

  • Restriktiver Typus: Die Betroffenen beschränken ihre Nahrungsaufnahme, es kommt jedoch nicht zu regelmäßigen Essattacken oder Purging (Abführen) – beispielsweise, indem sie ein Erbrechen herbeiführen (auch selbstausgelöstes Erbrechen genannt) oder indem sie Abführmittel einnehmen. Einige treiben exzessiv Sport.

  • Binge-Eating/Purging-Typus: Die Betroffenen schränken ihre Nahrungsaufnahme ein, geben sich aber auch regelmäßig Essattacken und/oder Purging (Abführen) hin.

Wussten Sie ...?

  • Ungefähr ein Drittel bis zur Hälfte aller Menschen mit Anorexia nervosa leidet unter Essattacken und/oder erbricht die Nahrung kurz darauf wieder bzw. führt ab.

Ursachen

Die Ursache für Anorexia nervosa ist unbekannt. Bisher wurden außer dem weiblichen Geschlecht nur wenige Risikofaktoren identifiziert.

Genetische und umweltbedingte (soziale) Faktoren spielen bei der Entwicklung von Anorexia nervosa eine Rolle. Der Wunsch schlank zu sein, durchdringt die westliche Gesellschaft, und Übergewicht wird von vielen als unattraktiv angesehen. Kinder sind sich sogar schon vor dem Jugendalter dieser Einstellung bewusst, und mehr als die Hälfte vorpubertärer Mädchen machen Diäten oder ergreifen andere Maßnahmen, um ihr Gewicht zu kontrollieren. Dennoch entwickelt nur ein kleiner Teil dieser Mädchen Anorexia nervosa.

Andere Faktoren wie psychologische Anfälligkeit prädisponieren bestimmte Menschen wahrscheinlich für die Entwicklung von Anorexia nervosa. Viele Menschen, die diese Störung entwickeln, gehören zur sozialen Mittel- oder Oberschicht, sind sehr penibel und zwanghaft und haben sehr hohe Ansprüche an Leistung und Erfolg.

Symptome

Anorexia nervosa kann leicht und vorübergehend sein, oder schwer und dauerhaft.

Das erste Anzeichen einer drohenden Störung kann eine unterschwellig gesteigerte Sorge um die Ernährung und das Körpergewicht sein. Diese Sorge scheint fehl am Platz zu sein, weil die meisten Menschen, die unter Anorexia nervosa leiden, nicht stark übergewichtig sind, wenn sich ihre Störung entwickelt. Die ständige Beschäftigung und die Sorge um das Gewicht intensivieren sich, während die Betroffenen immer dünner werden. Selbst wenn sie abgemagert sind, können die Betroffenen behaupten, dass sie sich dick fühlen und leugnen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie äußern sich nicht zu ihrem Gewichtsverlust und widersetzen sich einer Behandlung. Sie versuchen weiterhin, Gewicht zu verlieren, selbst dann, wenn Freunde und Familienmitglieder ihnen versichern, dass sie dünn sind oder sie warnen, nicht zu dünn zu werden. Für Personen mit Anorexia nervosa ist jegliche Gewichtszunahme ein inakzeptables Versagen der Selbstkontrolle.

Anorexie bedeutet wörtlich „Appetitlosigkeit“, aber wer an Anorexia nervosa leidet, hat in Wirklichkeit Hunger. Viele verlieren ihren Appetit erst, wenn sie bereits stark abgemagert sind.

Außerdem denken Menschen mit dieser Störung ständig ans Essen. Sie können beispielsweise das Folgende tun:

  • Anstatt zu essen, beschäftigen sich die Betroffenen mit der Ernährung und zählen Kalorien.

  • Sie horten oder verstecken Essen oder werfen es weg.

  • Sie können Rezepte sammeln.

  • Sie können aufwendige Mahlzeiten für andere Personen zubereiten.

Etwa 30 bis 50 Prozent der Betroffenen haben Essanfälle und/oder übergibt sich anschließend oder nimmt Abführmittel. Die anderen schränken einfach die Nahrungsmittelaufnahme ein. Sie lügen auch häufig, wenn sie gefragt werden, wie viel sie gegessen haben, und verheimlichen ihr Erbrechen und ihre eigentümlichen Ernährungsgewohnheiten. Einige Betroffene nehmen auch Diuretika (Medikamente, die die Nieren veranlassen, mehr Wasser auszuscheiden), um vermeintliches Aufgeblähtsein zu behandeln und um zu versuchen, Gewicht zu verlieren.

Bei den meisten Frauen mit Anorexia nervosa setzen die Monatsblutungen aus, manchmal schon bevor sie stark abgenommen haben. Frauen und Männer mit Anorexia nervosa können ihr Interesse an Sex verlieren.

Typischerweise haben sie eine niedrige Herzfrequenz, niedrigen Blutdruck, eine niedrige Körpertemperatur und ihnen wachsen möglicherweise dünne, weiche Haare am Körper oder sie entwickeln eine starke Körper- und Gesichtsbehaarung. Das Gewebe schwillt an, weil sich Flüssigkeit ansammelt (genannt Ödem). Betroffene berichten üblicherweise über Aufgeblähtsein, Magenbeschwerden und Verstopfung.

Selbstinduziertes Erbrechen kann den Zahnschmelz angreifen, die Speicheldrüsen in den Wangen vergrößern (Ohrspeicheldrüsen) und zu einer Entzündung der Speiseröhre führen.

Häufig kommt es zu Depressionen.

Selbst wenn Betroffene sehr dünn sind, neigen sie noch dazu, aktiv zu bleiben und trainieren oft übermäßig, um ihr Gewicht unter Kontrolle zu halten. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie stark abgemagert sind, haben sie nur wenige Mangelernährungserscheinungen.

Hormonelle Veränderungen, die von Anorexia nervosa ausgelöst werden, beinhalten deutlich reduzierte Konzentrationen von Östrogen (bei Frauen), Testosteron (bei Männern) und Schilddrüsenhormonen sowie erhöhte Kortisolwerte.

Sind Betroffene ernsthaft unterernährt, sind wahrscheinlich alle wichtigen Organsysteme im Körper betroffen. Die Knochendichte kann sich verringern und damit das Osteoporoserisiko erhöhen.

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Anorexia nervosa erkennen

Menschen, die unter Magersucht leiden, leugnen normalerweise, dass sie ein Problem haben, und versuchen, ihre ungewöhnlichen Essgewohnheiten zu verheimlichen, anstatt nach Hilfe zu suchen. Weil viele Menschen, die unter Anorexia nervosa leiden, penibel, zwanghaft und intelligent sind und sehr hohe Ansprüche in Bezug auf Leistung und Erfolg haben, sind sie oft in der Lage, diese Störung zu verbergen. Somit kann es sein, dass Familienangehörige und Freunde die Störung erst dann erkennen, wenn diese bereits weit fortgeschritten ist.

Weil Anorexia nervosa schwere, manchmal lebensbedrohliche Komplikationen mit sich bringt, müssen Familienangehörige und Freunde von jemandem, der oft Diäten durchführt oder über die Maßen wegen seines Gewichts besorgt ist, wissen, wie sie diese Störung erkennen können.

Folgendes Verhalten ist üblich bei Menschen mit Anorexia nervosa:

  • Sie klagen darüber, dick zu sein, obwohl sie sehr dünn sind

  • Sie leugnen, dass sie dünn sind

  • ständig ans Essen denken

  • Sie wiegen ihre Nahrung

  • Sie horten oder verstecken Essen oder werfen es weg

  • Sie bereiten aufwendige Mahlzeiten für andere zu

  • Mahlzeiten auslassen

  • Sie geben vor zu essen oder lügen auf die Frage, wie viel sie gegessen haben

  • Sie trainieren zwanghaft

  • Sie tragen unförmige Kleidung oder mehrere Schichten

  • Sie wiegen sich mehrere Male am Tag

  • Sie basieren ihr Selbstwertgefühl darauf, wie dünn sie sind

Rascher oder massiver Gewichtsverlust kann lebensbedrohliche Probleme verursachen. Probleme mit dem Herzen, mit Flüssigkeiten und Elektrolyten (z. B. Natrium, Kalium, Chlorid) sind am gefährlichsten:

  • Das Herz wird schwächer und pumpt weniger Blut durch den Körper:

  • Es kann zu Herzrhythmusstörungen kommen.

  • Der Körper kann dehydrieren und den Betroffenen anfällig für Ohnmachtsanfälle machen.

  • Die Kalium- und Natriumwerte im Blut können sich verringern.

Erbrechen und die Einnahme von Abführmitteln und Diuretika kann die Situation verschlimmern. Der Tod kann plötzlich eintreten, wahrscheinlich durch Herzrhythmusstörungen.

Diagnose

  • Untersuchung durch den Arzt

  • Untersuchung hinsichtlich anderer Beschwerden aufgrund der Anorexia nervosa

Weil die Betroffenen nicht glauben, dass sie ein Problem haben, widersetzen sie sich einer Untersuchung und Behandlung. Normalerweise werden sie von Familienangehörigen in die Arztpraxis gebracht, oder sie kommen wegen einer anderen Störung.

Die Ärzte bestimmen Körpergröße und Gewicht und verwenden die Ergebnisse zur Bestimmung des Body-Mass-Index. Der Arzt fragt auch, wie sie ihren Körper und ihr Gewicht wahrnehmen und ob sie andere Symptome haben. Ärzte können Fragebögen benutzen, die entwickelt wurden, um Essstörungen zu entdecken.

Ärzte suchen auch nach anderen Erkrankungen, die Gewichtsverlust oder eine Essensverweigerung verursachen können, wie z. B., Schizophrenie, Depressionen, Erkrankungen, die eine Nahrungsaufnahme beeinträchtigen, (Malabsorption), Amphetamin-Missbrauch und Krebs.

Die folgenden Faktoren lassen sehr wahrscheinlich auf Anorexia nervosa schließen:

  • Einschränkung der Nahrungsaufnahme, die zu einem niedrigen Körpergewicht führt, normalerweise mit einem BMI von weniger als 17 (bzw. bei Kindern mit einem BMI unterhalb der 5. Perzentile laut ihrem Alter oder weniger als anhand des bisherigen Wachstums zu erwarten wäre – siehe die CDC Wachstums- und Gewichtskurven)

  • Angst vor Fettleibigkeit

  • Ein verzerrtes Körperbild und/oder Verleugnen, dass eine ernsthafte Störung vorliegt

Anorexia nervosa kann bei Kindern und Jugendlichen diagnostiziert werden, die kein Gewicht verloren haben, aber nicht wie erwartet gewachsen sind, weil sie ihre Nahrungsaufnahme einschränken.

Die Ärzte führen auch körperliche Untersuchungen und Blut- und Urintests durch, um nach Auswirkungen von Gewichtsverlust und Unterernährung zu suchen. Ein Knochendichtemessung kann durchgeführt werden, um einen Verlust der Knochendichte festzustellen. Eine Elektrokardiographie (EKG) kann durchgeführt werden, um Herzrhythmusstörungen festzustellen.

Wussten Sie ...?

  • Ohne Behandlung sterben knapp 10 Prozent der Menschen mit schwerer Anorexia nervosa.

Prognose

Ohne Behandlung sterben knapp 10 Prozent der Menschen mit schwerer Anorexie. Wenn die Symptome leicht und unerkannt sind, kommt es selten zum Tod.

Mit einer Behandlung können Personen mit Anorexia nervosa Folgendes erreichen:

  • Ungefähr die Hälfte der Betroffenen erlangen den größten Teil oder das gesamte Gewicht zurück, das sie verloren haben, und hormonelle und andere körperlich Probleme, die auf die Störung zurückzuführen sind, verschwinden.

  • Bei ungefähr einem Viertel verbessert sich der Zustand geringfügig, sie nehmen etwas zu, aber sie kehren in regelmäßigen Abständen zu ihren alten Essgewohnheiten zurück (Rückfall).

  • Das verbleibende Viertel hat häufige Rückfälle und fortgesetzte physische und geistige Probleme, verursacht durch die Störung.

Kinder und Jugendliche, die wegen Anorexia nervosa behandelt werden, erzielen bessere Behandlungsergebnisse als Erwachsene.

Behandlung

  • Maßnahmen, um sicherzustellen, dass die Betroffenen ausreichend Kalorien und Nährstoffe zu sich nehmen

  • Psychologische Therapie

  • Bei Jugendlichen, Familientherapie

  • Regelmäßige Untersuchungen

Es ist wichtig, das Körpergewicht schnell wiederherzustellen, wenn Folgendes geschehen ist:

  • Der Gewichtsverlust erfolgte schnell oder war massiv.

  • Das Gewicht ist unter etwa 75 Prozent des empfohlenen Körpergewichts gefallen.

Für Menschen mit Magersucht kann eine stationäre Aufnahme notwendig werden, um sicherzustellen, dass sie genügend Kalorien und Nährstoffe zu sich nehmen. Der Verzehr fester Nahrung ist die beste Behandlung, aber manchmal werden auch flüssige Nahrungsergänzungsmittel verabreicht. Menschen mit einer schweren Unterernährung oder Menschen, die eine Nahrungsmittelaufnahme verweigern, müssen in seltenen Fällen über einen Schlauch durch die Nase und durch den Rachen in den Magen ernährt werden (nasogastrale Sonde).

Ärzte achten auch auf Probleme, die durch Anorexia nervosa ausgelöst werden können. Bei einem Verlust der Knochendichte werden den Betroffenen beispielsweise Kalzium- und Vitamin-D-Präparate als Nahrungsmittelergänzung verordnet.

Bei einem Krankenhausaufenthalt wird psychiatrische Beratung und Ernährungsberatung zur Verfügung gestellt. Ein stationärer Aufenthalt hilft auch, indem die Betroffenen aus ihrem normalen Umfeld herausgenommen und ihre schlechten Essensgewohnheiten und Verhaltensweisen unterbrochen werden. Somit kann dies eine Abwärtsspirale umkehren. Die meisten Betroffenen werden jedoch ambulant behandelt.

Oft wird Psychotherapie mit Schwerpunkt auf der Etablierung normaler Essgewohnheiten und dem Erreichen des Normalgewichts eingesetzt. Diese Therapie umfasst psychologische Einzel- und Familientherapie, wie beispielsweise kognitive Verhaltenstherapie. Üblicherweise wird die Therapie noch 1 ganzes Jahr fortgesetzt, nachdem die Betroffenen das verlorene Gewicht wiedererlangt haben. Dies kann bis zu 2 Jahre dauern.

Bei Jugendlichen ist eine Familientherapie sinnvoll. Sie kann den Umgang zwischen Familienangehörigen verbessern und den Eltern beibringen, wie sie ihrem betroffenen Jugendlichen helfen können, verlorenes Gewicht wiederzuerlangen.

Eine Psychotherapie ist bei Jugendlichen, die die Störung seit weniger als 6 Monaten haben, wirksamer.

Eine Psychotherapie ist besonders wichtig, weil sich viele Personen mit Magersucht nur widerwillig behandeln lassen oder an Gewicht zunehmen.

Die Behandlung umfasst auch regelmäßige Arztbesuche zur Nachuntersuchung. Die Behandlung kann auch mit einem Team aus medizinischen Fachkräften und einem Ernährungsberater durchgeführt werden, die spezielle Essenspläne oder Informationen über die benötigten Kalorien zusammenstellen, die zur Erlangung des Normalgewichts erforderlich sind.

Es gibt keine spezifischen Medikamente zur Behandlung von Anorexia nervosa. Neuere Antipsychotika wie Olanzapin können Menschen jedoch dabei helfen, zuzunehmen.

Weitere Informationen

Im Folgenden handelt es sich um einige englischsprachige Hilfsmittel, die nützlich sein könnten. Bitte beachten Sie, dass das MANUAL nicht für den Inhalt dieser Quellen verantwortlich ist.

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