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Körperliche Veränderungen mit dem Altern

Von

Richard W. Besdine

, MD, Warren Alpert Medical School of Brown University

Inhalt zuletzt geändert Apr 2019
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Quellen zum Thema

Die meisten altersabhängigen biologischen Funktionen erreichen ihr Maximum vor dem 30. Lebensjahr und nehmen danach linear ab (siehe Tabelle Ausgewählte altersassoziierte physiologische Veränderungen); kritisch kann der Rückgang bei Stressbelastung sein, üblicherweise hat er jedoch keinen oder nur geringen Einfluss auf die Alltägsaktivitäten. Daher sind eher Störungen als der normale Alterungsprozess der Hauptgrund für einen Funktionsverlust im Alter.

Der altersbedingte Rückgang kann in vielen Fällen zumindest teilweise auf Lebensstil, Verhalten, Ernährung und Umweltfaktoren zurückgeführt und somit beeinflusst werden. Beispielsweise kann aerober Ausgleichssport einen Abfall der maximalen Leistungsfähigkeit (Sauerstoffverbrauch pro Zeiteinheit oder Vo2max), Muskelkraft und Glukosetoleranz bei gesunden, aber vorwiegend sitzenden älteren Menschen verhindern oder teilweise rückgängig machen.

Nur etwa 10% der älteren Menschen sind regelmäßig 5-mal wöchentlich > 30 Minuten lang (eine gängige Empfehlung) körperlich aktiv. Ungefähr 35–45% sind minimal aktiv. Ältere Erwachsene neigen aus mehreren Gründen dazu, weniger als Menschen anderer Altersgruppen aktiv zu sein, am häufigsten deshalb, weil Krankheiten ihre körperliche Aktivität einschränken.

Körperliche Aktivität für ältere Menschen bietet viele Vorteile, die die Risiken weit übertreffen (z. B. Stürze, Bänderrisse, Zerrungen). Die Vorteile sind

  • Erniedrigte Mortalitätsraten, sogar für Raucher und stark Übergewichtige

  • Erhaltung von Skelettmuskelkraft, aerober Kapazität und Knochendichte, die zur größeren Mobilität und Unabhängigkeit beitragen

  • Reduziertes Risiko für Adipositas

  • Prävention und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (inkl. Rehabilitation nach Myokardinfarkt), Diabetes, Osteoporose, Kolonkarzinom und psychiatrischen Erkrankungen (insbesondere affektive Störungen)

  • Verhütung von Stürzen und damit zusammenhängenden Verletzungen durch Verbesserung von Muskelkraft, Gleichgewicht, Koordination, Gelenkfunktion und Ausdauer (1)

  • Verbesserte Funktionstüchtigkeit

  • Gelegenheiten für soziale Interaktion

  • Verbesserte Wahrnehmung von Wohlbefinden

  • Möglicherweise verbesserte Schlafqualität

Körperliche Aktivität ist eine der wenigen Interventionen zur Wiederherstellung der physiologischen Leistungsfähigkeit, nachdem diese bereits verloren gewesen war.

Tabelle
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Ausgewählte altersassoziierte physiologische Veränderungen

Betroffenes Organ oder Organsystem

Physiologische Veränderung

Klinische Manifestationen

Zusammensetzung des Körpers

Magermasse des Körpers

Muskelmasse

Kreatininproduktion

Skelettmasse

Ganzkörperwasser

Prozentanteil Fettgewebe (bis zum Alter von 60 Jahren, dann bis zum Tod)

Änderungen von Arzneimittelspiegeln (in der Regel )

Kraft

Anfälligkeit für Dehydrierung

Zellen

DNA-Schäden und DNA-Reparaturkapazität

Oxidative Kapazität

Beschleuinigte Zellalterung

Fibrose

Lipofuscin-Akkumulation

Krebsrisiko

Zentralnervensystem

Anzahl der Dopaminrezeptoren

Alpha-Adrenerge Reaktionen

Muskarinische parasympathische Reaktionen

Tendenz zu steiferen Muskeln, weniger Beweglichkeit, Gleichgewichtsstörungen und Verlust spontaner Bewegungen (z. B. Muskeltonus, Armschwingen)

Ohren

Verlust der Hörfähigkeit für hohe Frequenzen

Fähigkeit der Spracherkennung

Endokrines System

Insulinresistenz und Glukoseintoleranz

↑ Inzidenz von Diabetes

Menopause, Östrogen- und Progesteronsekretion

Testosteron-Sekretion

Wachstumshormon-Sekretion

Vitami-D-Absorption und -Aktivierung

Inzidenz von Schilddrüsenanomalien

Demineralisierung im Knochen

ADH-Sekretion in Reaktion auf osmolare Stimuli

Vaginale Trockenheit, Dyspareunie

Muskelmasse

Knochenmasse

Frakturrisiko

Hautveränderungen

Anfälligkeit für Wasservergiftung

Augen

Flexibilität der Linse

Pupillenreflexzeit (Verengung, Weitung)

Inzidenz von Grauem Star

Alterssichtigkeit

Blendung und Schwierigkeiten bei der Anpassung an Änderungen in der Beleuchtung

Sehschärfe

Gastrointestinaltrakt

Splanchnischer Blutfluss

Transitzeit

Anfälligkeit für Obstipation und Diarrhö

Herz

Intrinsische und maximale Herzfrequenz

Abgestumpfter Baroreflex (geringerer Anstieg der Herzfrequenz in Reaktion auf einen Blutdruckabfall)

Diastolische Entspannung

Atrioventrikuläre Überleitungszeit

Atriale und ventrikuläre Ektopie

Anfälligkeit für Synkopen

Auswurffraktion

Rate an Vorhofflimmern

Rate an diastolisches Dysfunktion und diastolisches Herzinsuffizienz

Immunsystem

T-Zell-Funktion

B-Zell-Funktion

Anfälligkeit für Infektionen und möglicherweise Krebserkrankungen

Antikörperreaktion auf Immunisierung oder Infektion, aber Autoantikörper

Gelenke

Degeneration von Knorpelgewebe

Fibrose

Glykosylierung und Quervernetzung des Kollagens

Verlust der Gewebeelastizität

Versteifung von Gelenken

Anfälligkeit für Arthrose

Nieren

Renaler Blutfluss

Renale Masse

Glomeruläre Filtration

Renale tubuläre Sekretion und Reabsorption

Fähigkeit, eine freie Wassermege auszuscheiden

Änderungen von Medikamentenspiegeln mit Risiko von unerwünschten Arzneimittelwirkungen

Anfälligkeit für Nykturie, wenn kurz vor dem Schlafengehen Wasser getrunken wird

Leber

Lebermasse

Blutfluss in der Leber

Aktivität des CYP-450-Enzymsystems

Änderungen von Arzneimittelspiegeln

Nase

Geruch

Schleimhautverdünnung oder kapillare Fragilität

Geschmack und folglich Appetit

Wahrscheinlichkeit von Nasenbluten (leicht)

Peripheres Nervensystem

Baroreflex-Antworten

Beta-adrenerge Reponsivität und Anzahl der Rezeptoren

Signaltransduktion

Muskarinische parasympathische Reaktionen

Konservierte alpha-adrenerge Reaktionen

IAnfälligkeit für Synkopen

Reaktion auf Beta-Rezeptorenblocker

Überschießendne Reaktion auf Anticholinergika

Atmungssystem

Vitalkapazität

Lungenelastizität (Compliance)

Residualvolumen

FEV1

V/Q-Mismatch

Wahrscheinlichkeit von Kurzatmigkeit bei starker körperlicher Belastung, wenn die Personen normalerweise vorwiegend sitzen oder wenn die körperliche Betätigung in großer Höhe erfolgt

Risiko für Tod durch Lungenentzündung

Risiko für schwere Komplikationen (z. B. Atemstillstand) bei Patienten mit einer Lungenerkrankung

Gefäßsystem

Endothelin-abhängige Vasodilatation

Peripherer Widerstand

Anfälligkeit für Bluthochdruck

= zurückgegangen; = angestiegen; FEV1= forciertes exspiratorisches Volumen in 1 s; V/Q =Ventilation/Perfusion.

Adaptiert nach Institute of Medicine: Pharmacokinetics and Drug Interactions in the Elderly Workshop. Washington DC, National Academy Press, 1997, Seiten 8–9.

Die nichtbeeinflussbaren Auswirkungen des Alterns können somit weniger dramatisch sein als gedacht, und ein gesünderes, aktiveres Altern kann für viele Menschen möglich werden. Heutzutage sind Menschen > 65 Jahre in einer besseren gesundheitlichen Verfassung als ihre Vorfahren, und sie bleiben länger gesünder.

Bewegung bei älteren Erwachsenen

Training wird in der Regel gemacht, um sich zu bewegen, was einen aeroben Verbrauch und eine erhöhte Herzfrequenz zur Folge hat, und weil es für viele Menschen ist eine wichtige Aktivität mit zahlreichen positiven Wirkungen bedeutet. Auch ältere Menschen, insbesondere > 70 Jahren, profitieren von leichter körperliche Aktivität (z. B. Gehen, Gartenarbeit); daher wird körperliche Aktivität, ohne aerobem Verbrauch oder Kreislaufreaktion, sogar Personen mit eingeschränkter Mobilität empfohlen.

Zu Beginn eines Trainingsprogramms sollten alle älteren Patienten ein Screening durchlaufen (Interview oder Fragebogen), um diejenigen mit chronischen Erkrankungen zu identifizieren und angemessene Aktivitäten festzulegen; allerdings kann nahezu jeder mit kurzen Phasen des Gehens beginnen, was auf 30 Minuten 5-Mal pro Woche erhöht wird. Körperliche Aktivität ist für nur wenige ältere Menschen (z. B. mit instabilen Erkrankungen) nicht geeignet. Ob chronisch Kranke eine komplette ärztliche Untersuchung vor Beginn der Aktivität benötigen, hängt von den Ergebnissen bereits durchgeführten Tests und von der klinischen Einschätzung ab. Einige Experten empfehlen eine solche Untersuchung, eventuell mit einem Belastungstest, bei Patienten mit 2 kardialen Risikofaktoren (z. B. Bluthochdruck, Adipositas) oder die eine Aktivität beginnen möchten, die anstrengender ist als Gehen.

Trainingsprogramme, die anstrengender sind als Gehen, können beliebige Kombinationen von 4 Übungsarten beinhalten: zu Ausdauer, Kräftigung der Muskulatur, Gleichgewichtstraining (z. B. Tai Chi) und Beweglichkeit. Die Kombination der empfohlenen Übungen hängt von den Beschwerden des Patienten und seinem Fitness-Level ab. Ein Übungsprogramm im Sitzen, das Gewichtsmanschetten zum Krafttraining und Bewegungswiederholungen zum Ausdauertraining verwendet, kann z. B. nützlich sein für Patienten, die Schwierigkeiten beim Stehen und Gehen haben. Ein Wassergymnastikprogramm kann für Patienten mit Arthritis emfpohlen werden. Die Patienten sollten Aktivitäten wählen können, an denen sie Spaß haben, sie sollten jedoch angehalten werden, alle 4 Übungsarten aufzunehmen. Von allen Übungsarten hat Ausdauertraining (z. B. Gehen, Radfahren, Tanzen, Schwimmen, Low-Impact-Aerobic) den höchsten gut dokumentierten gesundheitlichen Nutzen für ältere Menschen.

Einige Patienten, insbesondere solche mit einer Herzerkrankung (z. B. Angina, 2 Myokardinfarkte), benötigen medizinische Überwachung während des Trainings.

Intensive Muskelkräftigungsprogramme sind besonders geeignet für gebrechliche oder ältere Patienten mit Sarkopenie. Für diese Patienten sind pneumatische Fitnessgeräte nützlicher als Geräte, die Gewichte verwenden, da der Widerstand niedriger eingestellt und in kleineren Schritten verändert werden kann. Intensive Programme sind sogar für Heimbewohner > 80 Jahre sicher deren Kraft und Beweglichkeit können damit wesentlich verbessert werden. Allerdings sind diese Programme zeitaufwendig, da die Teilnehmer in der Regel eingehende Betreuung benötigen.

Medikamente und Bewegung

Dosierungen von Insulin und oralen Antidiabetika bei Diabetikern müssen eventuell angepasst werden gemäß der zu erwartenden Bewegung, um Hypoglykämien während des Trainings zu vorzubeugen.

Dosierungen von Medikamenten, die eine orthostatische Hypotonie verursachen können (z. B. Antidepressiva, Antihypertensiva, Hypnotika, Anxiolytika, Diuretika), müssen eventuell reduziert werden, um die Exazerbation einer Orthostase durch Flüssigkeitsverlust während des Trainings zu vermeiden. Für Patienten, die solche Medikamente einnehmen, ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr während des Trainings entscheidend.

Einige sedierende Hypnotika können die körperliche Leistung durch Senkung des Aktivitätsniveaus oder durch unterdrücken von Muskeln und Nerven reduzieren. Diese und andere Psychopharmaka erhöhen das Sturzrisiko. Das Absetzen solcher Medikamente oder die Verringerung ihrer Dosis kann notwendig sein, um das Training sicher zu machen und den Patienten zu helfen, ihren Trainingsplan zu befolgen.

Hinweis

  • 1. de Souto Barreto P, Rolland Y, Vellas B, et al: Association of long-term exercise training with risk of falls, fractures, hospitalizations, and mortality in older adults: a systematic review and meta-analysis. JAMA Intern Med.179(3):394-405, 2018. doi:10.1001/jamainternmed.2018.5406.

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HINWEIS: Dies ist die Ausgabe für medizinische Fachkreise. LAIEN: Hier klicken, um zur Ausgabe für Patienten zu gelangen.
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