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Harninkontinenz bei Kindern

Von

Teodoro Ernesto Figueroa

, MD, Nemours/A.I. duPont Nemours Hospital for Children

Inhalt zuletzt geändert Feb 2018
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Quellen zum Thema

Harninkontinenz wird als unwillkürlicher Harnabgang 2-mal monatlich während des Tages oder der Nacht definiert. Eine überarbeitete Terminologie für die Zeit der Inkontinenz wurde vorgeschlagen (siehe International Incontinence Society web site):

  • Bei Harninkontinenz während des Tages: Tagesinkontinenz (oder Einnässen am Tag)

  • Bei Harninkontinenz bei Nacht: Enuresis (oder Bettnässen)

Inkontinenz während des Tages)wird in der Regel nicht vor einem Alter von 5 oder 6 Jahren festgestellt. Die nächtliche Inkontinenz wird in der Regel erst im Alter von 7 Jahren diagnostiziert. Vor diesem Zeitpunkt wird Enuresis typischerweise als Bettnässen bezeichnet (1). Diese Altersangaben sind für Kinder gedacht, die sich regulär entwickeln und können auf Kinder, die in ihrer Entwicklung beeinträchtigt sind, nicht angewandt werden. Sowohl die nächtliche Inkontinenz als auch die Inkontinenz tagsüber sind Symptome - keine Diagnosen - und erfordern die Berücksichtigung einer zugrunde liegenden Ursache.

Das Alter, in dem Kinder typischerweise eine Harnkontinenz erreichen, variiert, aber > 90% der Kinder sind während des Tages in einem Alter von 5 Jahren trocken. Das Erreichen der nächtlichen Kontinenz braucht länger. Enuresis betrifft 30% der Kinder mit 4 Jahren, 10% mit 7 Jahren, 3% mit 12 Jahren und 1% mit 18 Jahren. Etwa 0,5% der Erwachsenen haben weiterhin Episoden mit nächtlicher Inkontinenz. Enuresis ist bei Jungen häufiger und dann, wenn es eine familiäre Vorbelastung gibt (2).

Bei der primären Inkontinenz haben Kinder nie eine Harnkontinenz erreicht, die über 6 Monate andauert. Bei der sekundären Inkontinenz erleben Kinder nach einem Zeitraum von mindestens 6 Monaten ohne Inkontinenz eine Episode von Harninkontinenz. Eine organischer Ursache gibt es eher bei der sekundären Inkontinenz. Selbst wenn es keine organische Ursache gibt, sind eine angemessene Behandlung und eine Beratung der Eltern wegen der physischen und psychologischen Auswirkungen der Enuresis unerlässlich (3).

Allgemeine Referenzen

  • 1. Wright, AJ: The epidemiology of childhood incontinence. In Pediatric Incontinence, Evaluation and Clinical Management, herausgegeben von Franco I, Austin P, Bauer S, von Gontard A, Homsy I. Chichester, John Wiley & Söhne Ltd., 2015, pp. 37–60.

  • 2. Horowitz M, Misseri R: Diurnal und Enuresis nocturna. In Clinical Pediatric Urology, ed 5, herausgegeben von Docimo S, Canning D, Khoury A. London, Martin Dunitz Ltd., 2007, S.. 819–840.

  • 3. Austin PF, Vricella GJ: Functional disorders of the lower urinary tract in children. in Campbell-Walsh Urology, ed. 11, herausgegeben von Wein A, Kavoussi L, Partin A, Peters C. Philadelphia, Elsevier, 2016, pp 3297–3316.

Pathophysiologie

Die Blasenfunktion hat eine Speicherphase und eine Entleerungsphase. Anomalien bei einer der beiden Phasen kann primäre oder sekundäre Inkontinenz verursachen.

In der Speicherphase fungiert die Blase als Reservoir für den Urin. Die Speicherkapazität richtet sich nach der Größe und Lernfähigkeit der Blase. Die Speicherkapazität wird besser, wenn die Kinder größer werden. Die Lernfähigkeit kann durch wiederholte Infektionen oder durch Obstruktion verringert werden, was eine Blasenmuskel-Hypertrophie zur Folge hat.

In der Entleerungsphasegeht die Blasenkontraktion mit einer Öffnung des Blasenhalses und des externen Harnröhrensphinkters einher. Wenn es eine Dysfunktion in der Koordination oder in der Abfolge der Blasenentleerung gibt, kann Inkontinenz auftreten. Es gibt mehrere Gründe für die Dysfunktion. Ein Beispiel ist eine Blasenreizung, die zu irregulären Kontraktionen der Blase und zu einer asynchronen Entleerungssequenz führt, was die Inkontinenz bedingt. Eine Blasenreizung kann von einer Harnwegsinfektion herrühren oder von etwas anderem, das auf die Blase drückt (z. B. ein erweitertes Rektum durch Verstopfung).

Ätiologie

Harninkontinenz bei Kindern hat andere Ursachen und Behandlungsformen als die Harninkontinzenz bei Erwachsenen. Obwohl einige Anomalien sowohl nächtliche als auch tägliche Inkontinenz verursachen, variiert die Ätiologie typischerweise je nachdem, ob die Inkontinenz nächtlich oder täglich sowie primär oder sekundär ist. Die meiste primäre Inkontinenz ist nachtaktiv (d.h. Enuresen) und nicht auf eine organische Störung zurückzuführen. Enuresis kann monosymptomatisch sein (tritt nur während des Schlafens auf) oder komplex, z. B. wenn andere Anomalien vorhanden sind, wie Inkontinenz und/oder Beschwerden beim Wasserlassen.

Nächtliche Inkontinenz

Organische Erkrankungen machen etwa 30% der Fälle aus und sind bei der komplexen Enuresis häufiger als in der monosymptomatischen Enuresis. Die verbleibende Mehrheit der Fälle ist von unklarer Ätiologie, es wird aber angenommen, dass sie durch eine Kombination von Faktoren verursacht werden, zu denen die Folgenden gehören:

  • Verzögerung des Reifeprozesses

  • Noch nicht beendeter Prozess des Trockenwerdens

  • Funktionelle geringe Blasenkapazität (die Blase ist nicht wirklich klein, aber kontrahiert, bevor sie vollständig gefüllt ist)

  • Erhöhtes nächtliches Harnvolumen

  • Schwierigkeiten beim Aufwachen aus dem Schlaf, wenn die Blase Signale gibt

  • Familiäre Belastung (wenn ein Elternteil nächtliche Enuresis hatte, gibt es eine Chance von 30%, dass seine Kinder ebenfalls darunter leiden werden, erhöht auf 70%, wenn beide Eltern davon betroffen waren)

Zu den Faktoren, die zu organischen Ursachen der Inkontinenz beitragen, gehören:

Tabelle
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Einige Faktoren, die zur nächtlichen Inkontinenz beitragen

Ursache

Verdächtige Befunde

Diagnostischer Ansatz

Unregelmäßige, harte, kleine Stühle (wie Kieselsteine)

Enkoprese

Bauchbeschwerden

Vorgeschichte mit einer Ernährung, die verstopfend wirkt (z. B. sehr viel Milch und Milchprodukte, wenig Obst und Gemüse)

Klinische Abklärung (einschließlich Stuhlgang-Tagebuch)

Manchmal Röntgenaufnahme des Bauchraums

Erhöhte Urinausscheidung aufgrund jeglicher Ursache (z. B. Diabetes mellitus, Diabetes insipidus, übermäßige Wasseraufnahme, Sichelzellenanämie oder Anzeichen davon)

Je nach Störung variierend

Für Diabetes mellitus: Serumglukose

Für Diabetes insipidus: Osmolalität in Serum und Blut

Für Sichelzellenanämie: Screening der Sichelzellen

Verzögerung des Reifeprozesses

Keine tägliche Inkontinenz

Häufiger bei Jungen und tief schlafenden Kindern

Möglicherweise eine familiäre Vorbelastung

Klinische Abklärung

Vorgeschichte mit Schnarchen mit hörbaren Atempausen vor lauten Schnarchern

Übermäßige Tagesschläfrigkeit

Vergrößerte Mandeln

Polysomnographie

Dysraphie der Wirbelsäule (z. B. Spina bifida, abgebundene Wirbelsäule, unbekannte Defekte), die zu Harnverhalt führt

Offensichtliche Wirbelkörpermängel, hervorstehende Hirnhautausbuchtung, lumbosakrale Grübchen oder Haarbüschel, Schwäche der unteren Extremitäten, verminderte Empfindung in den unteren Extremitäten

Fehlen des Achillessehnenreflexes, des Kremasterreflexes und geringer rektaler Tonus

Lumbosakrale Röntgenaufnahme

Für verborgene Erkrankungen: Wirbelsäulen-MRT

Stress

Schulprobleme, soziale Isolation oder Schwierigkeiten, Stress in der Familie (z. B. Scheidung, Trennung)

Klinische Abklärung (einschließlich Miktionstagebuch)

Dysurie, Hämaturie, Frequenz, Dringlichkeit

Fieber

Bauchschmerzen

Urinanalyse

Urinkultur

Für Patienten mit Pyelonephritis: Sonographie und Miktionszystourethrogramm

Inkontinenz am Tag

Häufige Ursachen für Inkontinenz während des Tages sind unter anderem

  • Reizblase

  • Relative Schwäche des Detrusormuskels (die eine Kontinenz erschwert)

  • Urethrovaginaler Rückfluss oder vaginale Entleerung: Mädchen, die eine falsche Position während der Blasenentleerung einnehmen (z. B. beide Beine eng zusammen gedrückt) oder überzählige Hautfalten haben, können einen Rückfluss von Urin in die Scheide haben, die anschließend beim Stehen tröpfelt.

  • Strukturelle Anomalien (z. B. Ureterektopie)

  • Anormale Sphinkterschwäche (z. B. Spina bifida, abgebundene Wirbelsäule)

Tabelle
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Einige organische Ursachen von Tagesinkontinenz

Ursache

Verdächtige Befunde

Diagnostischer Ansatz

Unregelmäßige, harte, kleine Stühle (wie Kieselsteine)

Manchmal Enkopresis, Bauchbeschwerden

Vorgeschichte mit einer Ernährung, die verstopfend wirkt (z. B. sehr viel Milch und Milchprodukte, wenig Obst und Gemüse)

Klinische Abklärung (einschließlich Stuhlgang-Tagebuch)

Manchmal Röntgenaufnahmen des Bauchraums

Entleerungsstörung als Folge eines Mangels an Koordination der Detrusor- und Sphinktermuskeln; ohne neurologische Ursache

Oft Enkopresis, vesikoureteraler Reflux und Harnwegsinfektionen

Möglicherweise Inkontinenz während des Tages und während der Nacht

Urodynamische Untersuchungen, die eine Dyssynergie der Blasenmuskulatur zeigen

Harnfluss-Tests

Manchmal Miktionszysturethrogramm (VCUG)

Inkontinenz beim Lachen oder Kichern

Entleerung während des Lachens, fast ausschließlich bei Mädchen

Zu anderen Zeiten ganz normale Blasenentleerung

Klinische Abklärung

Erhöhte Urinausscheidung aufgrund jeglicher Ursache (z. B. Diabetes mellitus, Diabetes insipidus, übermäßige Wasseraufnahme, Sichelzellenanämie oder Anzeichen davon)

Variiert je nach Störung

Bei Diabetes mellitus: Serumglukose

Bei Diabetes insipidus: Osmolalität in Serum und Blut

Bei Sichelzellenanämie: Screening der Sichelzellen

Miktionsverzögerung mit Überlauf-Inkontinenz

Bei Kindern, die zu lange warten, bis sie auf die Toilette gehen

Häufig bei Kindern im Vorschulalter, die ganz vertieft spielen

Passende Vorgeschichte

Miktionstagebuch

Neurogene Blase als Folge einer Dysraphie der Wirbelsäule (z. B. Spina bifida, Tethered Cord, verborgene Defekte) oder einer Störung des Nervensystems

Offensichtliche Wirbelkörpermängel, hervorstehende Hirnhautauswölbung, lumbosakrale Grübchen oder Haarbüschel, Schwäche der unteren Extremitäten, verminderte Empfindung in den unteren Extremitäten

Lumbosakrale Röntgenaufnahme

Bei verborgenen Erkrankungen: Wirbelsäulen-MRT

Sonographie der Nieren und der Blase

Urodynamische Untersuchungen

Überaktive Blase

Harndrang (wichtig für Diagnose); häufig auch Frequenz und Nykturie

Manchmal auch Position der Entleerung (z. B. Kniebeugen oder Vincent-Knicks-Zeichen)

Vorgeschichte im Einklang mit Symptomen oder überaktive Blase

Berücksichtigung des Miktionstagebuchs, urodynamische Untersuchungen, Harnfluss-Tests

Schlafstörungen, Schwierigkeiten in der Schule (z. B. Kriminalität, schlechte Noten)

Verführerisches Verhalten, Depression, ungewöhnliches Interesse an oder Vermeidung aller sexuellen Themen, für das Alter unangemessenes Wissen über sexuelle Dinge

Beurteilung durch Experten sexuellen Missbrauchs

Stress*

Schulprobleme, soziale Isolation oder Schwierigkeiten, Stress in der Familie (z. B. Scheidung, Trennung)

Klinische Bewertung

Strukturelle Anomalie (z. B. Ureterektopie, posteriore Urethralklappen)

Bei Kindern, die noch nie während des Tages kontinent waren

Nacht- und Tagesinkontinenz bei Mädchen, Vorgeschichte mit normaler Entleerung, aber stänidig nasser Unterwäsche, vaginaler Ausfluss

Mögliche Vorgeschichte mit Harnwegsinfektionen oder anderen Harnwegsanomalien

Sonographie der Nieren

Nuklearmedizinische Untersuchung der Nieren oder i.v. Urographie

CT des Bauchraums und des Beckens oder MRT-Urographie

Dysurie, Hämaturie, Frequenz, Dringlichkeit

Fieber

Bauchschmerzen

Urinanalyse

Urinkultur

Für Patienten mit Pyelonephritis: Sonographie und VCUG

Vaginaler Reflux (Rückfluss urethrovaginal oder vaginale Entleerung) aus irgendeinem Grund (einschließlich labiale Adhäsionen)

Tröpfeln im Stehen nach dem Wasserlassen

Klinische Abklärung, einschließlich Unterrichtung über die richtige Körperhaltung bei der Blasenentleerung, um ein Zurückhalten des Urins in der Vagina zu vermeiden (z. B. auf der Toilette rückwärts sitzen oder mit den Knien weit auseinander)

*Stress ist eine Ursache vor allem bei akuter Inkontinenz

VCUG = Miktionszystourethrogramm; VUR = vesikoureteraler Reflux

Abklärung

Die Abklärung sollte immer eine Untersuchung auf Verstopfung einschliessen (dies kann eine Enuresis diurna und eine Enuresis nocturna begünstigen).

Anamnese

Die Geschichte der aktuellen Krankheit erkundigt sich nach dem Einsetzen der Symptome (d. h. primäre versus sekundäre Enuresis), nach dem Zeitpunkt der Symptome (z. B. in der Nacht, während des Tages, nur nach Entleerung) und ob die Symptome kontinuierlich (d. h. ständiges Tröpfeln) oder sporadisch auftreten. Das Führen eines Miktionstagebuchs kann hilfreich sein. Es sollte den Zeitpunkt, die Häufigkeit und die entleerte Menge notieren. Wichtige damit verbundene Symptome sind Polydipsie, Dysurie, Harndrang, Häufigkeit, Tröpfeln und Anstrengung. Die Position während der Entleerung und die Stärke des Urinstrahls ist zu notieren. Um ein Auslaufen zu verhindern, nehmen manche Kinder mit Inkontinenz eine spezielle Körperhaltung ein, wie gekreuzte Beine oder eine Hockhaltung (eventuell mit der Hand oder der Ferse gegen den Damm gepresst). Bei einigen Kindern kann dieses Hinauszögern ihr Risiko für Harnwegsinfekte erhöhen. Ähnlich wie bei dem Miktionstagebuch kann ein Stuhlgang-Tagebuch helfen, eine Verstopfung zu diagnostizieren.

Eine Überprüfung der Organsysteme sollte nach Symptomen suchen, die eine Ursache nahelegen, wie z. B. Häufigkeit und Beschaffenheit des Stuhls (Konstipation), Fieber, Bauchschmerzen, Dysurie und Hämaturie (Harnwegsinfektion), perianaler Juckreiz und Vaginitis (Madenbefall), Polyurie und Polydipsie (Diabetes insipidus oder Diabetes mellitus), Schnarchen oder Atempausen während des Schlafens (Schlafapnoe). Kinder sollten auch auf die Möglichkeit eines sexuellen Missbrauchs untersucht werden, der zwar eine seltene Ursache ist, aber zu wichtig ist, um übersehen zu werden.

Die Anamnese sollte mögliche bekannte Ursachen identifizieren, einschließlich perinatale Verletzungen oder Geburtsschäden (z. B. Spina bifida), neurologische Erkrankungen, Nierenerkrankungen und zurückliegende Harnwegsinfektionen. Alle aktuellen oder früheren Behandlungen für Inkontinenz und wie sie eingeleitet wurden, sollte notiert werden, ebenso wie alle Medikamte, die zur Zeit eingenommen werden.

Der Entwicklungsprozess sollte beachtet werden, und mögliche Entwicklungsverzögerungen oder andere Entwicklungsstörungen im Zusammenhang mit Miktionsstörungen (z. B. Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) aufzudecken, die zu einer Inkontinenz beitragen können.

Eine Familienanamnese sollte nach Enuresisvorfällen und urologischen Störungen in der Familie fragen.

Nach sozialen Umständen zu fragen, kann vorhandene Stressoren identifizieren, wie z. B. Schulprobleme, Probleme mit Freunden oder zu Hause. Obwohl Enuresis keine psychologische Störung ist, kann eine kurze Episode von Inkontinenz nach Stress auftreten.

Ärzte sollten auch nach Auswirkungen der Inkontinenz auf das Kind fragen, weil auch dies die Behandlung bestimmt.

Körperliche Untersuchung

Die Untersuchung beginnt mit einer Überprüfung der Vitalfunktionen wie Fieber (Harnwegsinfektion), Anzeichen von Gewichtsverlust (Diabetes) und Bluthochdruck (Nierenerkrankung). Eine Untersuchung des Kopfes und des Halses sollte auf vergrößerte Mandeln, Mundatmung oder schlechtes Wachstum (Schlafapnoe) achten. Die Untersuchung des Bauches ertastet mögliche Raumforderungen aufgrund von Stuhl oder einer vollen Blase.

Bei Mädchen sollte eine genitale Untersuchung auf labiale Verwachsungen, Narben oder Verletzungen achten, die verdächtig auf sexuellen Missbrauch sein können. Eine ektopische Uretermündung ist oft schwer zu erkennen, aber sollte untersucht werden. Bei Jungen sollten Meatusreizungen oder mögliche Läsionen an der Eichel oder um das Rektum überprüft werden. Bei Kindern beiderlei Geschlechts können perianale Kratzer auf einen Madenwurmbefall hindeuten.

Die Wirbelsäule sollte auf alle Mittelliniendefekte (z. B. tiefe Steißbeingrübchen, sakrale Haarbüschel) untersucht werden. Eine vollständige neurologische Abklärung ist wichtig und sollte gezielt die Kraft, das Gefühl und die Sehnenreflexe der unteren Extremitäten, ihr Gefühl und Sehnenreflexe, sakrale Reflexe (z. B. rektaler Tonus) untersuchen und bei Jungen den Kremasterreflex, um mögliche Dysraphien der Wirbelsäule zu identifizieren. Eine rektale Untersuchung kann nützlich sein, um eine Verstopfung oder einen verringerten rektalen Tonus zu erkennen.

Warnhinweise

Besorgniserregende Befunde sind

  • Zeichen oder Bedenken des sexuellen Missbrauchs

  • Übermäßiger Durst, Polyurie und Gewichtsverlust

  • Längere primäre Inkontinenz tagsüber (über das Alter von 6 Jahren hinaus)

  • Alle neurologischen Symptome, vor allem in den unteren Extremitäten

  • Körperliche Anzeichen von neurologischer Beeinträchtigung

Interpretation der Befunde

Normalerweise ist die primäre Enuresis bei Kindern mit einer ansonsten unauffälligen Anamnese und Untersuchung nur ein Hinweis auf eine Verzögerung der Reifung. Ein kleiner Prozentsatz der Kinder haben eine behandelbare Erkrankung, manchmal legen Befunde mögliche Ursachen nahe (siehe Tabelle: Einige Faktoren, die zur nächtlichen Inkontinenz beitragen).

Für Kinder, die auf Enuresis untersucht werden, ist es wichtig, zu bestimmen, ob auch Hinweise auf eine Enuresis diurna bestehen wie z. B. Harndrang, Häufigkeit, hinauszögernde Körperhaltungen und Enuresis. Kinder mit diesen Symptomen haben eine komplexe Enuresis und die Behandlung sollte in erster Linie auf die Steuerung der Symptome am Tag ausgerichtet sein.

Bei der inkontinenz tagsüber wird eine gestörte Blasenentleerung durch eine intermittierende Enuresis nahegelegt, der ein starker Harndrang, häufige Unterbrechungen beim Spielen oder eine Kombination davon vorausgehen. Inkontinenz nach dem Wasserlassen (durch eine unvollständige Blasenentleerung) kann auch ein Teil der Vorgeschichte sein.

Eine Inkontinenz, die von einer Harnwegsinfektion verursacht wird, ist wahrscheinlich eine akute Folge anstatt eines chronischen, intermittierenden Problems und kann durch typische Symptome (z. B. Dringlichkeit, Häufigkeit, Schmerzen beim Wasserlassen) begleitet werden. Andere Ursachen der Inkontinenz können jedoch zu einer sekundären Harnwegsinfektion führen.

Verstopfung sollte in Ermangelung anderer Befunde bei Kindern, die harte Stühle und Schwierigkeiten mit der Darmentleerung haben (und manchmal tastbaren Stuhl bei der Bauchuntersuchung) berücksichtigt werden.

Schlafapnoe sollte in Zusammenhang mit einer exzessiven Tagesschläfrigkeit und Schlafstörungen betrachtet werden. Eventuell können die Eltern von Schnarchen oder Atempausen während des Schlafens berichten.

Rektaler Juckreiz (besonders nachts), kann ein Hinweis auf Vaginitis, Urethritis oder einen Madenwurmbefall sein.

Übermäßiger Durst, tägliche und nächtliche Inkontinenz und Gewichtsverlust deuten auf eine mögliche organische Ursache hin (z. B. Diabetes mellitus).

Stress oder sexueller Missbrauch kann schwierig nachzuweisen sein, sollte aber in Betracht gezogen werden. Sexueller Missbrauch ist eine ungewöhnliche Ursache, aber zu wichtig, um sie nicht in Erwägung zu ziehen.

Tests

Die Diagnose von Inkontinez kann meistens aufgrund der Anamnese und der Untersuchungsbefunde gestellt werden. Gewöhnlich sind eine Urinanalyse und eine Bakterienkultur des Urins bei Kindern beiden Geschlechts erforderlich. Weitere Tests sind sinnvoll, vor allem wenn die Anamnese, die körperliche Untersuchung oder beides eine organische Ursache nahelegen (siehe Tabelle: Einige Faktoren, die zur nächtlichen Inkontinenz beitragen und siehe Tabelle: Einige organische Ursachen von Tagesinkontinenz). Eine Sonographie der Nieren und der Blase wird oft durchgeführt, um zu überprüfen ob die Harnwegsanatomie normal ist. Harnfluss-Tests können bei Patienten mit einer Störung der Blasenentleerung eine stakkatoartige Entleerung zeigen.

Behandlung

Der wichtigste Teil der Behandlung ist die Unterrichtung der Familie über die Ursache und den klinischen Verlauf der Inkontinenz. Dieses Hintergrundswissen hilft dabei, die negativen psychologischen Auswirkungen des Bettnässens zu mindern und eine gute Compliance in der Behandlung zu erreichen.

Die Behandlung von Harninkontinenz sollte nach der Ursache gerichtet sein, die erkannt wurde. Allerdings wird oft auch keine Ursache gefunden. In solchen Fällen können die folgenden Maßnahmen nützlich sein.

Nächtliche Inkontinenz

Die wirksamste langfristige Strategie ist ein Gerät mit Alarmton bei Nasswerden der Unterlage. Obwohl etwas aufwendig, kann die Erfolgsquote dieser Maßnahme bis zu 70% betragen, wenn die Kinder motiviert sind und die Familie sie dabei unterstützt. Der nächtliche Einsatz des Apparates kann bis zu 4 Monate nötig sein, bis die Symptome der Enuresis vollständig verschwinden. Ein Alarmton wird ausgelöst, sobald die Unterlage feucht wird. Obwohl die Kinder zunächst weiterhin einnässen, lernen sie im Laufe der Zeit immer besser, das Gefühl einer vollen Blase mit dem Alarmton zu verknüpfen und wachen dann immer häufiger vor dem Alarm auf und verhindern somit selber ein Bettnässen. Die entsprechenden Weckgeräte sind leicht zugänglich (auch online) und brauchen keine Verschreibung. Ein Weckgerät sollte nicht bei Kindern mit komplexer Enuresis oder bei Kindern mit eingeschränkter Blasenkapazität (wie durch ein Miktionstagebuch belegt) verwendet werden. Diese Kinder sollten genauso wie Kinder mit Inkontinenztagsüber behandelt werden. Es ist wichtig, strafende Methoden zu vermeiden, weil diese den Behandlungserfolg untergraben und nur zu einem geringen Selbstwertgefühl führen.

Medikamente wie Desmopressin (DDAVP) und Imipramin (siehe Tabelle: Medikamente für Inkontinenz bei Kindern*) können dabei helfen, die nächtliche Enuresis zu verbessern. Die Ergebnisse werden jedoch bei den meisten Patienten nicht aufrecht erhalten, wenn die Behandlung abgebrochen wird. Die Eltern und Kinder sollten deshalb vorgewarnt werden, um eine Enttäuschung zu vermeiden. DDAVP ist Imipramin unbedingt vorzuziehen, weil bei Imipramin in seltenen Fällen ein plötzlicher Tod auftreten kann.

Inkontinenz am Tag

Es ist wichtig, eine mögliche zugrunde liegende Verstopfung zu behandeln. Informationen aus einem Miktionstagebuch können dabei helfen, Kinder mit eingeschränkter funktioneller Blasenkapazität, auffallender Häufigkeit und Dringlichkeit beim Wasserlassen sowie Kinder mit seltenem Harndrang zu identifizieren.

Zu den allgemeine Maßnahmen gehören

  • Übungen zur Kontrolle des Harndrangs: Kinder werden instruiert, auf die Toilette zu gehen, sobald sie einen Drang spüren. Auf der Toilette sollen sie dann den Urin so lange wie möglich anhalten und erst dann, wenn es gar nicht mehr geht, urinieren, dann wieder anhalten, und dann wieder loslassen bzw. urinieren. Diese Übung stärkt den Schließmuskel und gibt den Kindern das Vertrauen, dass sie es bis auf die Toilette schaffen können, bevor sie sich einnässen.

  • Schrittweise Verlängerung der Blasenentleerungsabstände (wenn eine Detrusorinstabilität oder eine dysfunktionale Entleerung vermutet wird)

  • Veränderungen im Verhalten (z. B. verzögertes Wasserlassen) durch positive Verstärkung und geplantes Wasserlassen (Miktion nach Zeit): Kinder werden durch einen Wecker (das ist besser als wenn die Eltern diese Rolle übernehmen) daran erinnert, auf die Toilette zu gehen.

  • Eine Verwendung der richtigen Entleerungsmethoden, um Harnverhaltung in der Vagina zu vermeiden: Mädchen mit vaginaler Speicherung von Urin kann angeraten werden, umgekehrt auf der Toilette zu sitzen oder die Knie weit auseinander zu halten. Diese Haltungen sorgen für eine besseres Weiten des Introitus und erlaubt einen direkten Harnfluss in die Toilette.

  • Biofeedback: Diese konservative, nicht-chirurgische Therapie wird zur Behandlung von Blasenfunktionsstörungen, Harninkontinenz, Stuhlinkontinenz, Dringlichkeit und Beckenschmerzen sowie zur Umschulung der Beckenbodenmuskulatur zur Wiederherstellung und Erhaltung der Gesundheit eingesetzt. Mit dieser Therapie können Kinder auf die richtige Isolierung, Bewegung und Verwendung der Beckenboden- und Bauchmuskulatur hin untersucht und instruiert werden, um eine synergistisch koordinierte Miktion zu fördern.(1).

Bei labialen Adhäsionen kann ein konjugiertes Östrogen oder eine Creme mit 0,5%-igem Triamcinolon verwendet werden.

Eine medikamentöse Behandlung (siehe Tabelle: Medikamente für Inkontinenz bei Kindern*) ist manchmal hilfreich, ist aber in der Regel keine Behandlung erster Wahl. Von Anticholinergika (Oxybutynin und Tolterodin) können Patienten mit Inkontinez tagsüber profitieren, die eine Entleerungsstörung haben und bei denen eine Behandlung mit Verhaltenstherapie oder Physiotherapie keinen Erfolg gezeigt hat. Medikamente bei Enuresis können nützlich sein, um nächtliches Einnässen zu reduzieren und sie können manchmal nächtliches Trockenbleiben bei Übernachtungen garantieren.

Neuere Anticholinergika (z. B. Solifenacin und Darifenacin), die zur Behandlung der überaktiven Blase bei Erwachsenen verschrieben werden, haben sich bei Kindern als wirksam erwiesen. In ähnlicher Weise wurde der Beta3-Rezeptor-Agonist Mirabegron bei Kindern zur Behandlung von Symptomen der Harninkontinenz aufgrund von Detrusor-Muskel-Überaktivität verwendet, die gegenüber Anticholinergika refraktär ist.

Tabelle
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Medikamente für Inkontinenz bei Kindern*

Medikament

Dosierung

Einige Nebenwirkungen

Miktionsstörung bei Inkontinenz tagsüber (Blasenüberaktivität)

Oxybutynin

Für Kinder > 5 Jahre: 5 mg p.o. 2-mal täglich, darf auf 5 mg 3-mal täglich erhöht werden

Verlangsamte Freisetzung. Für Kinder > 6 Jahre: 5 mg p.o. einmal täglich, je nach Tolerierung erhöht auf 5 mg täglich bis maximal 15 mg täglich.

Verwirrung, Benommenheit, erhöhte Temperatur, Hitzegefühl, Verstopfung, trockener Mund

Tolterodin

Für Kinder > 5 Jahre; 1 mg p.o. 2-mal täglich

Für Kinder, die Tabletten schlucken können: Kapseln mit verlangsamter Freisetzung 2 mg bis zu 4 mg einmal täglich

Verstopfung, Hitzegefühl, Mundtrockenheit

Nächtliche Inkontinenz

Desmopressin (DDAVP)

Für Kinder 6 Jahre: zunächst 0,2 mg p.o. einmal täglich 1 h vor dem Schlafengehen, nach Bedarf erhöht auf maximal 0,6 mg einmal täglich

Intranasales Desmopressin (DDAVP) wird wegen der Gefahr von dilutionaler Hyponatriämie nicht mehr empfohlen

Imipramin

Für Kinder von 6–8 J., 25 mg p.o. einmal täglich/ am Abend

Für Kinder > 8 Jahre, 50 mg p.o. einmal täglich am Abend

Selten Tod

Mögliche Nervosität, Persönlichkeitsveränderungen, Schlafstörungen, Herzrhythmusstörungen

* Diese Medikamente werden meist als Medikamente zweiter Wahl verwendet. Die Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung und eine Verhaltenstherapie sollten zuerst angewendet werden.

Von plötzlichen Todesfällen unklarer Ätiologie wurde berichtet. Dieses Medikament wird nur noch selten verwendet.

EKG sollte durchgeführt werden, um eine Verlängerung des QT-Intervalls und/oder des korrigierten QT-(QTc-)Intervalls zu identifizieren, die die Verwendung von Imipramin kontraindizieren.

Behandlungshinweise

  • 1. Rae A, Renson, C: Biofeedback in the treatment of functional voiding disorders. In Pediatric Incontinence, Evaluation and Clinical Management, herausgegeben von Franco I, Austin P, Bauer S, von Gontard A, Homsy I. Chichester, John Wiley & Söhne Ltd., 2015, pp. 145–152.

Wichtige Punkte

  • Primäre Harninkontinenz manifestiert sich häufig als nächtliche Inkontinenz.

  • Verstopfung sollte als dazu beitragende Ursache angesehen werden.

  • Die meisten Fälle von nächtlicher Inkontnenz hängen mit dem Reifungsprozess zusammen (15% pro Jahr hören ohne jede Intervention auf), aber mindestens 0,5% der Erwachsenen haben ab und zu Episoden in der Nacht.

  • Organische Ursachen der Inkontinenz sind selten, sollten aber in Betracht gezogen werden.

  • Weckgeräte sind die effektivste Behandlung für Enuresis.

  • Andere Behandlungen umfassen verhaltenstherapeutische Interventionen und manchmal Medikamente

  • Eine Aufklärung der Eltern ist wichtig, um den Erfolg und das Wohlbefinden des Kindes zu verbessern.

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HINWEIS: Dies ist die Ausgabe für medizinische Fachkreise. LAIEN: Hier klicken, um zur Ausgabe für Patienten zu gelangen.
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