Zwangsstörungen sind durch Zwangsvorstellungen, Zwangshandlungen oder beides gekennzeichnet. Zwangsvorstellungen sind wiederkehrende, anhaltende, unerwünschte, beängstigende, aufdringliche Ideen, Vorstellungen oder Triebimpulse. Zwangshandlungen (auch Rituale genannt) sind bestimmte Handlungen oder Gedankengänge, zu deren wiederholten Ausführung die Betroffenen sich gezwungen fühlen, um die durch die Zwänge verursachte Angst zu mindern oder zu verhindern.
Viele Denk- und Verhaltensweisen bei Zwangsstörungen hängen mit Ängsten über Gefahren und Risiken zusammen.
Ärzte diagnostizieren die Störung, wenn eine Person an Zwangsvorstellungen, Zwangshandlungen oder beidem leidet.
Die Behandlung kann eine Konfrontationstherapie (mit Reaktionsverhinderung von zwanghaften Ritualen) und die Einnahme bestimmter Antidepressiva (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer oder Clomipramin) umfassen.
Die Zwangsstörung (OCD) tritt bei Frauen etwas häufiger auf als bei Männern und betrifft ungefähr 1 bis 3 Prozent der Bevölkerung. Im Durchschnitt beginnt eine Zwangsstörung im Alter von etwa 19 bis 20 Jahren. (Siehe auch Zwangsstörung bei Kindern und Jugendlichen.) Viele Personen mit Zwangsstörung haben oder hatten eine Tic-Störung.
Eine Zwangsstörung unterscheidet sich von psychotischen Störungen, die durch den Verlust des Realitätsbezugs charakterisiert sind, obwohl bei einer kleinen Minderheit von Zwangsgestörten keine Einsicht eintritt. Die Zwangsstörung unterscheidet sich ebenfalls von der zwanghaften Persönlichkeitsstörung, obwohl Personen mit diesen Störungen einige gemeinsame Merkmale aufweisen können, wie z. B. Pedanterie, Zuverlässigkeit oder Perfektionismus.
Symptome einer Zwangsstörung
Personen mit einer Zwangsstörung (Obsessive-Compulsive Disorder, OCD) leiden an Zwängen, d. h. Gedanken, Vorstellungen oder Triebimpulsen, die wieder und wieder auftreten, obwohl die Betroffenen dies nicht möchten. Diese Zwänge drängen sich selbst dann auf, wenn die Betroffenen über andere Dinge nachdenken oder andere Dinge tun. Außerdem führen die Zwänge in der Regel zu einem erheblichen Leidensdruck und starken Ängsten.
Zu den häufigen Zwangsstörungen gehören:
Sorgen wegen Verschmutzung (beispielsweise die Sorge, dass man sich beim Berühren von Türklinken mit einer Krankheit anstecken kann)
Zweifel (beispielsweise die Sorge, dass die Haustür nicht abgeschlossen ist)
Sorgen, dass Gegenstände nicht perfekt aufgereiht oder gerade sind
Verbotene oder tabuisierte Gedanken (z. B. aggressive oder sexuelle Zwangsvorstellungen)
Schädigungen (für sich selbst oder andere)
Andere Themen sind ebenfalls möglich. Da die Zwänge unangenehm sind, versuchen die Betroffenen, sie zu ignorieren und/oder zu kontrollieren.
Die meisten Menschen mit einer Zwangsstörung leiden an Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen. Zwangshandlungen (auch als Rituale bezeichnet) sind eine Art der Betroffenen, mit ihren Zwängen umzugehen. Zum Beispiel fühlen sie sich möglicherweise angetrieben, etwas wiederholt, zielgerichtet und absichtlich zu tun, um zu versuchen, die durch die Zwänge verursachte Angst zu vermeiden oder zu mindern.
Zu den häufigen Zwangshandlungen gehören:
Waschen oder Putzen, um Schmutz zu beseitigen
Kontrollhandlungen, um Zweifel zu beseitigen (beispielsweise viele Male kontrollieren, ob die Tür verschlossen ist)
Zählen (zum Beispiel eine bestimmte Anzahl von Wiederholungen einer Handlung)
Ordnen (zum Beispiel die Anordnung von Geschirr oder Gegenständen am Arbeitsplatz nach einem bestimmten Muster)
Die meisten Rituale, wie übertriebenes Händewaschen oder wiederholtes Kontrollieren, ob die Tür verschlossen ist, können beobachtet werden. Andere Rituale, wie wiederholtes Zählen, spielen sich nur im Kopf des Betroffenen ab und sind nach außen hin nicht sichtbar.
Rituale müssen möglicherweise auf eine bestimmte Weise nach strengen Regeln durchgeführt werden. Die Rituale können eine logische Verbindung mit dem Zwang aufweisen, dies muss aber nicht der Fall sein. Wenn es eine logische Begründung für eine Zwangshandlung mit den Zwangsgedanken gibt (beispielsweise Duschen, um nicht schmutzig zu sein, oder Kontrollieren des Herds, um Feuer zu vermeiden), sind diese im Vergleich zu normalem Verhalten deutlich übertrieben. So duschen Betroffene möglicherweise jeden Tag stundenlang oder kontrollieren den Herd 30 Mal, bevor sie das Haus verlassen. Damit eine Zwangsstörung diagnostiziert werden kann, müssen die Zwangsvorstellungen und Rituale zeitaufwendig sein (d. h., sie müssen jeden Tag insgesamt mindestens eine Stunde lang anhalten). Die Betroffenen können jeden Tag viele Stunden damit verbringen. Diese Zwangshandlungen und Zwangsgedanken können so viel Leid verursachen oder die Arbeits- oder Lebensweise so sehr beeinträchtigen, dass die Personen arbeitsunfähig werden.
Den meisten Betroffenen mit einer Zwangsstörung sind sich wenigstens bis zu einem gewissen Grad bewusst, dass ihre Zwangsgedanken nichts mit realen Gefahren oder der Realität zu tun haben und ihre Zwangshandlungen übertrieben sind. Einige wenige Personen sind jedoch davon überzeugt, dass ihre Zwänge begründet und ihre Zwangshandlungen gerechtfertigt sind.
Den meisten Personen mit einer Zwangsstörung ist außerdem klar, dass ihre Zwangshandlungen übertrieben sind. Deshalb führen sie ihre Rituale möglicherweise heimlich durch, obwohl manche Rituale mehrere Stunden pro Tag beanspruchen.
Aufgrund der Symptome der Zwangsstörung können die Beziehungen der Betroffenen zu anderen leiden, und möglicherweise sind sie in der Schule oder bei der Arbeit oder in anderen Bereichen des alltäglichen Lebens weniger leistungsfähig.
Viele Menschen mit einer Zwangsstörung haben auch andere psychische Gesundheitsstörungen. Einundfünfzig (51) bis 76 Prozent der Menschen mit einer Zwangsstörung haben auch eine lebenslange Diagnose einer Angststörung, rund 41 Prozent haben eine lebenslange Diagnose von schwerer Depression und 23 bis 32 Prozent leiden an einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung.
Bis zu 50 Prozent der Personen mit Zwangsstörung haben irgendwann Selbstmordgedanken und 10 bis 15 Prozent begehen einen Selbstmordversuch. Das Risiko für einen Selbstmordversuch ist erhöht, wenn die Betroffenen auch an einer schweren Depression leiden (siehe Selbstmordverhalten).
Diagnose einer Zwangsstörung
Ärztliche Beurteilung auf der Basis spezifischer psychiatrischer Diagnosekriterien
Eine körperliche Untersuchung und medizinische Tests sind manchmal zur Beurteilung auf körperliche Erkrankungen erforderlich.
Ärzte gehen von einer Zwangsstörung anhand der Symptome aus: dem Auftreten von Zwangsvorstellungen, Zwangshandlungen oder beidem. Die Zwangsvorstellungen oder Zwangshandlungen müssen mindestens 1 der folgenden umfassen:
sind zeitaufwendig
stellen eine erhebliche Belastung dar oder beeinträchtigen die Lebensweise des Betroffenen
Die Diagnose kann auch Folgendes umfassen:
Inwieweit sich die Person bewusst ist, dass die Überzeugungen, die ihren Zwangsgedanken zugrunde liegen (zum Beispiel, dass sie Krebs bekommt, wenn sie einen Aschenbecher berührt), falsch sind (Grad der Krankheitseinsicht).
Ob die betroffene Person auch eine Tic-Störung hat oder hatte
Behandlung einer Zwangsstörung
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT), die eine Konfrontationstherapie mit Reaktionsverhinderung umfasst
Bestimmte Antidepressiva
Oft wird zuerst entweder eine KVT oder ein Medikament ausprobiert. Diese Behandlungen können kombiniert werden, wenn der Patient auf keine der beiden anfänglichen Therapien anspricht. Viele Fachleute sind der Auffassung, dass eine Kombination aus Konfrontationstherapie mit Reaktionsverhinderung und einer medikamentösen Behandlung die beste Wirkung erzielt, insbesondere bei stärkeren Symptomen.
Eine KVT ist bei der Behandlung einer Zwangsstörung häufig wirksam: Eine Konfrontationstherapie mit Reaktionsverhinderung (Prävention von Ritualen), eine Art von KVT zeigt häufig Wirkung. Bei der Konfrontationstherapie setzt sich der Patient nach und nach wiederholt Situationen oder Personen aus, die bestimmte Zwangsvorstellungen, Rituale oder Unbehagen bei ihm auslösen, wobei der Patient jedes Mal darum gebeten wird, seine zwanghaften Rituale zu unterlassen (Konfrontationstherapie mit Reaktionsverhinderung). Unbehagen und Angstgefühle nehmen allmählich ab, wenn es dem Betroffenen gelingt, immer dann, wenn er der Situation ausgesetzt ist, das Ritual nicht durchzuführen. Auf diese Weise lernt er, dass das Ritual nicht nötig ist, um sich wohlzufühlen. Der Erfolg hält gewöhnlich jahrelang an, vermutlich, weil die Betroffenen, die diesen Ansatz gemeistert haben, in der Lage sind, diese Vorgehensweise auch nach Abschluss der Behandlung weiter zu befolgen. Kognitive Therapietechniken, die dem Betroffenen helfen, nicht hilfreiche Denkmuster zu bestimmen und zu ändern, ergänzen häufig die Konfrontationstherapie mit Reaktionsverhinderung.
Bestimmte Antidepressiva zeigen häufig eine Wirkung: selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) (z. B. Fluoxetin) und Clomipramin (ein älteres Antidepressivum, das auch auf einen chemischen Stoff im Gehirn namens Serotonin wirkt) sind häufig wirksam. Ein SSRI wird in der Regel vor Clomipramin versucht, da die SSRI tendenziell weniger mögliche Nebenwirkungen haben. Möglicherweise sind höhere Dosen erforderlich als gewöhnlich zur Behandlung von Depressionen zum Einsatz kommen. Personen, die auf diese Medikamente nicht ansprechen, können andere Arten von Medikamenten erhalten, die anders wirken.
Die psychodynamische Psychotherapie (deren Schwerpunkt die Erkennung unbewusster Muster der aktuellen Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen ist) sowie die Psychoanalyse haben sich im Allgemeinen bei Personen mit Zwangsstörungen als nicht wirksam erwiesen.
