Geruchs- und Geschmacksstörungen

VonMarvin P. Fried, MD, Montefiore Medical Center, The University Hospital of Albert Einstein College of Medicine
Überprüft/überarbeitet Mai 2023
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Da die unterschiedlichen Geschmacksqualitäten von Aromen abhängen, die die olfaktorischen Chemorezeptoren stimulieren, beeinflussen sich Riechen und Schmecken wechselseitig. Durch eine funktionelle Störung der einen wird oft auch die andere Sinnesempfindung beeinträchtigt. Geruchs- und Geschmacksstörungen erreichen selten Krankheitswert oder ein lebensbedrohliches Ausmaß; daher schenken Ärzte ihnen oft kaum Beachtung, obwohl sie die Lebensqualität stark mindern können.

Umstände wie Infektionen, Rauchen, Schwangerschaft, Alterung, Depressionen und Krampfanfälle sowie Ernährungsmängel (z. B. Zink-, Kupfer- oder Nickelmangel) können zu Geschmacks- und Geruchsstörungen führen. Manche verursachen das eine oder das andere.

Geschmack

Geschmacksanomalien können auf psychischen Störungen beruhen, trotzdem sollte immer nach lokalen Ursachen gesucht werden. Anhand der Geschmackswahrnehmung auf beiden Seiten des Zungenrückens kann man mit Zucker (süß), Salz (salzig), Essig (sauer) und Chinin (bitter) die Unversehrtheit des N. glossopharyngeus und N. facialis überprüfen.

Während sich durch Mundtrockenheit – bei starken Rauchern, Sjögren-Syndrom, nach einer Strahlentherapie im Kopf- und Halsbereich – oder eine Desquamation der Zunge das Geschmacksempfinden verschlechtern kann, können Medikamente (z. B. mit anticholinergen Eigenschaften oder Vincristin) eine Geschmacksveränderung bewirken. In jedem Fall liegt aber eine diffuse Beteiligung gustatorischer Rezeptoren vor.

Wenn sie sich (wie bei der Bell-Lähmung) auf eine Zungenseite beschränkt, wird eine Ageusie (Verlust des Geschmackssinns) nur selten bemerkt. Plötzlicher Geschmacksverlust kann ein Frühsymptom von (COVID-19) sein, das durch das schwere akute respiratorische Syndrom Coronavirus 2 (SARS-CoV-2) verursacht wird.

Geschmacksstörungen (Dysgeusie) können durch Gingivitis, Xerostomie oder viele der gleichen Krankheiten verursacht werden, die auch zu Geruchsverlust führen. Dysgeusie kann auch durch einige Medikamente verursacht werden, wie z. B. durch die folgenden:

  • Antibiotika

  • Antiepileptika

  • Antidepressiva

  • Bestimmte Chemotherapeutika

  • Diuretika

  • Arzneimittel zur Behandlung von Arthritis

  • Schilddrüsenmedikamente

Geruch

Das Unvermögen, bestimmte Gerüche, wie z. B. Gas oder Rauch, wahrzunehmen, kann gefährlich werden und darf erst als harmloses Symptom abgetan werden, nachdem systemische oder intrakranielle Störungen ausgeschlossen wurden. Da oft andere neurologische Symptome im Vordergrund stehen, ist unklar, ob auch eine Erkrankung des Hirnstamms (mit Beteiligung des Nucleus solitarius) zu Geruchs- und Geschmacksstörungen führen kann.

Eine Anosmie (kompletter Verlust des Geruchssinns) ist vermutlich die häufigste Anomalie. Eine Hyperosmie (gesteigerte Geruchsempfindlichkeit) ist meist Ausdruck einer neurotischen oder histrionischen Persönlichkeitsstruktur, kann aber auch intermittierend bei Anfallsleiden auftreten. Dysosmie (unangenehmer oder verzerrter Geruchssinn) kann bei Patienten mit einer Infektion der Nasennebenhöhlen, einer Teilschädigung des Bulbus olfactorius oder einer psychischen Depression auftreten. Manchmal geht sie infolge einer schlechten Zahnhygiene mit unangenehmen Geschmacksempfindungen einher. Anfallsaktivität, die vom Uncus des Schläfenlappens ausgeht, kann zu kurzen, lebhaften, unangenehmen Geruchshalluzinationen führen; selten verursacht eine Herpes-Enzephalitis Geruchshalluzinationen. Nach einer akuten Grippe kann sich – meist vorübergehend – eine Hyposmie (partieller Verlust des Riechvermögens) mit Hypogeusie (vermindertes Schmeckvermögen) einstellen. Plötzlicher Geruchsverlust kann ein frühes Symptom von COVID-19 sein.

Wie Menschen Aromen wahrnehmen

Um die meisten Aromen zu unterscheiden, benötigt das Gehirn Informationen sowohl über den Geruch als auch den Geschmack. Diese Empfindungen werden von Rezeptoren in Nase und Mund an verschiedene Bereiche des Gehirns übertragen.

Das olfaktorische Epithel ist ein Bereich der Nasenschleimhaut im oberen Teil der Nasenhöhle. Die Geruchsrezeptoren in diesem Epithel sind spezialisierte Nervenzellen mit Zilien, die Gerüche erkennen. Aerogene Moleküle gelangen in die nasale Passage, stimulieren die Zilien und lösen einen Nervenimpuls aus, der nach oben durch die Siebplatte und über eine Synapse innerhalb des Bulbus olfactorius (die distalen Enden des ersten (olfaktorischen) Hirnnervs) übertragen wird. Die Geruchsnerven übertragen den Impuls an das Gehirn, das den Impuls als deutlichen Geruch interpretiert. Die Informationen werden auch an den mittleren Teil des Schläfenlappens (das Geruchs- und Geschmackszentrum), in dem die Erinnerung an Gerüche gespeichert sind, gesendet.

Tausende von winzigen Geschmacksknospen bedecken den größten Teil der Zungenoberfläche. Eine Geschmacksknospe enthält mehrere Arten zilienbesetzter Geschmacksrezeptoren. Jeder Typ erkennt eine der fünf grundlegenden Geschmacksrichtungen: süß, salzig, sauer, bitter oder wohlschmeckend (auch als Umami bezeichnet nach dem Geschmack von Natriumglutamat). Die Sensitivität bestimmter Zungenbereiche kann für jeden Geschmack unterschiedlich sein (z. B. die Zungenspitze für Süßes, die vorderen Seiten für Salziges, die Seiten für Saures und das hintere Drittel für Bitteres); diese Geschmacksrichtungen können jedoch überall auf der Zunge wahrgenommen werden, und der Beitrag regionaler Unterschiede zur Geschmacksempfindung ist wahrscheinlich gering. Nervenimpulse der Geschmacksnerven werden durch die Gesichts- und glossopharyngealen Nerven (Hirnnerven VII und IX) an das Gehirn übertragen.

Das Gehirn deutet die Kombination von Impulsen aus den Geruchs- und Geschmacksrezeptoren zusammen mit anderen sensorischen Informationen (z. B. Konsistenz und Temperatur des Essens), um einen eigenen Geschmack zu erzeugen, sobald die Nahrung in den Mund gelangt und zerkaut wird.

Grundlagen der Geriatrie: Geruch und Geschmack

Nach dem 50. Lebensjahr nimmt die Fähigkeit zum Riechen und Schmecken allmählich ab. Das Riechepithel wird dünner und trockener, und die Riechnerven verkümmern. Ältere Menschen können zwar noch starke Gerüche wahrnehmen, aber die Wahrnehmung feiner Gerüche ist schwieriger.

Mit zunehmendem Alter nimmt auch die Anzahl der Geschmacksknospen ab, und die verbleibenden werden weniger empfindlich. Diese Veränderungen führen dazu, dass die Fähigkeit, süß und salzig zu schmecken, stärker abnimmt als die Fähigkeit, sauer und bitter zu schmecken. Viele Lebensmittel schmecken dann bitter.

Da Geruch und Geschmack mit zunehmendem Alter nachlassen, schmecken viele Lebensmittel fade. Der Mund ist häufiger trocken, wodurch die Fähigkeit zu schmecken und zu riechen weiter eingeschränkt wird. Außerdem haben viele ältere Menschen eine Erkrankung oder nehmen Medikamente ein, die zu Mundtrockenheit führen. Aufgrund dieser Veränderungen essen ältere Menschen möglicherweise weniger. Dann erhalten sie möglicherweise nicht die Nahrung, die sie benötigen, und wenn sie bereits eine Krankheit haben, kann sich ihr Zustand verschlechtern.