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Depersonalisations-/Derealisationsstörung

Von

David Spiegel

, MD, Stanford University School of Medicine

Inhalt zuletzt geändert Jul 2017
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Die Depersonalisation/Derealisationstörung ist eine Form der dissoziativen Störung, die aus dem anhaltenden oder wiederholten Erleben, außerhalb des eigenen Körpers zu stehen oder von den eigenen Gedanken getrennt zu sein, besteht. Meist mit dem Gefühl, das eigene Leben von außen zu beobachten. Die Störung wird häufig durch starken Stress ausgelöst. Die Diagnose basiert auf den Symptomen nach Ausschluss anderer möglicher Ursachen. Die Behandlung besteht aus Psychotherapie plus medikamentöser Therapie für jede komorbide Depression und/oder Angst.

Etwa 50% der Bevölkerung haben mindestens eine vorübergehende Erfahrung von Depersonalisation oder Derealisation in ihrem Leben gemacht. Allerdings erfüllen nur etwa 2% der Menschen, die die Kriterien für eine Depersonalisation/Derealisationsstörung.

Depersonalisation oder Derealisation kann auch als Symptom bei vielen anderen psychischen Störungen und auch bei körperlichen Krankheiten wie Anfallserkrankungen (iktal oder postiktal) auftreten. Tritt Depersonalisation oder Derealisation unabhängig von einer anderen mentalen oder psychischen Störung auf, ist sie anhaltend oder wiederkehrend und beeinflusst die Funktion, so liegt eine Depersonalisationsstörung vor.

Depersonalisations-/Derealisationsstörung tritt gleichermaßen bei Männern und Frauen auf. das Durchschnittsalter bei Krankheitsbeginn liegt bei 16 Jahren. Die Störung kann in der frühen oder mittleren Kindheit beginnen; nur 5% der Fälle beginnt nach dem Alter von 25, und die Erkrankung beginnt selten nach dem 40. Lebensjahr.

Ätiologie

Menschen mit einer Depersonalisierungs-/Derealisierungsstörung haben oft starken Stress erlebt, wie z.B. den folgenden:

  • Emotional missbraucht oder in der Kindheit vernachlässigt werden (eine besonders häufige Ursache)

  • Körperlich misshandelt werden

  • Zeuge häuslicher Gewalt

  • Einen schwer beeinträchtigten oder psychisch kranken Elternteil haben

  • Ein Familienmitglied oder ein enger Freund stirbt unerwartet

Episoden können durch zwischenmenschlichen, finanziellen oder beruflichen Stress ausgelöst werden; Depression; Angst oder die Verwendung von illegalen Drogen, vor allem Marihuana, Ketamin oder Halluzinogene.

Symptome und Zeichen

Die Symptome von Depersonalisation/Derealisationsstörung sind in der Regel episodisch und schwinden in der Intensität. Episoden können nur wenige Stunden oder Tage andauern oder für Wochen, Monate oder manchmal Jahre. Aber bei einigen Patienten bleiben die Symptome mit einer unveränderlichen Intensität für Jahre oder Jahrzehnte ständig präsent.

Depersonalisationssymptome umfassen

  • Sich losgelöst von ihrem Körper, ihrem Geist, ihren Gefühlen oder Empfindungen fühlen.

Die Patienten fühlen sich wie ein Beobachter ihres Lebens von außen. Viele Patienten geben auch an, sie fühlten sich unwirklich oder wie ein Automat (ohne Kontrolle über das, was sie sagen oder tun). Sie fühlen sich emotional und körperlich gefühllos oder fühlen sich distanziert, mit wenig Emotionen. Manche Patienten können ihre Emotionen nicht erkennen oder beschreiben (Alexithymie). Sie fühlen sich oft abgespalten von ihren Erinnerungen und sind nicht in der Lage, sich an diese deutlich zu erinnern.

Derealisationsymptome umfassen

  • Das Gefühl aus ihrer Umgebung (z. B. Menschen, Objekte, alles), die unwirklich erscheint, losgelöst zu sein

Die Patienten fühlen sich, als ob sie in einem Traum oder von Nebel umgeben sind, oder als ob sie eine Glaswand oder ein Schleier von ihrer Umgebung trennt. Die Welt scheint leblos, farblos, oder künstlich. Eine subjektiven Verzerrung der Welt ist üblich. Zum Beispiel können Objekte verschwommen oder ungewöhnlich klar erscheinen; sie können flach oder kleiner oder größer erscheinen als sie sind. Geräusche können lauter oder leiser erscheinen als sie sind; Zeit scheint zu langsam oder zu schnell zu vergehen.

Die Symptome sind nahezu immer belastend und, wenn sie schwer sind, zutiefst unerträglich. Angst und Depression sind häufig. Manche Patienten befürchten, dass sie irreversible Hirnschäden haben oder dass sie verrückt werden. Andere denken zwanghaft darüber nach, ob sie wirklich existieren oder überprüfen wiederholt, ob ihre Wahrnehmungen real sind. Die Patienten jedoch bewahren sich immer das Wissen, dass ihre irrealen Erfahrungen nicht der Wirklichkeit entsprechen, sondern nur ein momentaner Gefühlszustand sind (z. B. besitzen sie eine intakte Realitätseinschätzung) . Dieses Bewusstsein unterscheidet die Depersonalisations-/Derealisationsstörung von einer psychotischen Störung, bei der eine solche Erkenntnis immer fehlt.

Diagnose

  • Klinische Kriterien

Die Diagnose einer Depersonalisations-/Derealisationsstörung wird klinisch anhand der Kriterien im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition (DSM-5) gestellt.

  • Die Patienten haben anhaltende oder wiederkehrende Episoden von Depersonalisation, Derealisation oder beides.

  • Patienten haben das Wissen, dass ihre irrealen Erfahrungen nicht der Wirklichkeit entsprechen (d.h. sie haben ein intaktes Gespür für die Realität).

  • Symptome verursachen bedeutendes Leiden oder beeinträchtigen wesentlich die soziale oder berufliche Funktionsfähigkeit.

Auch können die Symptome nicht durch eine andere Störung besser erklärt werden (z. B. Krampfanfälle, laufender Drogenmissbrauch, Panikstörung, depressive Hauptstörung, eine andere dissoziative Störung).

MRT und EEG werden durchgeführt, um körperliche Ursachen auszuschließen, vor allem, wenn die Symptome oder das Fortschreiten atypisch sind (zum Beispiel, wenn die Symptome nach dem Alter von 40 Jahren beginnen). Toxikologische Urintests können ebenfalls angezeigt sein.

Hilfreich sind psychologische Tests und spezielle strukturierte Interviews und Fragebögen.

Prognose

Patienten mit Depersonalisation/Derealisationsstörung verbessern sich oft ohne Intervention. Bei vielen Patienten ist eine Restitution möglich, insbesondere dann, wenn die Symptome von behandelbaren oder vorübergehenden Belastungen herrühren oder noch nicht lange bestehen. In anderen Fällen wird die Depersonalisation und Derealisation chronischer und therapierefraktär.

Auch anhaltende oder wiederkehrende Depersonalisations- oder Derealisationssymptome verursachen evtl. nur minimale Beeinträchtigungen, wenn die Patienten es schaffen, sich von dem subjektiven Gefühl ihrer selbst abzulenken, indem sie ihren Geist beschäftigen und sich auf andere Gedanken oder Aktivitäten konzentrieren. Andere Patienten wiederum können durch das chronische Gefühl der Entfremdung und/oder die begleitende Angst oder Depression behindert werden.

Behandlung

  • Psychotherapie

In der Therapie einer Depersonalisations-/Derealisationsstörung müssen nicht nur alle Belastungen angesprochen werden, die mit dem Beginn der Störung zusammenhängen, sondern auch frühere Belastungssituationen (z. B. Missbrauch oder Vernachlässigung in der Kindheit), die die Patienten für ein späteres Einsetzen der Depersonalisation prädisponiert haben könnten.

Bei verschiedenen Patienten können verschiedene Psychotherapieformen erfolgreich sein (z. B. psychodynamisch orientierte Psychotherapie, kognitive Verhaltenstherapie):

  • Kognitive Verfahren können dazu beitragen, zwanghaftes Denken an den irrealen Daseinszustand zu blockieren.

  • Verahltensorientierte Verfahren können den Patienten helfen, sich mit Aufgaben zu beschäftigen, die sie von der Depersonalisation und Derealisation ablenken.

  • Erdungstechniken nutzen die 5 Sinne (z. B. durch Abspielen lauter Musik oder Platzieren eines Eiswürfels in der Hand) und helfen den Patienten, sich verbundener mit sich selbst und der Welt und realer im Augenblick zu fühlen.

  • Die psychodynamische Therapie hilft Patienten mit negativen Gefühlen, zugrunde liegenden Konflikten oder Erfahrungen die bestimmte Affekte für das Selbst unerträglich machen und deshalb abgetrennt werden, umzugehen.

  • Einem Moment nach dem anderen zu folgen und Affekt und Dissoziation in den Therapiesitzungen zu bezeichnen, funktioniert bei einigen Patienten gut.

Verschiedene Medikamente wurden eingesetzt, aber keines hat eine eindeutig nachweisbare Wirksamkeit. Allerdings scheinen einige Patienten von SSRIs, Lamotrigin, Opioidantagonisten, Anxiolytika und Stimulanzien zu profitieren. Diese Medikamente könnten jedoch weitgehend wirken indem sie sich gegen andere psychische Störungen richten (z. B. Angst, Depression), die oft mit Depersonalisation und Derealisation verbunden sind oder diese ausgelösen.

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