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Sportbedingte Gehirnerschütterungen

Von

James E. Wilberger

, MD, Drexel University College of Medicine;


Gordon Mao

, MD, Johns Hopkins University

Letzte vollständige Überprüfung/Überarbeitung Dez 2019| Inhalt zuletzt geändert Dez 2019
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Kurzinformationen

Bei Patienten, die Gehirnerschütterungen haben, die durch sportliche Aktivitäten verursacht werden, besteht ein Risiko ernster Folgen, einschließlich erneuter Gehirnerschütterungen und möglicher bleibender Hirnschäden.

Eine Gehirnerschütterung ist eine Veränderung der Hirnfunktion nach einer Kopfverletzung ohne Anzeichen von Schädigungen des Gehirns, die in Bildgebungsverfahren, etwa einer Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT), zu sehen wären.

Bei Sportarten, bei denen es zu einem Aufprall mit hoher Geschwindigkeit (zum Beispiel Fußball, Rugby, Eishockey und Lacrosse) kommt, treten die meisten Gehirnerschütterungen auf. Allerdings sind wenige Sportarten, auch Cheerleading, gänzlich risikofrei. Beinahe 20 Prozent der Teilnehmer an Kontaktsportarten erleiden im Verlauf einer Saison eine Gehirnerschütterung. Schätzungen der Anzahl von Gehirnerschütterungen in Verbindung mit Sport schwanken zwischen 200.000 und 3,8 Millionen pro Jahr. Diese groben Schätzungen rühren von der Schwierigkeit, eine richtige Zahl zu ermitteln, wenn die Betroffenen nicht im Krankenhaus behandelt werden.

Es gibt wahrscheinlich nicht mehr Gehirnerschütterungen bei Sportlern als früher, sie werden aber häufiger diagnostiziert. Die häufigere Diagnose geht darauf zurück, dass die Betroffenen besser wissen, dass wiederholte Gehirnerschütterungen ernsthafte Folgen haben können.

Wiederholte Verletzungen

Im Gegensatz zu einer Gehirnerschütterung, die durch Autounfälle und Stürze verursacht werden kann, gehen Sportler ständig das Risiko einer Gehirnerschütterung ein. Deswegen sind mehrmalige Verletzungen wahrscheinlicher. Sportler sind besonders anfällig, wenn es zu einer Kopfverletzung kommt, bevor eine vorherige Gehirnerschütterung vollständig ausgeheilt ist. Und selbst nach der Heilung ist es bei Sportlern, die danach weiter Sport betreiben, zwei- bis viermal wahrscheinlicher, dass sie eine weitere Gehirnerschütterung erleben, als wenn sie vorher noch nie eine gehabt haben. Wiederholte Gehirnerschütterungen können dann auch durch einen Aufprall verursacht werden, der weniger stark ist als der, durch den die erste entstanden ist.

Während die Betroffenen sich normalerweise von einer einzigen Gehirnerschütterung vollständig erholen, behalten etwa 3 Prozent von denen, die mehrere (auch offenbar schwächere) Gehirnerschütterungen erleiden, bleibende Hirnschäden. Diese Schädigung wird als chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE) genannt und wurde zum ersten Mal bei Boxern beschrieben (und Dementia pugilistica genannt). Allerdings kann eine CTE bei jedem auftreten, der öfter eine Gehirnerschütterung hatte. Menschen mit CTE zeigen auf CT- oder MRT-Aufnahmen Hirnschäden und haben Symptome, die denen einer Demenz ähnlich sind. Um folgende Symptome handelt es sich hierbei:

  • Gedächtnisprobleme

  • Eingeschränktes Urteilsvermögen und Entscheidungskraft

  • Persönlichkeitsveränderungen (etwa schneller aufbrausend und gewalttätig)

Verschiedene prominente, nicht mehr aktive Sportler, die mehrere Gehirnerschütterungen erlitten haben, haben Selbstmord begangen, was möglicherweise, zumindest teilweise, durch CTE verursacht wurde.

Second-Impact-Syndrom

Das Second-Impact-Syndrom ist eine seltene, aber schwere Komplikation der Gehirnerschütterung. Bei diesem Syndrom schwillt das Hirn rasch an, nachdem die Sportler eine zweite Gehirnerschütterung erlitten, bevor die erste vollständig ausgeheilt war. Beinahe die Hälfte der Sportler mit diesem Syndrom sterben daran.

Symptome

Menschen mit einer Gehirnerschütterung können bewusstlos werden oder auch nicht, sie weisen jedoch Funktionsstörungen des Gehirns auf. Hierzu zählen folgende Symptome:

  • Verwirrung: Sie wirken benommen oder verdutzt, sind unsicher, wer der Gegner oder was der Spielstand ist und/oder antworten langsam

  • Gedächtnisverlust: Sie erinnern sich nicht an die Spiele oder ihre Aufgaben und/oder an Ereignisse direkt vor oder nach der Verletzung

  • Sehstörungen: Doppeltsehen

  • Lichtempfindlichkeit

  • Benommenheit, linkische Bewegungen und gestörtes Gleichgewichtsgefühl

  • Kopfschmerzen

  • Übelkeit und Erbrechen

  • Manchmal „Klingeln” in den Ohren (Tinnitus)

  • Verlust des Geruchs- oder Geschmackssinns

Syndrom nach Gehirnerschütterung

Manche Symptome können ein paar Tage bis zu Wochen nach einer Gehirnerschütterung anhalten. Die Betroffenen können unter folgendem leiden:

  • Kopfschmerzen

  • Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis

  • Konzentrationsschwierigkeiten

  • Erschöpfung

  • Schlafschwierigkeiten

  • Persönlichkeitsstörungen (z. B. Reizbarkeit oder Stimmungsschwankungen)

  • Licht- und Geräuschempfindlichkeit

Bei Jugendlichen können viele Symptome nach einer Gehirnerschütterung, insbesondere Reizbarkeit, Müdigkeit und die Unfähigkeit, sich zu konzentrieren, falsch verstanden und der normalen Pubertät zugeschrieben werden.

Diagnose

  • Untersuchung durch den Arzt

Sportler mit Symptomen einer Gehirnerschütterung sollten von einem Arzt untersucht werden, die Erfahrung bei der Diagnose und Behandlung dieser Art von Verletzung haben. Manchmal sind Ärzte bei hochkarätigen Sportveranstaltungen vor Ort. Falls nicht, sollten die Begleitpersonen darin geschult sein, wie sie eine Gehirnerschütterung erkennen können, wie betroffene Sportler zu untersuchen und ab wann sie an eine weitere Behandlung zu verweisen sind.

Instrumente, wie etwa das Sports Concussion Assessment Tool 2 (SCAT2), SCAT3 oder SCAT5 können den Teams, den Trainern und anderen helfen, die Sportler vor Ort zu beurteilen. SCAT2 und SCAT3 sind im Internet kostenlos verfügbar und können auf eigene Computer heruntergeladen werden. SCAT5 ist die neueste Version und ebenfalls kostenlos online verfügbar. Das Center for Disease Control and Prevention (CDC) bietet zudem Tools und Informationsmaterial (CDC „Heads Up“-Programme) für Helfer an.

Ärzte und Begleitpersonen sollten sich darüber im Klaren sein, dass die Sportler die Symptome nach einer Gehirnerschütterung abstreiten oder unterbewerten können, nur um weiterspielen zu dürfen.

Tests mit bildgebenden Verfahren wie der Computertomographie (CT) werden durchgeführt, wenn die Ärzte eine schlimmere Verletzung vermuten, zum Beispiel die Ansammlung von Blut im Gehirn oder zwischen Gehirn und Schädel (intrakranielle Hämatome) oder Prellungen (Kontusionen) des Gehirns.

Bei einigen Programmen absolvieren alle Sportler vor der Teilnahme an Sportveranstaltungen neurokognitive Tests (Tests mancher Hirnfunktionen). Wenn es einen Verdacht auf eine Gehirnerschütterung gibt, können die Ärzte dann den Sportler neu untersuchen und feststellen, ob die Hirnfunktionen geschädigt wurden.

Behandlung

  • Ruhe

  • Paracetamol gegen Kopfschmerzen

  • Erst wieder zum Spiel zurückkehren, wenn die Symptome abgeklungen sind

Die Behandlung sportbedingter Gehirnerschütterungen erfolgt ähnlich wie die bei anderen Patienten mit einer Gehirnerschütterung. Die Betroffenen sollten sich ausruhen und bei Bedarf Paracetamol gegen die Kopfschmerzen nehmen. Schule und Arbeit, Autofahren, Alkohol und übermäßige Stimulierung des Gehirns (zum Beispiel beim Gebrauch von Computern, Fernsehen, Videospiele) sollten vermieden werden.

Die Familienangehörigen sollten den Sportler ins Krankenhaus bringen, falls die Symptome sich verschlimmern.

Wussten Sie ...

  • Es kann vorkommen, dass Sportler die Symptome nach einer Gehirnerschütterung abstreiten oder unterbewerten, damit sie weiterspielen können.

Rückkehr ins Spiel

Die Rückkehr zu sportlichen Aktivitäten ist nicht zu empfehlen, bevor mehrere Schritte unternommen wurden. Sobald die Symptome der Gehirnerschütterung abgeklungen sind, können die Patienten mit leichten aeroben Übungen beginnen und dann mit sportspezifischem Training, Übungen ohne Kontakt, Übungen mit vollem Kontakt fortfahren und schließlich an Wettbewerbsspielen teilnehmen. Die Sportler sollten erst zum nächsten Stadium übergehen, wenn alle Symptome aus einem früheren Stadium verschwunden sind.

Selbst wenn die Symptome schnell besser werden, sollten die Sportler eher nicht zum vollen Wettkampf zurückkehren, bevor nicht alle Symptome seit wenigstens einer Woche abgeklungen sind.

Sportler, die eine schwere Gehirnerschütterung erlitten (zum Beispiel, wenn sie mehr als 5 Minuten bewusstlos waren oder sich nicht mehr an Vorfälle erinnern, die sich 24 Stunden vor oder nach dem Unfall ereignet haben), sollten wenigstens einen Monat warten, bevor sie wieder voll zum Wettkampf zurückkehren.

Jemand, der in einer Saison mehrere Gehirnerschütterungen erlitten hat, muss verstehen, welche Risiken er eingeht, wenn er weiter teilnimmt. Der Betroffene (oder dessen Eltern, wenn es sich um ein Kind handelt) sollte mit einem Arzt, der Erfahrung mit Hirnverletzungen hat, über diese Risiken sprechen.

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