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Klinische Manifestationen von SARS-CoV-2

Inhalt zuletzt geändert Jun 2021

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 Von Dr. med. Matthew E. Levison, Assistenzprofessor für Medizin, Drexel University College of Medicine

14/02/2021

Eine Erkrankung multipler Organsysteme

 

Die Lunge ist ein Hauptziel von SARS-CoV-2. SARS-CoV-2 verursacht jedoch auch Schädigungen an vielen anderen Organsystemen, wie dem Herz, den Nieren und der Leber. Zu verstehen, dass COVID-19 eine Erkrankung multipler Organsysteme ist, ist für ihr klinisches Management entscheidend.

 

Das Spektrum des klinischen Erscheinungsbildes von COVID-19 ist breit gefächert, von keiner oder minimaler Symptomatik bis hin zu schwerer viraler Pneumonie mit respiratorischer Insuffizienz, Störungen in multiplen Organsystemen, Sepsis und Tod. Bis zu 40 bis 45 % der infizierten Personen sind asymptomatisch, wenn sie auf das Virus getestet werden. Von diesen bleiben viel asymptomatisch, scheiden das Virus jedoch trotzdem aus den oberen Atemwegen aus und sind in der Lage, das Virus auf andere zu übertragen (1). Andere Patienten werden mit einer mittleren Inkubationszeit von etwa 5 Tagen, die zwischen 2 und 14 Tagen nach der Exposition liegt, symptomatisch (2).

 

Glücklicherweise entwickeln etwa 80 % der infizierten Patienten eine leichte Erkrankung, die ambulant behandelt werden kann. 15 % weisen eine schwerere Erkrankung auf (Dyspnoe, Hypoxie oder > 50 % Lungenbeteiligung in der Bildgebung), die eine Krankenhauseinweisung erfordert, und weitere 5 % mit kritischer Erkrankung (Atemversagen, Schock oder Störungen in multiplen Organsystemen), die eine Aufnahme auf die Intensivstation erfordern (3). Die Sterblichkeitsrate liegt weltweit bei etwa 4 %, variiert jedoch je nach demografischen Merkmalen der lokalen Bevölkerung. Alle Altersgruppen sind anfällig für Infektionen. Der Schweregrad und das Sterberisiko sind jedoch bei älteren Menschen, bei armen Menschen, in schwarzen und lateinamerikanischen Bevölkerungsgruppen und bei Personen mit bestimmten vorbestehenden Komorbiditäten wie Adipositas, Diabetes, Hypertonie sowie Lungen- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht.

 

Bei einigen vollständig asymptomatischen Infizierten kann dennoch eine geringe Sauerstoffsättigung im Blut vorliegen, die als „stille Hypoxie“ bezeichnet wird. Zudem können bei der Durchführung entsprechender Untersuchungen Hinweise auf eine Beteiligung der Lunge in der Thoraxbildgebung vorliegen, z. B. wenn der Patient in einer Notaufnahme wegen eines nicht verwandten Problems wie einem Trauma untersucht wird (4). Hyperkapnie (erhöhter CO2-Gehalt im Blut) ist bei diesen Patienten selten, was erklären kann, warum Patienten mit COVID-19 möglicherweise so lange nicht über Kurzatmigkeit klagen, bis ihre Lungenerkrankung weit fortgeschritten und die Hypoxie schwerwiegend ist.

 

Fieber, Schüttelfrost, Müdigkeit, trockener Husten, Appetitlosigkeit, Myalgie, Durchfall und Auswurf sind häufige Symptome. Ein Verlust des Geruchssinns (Anosmie) und des Geschmacksinns (Dysgeusie) werden ebenfalls häufig berichtet. Halsschmerzen, verstopfte Nase und Rhinorrhoe treten seltener auf. Manche Personen bleiben fieberfrei. Andere weisen 8 bis 9 Tage lang leichte Symptome auf, bis das plötzliche Einsetzen oder die Verschlimmerung einer Kurzatmigkeit (Dyspnoe) Anlass für einen Besuch in der Notaufnahme gibt. Kurz nach dem Einsetzen der Dyspnoe kann eine Beatmungsunterstützung erforderlich sein (Median: 2,5 Tage).

 

Eine kardiale Beteiligung wird durch erhöhte Troponinspiegel und Anomalien in Elektrokardiogrammen und einem Herzultraschall angezeigt (5). Eine SARS-CoV-2-Infektion kann zuvor asymptomatische atherosklerotische Koronarplaques destabilisieren oder die Bildung von Blutgerinnseln in den Koronargefäßen auslösen, was zu einer Obstruktion des koronararteriellen Blutflusses führt. Eine durch SARS-CoV-2 verursachte Myokarditis wurde vermutet, jedoch nicht durch Biopsie nachgewiesen und bisher nicht beschrieben. Während frühe Berichte darauf hindeuteten, dass Patienten mit COVID-19 eine hohe Inzidenz von Herzstillständen und Arrhythmien aufweisen, kam eine Studie mit 700 konsekutiven Patienten, die im Verlauf von 9 Wochen in das Hospital of the University of Pennsylvania eingewiesen wurden, zu dem Schluss, dass Herzrhythmusstörungen wahrscheinlich auf eine systemische Erkrankung zurückzuführen sind, und nicht ausschließlich auf die direkten Auswirkungen der COVID-19-Erkrankung (6).

 

Einige Patienten entwickeln eine Proteinurie und eine akute Niereninsuffizienz. Etwa 15 % bis 30 % der COVID-19-Patienten auf der Intensivstation benötigen eine Nierenersatztherapie. Bei der postmortalen Untersuchung wurde in der Histologie der Niere eine proximale akute tubuläre Verletzung festgestellt, mit Coronavirus-ähnlichen Partikeln im Zytoplasma des proximalen tubulären Epithels und der Podozyten, Gewebe mit bekannter ACE2-Expression (7). Eine Leberbeteiligung wird durch erhöhte Alanin-Aminotransferase- und Aspartat-Aminotransferase-Spiegel im Serum angezeigt.

COVID-19 wird häufig durch eine Koagulopathie mit erhöhten D-Dimer-Spiegeln erschwert. Im Gegensatz zu einer disseminierten intravasalen Gerinnung (DIG) in Verbindung mit einer Sepsis sind signifikante Blutungen jedoch ungewöhnlich, die Prothrombinzeit und die partielle Thromboplastinzeit sind normal oder leicht verlängert, der Fibrinogenspiegel ist häufig erhöht und die Thrombozytenzahl normal oder leicht erniedrigt (8, 9, 10). Berichte beschreiben eine große Häufigkeit von venösen Thromboembolien und Lungenpathologien, die eine ausgeprägte mikrovaskuläre Thrombose in Verbindung mit einer ausgedehnten alveolären und interstitiellen Entzündung zeigen. Dies deutet darauf hin, dass die Blutgerinnung bei diesen Patienten zur respiratorischen Insuffizienz beiträgt.

Eine neurologische Beeinträchtigung ist bei COVID-19 häufig. In einer landesweiten Studie in Großbritannien wurden COVID-19-Patienten mit einem veränderten mentalen Status, neu aufgetretener Psychose, neurokognitiver (demenzähnlicher) Beeinträchtigung und einer affektiven Störung diagnostiziert (11). Es wurde auch über Patienten mit Enzephalitis und einer für SARS-CoV-2 positiven Liquor-PCR berichtet (12), sowie über Patienten mit akuter nekrotisierender Enzephalopathie (13). COVID-19 kann einen ischämischen Schlaganfall verursachen. Solche Patienten haben sich als jünger herausgestellt, hatten schlimmere Symptome und eine mindestens siebenmal höhere Sterbewahrscheinlichkeit als Personen, die einen nicht mit COVID-19 assoziierten Schlaganfall hatten (14). Bei Patienten, die eine ausgedehnte mechanische Beatmung und/oder einen verlängerten Aufenthalt auf der Intensivstation benötigen, können Symptome wie chronische Müdigkeit, veränderte kognitive Fähigkeiten, PTBS und affektive Störungen auftreten.

 

Lymphopenie ist bei stationär aufgenommenen Patienten mit COVID-19 der häufigste Laborbefund und wurde mit einer schweren Erkrankung in Verbindung gebracht. Ein deutlicher Anstieg des Serumferritins tritt bei Patienten mit schwerer COVID-19 auf. Dieser ist kompliziert durch einen „Zytokinsturm", der durch eine exzessive und unkontrollierte Freisetzung von proinflammatorischen Zytokinen (IL-2, IL-6, IL-10 und TNF-α) sowie Entzündungsmarkern wie dem C-reaktiven Protein und eine Erythrozytensedimentation definiert ist. Der „Zytokinsturm“ bei COVID-19 tritt später im Verlauf der stationären Behandlung auf, Berichten zufolge nach einer initialen klinischen Besserung, und ist mit einer Verschlimmerung der Lungenschädigung, Multiorganversagen und einer ungünstigen Prognose assoziiert.

 

 

COVID-19-Symptome bei Kindern

 

Die meisten Kinder sind asymptomatisch oder zeigen leichte Symptome, wenn sie mit SARS-CoV-2 infiziert sind. Ende April 2020 wurde jedoch bei einigen Kindern erstmals festgestellt, dass sie unter dem sogenannten multisystemischen Entzündungssyndrom bei Kindern (MIS-C) leiden. Dies ist eine neue Präsentation von COVID-19, die Merkmale aufweist, die dem Kawasaki-Syndrom (jedoch im Gegensatz zum Kawasaki-Syndrom in einer älteren Altersgruppe auftretend), dem durch Staphylokokken und Streptokokken ausgelösten Toxic Shock Syndrome, einer bakteriellen Sepsis und einer Makrophagenaktivierung ähnelt (15).

 

Betroffene Kinder (im Alter von 2 bis 16 Jahren) leiden unter anhaltendem Fieber, Müdigkeit, Halsschmerzen, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Erbrechen, mit Beteiligung mehrerer Organe (z. B. Herz, Gastrointestinaltrakt, Nieren, Blut, Haut oder Nervensystem), die sich schnell zu einem Schock und einer Störung der Organfunktion entwickeln. Eine Studie in England umfasste 58 Patienten mit MIS-C und fand heraus, dass alle Kinder Fieber und unspezifische Symptome aufwiesen, darunter Bauchschmerzen, Durchfall, Erbrechen, Hautausschlag und Bindehautinjektion, die jeweils bei etwa 50 % der Patienten auftraten (16). Im Gegensatz zu Erwachsenen mit COVID-19 wies nur ein Drittel Atemwegssymptome auf. Die meisten zeigen eine linksventrikuläre systolische Dysfunktion und einige weisen eine Dilatation der Koronararterien oder Koronaraneurysmen auf. Die Laborergebnisse zeigen erhöhte Werte für das C-reaktive Protein (CRP), erhöhtes Ferritin, eine Lymphopenie und erhöhte D-Dimer-Werte, und einige weisen erhöhte Werte für Troponin und das B-Typ natriuretische Peptid (BNP) auf, was auf eine Herzschädigung hindeutet. Einige weisen erhöhte Werte für Serumkreatinin auf. Einige benötigen eine Kreislauf- oder Atemunterstützung oder selten eine extrakorporale Membranoxygenierung.

 

Bis zum 8. Januar 2021 gab es in den USA 1.659 Fälle, die der Falldefinition für MIS-C entsprachen, darunter 26 Todesfälle. 99 % der Fälle wurden positiv auf SARS-CoV-2 getestet, wobei die verbleibenden 1 % einer Person mit COVID-19 ausgesetzt gewesen waren. Die meisten Kinder entwickelten MIS-C innerhalb von 2 bis 4 Wochen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 und mehr als 70 % der Fälle traten bei Kindern auf, die hispanischer oder lateinamerikanischer Herkunft oder schwarz und nichthispanischer Herkunft sind (17).

 

Die meisten Patienten erhielten eine intravenöse Immunglobulinbehandlung (IVIG) und einige wurden mit intravenösen Steroiden und Heparin behandelt. Vor der Verabreichung einer IVIG oder jeglicher anderer exogener Antikörperbehandlungen sollten serologische Tests durchgeführt werden.

 

Patienten unter 21 Jahren, die die MIS-C-Kriterien der CDC (18) erfüllen, sollten dem lokalen, staatlichen oder regionalen Gesundheitsamt gemeldet werden. Die MIS-C-Kriterien der CDC sind:

  • Fieber (> 38,0 °C über ≥ 24 Stunden oder die Angabe von subjektivem Fieber über ≥ 24 Stunden), Labornachweis einer Entzündung (erhöhte Werte für CRP, Blutsenkungsgeschwindigkeit, Fibrinogen, D-Dimer, Ferritin, Laktatdehydrogenase, IL-6 oder Neutrophilen-/Lymphozyten-Verhältnis sowie niedriger Albumin-Wert) und Nachweis einer klinisch schweren Erkrankung, die eine Krankenhauseinweisung erfordert und eine Beteiligung multipler Organsysteme (2; Herz, Nieren, Atemwege, Blut, Magen-Darm-Trakt, Haut oder Nervensystem) aufweist; UND
  • Keine alternativen plausiblen Diagnosen vorliegend; UND
  • Positivität für eine aktuelle oder kürzliche SARS-CoV-2-Infektion, nachgewiesen mittels RT-PCR, Serologie oder Antigentest, oder eine Exposition gegenüber einem vermuteten oder bestätigten COVID-19-Fall innerhalb von 4 Wochen vor dem Einsetzen der Symptome.

 

 

Langzeitfolgen von COVID-19

 

COVID-19 ist in der Regel eine kurz anhaltende Erkrankung. Patienten mit leichten Symptomen erholen sich in der Regel innerhalb von etwa 2 Wochen, während Patienten mit schwerer oder kritischer Erkrankung sich innerhalb von 3 bis 6 Wochen erholen. Bei einigen Patienten dauern die entkräftenden Symptome jedoch über Wochen oder sogar Monate an. Bei einigen dieser Patienten sind die Symptome nie abgeklungen.

Viele Studien haben bei Patienten, die mit SARS-CoV-2 infiziert waren, anhaltende Schäden in vielen Organen oder Systemen dokumentiert, einschließlich der Lungen, dem Herz, Gehirn, den Nieren und dem Gefäßsystem. Die Schäden scheinen durch schwere Entzündungsreaktionen, thrombotische Mikroangiopathie, venöse Thromboembolie und Sauerstoffmangel verursacht zu werden. Anhaltende Organschädigungen wurden in der Lunge, dem Herz, Gehirn und den Nieren dokumentiert, sogar bei einigen Personen, die anfänglich nur leichte Symptome aufwiesen. Die langsame Erholungsgeschwindigkeit ist eine einfache Erklärung für die Dauer dessen, was nun als „Post-COVID-Syndrom“ bezeichnet wird. Einige Menschen leiden möglicherweise auch unter dem „Post-Intensive-Care-Syndrom“, einer Gruppe von Symptomen, die manchmal bei Personen auftritt, die Patienten einer Intensivstation waren. Diese Symptome umfassen Muskelschwäche, Gleichgewichtsprobleme, kognitiven Verfall und Störungen der geistigen Gesundheit, die üblicherweise nach der Entlassung aus einer Intensivversorgung auftreten, bei der über einen längeren Zeitraum eine mechanische Beatmung durchgeführt wurde (19).

Persistierende Symptome traten auch nach einer Infektion mit einem anderen Coronavirus, SARS-CoV-1, auf, dem Virus, das während der Epidemie 2002–2003 das Schwere Akute Respiratorische Syndrom (SARS) verursacht hat. Die persistierenden Symptome ähneln der/dem Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Erschöpfungssyndrom (ME/CFS). Anhaltende Erschöpfung, Muskelschmerzen, Depression und Schlafstörungen hinderten SARS-Patienten in Toronto, von denen die meisten medizinische Fachkräfte waren, bis zu 20 Monate lang daran, nach der Infektion zur Arbeit zurückkehren (20). Für 40 % von 233 SARS-Überlebenden in Hongkong wurde nach etwa 3 bis 4 Jahren eine chronische Erschöpfung berichtet, und 27 % erfüllten die von den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) entworfenen Kriterien für ME/CFS (21). Viele blieben ohne Beschäftigung und erfuhren soziale Stigmatisierung (22).

Eine ME/CFS-ähnliche Erkrankung, von der einige Menschen sich schnell erholen, andere jedoch über längere Zeiträume krank bleiben, war eine Folge vieler anderer Infektionskrankheiten. Beispiele hierfür sind Influenza, Epstein-Barr-Virus-Infektion (infektiöse Mononukleose) (23), Brucellose, Q-Fieber (Coxiella-burnetii-Infektion) (24), Ebola-Virus-Infektion (25) und Ross-River-Virus-Infektion (26).

 

Von der nach COVID-19 persistierenden Erkrankung wird ebenfalls gesagt, dass sie mit ME/CFS vergleichbar ist (27), und Patienten mit dem Post-COVID-19-Syndrom haben sich selbst den Namen „Long-Haulers“ (zu dt. etwa „lang Verschleppende“) gegeben. Es gibt jedoch kein klares Bild davon, was das Post-COVID-19-Syndrom ausmacht. Ohne formal akzeptierte Definition des Post-COVID-19-Syndroms ist es schwierig zu beurteilen, wie häufig es ist, wie lange es andauert, wer ein Risiko dafür trägt, was es verursacht, was seine Pathophysiologie ist und wie es behandelt und verhindert werden kann. Es laufen jedoch mehrere Studien mit dem Ziel an, diese Patientengruppe zu definieren.

Die CDC führten im April und Juni 2020 in mehreren Bundesstaaten eine Telefonbefragung unter nicht hospitalisierten Erwachsenen durch, die einen positiven Reverse-Transkriptase-Polymerase-Kettenreaktions (RT-PCR)-Test für eine SARS-CoV-2-Infektion aufwiesen (28). Die Befragten wurden zu demografischen Merkmalen, chronischen Erkrankungen zur Baseline, den zum Zeitpunkt des Tests vorliegenden Symptomen, ob diese Symptome zum Zeitpunkt des Interviews abgeklungen waren und ob sie zum Zeitpunkt des Interviews wieder ihren normalen Gesundheitszustand erreicht hatten, befragt. Von 274 Befragten, die zum Zeitpunkt des PCR-Tests symptomatisch waren, gaben etwa ein Drittel an, dass sie bis zum Umfragegespräch, das 2 bis 3 Wochen nach dem Test stattfand, ihren normalen Gesundheitszustand nicht wieder erreicht hatten. Von den jüngeren Personen im Alter von 18 bis 34 Jahren und ohne chronische Erkrankungen hatten 20 % ihren normalen Gesundheitszustand nicht wieder erreicht. Ein höheres Alter und das Vorhandensein mehrerer chronischer Erkrankungen waren jedoch häufiger mit einer länger anhaltenden Erkrankung assoziiert, die bei 26 % der Patienten im Alter von 18 bis 34 Jahren vorlag, bei 32 % der Patienten im Alter von 35 bis 49 Jahren und bei 47 % derjenigen im Alter von 50 Jahren oder älter. Erschöpfung (71 %), Husten (61 %) und Kopfschmerzen (61 %) waren die am häufigsten berichteten Symptome. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass COVID-19 auch bei Menschen mit leichter Erkrankung, einschließlich jungen Erwachsenen, zu einer verlängerten Krankheitsdauer führen kann. Diese Ergebnisse sind insbesondere deswegen besorgniserregend, da Ausbrüche auf Universitätsgeländen auftreten.

In einer weiteren Studie in Rom, Italien, mit 143 Patienten (Durchschnittsalter 57 Jahre) kämpften viele Patienten nach einem 2-wöchigen Krankenhausaufenthalt wegen COVID-19 durchschnittlich 60 Tage nach dem Ausbruch ihrer Krankheit immer noch mit Symptomen. 87 % wiesen nach wie vor mindestens ein Symptom auf und 55 % zeigten drei oder mehr Symptome (23). Die Lebensqualität hatte sich bei 44 % verschlechtert, wobei Erschöpfung (53,1 %), Atembeschwerden (43 %), Gelenkschmerzen (27 %) und Brustschmerzen (22 %) in vielen Fällen persistierten. Keiner der Fälle wies Fieber oder jegliche Anzeichen oder Symptome einer akuten Erkrankung auf.

Viele Informationen, die die demografischen Merkmale des Post-COVID-19-Syndroms, den zeitlichen Verlauf und die Symptomatik beschreiben, wurden von Long-Haulers selbst zusammengetragen und analysiert, die der Online-Gruppe „Body Politic COVID-19 Support Group“ angehören und die über Fachwissen in der Forschung, der Konzeptionierung von Umfragen und der Datenanalyse verfügen. Die von ihnen entwickelte Online-Umfrage, die sich gezielt an diejenigen richtet, deren Symptome länger als 2 Wochen andauerten, erhielt zwischen 21. April und 2. Mai 2020 640 Reaktionen (29).

 

Die Befragten waren vorwiegend jung (63 % zwischen 30 und 49 Jahre), weiß (77 %) und weiblich (77 %) und lebten in den Vereinigten Staaten (72 %) oder dem Vereinigten Königreich (13 %). Die meisten wurden nie stationär behandelt oder, wenn sie stationär behandelt wurden, niemals auf eine Intensivstation eingewiesen oder mit einem Beatmungsgerät behandelt, sodass ihre Fälle formal als „leicht“ eingestuft wurden. Viele wurden in einer Notaufnahme/Notversorgung untersucht, jedoch nicht stationär aufgenommen. Alle Teilnehmenden wurden unabhängig vom Status des SARS-CoV-2-RT-PCR-Tests mit eingeschlossen. Bei etwa 25 % war die RT-PCR positiv, jedoch wurden fast 50 % der Teilnehmer nie getestet, a) da Tests in diesen Monaten (März und April 2020) Personen vorbehalten wurden, die mit schweren Atembeschwerden stationär aufgenommen wurden, b) da ihre Symptome als „klassisch“ beurteilt wurden und einen Test zu diesem Zeitpunkt, als ein Mangel an PCR-Testkits bestand, somit unnötig machten, c) oder da ihnen ein Test verweigert wurde, weil sie die vordefinierten Kriterien nicht erfüllten.

Weitere 25 % der Befragten wurden negativ getestet. Ein negatives Ergebnis bedeutet jedoch nicht, dass diese Personen kein COVID-19 hatten. Einige negative Tests waren wahrscheinlich falsch-negative Ergebnisse, die in bis zu 30 Prozent der Fälle auftreten (30). Andere wurden relativ spät im Verlauf ihrer Erkrankung getestet, zu einem Zeitpunkt, als das Virus möglicherweise nicht mehr nachweisbar ist (31). In der Umfrage wurden Teilnehmer mit negativen RT-PCR-Testergebnissen tatsächlich eine Woche später als jene mit positiven Testergebnissen getestet.

Die berichteten Symptome waren vielfältig und umfassten die Atemwege und neurologische, kardiovaskuläre, gastrointestinale und verschiedene andere Systeme. Die häufigsten 10 Symptome, die von 70 % oder mehr der Befragten berichtet wurden, umfassten Kurzatmigkeit, Engegefühl in der Brust, Erschöpfung, Schüttelfrost oder Schwitzen, Gliederschmerzen, trockener Husten, „erhöhte Temperatur“ (36,6 bis 37,8 °C), Kopfschmerzen und Benommenheit/Konzentrationsschwierigkeiten. Extreme Erschöpfung, bis zu dem Punkt, dass Betroffene das Bett nicht mehr verlassen konnten, starke Kopfschmerzen, Fieber (über 38,3 °F) und Verlust des Geschmacks- oder Geruchssinns wurden von 40 % bis 50 % der Befragten berichtet. Siebzig Prozent (70 %) erlebten Schwankungen in der Art und 89 % in der Intensität der Symptome während sie symptomatisch waren. Einige Patienten merkten an, dass die Symptome erneut auftraten oder sich bei körperlicher Aktivität intensivierten oder am Abend am stärksten waren. Etwa 70 % waren vor Einsetzten der Symptome körperlich fit, jedoch gaben 70 % an, nach dem Einsetzen der Symptome weniger aktiv gewesen zu sein.

Etwa 10 % der Befragten hatten sich, im Durchschnitt, etwa nach 4 Wochen erholt. Die 90 %, die sich nicht erholt hatten, litten für durchschnittlich 40 Tage unter Symptomen. Ein großer Anteil der Befragten litt 5 bis 7 Wochen unter Symptomen. Die Wahrscheinlichkeit einer vollständigen Erholung bis Tag 50 wurde als kleiner als 20 % eingeschätzt.

Ergebnisse von Umfragen wie dieser unterliegen jedoch einer Verzerrung. Die an den Umfragen Teilnehmenden unterscheiden sich möglicherweise von den Nicht-Befragten, z. B. könnte es zu einer geschlechtsbedingten Verzerrung kommen, weil Frauen eher einer Selbsthilfegruppe beitreten und an Online-Umfragen teilnehmen, und Patienten mit schwererer Erkrankung könnten eventuell nicht in der Lage sein, teilzunehmen oder sich an die Ereignisse korrekt zu erinnern. Online-Umfragen können ebenfalls Verzerrungen in Richtung wohlhabenderer, jüngerer und computerkompetenterer Teilnehmer aufweisen und wirtschaftlich benachteiligte Minderheiten, Obdachlose, Personen ohne Zugang zu Breitbandinternet und Computern, und diejenigen, die Angst vor einer Teilnahme haben, wie nichtregistrierte Migranten, aussparen.

Seit der Veröffentlichung ihres Berichts hat sich das Team der Body Politic COVID-19 Support Group mit Mitarbeitern der Centers for Disease Control and Prevention und der Weltgesundheitsorganisation getroffen (32) und eine zweite Umfrage herausgegeben. Mit dem Ziel, die Lücken in ihrem ersten Bericht zu schließen und Ergebnisse von Antikörpertests, neurologischen Symptomen und der Rolle der geistigen Gesundheit und der zunehmenden geografischen und demografischen Diversität zu untersuchen (33).

Viele Long-Haulers berichten, dass ihre persistierenden Symptome heruntergespielt werden. Ihnen wird gesagt, dass sie vielleicht übertreiben, sich etwas einbilden oder ihre lebensverändernde Krankheit sogar erfinden würden. Einfache körperliche Aktivitäten, wie z. B. das Aufstehen aus dem Bett, die Körperpflege, die Zubereitung einfacher Mahlzeiten und Duschen, können für einige erschöpfend sein. Nicht in der Lage zu sein, sich selbst und ihre Familien zu versorgen, nicht arbeiten zu können und Einkommen und möglicherweise die arbeitgeberbasierte Krankenversicherung zu verlieren, stellen zusätzliche Belastungen dar. Planende im Gesundheitswesen und politische Entscheidungsträger müssen sich darauf einstellen, die Bedürfnisse der vielen Menschen und deren Familien zu erfüllen, die von dieser Krankheit betroffen waren, während fortlaufende Studien die Ursachen und Möglichkeiten der Linderung des Post-COVID-Syndroms untersuchen.

 

Quellen

 

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