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Pilzvergiftung

Von

Gerald F. O’Malley

, DO, Grand Strand Regional Medical Center;


Rika O’Malley

, MD, Albert Einstein Medical Center

Inhalt zuletzt geändert Feb 2018
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Zahlreiche Pilzarten können nach Verzehr Vergiftungen verursachen. Die Symptome variieren je nach Pilzart. Eine Identifizierung der Pilzart ist schwierig, sodass die Behandlung in der Regel von den Symptomen geleitet wird.

Giftige und ungiftige Arten in der freien Natur zu unterscheiden ist selbst für erfahrene Pilzsammler manchmal nicht einfach. Landläufige Regeln sind unzuverlässig, und die gleiche Pilzart kann unterschiedlich toxisch wirken, je nachdem wo und wann sie geerntet wurde. Falls Patienten einen unbekannten Pilz verspeist haben, kann u. U. die Pilzidentifizierung eine spezifische Therapie ermöglichen. Da jedoch ein erfahrener Pilzexperte selten sofort zur Verfügung steht, erfolgt die Behandlung von Patienten, die nach einer Pilzmahlzeit krank werden, gewöhnlich zunächst symptomorientiert. Falls Pilzreste oder Erbrochenes noch vorhanden sind, können diese zur mykologischen Untersuchung eingeschickt werden.

Alle Giftpilze verursachen Erbrechen und Bauchschmerzen; die weiteren Beschwerden hängen im Wesentlichen von der Art der Pilze ab. Im Allgemeinen sind Pilze, die frühzeitig Symptome hervorrufen (innerhalb von 2 Stunden), weniger gefährlich als diejenigen, die zu einem späteren Zeitpunkt (z. B. nach 6 Stunden) Beschwerden verursachen.

Die Therapie der meisten Pilzvergiftungen ist symptomatisch und supportiv. Aktivkohle kann nützlich sein, um die Absorption einzuschränken. Zahlreiche Antidot-Therapien wurden unternommen, insbesondere für Amanita-Arten, aber keine hat durchweg positive Ergebnisse gezeigt.

Frühe Gastrointestinale Symptome

Pilze, die eine frühzeitige gastrointestinale Symptomatik hervorrufen (Anm. d. Red.: z. B. Chlorophyllum molybdites, Tigerritterling, Speitäubling, Riesenrötling), führen zu Gastroenteritis, manchmal in Verbindung mit Kopf- und Muskelschmerzen. Die Diarrhö ist gelegentlich blutig.

Gewöhnlich bilden sich die Beschwerden innerhalb von 24 Stunden wieder zurück.

Die Behandlung ist supportiv.

Frühe neurologische Symptome

Zu den Pilzen, die frühzeitig neurologische Symptome verursachen, gehören die halluzinogenen Pilze, die meist missbräuchlich verzehrt werden, weil diese das Halluzinogen Psilocybin enthalten. Die meisten gehören zur Art der Psilocybe, aber auch einige andere Arten können Psilocybin enthalten.

Die Symptome setzen innerhalb von 15–30 Minuten ein und äußern sich in Euphorie, beflügelten Phantasien und Halluzinationen. Tachykardie und Hypertonie sind häufig, Fieber kann zwar bei Kindern auftreten, ernsthafte Folgen sind jedoch selten.

Die Behandlung macht gelegentlich eine Sedierung (z. B. mit Benzodiazepinen) erforderlich.

Frühe Muscarin-Symptome

Zu den Pilzen, die frühzeitig muskarinartige Symptome verursachen, gehören die Inocybe- und die Clitocybe-Arten.

Die Symptome umfassen das Muscarin-Syndrom (siehe Tabelle: Häufige toxische Syndrome (Toxidrome)) wie Miosis, Bronchorrhö, Bradykardie, starkes Schwitzen, Kurzatmigkeit und Muskelfaszikulationen. Die Symptome sind in der Regel leicht, beginnen innerhalb von 30 Minuten und bilden sich innerhalb von 12 Stunden wieder zurück.

Schwere muskarinartige Symptome (z. B. Kurzatmigkeit, Bradykardie) können mit Atropin behandelt werden.

Verzögerte GI-Symptome

Zu den Pilzen mit einer verzögerten gastrointestinalen Symptomatik gehören Amanita, Gyromitra-, und Cortinarius-Arten.

Der giftigste Amanita-Pilz ist der Amanita phalloides (Knollenblätterpilz), der für 95% der tödlichen Pilzvergiftungen verantwortlich ist. Die initiale Gastroenteritis, die 6–12 Stunden nach der Pilzmahlzeit auftritt, kann stark ausgeprägt sein; eine Hypoglykämie kann auftreten. Die initialen Beschwerden klingen nach einigen Tagen wieder ab; anschließend entwickelt sich ein Leber- und Nierenversagen. Zur initialen Diagnostik gehören engmaschige Blutzuckerkontrollen, die Kontrolle von AST und ALT, der INR, des Creatinins und Bilirubins. Therapeutisch sind eine Flüssigkeitssubstitution und die wiederholte Gabe von Aktivkohle wichtig. Die Behandlung des Leberversagens kann eine Lebertransplantation erforderlich machen; die Wirksamkeit anderer spezifischer Behandlungsmaßnahmen (z. B. N-Acetylcystein, hochdosiertes Penicillin, i.v. Fettemulsion, Silibinin) ist unbewiesen.

Amanita smithiana-Pilze verursachen eine verzögerte Gastroenteritis, in der Regel 6–12 Stunden nach der Einnahme, sowie akutes Nierenversagen (in der Regel innerhalb von 1–2 Wochen nach der Einnahme), die oft eine Dialyse erfordert.

Gyromitra-Pilze können gleichzeitig mit oder unmittelbar nach einer Gastroenteritis eine Hypoglykämie hervorrufen. Andere Symptome äußern sich als ZNS-Störungen (z. B. Krampfanfälle) und nach einigen Tagen als hepatorenales Syndrom. Zur initialen Diagnostik gehören engmaschige Blutzuckerkontrollen, die Kontrolle von AST und ALT, der INR, des Creatinins und Bilirubins. Therapeutisch sind eine Flüssigkeitssubstitution und die wiederholte Gabe von Aktivkohle wichtig. Neurologische Symptome werden mit Pyridoxin 70 mg/kg in langsamer i.v. Infusion über 4–6 h behandelt (maximale Tagesdosis 5 g); das Leberversagen wird supportiv behandelt.

Die meisten Cortinarius-Arten sind in Europa heimisch. Die Gastroenteritis kann bis zu 3 Tage anhalten. Ein Nierenversagen mit Flankenschmerzen und reduzierter Urinausscheidung tritt 3–20 Tage nach der Pilzmahlzeit auf. Das Nierenversagen bildet sich oft spontan wieder zurück. (Anm. d. Red.: Das Nierenversagen bildet sich nicht immer spontan zurück, sodass eine Hämodialysebehandlung und im späteren Verlauf sogar eine Nierentransplantation nötig werden können.)

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