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Religion und Spiritualität bei älteren Menschen

Von

Daniel B. Kaplan

, PhD, LICSW,

  • Adelphi University School of Social Work
;


Barbara J. Berkman

, DSW, PhD,

  • Columbia University School of Social Work

Inhalt zuletzt geändert Aug 2016
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Religion und Spiritualität sind ähnliche Konzepte, aber nicht identisch. Religion wird oft als stärker institutionell und strukturierter angesehen und es wird angenommen, dass mehr traditionelle Aktivitäten, Rituale und Praktiken dazugehören. Spiritualität ist bezeichnenderweise nicht greifbar und immateriell und kann somit als allgemeinerer Begriff betrachtet werden, der nicht mit einer bestimmten Gruppe oder Organisation verbunden ist. Sie kann sich auf Gefühle, Gedanken, Erfahrungen und Verhaltensweisen im Zusammenhang mit der Seele oder der Suche nach dem Heiligen beziehen.

Zur traditionellen Religion gehört Rechenschaftspflicht und Verantwortung; Spiritualität stellt weniger Anforderungen. Menschen können traditionelle Religion ablehnen, und sich aber als spirituell ansehen. In den USA betrachten sich > 90% der älteren Menschen selbst als religiös oder spirituell; etwa 6 bis 10% sind Atheisten und nicht auf der Suche nach einem Sinn durch ein religiöses oder spirituelles Leben. Die meisten Forschungsansätze beurteilen die Religion, nicht die Spiritualität, und verwenden dabei Maße wie die Teilnahme an Gottesdiensten, die Häufigkeit des privaten religiösen Praktikzierens, die Nutzung von religiösen Bewältigungsmechanismen (z. B. beten, auf Gott vertrauen, Probleme auf Gott übertragen, Unterstützung durch die Kirche) und die intrinsische Religiosität (verinnerlichtes religiöses Bekenntnis).

Für die meisten älteren Menschen in den USA spielt die Religion eine wichtige Rolle in ihrem Leben, etwa die Hälfte nimmt mindestens wöchentlich an Gottesdiensten teil.

Die religiöse Beteiligung ist bei Älteren ausgeprägter als in jeder anderen Altersgruppe. Für ältere Menschen ist die religiöse Gemeinde die größte Quelle sozialer Unterstützung außerhalb der Familie, und das Engagement für religiöse Organisationen ist die häufigste Art freiwilliger sozialer Tätigkeit–sie ist häufiger als die Kombination aller anderen Formen von freiwilliger sozialer Tätigkeit.

Vorteile

Religion korreliert mit verbesserter körperlicher und geistiger Gesundheit und religiöse Menschen können vorschlagen, dass Gottes Eingreifen diese Vorteile ermöglicht. Allerdings können Experten nicht feststellen, ob die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft zur Gesundheit beiträgt oder ob psychisch oder physisch gesündere Menschen von religiösen Gruppen angezogen werden. Wenn die Religion hilfreich ist, so ist der Grund dafür–seien es die religiösen Überzeugungen an sich oder andere Faktoren–nicht klar. Viele derartige Faktoren wurden vorgeschlagen (z. B. psychischer Nutzen, Förderung von gesunden Verhaltensweisen, soziale Unterstützung).

Nutzen für die Psyche

Religion kann folgenden Nutzen für die Psyche bieten:

  • Eine positive und hoffnungsvolle Einstellung gegenüber Leben und Krankheit, was eine verbesserte Gesundheitssituation und geringere Sterblichkeitsraten prognostiziert

  • Ein Gefühl von Sinn und Zweck im Leben, das gesundheitsbezogene Verhaltensweisen und soziale und familiäre Beziehungen beeinflusst

  • Eine bessere Fähigkeit, Krankheit und Behinderung zu bewältigen

Viele ältere Menschen berichten, Religion sei der wichtigste Einflussfaktor für sie, mit körperlichen Gesundheitsproblemen und Belastungen des Lebens umzugehen (z. B. schwindende finanzielle Ressourcen, Verlust des Ehegatten oder eines Partners). In einer Studie stützten sich bei der Bewältigung gesundheitlicher Probleme und schwieriger sozialer Verhältnisse > 90% der älteren Patienten, zumindest bis zu einem gewissen Grad, auf die Religion. Eine hoffnungsvolle, positive Einstellung gegenüber der Zukunft hilft Menschen mit körperlichen Problemen, für ihre Genesung motiviert zu bleiben.

Die Entwicklung von Depression und Angst ist bei Menschen mit religiösen Bewältigungsmechanismen tendenziell weniger wahrscheinlich als bei denjenigen, die diese nicht haben; diese inverse Assoziation ist am ausgeprägtesten bei Menschen mit stärkerer körperlicher Behinderung. Auch die Wahrnehmung der Behinderung scheint durch den Grad der Religiosität verändert zu werden. Unter älteren Frauen mit Hüftfrakturen wiesen die gläubigsten die geringste Depressionshäufigkeit auf, und sie konnten nach der Entlassung aus dem Krankenhaus deutlich weiter gehen als diejenigen, die weniger religiös waren. Gläubige Menschen erholen sich auch eher schneller von Depressionen.

Gesundheitsfördernde Verhaltensweisen

Bei älteren Menschen korreliert die aktive Teilhabe in einer religiösen Gemeinschaft mit besser erhaltener körperlicher Funktionsfähigkeit und Gesundheit. Einige religiöse Gruppen (z. B. Mormonen, Siebenten-Tags-Adventisten) verfechten gesundheitsfördernde Verhaltensweisen, wie die Vermeidung von Tabak und starkem Alkoholkonsum. Mitglieder dieser Gruppen entwickeln mit geringerer Wahrscheinlichkeit substanzassoziierte Erkrankungen, und sie leben länger als die allgemeine Bevölkerung.

Soziale Vorteile

Religiöse Überzeugungen und Praktiken fördern oft die Entwicklung von sozialen Hilfsnetzwerken innerhalb der Gemeinde und darüber hinaus. Verstärkte soziale Kontakte erhöhen bei älteren Menschen die Wahrscheinlichkeit, dass eine Krankheit früh erkannt wird und dass sie den Behandlungsvorschriften nachkommen, weil Mitglieder ihrer Gemeinde mit ihnen interagieren und sie nach ihrer Gesundheit und ihrer medizinischen Versorgung fragen. Ältere Menschen, die solche Gemeindenetzwerke haben, neigen weniger zur Selbstvernachlässigung.

Pflegepersonen

Religiöser Glaube nützt auch den Pflegepersonen. In einer Studie zu Pflegepersonen von Patienten mit Alzheimer-Demenz oder einer Krebserkrankung im Endstadium waren Betreuer mit einem starken persönlichen religiösen Glauben und vielen sozialen Kontakten besser in der Lage, die Belastungen der Pflege während eines 2-Jahres-Zeitraums zu bewältigen.

Schädliche Auswirkungen

Religion ist nicht immer von Vorteil für ältere Menschen. Religiöse Hingabe fördern kann übermäßige Schuldgefühle, mangelnde Flexibilität und Angst fördern. Religiöse Vorurteile und Wahnvorstellungen können sich bei Patienten mit Zwangsstörungen, bipolarer Störung, Schizophrenie oder Psychosen entwickeln.

Bestimmte religiöse Gruppen verhindern psychische und physische Gesundheitsmaßnahmen, inkl. mögliche lebensrettende Therapien (z. B. Bluttransfusionen, Behandlung von lebensbedrohlichen Infektionen, Insulintherapie), und können diese durch religiöse Rituale ersetzen (z. B. beten, singen und Kerzen anzünden). Einige weitere starre religiöse Gruppen können ältere Menschen von unbeteiligten Familienmitgliedern und der breiteren sozialen Gemeinschaft isolieren und entfremden.

Die Rolle der medizinschen Fachkraft

Gespräche mit älteren Patienten über ihre religiösen Überzeugungen und Praktiken helfen den medizinischen Fachkräften bei der Betreuung, weil diese Überzeugungen die psychische und physische Gesundheit der Patienten beeinflussen können. Das Erfagen religiöser Angelegenheiten bei einem Arztbesuch ist unter bestimmten Umständen, inkl. der folgenden, angemessen:

  • Wenn Patienten schwer krank sind, unter erheblichem Stress stehen oder dem Tode nahe sind und danach fragen oder anregen, dass ein Arzt mit ihnen über religiöse Fragen spricht

  • Wenn Patienten einem Arzt sagen, dass sie religiös sind und dass die Religion ihnen hilft, mit Krankheit umzugehen

  • Wenn religiöse Bedürfnisse offensichtlich sind und sich auf die Gesundheit des Patienten oder sein Gesundheitsverhalten auswirken können

Ältere Menschen haben oft unterschiedliche spirituelle Bedürfnisse, die einander überlappen können; diese sind aber nicht gleichzusetzen mit psychischen Bedürfnissen. Die Ermittlung der spirituellen Bedürfnisse eines Patienten können bei der Mobilisierung der nötigen Ressourcen helfen (z. B. Seelsorge oder Selbsthilfegruppen, Teilnahme an religiösen Aktivitäten, soziale Kontakte mit Mitgliedern einer religiösen Gemeinde).

Spirituelle Vorgeschichte

Eine Aufnahme der spirituellen Vorgeschichte zeigt älteren Patienten, dass die medizinische Fachkraft bereit ist, spirituelle Themen zu besprechen. Praktische Ärzte können die Patienten fragen, ob ihre spirituellen Überzeugungen ein wichtiger Teil ihres Lebens sind, wie diese Überzeugungen die Art und Weise beeinflussen, in der sie für sich sorgen, ob sie Teil einer religiösen oder spirituellen Gemeinschaft sind und wie die medizinische Fachkraft ihre spirituellen Bedürfnisse handhaben soll.

Alternativ kann ein praktischer Arzt die Patienten bitten, ihren wichtigsten Bewältigunsgmechanismus zu beschreiben. Beschreibt die Antwort keinen religiösen Inhalt, können die Patienten gefragt werden, ob religiöse oder spirituelle Ressourcen irgendeine Hilfe darstellen. Lautet die Antwort nein, können die Patienten einfühlsam nach Hemmnissen für diese Aktivitäten gefragt werden (z. B. Transportprobleme, Schwerhörigkeit, Mangel an finanziellen Ressourcen, Depression, mangelnde Motivation, ungelöste Konflikte), um festzustellen, ob die Umstände oder ihre freie Wahl den Grund darstellen. Allerdings sollten Ärzte den Patienten keine religiösen Überzeugungen oder Meinungen aufzwingen oder in die Patienten dringen, wenn diese keine Hilfe wollen.

Verweis an die Kirche

Zahlreiche Mitglieder der Kirche bieten kostenlose Dienste für ältere Menschen zu Hause und im Krankenhaus an. Viele ältere Patienten ziehen eine solche Beratung der eines Psychologen vor, weil sie mit den Ergebnissen zufriedener sind und weil sie glauben, dass eine solche Beratung, im Gegensatz zu einer Psychotherapie, nicht stigmatisiert ist. Allerdings sind viele Gemeindemitglieder der Kirche nicht geübt in psychologischer Gesundheitsberatung, und sie erkennen u. U. nicht, wenn ältere Patienten professionelle psychologische Betreuung benötigen. Im Gegensatz dazu haben viele Krankenhausgeistliche eine umfassende Ausbildung bzgl. der psychischen, sozialen und spirituellen Bedürfnisse älterer Menschen. Somit kann das Einbeziehen von Krankenhausgeistllichen in das Gesundheitsteam hilfreich sein. Sie können häufig die Lücke zwischen Krankenhausversorgung und Betreuung in der Gemeinde durch Kommunikation mit Geistlichen in der Gemeinde schließen. Wird ein Patient z. B. aus dem Krankenhaus entlassen, kann der Krankenhausgeistliche den Seelsorger des Patienten anrufen, sodass Unterstützungsteams in der religiösen Gemeinde des Patienten mobilisiert werden können, die während der Rekonvaleszenz des Patienten behilflich sind (z. B. durch die Bereitstellung von Haushaltshilfen, Mahlzeiten oder Transport, durch den Besuch des Patienten oder seines Betreuers).

Unterstützung religiöser Überzeugungen und Praktiken von Patienten

Patienten suchen ärztliche Versorgung aus gesundheitlichen und nicht aus religiösen Gründen. Medizinische Fachkräfte sollten jedoch dem religiöse Engagement des Patienten nicht entgegenwirken, sofern es nicht mit der notwendigen medizinischen Versorgung interferiert, weil es zu einer guten Gesundheit beitragen kann. Menschen, die sich aktiv in religiösen Gruppen engagieren, insbesondere in solchen mit bedeutenden religiösen Traditionen, sind tendenziell gesünder.

Sind die Patienten nicht bereits an religiösen Aktivitäten beteiligt, erfordert die Empfehlung solcher Aktivitäten Fingerspitzengefühl. Medizinische Fachkräfte können jedoch Patienten vorschlagen, religiöse Aktivitäten in Betracht zu ziehen, falls diese dafür empfänglich zu sein scheinen und sie von solchen Aktivitäten profitieren können, die soziale Kontakte schaffen, Entfremdung und Isolation verringern und das Gefühl von Zugehörigkeit, Bedeutung und Lebenszweck verstärken können. Diese Aktivitäten können auch dazu beitragen, dass ältere Menschen sich auf positive Tätigkeiten ausrichten anstatt auf ihre eigenen Probleme. Allerdings sind einige Aktivitäten nur für gläubigere Patienten geeignet.

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