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Muskelkrämpfe

Von

Michael C. Levin

, MD, College of Medicine, University of Saskatchewan

Inhalt zuletzt geändert Jul 2016
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Quellen zum Thema

Ein Muskelkrampf (Wadenkrampf) ist eine plötzliche, kurze, unwillkürliche, schmerzhafte Kontraktion eines Muskels oder einer Muskelgruppe. Krämpfe treten häufig bei Gesunden (meist mittleren Alters und bei Älteren) auf, zuweilen in Ruhe, v. a. aber während oder nach sportlicher Betätigung oder in der Nacht (einschließlich im Schlaf. Nächtliche Beinkrämpfe treten in der Regel in der Wade auf und verursachen eine Plantarflexion des Fußes und der Zehen.

Weitere Störungen können einen Krampf vortäuschen:

  • Dystonien können muskuläre Spasmen hervorrufen, die Symptome sind in der Regel jedoch länger anhaltend und wiederkehrend und beziehen andere Muskeln ein als die, die durch typische Beinkrämpfe (z. B. Nacken, Hand, Gesicht, Muskeln im ganzen Körper) betroffen sind.

  • Auch eine Tetanie kann einen muskulären Spasmus verursachen, aber der Krampf dauert in der Regel länger an (oft mit wiederholten kurzen Muskelzuckungen). Er tritt üblicherweise bilateral und diffus auf, allerdings können isolierte Karpopedalspasmen vorkommen.

  • Muskuläre Ischämie während körperlicher Anstrengung bei Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit (Schaufensterkrankheit) kann zu Schmerzen in der Wade führen. Dieser Schmerz ist jedoch auf den unzureichenden Blutfluss zu den Muskeln zurückzuführen, und die Muskeln kontrahieren nicht wie bei einem Krampf.

  • Unter illusorischen Krämpfen wird die Empfindung von Krämpfen ohne Muskelkontraktion oder Ischämie verstanden.

Ursachen

Die häufigsten Arten von Beinkrämpfen sind

  • Benigne idiopathische Beinkrämpfe (ohne ursächliche Störung, typischerweise nachts)

  • Trainingsassoziierte Muskelkrämpfe (während sportlicher Aktivität oder unmittelbar danach)

Muskelkrämpfe kommen bei fast jedem irgendwann vor, jedoch erhöhen bestimmte Faktoren das Risiko und die Schwere der Krämpfe. Sie umfassen folgende Tests:

  • Verspannte Wadenmuskeln (z. B. aufgrund fehlender Dehnung, Inaktivität oder manchmal auch bei chronischem Unterschenkelödem)

  • Dehydratation

  • Elektrolytanomalien (z. B. niedrige Kalium- oder Magnesiumspiegel)

  • Neurologische oder metabolische Störungen

  • Arzneimittel

Tabelle
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Mit Muskelkrämpfen assoziierte Arzneimittel und Erkrankungen

Grund

Verdächtige Befunde

Diagnose bestätigt durch

Arzneimittel

Beteiligte Arzneimittel: ARB, β-adrenerge Agonisten (inkl. Bronchodilatoren und einige Betarezeptorenblocker), Cisplatin, Clofibrat, Diuretika, Donepezil, Lovastatin, orale Kontrazeptiva, Pyrazinamid, Raloxifen, Stimulanzien (z. B. Amphetamine, Koffein, Kokain, Ephedrin, Nikotin, Pseudoephedrin), Teriparatid, Tolcapon, Vincristin

Entzugssyndrome:Alkohol, Barbiturate, Benzodiazepine, sedierende Hypnotika

Bei Patienten, die ein verursachendes Arzneimittel einnehmen

Klinische Abklärung, inkl. Absetzversuch des vermuteten Arzneimittels

Erkrankungen

Extrazellulärer Volumenmangel und/oder Elektrolytanomalien (z. B. Abnahme des ionisierten Kalziums, niedrige Kalium- oder Magnesiumspiegel)

Zuweilen übermäßiges Schwitzen, Erbrechen, Diarrhö, Diuretikagebrauch, Anzeichen von Dehydrierung

Mitunter Auftreten während oder nach Hämodialyse oder während der Spätschwangerschaft (wahrscheinlich im Zusammenhang mit niedrigem Magnesiumspiegel)

Ggf. Serum-Kalium, -Magnesium und/oder ionisiertes Kalzium

Stoffwechselstörungen (z. B. Alkoholismus, Hypothyreose)

Alkoholismus: Anamnese eines übermäßigen Gebrauchs; mitunter Aszites, Gynäkomastie, Spider-Naevi, Hodenatrophie

Hypothyreodismus: Kälteüberempfindlichkeit, Darmträgheit, Müdigkeit, verzögerte Reflexe

Alkoholismus: Klinische Abklärung

Hypothyreodismus: Überprüfung der Schilddrüsenfunktion

Periphere Neuropathien

Plexopathien

Radikulopathien

Motoneuronenerkrankung

Myopathien

Schwäche, Sensibilitätsstörungen, Schmerzen und/oder Hyporeflexie im Innervationsgebiet eines peripheren Nerven, Plexus oder einer Nervenwurzel

Faszikulationen

Bei Motoneuronenerkrankung: in einer Hand oder einem Fuß beginnende Schwäche

Klinische Untersuchung

EMG, Untersuchung der Nervenleitung und/oder MRT Rückenmark

Muskuloskelettale Anomalien

Harte Wadenmuskeln, ständiges Sitzen

Bei Patienten mit strukturellen Störungen (z. B. Plattfüße, Genu recurvatum)

Klinische Untersuchung

Trainingsassoziierte Muskelkrämpfe

Krämpfe der beteiligten Muskeln während sportlicher Aktivität oder innerhalb weniger Stunden danach

Klinische Untersuchung

Benigne idiopathische Beinkrämpfe

Nichtprovozierte und unerklärliche Krämpfe, typischerweise in der Wadenmuskulatur und nachts

Üblicherweise harte Wadenmuskulatur

Klinische Untersuchung

ARB = Angiotensin-II-Rezeptorblocker, EMG = Elektromyographie.

Bewertung

Es erfolgt eine Konzentration auf die Erkennung dessen, was behandelbar ist. In vielen Fällen wurde eine Störung, die zu Krämpfen beiträgt oder weitere Symptome verursacht, welche über lästige Krämpfe hinausgehen, bereits diagnostiziert.

Krämpfe sind von der Schaufensterkrankheit und von Dystonien zu unterscheiden; eine klinische Abklärung ist in der Regel angezeigt.

Historie

Die Vorgeschichte der bestehenden Krankheit sollte eine Beschreibung der Krämpfe, inkl. Dauer, Häufigkeit, Lokalisation, scheinbaren Auslösern und allen damit verbundenen Symptomen, erbringen. Zu den Symptomen, die mit neurologischen oder Muskelerkrankungen zusammenhängen können, gehören Muskelsteifigkeit, Schwäche, Schmerzen und Sensibilitätstörungen. Aufgenommen werden Faktoren, die zu Dehydrierung, Elektrolyt- oder Volumenungleichgewichten beitragen können (z. B. Erbrechen, Diarrhö, exzessiver Sport und Schwitzen, kürzlich erfolgte Dialyse, Diuretikagebrauch, Schwangerschaft).

Bei der Überprüfung der Organsysteme sollte nach Symptomen gesucht werden, die auf mögliche Ursachen hinweisen, einschließlich der Folgenden:

Die medizinische Vorgeschichte sollte alle Störungen einschließen, die Krämpfe verursachen können. Eine komplette Medikamentenanamnese, einschließlich des Gebrauchs von Alkohol, wird erhoben.

Körperliche Untersuchung

Zur allgemeinen Untersuchung gehört die Haut; geschaut wird nach Zeichen von Alkoholismus, nach Ödemen, in die keine Delle eingedrückt werden kann, oder Verlust der Augenbrauen (Hinweis auf Hypothyreodismus) und nach Veränderungen der Feuchtigkeit oder des Turgors der Haut. Eine neurologische Untersuchung, inkl. der Muskeldehnungsreflexe, wird durchgeführt.

Der Puls sollte getastet, der Blutdruck an allen Extremitäten gemessen werden. Ein schwacher Puls oder ein niedriges Knöchel-Arm-Blutdruckverhältnis in einer betroffenen Extremität kann eine Ischämie anzeigen.

Warnhinweise

Die folgenden Befunde sind von besonderer Bedeutung:

  • Obere Extremität oder Beteiligung des Rumpfes

  • Hyperreflexie

  • Muskelschwäche

  • Faszikulationen

  • Alkoholismus

  • Hypovolämie

  • Schmerz oder Verlust von Empfindungen im Innervationsgebiet eines peripheren Nerven, Plexus, oder einer Nervenwurzel

Interpretation der Befunde

Fokale Krämpfe legen benigne idiopathische Beinkrämpfe, trainingsassoziierte Muskelkrämpfe, muskuloskekelettale Anomalien, Ursachen im peripheren Nervensystem oder eine frühe degenerative Erkrankung nahe, die asymmetrisch sein kann, z. B. eine Motoneuronenstörung. Fokale Hyporeflexie lässt auf eine periphere Neuropathie, Plexopathie oder Radikulopathie schließen.

Bei Patienten mit diffusen Krämpfen (insbesondere mit Zittern) deutet Hyperreflexie auf eine systemische Ursache hin (z. B. Abnahme des ionisierten Kalziums, ggf. Alkoholismus, eine Motoneuronenstörung oder ein Arzneimittel), obwohl die Auswirkungen auf die Muskeldehnungsreflexe je nach Wirkstoff variieren können. Eine generalisierte Hyporeflexie kann auf Hypothyreodismus und auch Alkoholismus hinweisen oder, insbesondere bei älteren Patienten, ein normaler Befund sein.

Eine normale Untersuchung und eine kompatible Anamnese weisen auf benigne idiopathische Beinkrämpfe oder trainingsassoziierte Muskelkrämpfe hin.

Testing

Die Testung erfolgt gemäß den anormalen klinischen Befunden. Kein Test wird routinemäßig durchgeführt.

Blutglukose, Nierenfunktionstests und Elektrolytspiegel, inkl. Kalzium und Magnesium, sollten bestimmt werden, wenn Patienten diffuse Krämpfe unbekannter Ursache haben, insbesondere bei Hyperreflexie.

Ionisiertes Kalzium und arterielle Blutgase (ABG) (zur Bestätigung einer respiratorischen Alkalose) werden bei Patienten mit Tetanie gemessen.

Eine Elektromyographie wird durchgeführt, wenn krampfende Muskeln auch schwach sind.

Eine MRT von Gehirn und Rückenmark erfolgt oft bei diffuser Muskelschwäche.

Therapie

  • Dehnung

Die zugrunde liegenden Umstände werden festgestellt und dann behandelt.

Bei Auftreten eines Krampfs lindert diesen oft die Dehnung der betroffenen Muskeln. Um z. B. einen Wadenkrampf zu lindern, können die Patienten Zehen und Fuß mit der Hand nach oben ziehen (Dorsalextension).

Vorbeugung

Vorbeugende Maßnahmen bei Krämpfen sind:

  • Kein Sport unmittelbar nach dem Essen

  • Sanfte Dehnung der Muskulatur vor sportlicher Betätigung oder vor dem Zu-Bett-gehen

  • Nach dem Training viel trinken (insbesondere kaliumhaltige Getränke)

  • Keine Stimulanzien (z. B. Koffein, Nikotin, Ephedrin, Pseudoephedrin)

  • Nicht rauchen

Folgende Dehnübung für Läufer ist äußerst nützlich: Die Person steht auf beiden Beinen, das eine ist vorne mit gebeugtem Knie, das andere hinten mit durchgedrücktem Knie (Ausfallschritt). Die Hände können an der Wand abgestützt werden. Beide Fersen bleiben auf dem Boden. Das vordere Knie wird weiter gebeugt, bis eine Dehnung an der Rückseite des anderen Beins zu spüren ist. Je größer der Abstand zwischen den Füßen und je stärker die Beugung des vorderen Knies, desto ausgeprägter ist die Dehnung. Die Dehnung wird 30 Sekunden lang gehalten und 5-mal wiederholt. Die Übung wird dann mit dem anderen Bein wiederholt.

Die meisten der oft zur Vermeidung von Krämpfen verschriebenen Arzneimittel (z. B. Suppelementierung mit Kalzium, Chinin, Magnesium, Benzodiazepine) sind nicht zu empfehlen. Die Mehrzahl weist keine nachgewiesene Wirksamkeit auf. In einigen Studien war Chinin zwar wirksam, es wird aber wegen gelegentlich auftretender schwerer Nebenwirkungen in der Regel nicht empfohlen (z. B. Arrhythmien, Thrombozytopenie, thrombotisch-thrombozytopenische Purpura [TTP] und hämolytisch-urämisches Syndrom [HUS], schwere allergische Reaktionen). Mexiletin hilft manchmal, aber es ist unklar, ob dies das Risiko unerwünschter Wirkungen rechtfertigt. Die Wirkungen sind: Übelkeit, Erbrechen, Sodbrennen, Schwindel und Zittern.

Wichtige Punkte

  • Beinkrämpfe kommen häufig vor.

  • Die gängigen Ursachen sind benigne idiopathische Beinkrämpfe und trainingsassoziierte Muskelkrämpfe.

  • Krämpfe sind von der Schaufensterkrankheit und von Dystonien zu unterscheiden; eine klinische Abklärung ist in der Regel angezeigt.

  • Dehnen kann Krämpfe lindern und verhindern helfen.

  • Eine medikamentöse Therapie wird in der Regel nicht empfohlen.

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