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Übersicht zu Angststörungen im Kindes- und Jugendalter

Von

Josephine Elia

, MD, Sidney Kimmel Medical College of Thomas Jefferson University

Inhalt zuletzt geändert Feb 2017
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Quellen zum Thema

Angststörungen sind gekennzeichnet durch Angst, Sorge oder Furcht. Diese Gefühle beeinträchtigen das Alltagsleben sehr und verhindern ein angemessenes Reagieren auf bestimmte Situationen. Angst kann zu körperlichen Symptomen führen. Die Diagnose wird klinisch gestellt. Die Behandlung besteht in Verhaltenstherapie und Medikamenten, in der Regel selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI).

(Siehe auch Übersicht über Angststörungen bei Erwachsenen.)

Ein gewisses Maß an Angst gehört zu einer normalen Entwicklung dazu, wie an folgenden Beispielen zu sehen ist:

  • Die meisten Krabbelkinder sind ängstlich, wenn sie von ihrer Mutter getrennt werden, vor allem in einer nicht vertrauten Umgebung.

  • Angst vor der Dunkelheit, vor Ungeheuern, Insekten und Spinnen ist bei 3–4-Jährigen häufig.

  • Schüchterne Kinder können auf neue Situationen mit Angst und Rückzug reagieren.

  • Furcht vor dem Tod oder Verletzung kommt häufiger bei älteren Kindern vor.

  • Ältere Kinder und Jugendliche haben oft Angst, wenn sie ein Buchreferat vor der Klasse halten müssen.

Diese Schwierigkeiten sollten nicht als Hinweis auf eine Angststörung gewertet werden. Wenn die Manifestationen der Angst jedoch so übersteigert sind, dass sie das alltägliche Leben der Kinder stark beeinträchtigen oder schweren Stress und/oder Vermeidungsverhalten auslösen, sollte eine Angststörung in Betracht gezogen werden.

Angststörungen kommen oft während der Kindheit und Jugend auf. Irgendwann während der Kindheit erleben etwa 10 bis 15% der Kinder eine Angststörung. Kinder mit einer Angststörung haben ein erhöhtes Risiko für depressive und Angststörungen im späteren Verlauf des Lebens.

Angststörungen, die bei Kindern und Jugendlichen auftreten können, sind unter anderem

Ätiologie

Befunde deuten darauf hin, dass Angststörungen eine Dysfunktion in den Teilen des limbischen Systems und des Hippocampus implizieren, die Emotionen und die Reaktion auf Angst regulieren. Heritabilitätsstudien deuten auf eine Rolle von genetischen und Umweltfaktoren hin. Keine spezifischen Gene sind identifiziert worden; es sind wahrscheinlich viele genetische Varianten beteiligt.

Ängstliche Eltern scheinen ängstliche Kinder zu haben, was leider dazu führen kann, dass das kindliche Problem schlimmer wird, als es sonst eigentlich wäre. Sogar einem normalen Kind fällt es schwer, in Beisein eines ängstlichen Elternteils ruhig und gelassen zu bleiben. Umso schwieriger ist dies für ein Kind, das eine genetische Prädisposition für eine Angststörung hat. Bei 30% der Fälle lohnt es sich, die elterliche Angst gleichzeitig mit der kindlichen Angst zu behandeln (für Angststörungen bei Erwachsenen; Überblick über Angststörungen).

Symptome und Beschwerden

Die vielleicht häufigste Manifestation einer Angststörung bei Kindern und Jugendlichen ist die Schulverweigerung. Schulverweigerung hat den Begriff Schulphobie verdrängt. Eine richtige Schulangst ist selten. Die meisten Kinder, die sich weigern, in die Schule zu gehen, haben Trennungsängste, soziale Angststörung, Panikstörung oder eine Kombination daraus. Einige leiden unter eine besonderen Phobie. Die Möglichkeit, dass das Kind in der Schule gemobbt wird, sollte ebenfalls berücksichtigt werden.

Einige Kinder beklagen sich direkt über ihre Angst und beschreiben sie mit Ausdrücken der Sorge. Zum Beispiel: „Ich habe Angst, dich nie mehr wiederzusehen“ (Trennungsangst) oder „Ich habe Angst, dass die Kinder mich auslachen“ (soziale Angststörung). Manche Kinder verstecken ihr Unbehagen hinter somatischen Beschwerden: „Ich kann nicht zur Schule gehen, weil ich Bauchweh habe.“ Das kann manchmal für Verwirrung sorgen, da das Kind oft die Wahrheit sagt. Bauchschmerzen, Übelkeit und Kopfschmerzen können sich oft bei Kindern mit großer Angst entwickeln. Mehrere Langzeit-Follow-up-Studien bestätigen, dass viele Kinder mit somatischen Beschwerden, vor allem Bauchschmerzen, eine zugrunde liegende Angststörung haben.

Diagnose

  • Klinische Untersuchung

Die Diagnose einer Angststörung wird klinisch gestellt. Eine gründliche psychosoziale Anamnese kann die Diagnose in der Regel bestätigen.

Die körperlichen Symptome, die durch die Angst bei Kindern verursacht werden, können die Diagnosestellung erschweren. Bei vielen Kindern werden aufwendige körperliche Untersuchungen vorgenommen, bevor eine Angststörung in Betracht gezogen wird.

Prognose

Die Prognose hängt von der Schwere des Krankheitsbildes, der Verfügbarkeit fachkundiger Behandlung und der Zähigkeit des Kindes ab. Viele Kinder kämpfen mit Angstzuständen bis in ihr Erwachsenleben und weiter. Mit einer frühen Behandlung jedoch lernen viele Kinder, ihre Angst zu kontrollieren.

Behandlung

  • Verhaltenstherapie (Expositions-basierte kognitive Verhaltenstherapie)

  • Eltern-Kind- und Familieninterventionen

  • Medikamente, in der Regel SSRI für die Langzeitbehandlung und manchmal Benzodiazepine, um akute Symptome zu lindern

Kindliche Angststörungen werden mit Verhaltenstherapie (nach dem Modell der „Expositions-Reaktions-Verhinderung“) behandelt, manchmal in Verbindung mit einer medikamentösen Therapie.

In der Expositions-basierten kognitiven Verhaltenstherapie wird das Kind systematisch der Situation, die die Angst hervorruft, in verschiedenen Abstufungen ausgesetzt. Indem man dem Kind hilft, sich der Angst provozierenden Situation auszusetzen (Angstvermeidung), wird das Kind nach und nach desensibilisiert, und die Angst verringert sich. Verhaltenstherapie ist am erfolgreichsten, wenn ein erfahrener Therapeut mit Kenntnissen in der Kindesentwicklung diese Prinzipien individuell anwendet.

In leichten Fällen reicht die Verhaltenstherapie alleine aus, in schweren Fällen oder wenn kein erfahrener Verhaltenstherapeut für Kinder zur Verfügung steht, kann aber eine medikamentöse Therapie notwendig werden. SSRI sind in der Regel die Medikamente erster Wahl für die Langzeitbehandlung (siehe Tabelle: Medikamente für die Langzeitbehandlung von Angst und verwandten Störungen). Benzodiazepine sind besser für akute Angstzuständen (z. B. aufgrund eines medizinischen Eingriffs), werden aber nicht für die Langzeitbehandlung bevorzugt. Benzodiazepine mit kurzer Halbwertszeit (z. B. Lorazepam 0,05 mg/kg bis zu einem Maximum von 2 mg in einer Einzeldosis) stellen die beste Wahl dar.

Tabelle
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Medikamente für die Langzeitbehandlung von Angst und verwandten Störungen

Wirkstoff

Anwendungen

Initialdosis*

Dosisbereich

Kommentare/Vorsichtsmaßnahmen

Citalopram

OCD

Kinder ≥ 7 Jahre

10 mg

10–40 mg/Tag

Duloxetin

GAD bei Kindern 7–17 Jahre

30 mg

30–100 mg/Tag

Escitalopram

Major Depression bei

Kinder ≥ 7 Jahre

5 mg

5–20 mg täglich

Fluoxetin

OCD, GAD, Trennungsangst, soziale Angststörung, Major Depression bei Kindern > 8 Jahre

10 mg

10–60 mg/Tag

Lange Halbwertszeit

Fluvoxamin

GAD, Trennungsangst, soziale Angststörung, OCD bei Kindern > 8 Jahre

25 mg (nach Bedarf nach oben titriert)

50–200 mg/Tag

Für Dosen > 50 mg/Tag, aufgeteilt in 2 Dosen/Tag, wobei die größere Dosis vor dem Schlafengehen verabreicht wird.

Paroxetin

OCD bei Kindern ≥ 6 Jahre

10 mg

10–60 mg/Tag

Erhöhtes Gewicht

Sertralin

OCD, GAD, Trennungsangst, soziale Angst bei Kindern ≥ 6 Jahre

25 mg

25–200 mg/Tag

Venlafaxine, immediate-release

Depression bei Kindern ≥ 8 Jahre

12,5 mg

25–75 mg/Tag 2-mal oder 3-mal täglich

Begrenzte Daten zur Dosis und Bedenken hinsichtlich eines erhöhten suizidalen Verhaltens; nicht so effektiv wie andere Medikamente, möglicherweise weil niedrige Dosen verwendet wurden

Venlafaxine, extended-release

GAD bei Kindern > 7 Jahre

37,5 mg

37,5–225 mg/Tag

*Sofern nicht anders angegeben, wird die Dosis einmal pro Tag gegeben. Anfangsdosis wird nur bei Bedarf erhöht. Die Dosierungshinweise sind ungefähre Angaben. Die interindividuelle Variabilität in therapeutischer Wirksamkeit und Nebenwirkungen ist beträchtlich. Diese Tabelle ist kein Ersatz für die vollständige Medikamenteninformation.

Verhaltensbezogene Nebenwirkungen (z. B. Enthemmung, Unruhe) sind häufig, aber sind in der Regel leicht bis mittelschwer. Normalerweise beseitigt oder reduziert eine Verringerung der Medikamentendosis oder ein Wechsel zu einem anderen Medikament diese Wirkungen. Selten sind solche Wirkungen schwerer (z. B. Aggressivität, erhöhte Suizidalität). Verhaltensbezogene Nebenwirkungen sind idiosynkratisch und können mit jedem Antidepressivum und zu jeder Zeit während der Behandlung auftreten. Daher müssen Kinder und Jugendliche, die solche Medikamente einnehmen, genau überwacht werden.

Fluoxetin und Paroxetin sind potente Inhibitoren von Leberenzymen, die viele andere Medikamente (z. B. Betablocker, Clonidin, Lidocain) metabolisieren.

GAD = generalisierte Angststörung; OCD = Zwangsstörung.

Die meisten Kinder vertragen die SSRI ohne Nebenwirkungen. Manchmal können Magenschmerzen, Diarrhö, Schlafstörungen oder Gewichtszunahme auftreten. Einige Kinder haben verhaltensbedingte Nebenwirkungen (z.B. Unruhe, Enthemmung); diese Effekte sind in der Regel mild bis mäßig. Normalerweise beseitigt oder reduziert eine Verringerung der Medikamentendosis oder ein Wechsel zu einem anderen Medikament diese Wirkungen. Selten sind Verhaltensbeeinträchtigungen (z.B. Aggressivität, erhöhte Suizidalität) schwerwiegend. Verhaltensbezogene Nebenwirkungen sind idiosynkratisch und können mit jedem Antidepressivum und zu jeder Zeit während der Behandlung auftreten. Daher müssen Kinder und Jugendliche, die solche Medikamente einnehmen, genau überwacht werden.

Wichtige Punkte

  • Die häufigste Manifestation einer Angststörung kann Schulverweigerung sein. Die meisten Kinder litten unter somatischen Beschwerden.

  • Betrachten Sie Angst als eine Störung bei Kindern nur dann, wenn die Angst so übertrieben wird, dass sie die Funktionsfähigkeit stark beeinträchtigt oder schwere Not und/oder Vermeidung verursacht.

  • Die körperlichen Symptome, die durch die Angst bei Kindern verursacht werden, können die Diagnosestellung erschweren.

  • Die Verhaltenstherapie (unter Anwendung der Prinzipien der Expositions- und Response-Prävention) ist am effektivsten, wenn sie von einem erfahrenen Therapeuten durchgeführt wird, der über die Entwicklung des Kindes Bescheid weiß und diese Prinzipien auf das Kind zuschneidet.

  • Wenn die Fälle schwerer sind oder wenn der Zugang zu einem erfahrenen Kindertherapeuten eingeschränkt ist, können Medikamente benötigt werden.

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