honeypot link

Msd Manual

Please confirm that you are a health care professional

Kokain

(Riss)

Von

Gerald F. O’Malley

, DO, Grand Strand Regional Medical Center;


Rika O’Malley

, MD, Albert Einstein Medical Center

Inhalt zuletzt geändert Mrz 2018
Zur Patientenaufklärung hier klicken.

Kokain ist eine sympathomimetische Substanz mit ZNS-stimulierender Wirkung und euphorisierenden Eigenschaften. Hohe Dosen können zu Panik, schizophrenieähnlichen Symptomen, Krampfanfällen, Hyperthermie, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Schlaganfall, Aortendissektion, intestinale Ischämie und Myokardinfakrt führen. Einer Intoxikation wird mit unterstützender Behandlung begegnet, u. a. mit der i.v. Gabe von Benzodiazepinen (bei Erregung, Hypertonie und Krampfanfällen) und Kühlmaßnahmen (bei Hyperthermie). Der Entzug manifestiert sich in erster Linie als Depressionen, Konzentrationsstörungen und Schläfrigkeit.

Die meisten Konsumenten nehmen Kokain nur gelegentlich ein. Jedoch erfüllen etwa 25% (oder mehr) der Anwender die Kriterien für Missbrauch oder Abhängigkeit. Der Gebrauch unter Jugendlichen hat in der letzten Zeit abgenommen. Die Verfügbarkeit biologisch hochaktiver Formen wie Crack hat das Problem der Kokainabhängigkeit verschärft. Das meiste Kokain in den USA hat eine Reinheit von etwa 45 bis 60%, es kann also eine breite Palette von Füllstoffen, Streckmitteln und Verunreinigungen enthalten.

Das meiste Kokain in den USA wird verdampft und inhaliert, aber es kann auch geschnupft oder i.v. injiziert werden. Für die Inhalation wird das puderartige Hydrochloridsalz durch Zusatz von NaHCO3, Wasser und Hitze in eine flüchtigere Form umgewandelt. Der entstandene Niederschlag (Crack) wird durch Erhitzen (es wird nicht verbrannt) verflüchtigt und eingeatmet. Die Wirkung setzt schneller ein, und das „High“-Gefühl ist, wie das bei der Injektion, deutlich verstärkt. Bei Kokain kommt es zu einer Toleranzentwicklung; bei starkem Gebrauch ist der Entzug durch Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, stärkeren Appetit und Depression gekennzeichnet. Nach einer Zeit des Entzugs ist das Verlangen nach einem erneuten Kokainkonsum stark ausgeprägt.

Pathophysiologie

Kokain, ein Alkaloid in den Blättern der Kokapflanze, erhöht die Noradrenalin-, Dopamin- und Serotoninaktivität im zentralen und peripheren Nervensystem.

Eine Verbesserung der Dopaminaktivität ist die wahrscheinlichste Ursache für einen Missbrauch der Substanz.

Die Noradrenalinaktivität sorgt für die sympathomimetischen Effekte: Tachykardie, Hypertonie, Mydriasis, Schwitzen und Hyperthermie.

Kokain blockiert auch Natriumkanäle, was seine Wirkung als Lokalanästhetikum erklären kann. Kokain führt zu einer Vasokonstriktion und kann somit fast jedes Organ betreffen. Myokardinfarkt, zerebrale Ischämie und Blutungen, Aortendissektion, intestinale Ischämie und Nierenischämie sind mögliche Folgeerscheinungen.

Das Einsetzen der Wirkung von Kokain hängt von der Art der Inkorporation ab:

  • Intravenöse Injektion und Rauchen: Sofortiges Einsetzen, Höhepunkt nach 3–5 Minuten, Anhalten der Wirkung von ca. 15–20 min

  • Intranasale Verwendung: Einsetzen nach ca. 3–5 Minuten, maximale Wirkung bei 20–30 min, und eine Dauer von ca. 45–90 min

  • Orale Einnahme: Einsetzen nach ca. 10 min, maximale Wirkung bei etwa 60 min, und eine Dauer von ca. 90 min

Da die Wirkung von Kokain nur sehr kurz anhält, wird die Substanz häufig alle 10–15 Minuten intravenös injiziert oder geraucht.

Schwangerschaft

Kokaingebrauch während der Schwangerschaft kann eine Wirkung auf den Fetus haben; das Risiko von Plazentalösung und Fehlgeburt ist höher.

Symptome und Beschwerden

Akute Wirkungen

Die Wirkung hängt von der Art der Einnahme ab. Nach intravenöser Injektion oder Inhalation führt Kokain zu Übererregbarkeit, gesteigerter Wachheit, Euphorie und Gefühlen der Leistungsfähigkeit, Stärke und Macht. Erregung und „High“ sind ähnlich wie nach der Injektion von Amphetaminen. Wenn Kokain als Pulver geschnupft wird, sind diese Gefühle weniger intensiv und einschneidend.

Benutzer, die die Substanz rauchen, können einen Pneumothorax oder ein Pneumomediastinum entwickeln, was Schmerzen in der Brust, Atemnot, oder beides verursacht. Myokardischämie durch Kokainkonsum kann auch zu Schmerzen in der Brust führen, Kokain kann aber auch zu Brustschmerzen ohne Myokardischämie führen; der Mechanismus ist unklar. Arrhythmien und Überleitungsstörungen können auftreten. Kardiale Effekte können zum plötzlichem Tod führen. Exzessive Anwendung, oft über mehrere Tage, führt zu einem Erschöpfungssyndrom oder "Washed-out-Syndrom", das durch intensive Müdigkeit und Schlafbedürfnis gekennzeichnet ist.

Toxizität oder Überdosierung

Eine Überdosierung kann zu schweren Angstzuständen, Panik, Aufregung, Aggression, Schlaflosigkeit, Halluzinationen, paranoiden Wahnvorstellungen, beeinträchtigtem Urteilsvermögen, Zittern, Krämpfen und Delirium führen. Es kommt zu Mydriasis und Schwitzen. Die Herzfrequenz und der Blutdruck sind erhöht. Der Tod kann durch einen Myokardinfarkt oder durch Herzrhythmusstörungen herbeigeführt werden.

Eine schwere Überdosierung verursacht ein Syndrom der akuten Psychose (z. B. schizophrenieähnliche Symptome), Hypertonie, Hyperthermie, Rhabdomyolyse, Gerinnungsstörungen, Nierenversagen und Krampfanfälle. Personen mit extrem schweren Intoxikationen haben möglicherweise genetisch bedingte (abnorm) niedrige Serum-Cholinesterase-Spiegel. Dieses Enzym wird für die Elimination von Kokain aus dem Plasma benötigt.

Patienten, die Kokain einatmen, können ein akutes Lungensyndrom (Knistern der Lunge) mit Fieber, Bluthusten und Hypoxie entwickeln, was zu Atemversagen fortschreiten kann.

Bei gleichzeitigem Konsum von Kokain und Alkohol kommt es zur Kondensation und Bildung von Cocaethylen, das stimulierende Eigenschaften besitzt und die Toxizität verstärkt.

Chronische Wirkungen

Beim stark abhängigen Konsumenten treten schwere toxische Wirkungen auf. Myokardiale Fibrose, linksventrikuläre Hypertrophie und Kardiomyopathie können sich entwickeln. In seltenen Fällen verursacht wiederholtes Schnupfen eine Perforation der Nasenscheidewand aufgrund einer lokalen Ischämie. Kognitive Beeinträchtigung, einschließlich eingeschränkter Aufmerksamkeit und Einschränkungen des verbalen Gedächtnisses, tritt bei Menschen auf, die stark abhängig sind. Menschen, die Kokain injizieren, unterliegen den typischen infektiösen Komplikationen.

Entzug

Die wichtigsten Symptome sind Depressionen, Konzentrationsstörungen und Schläfrigkeit. Der Appetit ist erhöht.

Diagnose

  • Klinische Abklärung

Die Diagnose wird in der Regel klinisch gestellt. Blutwerte werden nicht bestimmt. Der Kokainmetabolit Benzoylecgonin ist Bestandteil der meisten routinemäßigen Urintests auf verschiedene Substanzen.

Behandlung

  • Intravenöse Gabe von Benzodiazepinen

  • Vermeidung von Betablockern

  • Kühlung bei Hyperthermie nach Bedarf

Toxizität oder Überdosierung

Die Behandlung einer leichten Kokainvergiftung ist im Allgemeinen nicht erforderlich, da die Substanz nur eine extrem kurze Wirkdauer hat. Benzodiazepine sind die bevorzugte Erstbehandlung für die meisten toxischen Wirkungen, einschließlich ZNS-Erregung, Krampfanfälle, Tachykardie und Hypertonie. Lorazepam 2–3 mg i.v. alle 5 min titriert kann eingesetzt werden. Hohe Dosen und eine kontinuierliche Infusion können notwendig sein. Eine Infusion mit Propofol bei mechanischer Atemunterstützung kann in schwierigen Fällen eingesetzt werden.

Eine Hypertonie, die auf eine Behandlung mit Benzodiazepinen nicht anspricht, wird mit i.v. Nitraten (z. B. Nitroprussid) oder Phentolamin behandelt; Betablocker sind nicht zu empfehlen, weil sie eine fortgesetzte α-adrenerge Stimulation ermöglichen.

Eine Hyperthermie kann lebensbedrohlich sein und sollte aggressiv mit Sedierung zzgl. Verdunstungskühlung, Eisbeutel und Kontrolle des intravaskulären Volumens und des Harnflusses mit i.v. physiologischer Kochsalzlösung behandelt werden.

Phenothiazine senken die Krampfschwelle, und ihre anticholinergen Effekte können mit Kühlmaßnahmen interferieren, weswegen sie nicht für die Sedierung eingesetzt werden.

Gelegentlich müssen sehr erregte Patienten pharmakologisch ruhig gestellt und künstlich beatmet werden, um eine Azidose, Rhabdomyolyse oder multisystemische Dysfunktion zu verbessern.

Kokain-induzierte Schmerzen in der Brust werden wie bei jedem anderen Patienten mit potentieller Myokardischämie oder Aortendissektion abgeklärt: mittels Röntgenthorax, serieller EKG und kardialen Serummarkern. Wie bereits erwähnt, sind Betablocker kontraindiziert, während Benzodiazepine das Medikament der Wahl sind. Wenn eine koronare Vasodilatation erforderlich ist, nachdem Benzodiazepine gegeben wurden, können Nitrate oder Phentolamin (1 bis 5 mg, i.v., langsame Verabreichung) eingesetzt weren.

Missbrauch

Menschen, die große Mengen Kokain konsumieren, und Menschen, die die Substanz i.v. injizieren oder rauchen, werden am ehesten abhängig. Bei gelegentlichem Gebrauch und einer nasalen oder oralen Inkorporation ist die Gefahr einer Abhängigkeit geringer. Das Beenden eines anhaltenden Kokainkonsums kann nur mit beträchtlicher Unterstützung erfolgen; die möglicherweise resultierende Depression verlangt eine enge Überwachung und Behandlung.

Es gibt viele ambulante Therapiemöglichkeiten wie Sucht- und Selbsthilfegruppen sowie Kokain-Hotlines. Eine stationäre Therapie ist in erster Linie dann angezeigt, wenn eine schwerwiegende körperliche oder psychische Komorbidität besteht oder wenn eine ambulante Therapie wiederholt erfolglos blieb.

Zur Behandlung von Kindern kokainabhängiger Mütter, ( Pränatale Drogenexposition).

Weitere Informationen

Zur Patientenaufklärung hier klicken.
HINWEIS: Dies ist die Ausgabe für medizinische Fachkreise. LAIEN: Hier klicken, um zur Ausgabe für Patienten zu gelangen.
Erfahren Sie

Auch von Interesse

SOZIALE MEDIEN

NACH OBEN