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Tourette-Syndrom und andere Tic-Störungen bei Kindern und Jugendlichen

(Tourette's Syndrome)

Von

M. Cristina Victorio

, MD, Northeast Ohio Medical University

Letzte vollständige Überprüfung/Überarbeitung Mrz 2020| Inhalt zuletzt geändert Mrz 2020
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Kurzinformationen
Quellen zum Thema

Tics sind rasche, ziellose, wiederholte, aber unrhythmische unwillkürliche Bewegungen (Muskel- oder motorische Tics) oder unwillkürliche, plötzliche, häufig wiederholte Geräusche und/oder Worte (vokale Tics). Sie können unterdrückt werden, jedoch nur für kurze Zeit und nur mit bewusster Anstrengung. Ein Tourette-Syndrom wird diagnostiziert, wenn sowohl motorische als auch vokale Tics länger als ein Jahr auftreten.

  • Der Drang zu blinzeln, Grimassen zu schneiden, mit dem Kopf zu zucken, sich auf irgendeine andere Weise zu bewegen oder ein Geräusch von sich zu geben, ist unwiderstehlich.

  • Ärzte gründen ihre Diagnose auf die Symptome.

  • Viele Tics verschwinden von allein, doch wenn sie lästig oder schwerwiegend sind, können eine umfassende Verhaltensintervention für Tics und manchmal Clonidin oder Antipsychotika helfen.

Der Schweregrad der Tics variiert stark. Eines von fünf Kindern zeigt eine Zeit lang einen Tic. Die meisten sind leicht und werden von den Eltern und Ärzten häufig nicht als Erkrankung erkannt. Das Tourette-Syndrom ist die schwerste Tic-Störung und kommt bei weniger als 1 von 100 Kindern vor. Die Wahrscheinlichkeit von Tics ist bei Jungen 3-mal so hoch wie bei Mädchen.

Sie beginnen vor dem 18. Lebensjahr (typischerweise zwischen 4 Jahren und 6 Jahren), erreichen ihr Maximum im Alter von etwa 10 bis 12 Jahren und lassen in der Jugend nach. Die meisten Tics verschwinden letztendlich. Bei etwa 1 Prozent der Kinder setzen sich die Tics im Erwachsenenalter fort.

Kinder mit Tics haben manchmal noch andere Erkrankungen, wie

Diese Erkrankungen wirken sich oft mehr auf die Entwicklung und das Wohlergehen des Kindes aus als die Tics. Manchmal treten die Tics zum ersten Mal auf, wenn Kinder mit ADHS mit einem Stimulans wie Methylphenidat behandelt werden. Bei diesen Kindern besteht vermutlich eine zugrunde liegende Tendenz zur Entwicklung von Tics.

Jugendliche (und Erwachsene) mit Tics können außerdem Folgendes aufweisen:

Klassifizierung

Es gibt drei Hauptarten von Tic-Störungen:

  • Vorübergehende Tic-Störung: Motorische und/oder vokale Tics über weniger als ein Jahr.

  • Dauerhafte Tic-Störung (chronische Tic-Störung): Motorische oder vokale Tics (jedoch nicht beides) über mehr als ein Jahr.

  • Tourette-Syndrom: Die Kinder haben sowohl motorische als auch vokale Tics über mehr als ein Jahr.

Kinder beginnen mit der vorübergehenden Tic-Störung und entwickeln manchmal eine chronische Tic-Störung oder das Tourette-Syndrom.

Ursachen

Die Ursache von Tic-Störungen ist unbekannt. Da sie jedoch oft familiär gehäuft auftreten, könnten Erbfaktoren eine Rolle spielen.

Manchmal entwickeln Personen mit einer anderen Erkrankung, wie der Huntington-Krankheit oder einer Infektion des Gehirns (Enzephalitis), Tics. Sie können auch durch bestimmte Drogen, wie Kokain oder Amphetamine, verursacht werden. Tics, die durch andere Erkrankungen oder Drogen verursacht werden, werden jedoch nicht als Tic-Störungen eingestuft.

Bei Kindern, die eine Streptokokken-(Strep) Infektion, Tics und/oder OCD-Symptome haben oder hatten, können diese manchmal plötzlich einsetzen oder sich innerhalb eines Tages dramatisch verschlechtern. Solche Fälle werden als Pediatric Autoimmune Neuropsychiatric Disorder Associated with Streptococcus (PANDAS) bezeichnet. Es wird vermutet, dass vom Körper gebildete Antikörper gegen Streptokokken Tics (oder OCD) verursachen oder Tics verschlechtern können. Die meisten Forscher sind jedoch der Meinung, dass hierzu ein ausreichender Nachweis fehlt.

Symptome

Bevor ein Tic auftritt, kann eine Person den Drang verspüren, den Tic auszuführen. Dieser Drang ähnelt dem Drang zu niesen oder bei Juckreiz zu kratzen. Die Spannung wird, gewöhnlich im betroffenen Körperteil, immer stärker. Wird dem Tic nachgegeben, verschafft dies eine kurze Erleichterung.

Der Tic kann manchmal mit bewusster Anstrengung und Schwierigkeiten sekunden- oder minutenlang verzögert werden. Normalerweise wird der Drang letztendlich unwiderstehlich. Die Tics zu kontrollieren, ist normalerweise schwierig, insbesondere bei emotionaler Belastung. Stress und Müdigkeit können die Tics verstärken. Auch verschlimmern sich die Tics oft, wenn der Körper entspannt ist, zum Beispiel beim Fernsehen. Wenn man auf den Tic aufmerksam macht, kann der Tic, insbesondere bei Kindern, schlimmer werden. Sie treten normalerweise nicht im Schlaf auf und beeinflussen selten die Koordination. Wenn sich die Betroffenen auf eine Aufgabe, z. B. in der Schule oder beim Arbeiten, konzentrieren oder sich in einer unbekannten Umgebung befinden, können die Tics schwächer werden.

Personen mit schweren Tics, insbesondere mit Tourette-Syndrom, kann das Funktionieren sehr schwer fallen und sie leiden in Gesellschaft unter beträchtlichen Angstzuständen. Früher hat man sie gemieden und isoliert oder gar angenommen, sie seien vom Teufel besessen. Sie können impulsiv und aggressiv werden und ein selbstzerstörerisches Verhalten an den Tag legen.

Bei Kindern mit schweren Tic-Störungen oder Tourette-Syndrom ist die Wahrscheinlichkeit anderer Störungen, wie Zwangsstörung, ADHS und/oder Lernschwierigkeiten, höher. Diese Probleme scheinen durch die Abweichungen im Gehirn verursacht zu werden. Wenn eine Tic-Störung schwer ist, kann die außerordentliche Belastung durch das Leben mit der Störung diese Probleme jedoch noch verstärken.

Tics sind im Moment des Auftretens häufig ähnlich, aber sie variieren mit der Zeit in Art, Intensität und Häufigkeit. Manchmal beginnen sie plötzlich und dramatisch. Sie können mehrmals in einer Stunde auftreten, und anschließend viele Monate lang kaum.

Arten von Tics

Tics können

  • Einfach oder komplex sein

  • Motorisch oder verbal sein

Einfache Tics dauern nur sehr kurz an. Sie können als nervöse Angewohnheiten beginnen.

Komplexe Tics dauern länger an und können aus einer Kombination aus mehreren einfachen Tics bestehen. Bei manchen komplexen Tics rufen die Betroffenen Obszönitäten oder Schimpfwörter aus dem Fäkalbereich aus (als Koprolalie bezeichnet). Obwohl Koprolalie oft mit dem Tourette-Syndrom in Verbindung gebracht wird, weisen mindestens 85 Prozent der Menschen mit Tourette-Syndrom keine Koprolalie auf. Komplexe Tics können zielgerichtet erscheinen, wie bei Koprolalie oder wenn die Bewegungen oder Worte einer anderen Person nachgeahmt werden, sie erfolgen jedoch nicht absichtlich.

Tabelle
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Arten von Tics

Klassifizierung

Motorisch

Vokal

Einfach

Blinzeln

Grimassen ziehen

Kopfzucken

Schulterzucken

Grunzen oder Bellen

Schnüffeln oder Schnauben

Räuspern

Komplex sein

Kombination aus einfachen Tics (wie Kopfdrehen plus Schulterzucken)

Kopropraxie: Sexuelle oder obszöne Gesten

Echopraxie: Nachahmen von Bewegungen

Koprolalie: Äußern unangebrachter Wörter (wie Obszönitäten oder ethnische Verunglimpfungen)

Echolalie: Wiederholen der eigenen Geräusche oder Worte oder der anderer Personen

Wussten Sie ...

  • Die meisten Menschen mit Tourette-Syndrom schreien nicht wahllos Obszönitäten heraus.

Diagnose

  • Untersuchung durch den Arzt

Eine frühzeitige Diagnose einer Tic-Störung kann Eltern dabei helfen zu verstehen, dass die Tics ihres Kindes nicht absichtlich geschehen und dass Bestrafungen nutzlos sind bzw. diese sogar noch verschlimmern.

Die Diagnose basiert auf den Symptomen und deren Dauer.

Um das Tourette-Syndrom von anderen Tic-Störungen abzugrenzen, müssen die Kinder möglicherweise regelmäßig über einen längeren Zeitraum beobachtet werden.

Die Kinder werden auch auf Störungen untersucht, die oft mit Tics einhergehen, wie ADHS und Zwangsstörung.

Behandlung

  • Bestätigung und Unterstützung

  • Umfassende Verhaltensintervention für Tics

  • Medikamente

Wenn die Symptome leicht sind, ist Bestätigung oft am besten. Dem Tic sollte dabei so wenig Aufmerksamkeit wie möglich geschenkt werden, bis er von selbst verschwindet. Eine Behandlung kann oftmals vermieden werden, wenn die Familie die Bedeutung der Erkrankung versteht und die Erkrankung dem Lehrer und den Mitschülern erklärt und von diesen verstanden wurde.

Umfassende Verhaltensintervention für Tics (CBIT)

Die CBIT ist eine Art Verhaltenstherapie. Sie kann manchen älteren Kindern helfen, ihre Tics zu kontrollieren.

Zur CBIT zählt Folgendes:

  • Kognitive Verhaltenstechniken (wie das Habit-Reversal-Training [Gewohnheitsumkehr-Training])

  • Aufklärung über Tics

  • Entspannungstechniken

Das Habit-Reversal-Training umfasst die Schulung der Kinder in neuen Verhaltensweisen als Ersatz für die Tics. Wenn ein Tic zum Beispiel ein Schulterzucken ist, wird den Kindern beigebracht, ihre Arme auszustrecken, bis der Drang mit den Schultern zu zucken, nachlässt.

Die Aufklärung kann die Kinder (und deren Eltern) lehren, Situationen zu identifizieren, in denen die Tics auftreten oder schlimmer werden.

Medikamente

Medikamente werden nur empfohlen, wenn die Tics andauern und die Aktivitäten oder das Selbstbild des Kindes beeinträchtigt werden. Die niedrigste Dosis, die nötig ist, um den Tic erträglich zu machen, wird verwendet und die Dosen werden gesenkt, wenn die Tics abnehmen.

Gelegentlich hilft Clonidin, das auch zur Kontrolle von Angst und Hyperaktivität, die mit einer Tic-Störung einhergehen können, eingesetzt werden kann. Clonidin kann jedoch zu Benommenheit führen, die sich auf die Aktivitäten des Kindes auswirken kann. Obgleich Clonidin auch bei Bluthochdruck zum Einsatz kommt, führt es bei Kindern selten zu einem niedrigen Blutdruck. Wenn Clonidin jedoch eine Zeit lang verwendet wird, kann beim Absetzen des Medikaments der Blutdruck vorübergehend steigen.

Bei schweren Tics können Antipsychotika wirksam sein, obwohl die Tics nicht durch eine Psychose ausgelöst werden. Wirksame Medikamente sind Risperidon, Haloperidol, Pimozid und Olanzapin. Nebenwirkungen beinhalten Unruhe, Muskelsteifheit, Parkinson-ähnliche Symptome (Parkinsonismus) und tardive Dyskinesie mit wiederholten, langsamen unkontrollierten Bewegungen. Diese Nebenwirkungen sind jedoch selten, da die zur Behandlung eingesetzten Dosen niedrig sind.

Behandlung anderer Probleme

Kinder mit Tics, die Schwierigkeiten in der Schule haben, sollten auf Lernstörungen untersucht werden und bei Bedarf Unterstützung erhalten.

Wenn zwanghafte Eigenschaften störend sind, können Medikamente, wie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) – ein Antidepressivum – hilfreich sein.

ADHS kann schwer zu behandeln sein, da das Stimulans, das hier normalerweise zum Einsatz kommt, die Tics noch verstärken kann. Bisweilen kann durch niedrige Dosen dieser Medikamente ADHS wirksam behandelt werden, ohne dass sich die Tics verschlechtern. Oder es wird für ADHS ein Medikament verabreicht, das kein Stimulans ist.

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