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Leukämie im Überblick

Von

Jerry L. Spivak

, MD, Center for the Chronic Myeloproliferative Disorders, Johns Hopkins University School of Medicine

Inhalt zuletzt geändert Feb 2017
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Quellen zum Thema

Leukämien sind Tumoren von weißen Blutkörperchen, die das Knochenmark und die zirkulierenden weißen Blutkörperchen, aber auch Organe wie Milz und Lymphknoten betreffen.

Ätiologie

Ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Leukämie besteht bei

  • Exposition gegenüber ionisierender Strahlung (z. B. postatomare Strahlung in Nagasaki und Hiroshima) oder bestimmten Chemikalien (z. B. Benzol)

  • Vor der Behandlung mit bestimmten Zytostatika, insbesondere Procarbazin, Nitroseharnstoffe (Cyclophosphamid, Melphalan) und Epipodophyllotoxine (Etoposid, Teniposid)

  • Infektionen mit einem Virus (zum Beispiel humane T-lymphotrope Viren 1 und 2, Epstein-Barr-Virus)

  • Chromosomale Translokationen

  • Vorerkrankungen wie Immundefektsyndrome, chronische myeloproliferative Neoplasien und genetische Defekte (z. B. Fanconi-Anämie, Bloom-Syndrom, Ataxia teleangiectatica, Down-Syndrom, infantile X-chromosomale Agammaglobulinämie)

Pathophysiologie

Die bösartige Transformation findet in der Regel auf der Ebene der pluripotenten Stammzellen statt, obwohl es sich manchmal um eine engagierte Stammzelle mit eingeschränkter Selbsterneuerungsfähigkeit handelt. Abnorme Proliferation, klonale Expansion und verminderte Apoptose (programmierter Zelltod) führen zu einer Verdrängung der normalen Blutbestandteile durch maligne Zellen.

Tabelle
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French-American-British-(FAB-)Klassifikation der akuten Leukämien

FAB-Klassifikation

Beschreibung

Akute lymphatische Leukämie

L1

Lymphoblasten mit uniformen, runden Kernen und schmalem Zytoplasmasaum

L2

Mehr Variabilität der Lymphoblasten

Gelegentlich irregulär geformte Kerne mit breiterem Zytoplasmasaum als bei L1

L3

Lymphoblasten mit feinerem Kernchromatin und blauem bis dunkelblauem Zytoplasma mit Zytoplasmavakuolen

Akute myeloische Leukämie

M1

Akute undifferenzierte myeloische Leukämie

Keine Granulation im Zytoplasma

M2

Akute myeloische Leukämie mit Differenzierung

Einige bis viele Zellen mit gering ausgeprägter Granulation

M3

Akute Promyelozytenleukämie

Typische Promyelozytengranula

M4

Akute myelomonozytäre Leukämie

Gemischte Morphologie mit myeloblastären und monozytoiden Elementen

M5

Akute Monoblastenleukämie

Reine Monoblastenmorphologie

M6

Akute Erythroleukämie

Vorwiegend unreife Erythroblasten, die mitunter megaloblastär aussehen

M7

Akute Megakaryoblastenleukämie

Zellen mit unregelmäßiger Oberfläche, an der Abschnürungen erkennbar sein können

Manifestationen von Leukämie bestehen aufgrund von

  • Unterdrückung der normalen Blutzellbildung

  • Organinfiltration durch leukämische Zellen

Von den Leukämiezellen produzierte inhibierende Faktoren und die Verdrängung des Knochenmarks hemmen die normale Hämatopoese; in der Folge kommt es zu Anämie, Thrombozytopenie und Granulozytopenie.

Die Infiltration von Organen führt zur Hepatomegalie, Splenomegalie und Lymphknotenvergrößerung. Gelegentlich sind auch die Nieren oder die Gonaden betroffen. Eine meningeale Infiltration kann zu Hirndrucksymptomatik und Hirnnervenlähmungen führen.

Tabelle
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Befunde zum Zeitpunkt der Diagnose bei den häufigsten Leukämieformen

Merkmal

Altersgipfel

Kindheit

Jedes Alter

Mittleres und höheres Alter

Junges Erwachsenenalter

Leukozytenwerte

Hoch bei 50%

Normal oder vermindert bei 50%

Hoch bei 60%

Normal oder vermindert bei 40%

Hoch bei 98%

Normal oder vermindert bei 2%

Hoch bei 100%

Differenzialblutbild

Viele Lymphoblasten

Viele Myeloblasten

Kleine Lymphozyten

Gesamte myeloische Reihe

Anämie

Bei > 90%, schwer

Bei > 90%, schwer

Bei etwa 50%, leicht

Bei 80%, leicht

Thrombozyten

Vermindert bei > 80%

Vermindert bei > 90%

Vermindert bei 20–30%

Hoch bei 60%

Vermindert bei 10%

Lymphknotenvergrößerungen

Häufig

Gelegentlich

Häufig

Selten

Splenomegalie

Bei 60%

Bei 50%

Meist vorhanden und mäßig ausgeprägt

Meist vorhanden und massiv ausgeprägt

Andere Befunde

Ohne Prophylaxe häufig ZNS-Befall

Selten ZNS-Befall

Gelegentlich Auer-Stäbchen in den Myeloblasten

Gelegentlich hämolytische Anämien und Hypogammaglobulinämie

Verminderte alkalische Leukozytenphosphatase

Philadelphia-Chromosom bei > 90% positiv

Klassifikation

Leukämien wurden ursprünglich als akut oder chronisch bezeichnet, basierend auf der Lebenserwartung, werden nun aber nach zellulärem Phänotyp und Differenzierungsgrad bei der Erstpräsentation klassifiziert.

Akute Leukämien

Akute Leukämien zeichnen sich vor allem durch das Vorliegen unreifer, wenig differenzierter Zellen (gewöhnlich Blasten) aus. Akute Leukämien werden unterteilt in akute lymphatische Leukämie (ALL) und akute myeloische Leukämie (AML), die durch die französisch-amerikanisch-britische (FAB) Klassifikation weiter unterteilt werden können.(siehe Tabelle: French-American-British-(FAB-)Klassifikation der akuten Leukämien).

Chronische Leukämien

Chronische Leukämien haben mehr reife Zellen als akute Leukämien. Sie manifestieren sich üblicherweise als abnorme Leukozytose mit oder ohne Zytopenie bei ansonsten asymptomatischen Patienten. Die chronische lymphatische Leukämie (CLL]) und die chronische myeloische Leukämie (CML) unterscheiden sich hinsichtlich Befunden und Therapie deutlich.

Myelodysplastisches Syndrom

Bei myelodysplastischen Syndromen tritt eine progrediente Knochenmarkinsuffizienz auf, die die definitive Diagnose einer AML wegen des ungenügenden Blastenanteils (< 30%; Anmerkung der Redaktion: seit einigen Jahren liegt die Grenze nun aber bei < 20%) aber nicht zulässt. In 40–60% der Fälle erfolgt im Verlauf der Übergang in eine AML.

Leukämoide Reaktion

Kennzeichen einer leukämoiden Reaktion ist eine granulozytäre Leukozytose (d. h. Leukozyten > 50.000/μl), die vom normalen Knochenmark als Reaktion auf eine systemische Infektion oder ein Tumorleiden hervorgerufen wird. Obwohl es sich nicht um eine neoplastische Krankheit handelt, müssen bei leukämoiden Reaktionen mit sehr hohen Leukozytenzahlen Untersuchungen erfolgen, um eine Abgrenzung von einer CML vorzunehmen.

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