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Antipsychotika

Von

Carol Tamminga

, MD, UT Southwestern Medical Dallas

Letzte vollständige Überprüfung/Überarbeitung Dez 2018| Inhalt zuletzt geändert Dez 2018
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Eine Psychose bezieht sich auf Symptome wie Wahnvorstellungen, Halluzinationen, desorganisiertes Denken und Sprechen sowie ein bizarres und unangemessenes Verhalten, das auf einen Verlust des Realitätsbezugs hindeutet. Eine Reihe psychischer Störungen verursachen Symptome einer Psychose – siehe Einführung in die Schizophrenie und ähnliche Störungen.

Antipsychotika können die Symptome einer Psychose wirksam lindern oder beseitigen. Sie eignen sich offenbar am besten zur Behandlung von Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Denkstörungen und Aggressionen. Am häufigsten werden sie bei Schizophrenie verordnet, aber sie scheinen generell zur Behandlung der Symptome einer Schizophrenie wirksam zu sein, unabhängig davon, ob diese durch eine Schizophrenie, Manie, Demenz oder den Gebrauch von Substanzen wie Amphetaminen ausgelöst wurden.

Auch nachdem die unmittelbaren Symptome abgeklungen sind, müssen die Betroffenen je nach Ursache ihrer Psychose weiterhin Antipsychotika einnehmen, um die Wahrscheinlichkeit weiterer psychotischer Schübe zu reduzieren.

So wirken Antipsychotika

Antipsychotika beeinflussen die Art und Weise, wie Informationen zwischen einzelnen Hirnzellen übermittelt werden.

Das Gehirn eines Erwachsenen enthält mehr als 10 Milliarden Nervenzellen, sogenannte Neuronen. Jedes Neuron im Gehirn weist einen langen Fortsatz genannt Axon auf, der die Information an andere Nervenzellen weiterleitet ( Typischer Aufbau einer Nervenzelle). Wie miteinander verbundene Kabel in einem gewaltigen Telefonnetz steht jedes einzelne Neuron mit mehreren tausend anderen Neuronen in kontinuierlichem Kontakt.

Information wandert in Form von elektrischen Signalen das Axon einer Zelle entlang. Erreicht ein Signal das Ende des Axons, wird eine winzige Menge eines chemischen Botenstoffes, eines so genannten Neurotransmitters, freigesetzt, um die Information an die nächste Zelle weiterzugeben. Ein Rezeptor auf der Empfängerzelle erkennt den Neurotransmitter, woraufhin diese ein neues Signal erzeugt.

Die Symptome einer Psychose werden offenbar durch eine Überaktivität von Zellen ausgelöst, die auf den Neurotransmitter Dopamin reagieren. Daher wirken Antipsychotika, indem sie die Rezeptoren blockieren, sodass die Kommunikation zwischen bestimmten Zellgruppen gedämpft wird.

Antipsychotika blockieren Neurotransmittertypen unterschiedlich gut. Alle bekannten wirksamen Antipsychotika blockieren Dopaminrezeptoren. Die neuen Antipsychotika (Asenapin, Clozapin, Iloperidon, Lurasidon, Olanzapin, Quetiapin, Risperidon und Ziprasidon) hemmen auch die Rezeptoren für Serotonin, ein weiterer Neurotransmitter. Fachleute nahmen an, dass diese Medikamente aufgrund dieser Eigenschaft eine größere Wirkung erhalten. Jüngste Studien sprechen allerdings nicht für diese Ansicht.

Clozapin, das auch viele andere Rezeptoren hemmt, ist eindeutig das wirksamste Medikament bei psychotischen Symptomen. Aber es kommt wegen seiner schwerwiegenden Nebenwirkungen und der Notwendigkeit einer medizinischen Beobachtung mit regelmäßigen Blutuntersuchungen nicht häufig zur Anwendung.

Klassen von Antipsychotika

Antipsychotische Medikamente werden in zwei Klassen unterteilt:

  • Antipsychotika der ersten Generation (gängigere, ältere)

  • (Neuere) Antipsychotika der zweiten Generation

Derzeit stammen etwa 95 Prozent der in den USA verschriebenen Antipsychotika aus der zweiten Generation. Die Ärzte waren der Ansicht, dass die Antipsychotika der zweiten Generation etwas wirksamer seien, doch jüngste Erkenntnisse zweifeln dies an. Wahrscheinlich verursachen sie weniger der schwerwiegenderen Nebenwirkungen, die durch die Medikamente der ersten Generation ausgelöst werden.

Antipsychotika der zweiten Generation können Positivsymptome (wie Halluzinationen), Negativsymptome (wie fehlende Emotionen) und kognitive Defizite (wie verminderte geistige Leistungsfähigkeit und Aufmerksamkeitsspanne) lindern. Ärzte sind sich jedoch nicht sicher, ob sie die Symptome umfassender lindern als die älteren Antipsychotika, oder ob die Betroffenen nur aufgrund der geringeren Nebenwirkungen eher bereit sind, sie einzunehmen.

Clozapin, das erste Antipsychotikum der zweiten Generation, ist bei der Hälfte der Patienten, die auf andere Antipsychotika bisher nicht angesprochen haben, wirksam. Dieses Mittel kann allerdings schwere Nebenwirkungen wie Anfälle und eine lebensgefährliche Knochenmarksuppression verursachen (was die Bildung von Blutzellen beeinträchtigen kann). Aus diesem Grund wird Clozapin nur bei Patienten angewendet, die bisher auf kein anderes Antipsychotikum angesprochen haben. Bei Patienten, die Clozapin einnehmen, müssen zumindest in den ersten 6 Monaten wöchentliche Bluttests vorgenommen werden, bei denen die Anzahl der weißen Blutkörperchen bestimmt wird. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass Clozapin beim ersten Anzeichen einer Verringerung der weißen Blutkörperchen abgesetzt werden kann.

Einige Antipsychotika der ersten und zweiten Generation sind als langwirksame injizierbare Präparate erhältlich, die nur alle ein oder zwei Monate verabreicht werden müssen. Diese Präparate sind für viele Menschen nützlich, unter anderem auch für die Patienten, die nicht in der Lage sind, täglich orale Medikamente zuverlässig einzunehmen.

Tabelle
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Antipsychotika

Medikament

Einige Nebenwirkungen

Anmerkungen

Antipsychotika der ersten Generation:

Chlorpromazin

Fluphenazin*

Haloperidol*

Loxapin

Molindon

Perphenazin

Pimozid

Thioridazin

Thiothixen

Trifluoperazin

Mundtrockenheit

Verschwommenes Sehen

Krampfanfälle

Erhöhte Herzfrequenz und niedriger Blutdruck

Verstopfung

Plötzliches aber oft reversibles Zittern und Muskelsteife, was sich zur Muskelstarre entwickeln kann

Unkontrollierte Bewegungen der Gesichts- und Armmuskulatur (Spätdyskinesie)

Muskelstarre, Fieber, Bluthochdruck und Veränderungen der geistigen Funktion (malignes neuroleptisches Syndrom)

Nebenwirkungen sind bei älteren Menschen und bei Menschen mit Gleichgewichtsstörungen und schweren medizinischen Problemen viel häufiger.

Haloperidol und Fluphenazin gibt es auch als lang wirksame Injektion.

Augenuntersuchungen und Elektrokardiographie (EKG) werden bei Patienten empfohlen, die Thioridazin einnehmen.

Antipsychotika der zweiten Generation:

Aripiprazol*

Asenapin

Brexpiprazol

Cariprazin

Clozapin

Iloperidon

Lurasidon

Olanzapin*

Paliperidon

Quetiapin

Risperidon*

Ziprasidon

Besonders häufig Benommenheit und Gewichtszunahme, die erheblich sein kann

Unter Umständen ein erhöhtes Risiko der Fettansammlung am Bauch, auffällige Cholesterinwerte im Blut, Bluthochdruck und Insulinresistenz (metabolisches Syndrom)

Bei neueren Antipsychotika ist die Wahrscheinlichkeit von Zittern, Muskelsteife, unkontrollierten Bewegungen (einschließlich Spätdyskinesie) und malignem neuroleptischem Syndrom zwar geringer, diese Nebenwirkungen können aber weiterhin auftreten.

Aripiprazol, Olanzapin und Risperidon gibt es auch als lang wirksame Injektion.

Clozapin wird weniger oft verordnet, da es zu Knochenmarksuppression, Verringerung der Anzahl der weißen Blutkörperchen und Anfällen führen kann. Jedoch ist es oft sehr wirksam bei Patienten, die nicht auf andere Medikamente ansprechen.

Clozapin und Olanzapin führen am häufigsten zur Gewichtszunahme. Bei Aripiprazol ist die Wahrscheinlichkeit hingegen am niedrigsten.

Ziprasidon verursacht keine Gewichtszunahme, kann aber Anomalien im Elektrokardiogramm hervorrufen.

Die Wahrscheinlichkeit eines metabolischen Syndroms ist bei Einnahme von Aripiprazol,Brexpiprazol,Cariprazin und Ziprasidon geringer.

*Als langwirksame intramuskuläre (i.m.) Injektion für Patienten verfügbar, die Probleme mit der Einnahme oraler Medikamente haben.

Nebenwirkungen der Antipsychotika

Antipsychotika haben erhebliche Nebenwirkungen, unter anderem Folgende:

  • Benommenheit

  • Muskelsteife

  • Zittern

  • Gewichtszunahme

  • Ruhelosigkeit

Einige neuere Antipsychotika der zweiten Generation haben weniger Nebenwirkungen. Das Risiko einer Spätdyskinesie, von Muskelsteifheit und Tremor ist unter diesen Medikamenten erheblich niedriger als unter herkömmlichen Antipsychotika. Jedoch scheinen einige dieser Medikamente eine erhebliche Gewichtszunahme zu bewirken. Einige erhöhen auch das Risiko eines metabolischen Syndroms. Bei diesem Syndrom sammelt sich am Bauch Fett an, der Triglyzeridspiegel (ein Fett) im Blut ist erhöht, der High-Density-Lipoprotein-Wert (HDL, das „gute“ Cholesterin) ist niedrig und der Blutdruck hoch. Auch die Wirkung von Insulin ist weniger effektiv ( Insulinresistenz genannt), wodurch sich das Risiko für Typ-2-Diabetes erhöht.

Tardive Dyskinesie ist eine hyperaktive unfreiwillige Bewegungsstörung, die durch Antipsychotika verursacht werden kann. Sie ist wahrscheinlicher mit Medikamenten der zweiten Generation. Die tardive Dyskinesie ist gekennzeichnet durch das Verziehen von Lippen und Zunge oder Winden von Armen oder Beinen. Spätdyskinesien können nach dem Absetzen der Medikamente bestehen bleiben. Für anhaltende Spätdyskinesien gibt es keine wirksame Behandlung, allerdings können die Medikamente Clozapin oder Quetiapin die Symptome ein wenig lindern. Das neue Medikament Valbenazin hat sich jedoch bei der Verbesserung der Symptome einer tardiven Dyskinesie als wirksam erwiesen. Personen, die über längere Zeit Antipsychotika einnehmen, werden alle 6 Monate auf Symptome einer Spätdyskinesie überwacht.

Eine seltene, aber potenziell tödliche Nebenwirkung von Antipsychotika ist das maligne neuroleptische Syndrom. Es ist gekennzeichnet von Muskelstarre, Fieber, Bluthochdruck und Veränderungen der geistigen Funktion (wie Verwirrtheit und Lethargie).

Das Long-QT-Syndrom ist eine potenziell tödliche Herzrhythmusstörung, die durch mehrere Antipsychotika beider Klassen verursacht werden kann. Dazu zählen Thioridazin, Haloperidol, Olanzapin, Risperidon und Ziprasidon.

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