Msd Manual

Please confirm that you are a health care professional

Lädt...

Osteochondrodysplasien (osteochondrodysplastischer Kleinwuchs)

(genetische Skelettdysplasien)

Von

Frank Pessler

, MD, PhD,

  • Braunschweig, Germany
  • Hannover, Germany

Inhalt zuletzt geändert Feb 2017
Zur Patientenaufklärung hier klicken.
Quellen zum Thema

Bei den Osteochondrodysplasien führen Wachstumsanomalien der Knochens und der Knorpel zu einer Fehlentwicklung des Skeletts, oft manifestiert in einem kurzgliedrigen Kleinwuchs. Die Diagnose wird durch die klinische Untersuchung, Röntgenaufnahmen und in manchen Fällen durch eine genetische Untersuchung gestellt. Die Behandlung erfolgt chirurgisch.

Die grundlegenden genetischen Defekte wurden für die meisten Osteochondrodysplasien identifiziert. Die Mutationen verursachen typischerweise Störungen in der Funktion von Proteinen, die bei Wachstum und Entwicklung von Bindegewebe, Knochen und Knorpel beteiligt sind (siehe Tabelle: Arten des osteochondrodysplastischen Kleinwuchses).

Kleinwuchs ist eine Krankheit mit sehr kurzer Statur (Körpergröße der Erwachsenen < 145 cm), oft assoziiert mit einer disproportionierten Größe des Rumpfes und der Extremitäten. Die Achondroplasie ist die häufigste und bekannteste Form, aber es wurden viele andere unterschiedliche Formen des Kleinwuchses mit kurzen Gliedern beschrieben, die sich in ihrer genetischen Ursache, ihrem Verlauf und ihrer Prognose wesentlich unterscheiden (siehe Tabelle: Arten des osteochondrodysplastischen Kleinwuchses). Die letal verlaufende Form des Kleinwuchses (thanatophorische Dysplasie) verursacht schwere Thoraxwandfehlbildungen und Atemversagen bei Neugeborenen und führt damit zum Tod.

Tabelle
icon

Arten des osteochondrodysplastischen Kleinwuchses

Störung

Symptome und Beschwerden

Üblicher Erbgang

Defektes Genprodukt

Achondroplasie

Gewölbte Stirn, Sattelnase, Lendenlordose, O-Beine

AD

Fibroblasten-Wachstumsfaktor-Rezeptor 3 (FGFR)

Chondrodysplasia punctata

Variable extraskelettale Manifestationen

Röntgenaufnahmen zeigen eine epiphyseale Punktierung in der Säuglingszeit aufgrund von Verkalkungen

s. unten

s. unten

Chondrodysplasie punctata (rhizomele Form)

Markierte Verkürzung der proximalen Extremitäten

Tod im Säuglingsalter

AR

Peroxisomales Typ-2-Rezeptor-(PTS2)

Chondrodysplasie punctata (Conradi-Hünermann Form)

Mild, asymmetrische Verkürzung der Gliedmaßen

Gutartig

AD oder XL dominant

Delta (8)-Delta (7)-Sterolisomerase Emopamil-bindendes Protein (EBP)

Chondroektodermale Dysplasie (Ellis-van Creveld [EVC]-Syndrom)

Verkürzung der distalen Extremitäten, postaxiale Polydaktylie, struktureller Herzfehler

AR

EVC, EVC2

Diastrophic Dysplasie

Ausgeprägter Kleinwuchs mit starrem Daumen und Klumpfüßen

AR

Solute carrier family 26 (Sulfat-Transporter), member 2 (SLC26A2)

Hypochondroplasie

Wie Symptome der Achondroplasie, aber milder

AD

Fibroblasten-Wachstumsfaktor-Rezeptor 3 (FGFR3-nicht alle Patienten)

Mesomelische Dysplasie*

Vorwiegend Verkürzung der Unterarme und Schenkel

Normales Gesicht und Wirbelsäule

AD oder AR

Nicht definiert

Metaphyseale Chondrodysplasie

Bei einigen Formen: Malabsorption, Neutropenie, Thymolymphopenie

AR oder AD

Parathormon-Rezeptor (PTHR), Typ X Kollagen (COL10A1)

Multiple epiphyseale Dysplasie

Leicht ausgeprägter Zwergwuchs, normale Wirbelsäule und Gesicht, manchmal Kurzfingrigkeit, Hüftdysplasie (oft als erstes Symptom)

Sehr heterogen

AR oder AD

Solute Trägerfamilie 26 (Sulfat-Transporter), member 2 (SLC26A2; AR Form)

Pseudoachondroplasie

Normales Gesicht, verschiedene Grade von Kleinwuchs und Kyphoskoliose

Heterogen

AD oder AR

Knorpel oligomeres Matrix Protein (COMP)

Spondyloepiphyseale Dysplasie

Vorwiegend Kyphoskoliose

Manchmal Myopie und ein flaches Gesicht

Heterogen

AD, AR, oder XL

Typ-II-Kollagen (COL2A1), Tracking Proteinpartikel Komplex Untereinheit 2 (TRAPPC2, auch bekannt als SEDL)

* Es gibt mehrere gleichnamige Formen (z. B. Nievergelt, Langer).

Es gibt viele verschiedene gleichnamigen Formen (z. B. Jansen, Schmid, McKusick).

AD = autosomal dominant; AR = autosomal rezessiv; XL =X-chromosomal.

Diagnose

  • Röntgenaufnahmen

Die charakteristischen radiologischen Veränderungen sind diagnoseweisend. Der ganze Körper jedes betroffenen Neugeborenen, auch der von Totgeborenen, sollte radiologisch untersucht werden, weil die diagnostische Genauigkeit für die weitere Prognose unentbehrlich ist.

Die pränatale Diagnose ist in einigen Fällen mittels Fetoskopie oder Ultraschall möglich (z. B. wenn die Verkürzung der Glieder ausgeprägt ist).

Standard-Labortests sind unnötig, aber eine molekulare Diagnostik ist für Chondrodysplasien mit bekannten molekularen Defekten möglich. Genetische Tests werden empfohlen, wenn keine Diagnose auf der Grundlage klinischer Befunde gestellt werden kann oder wenn eine genetische Beratung gewünscht wird.

Behandlung

  • Manchmal chirurgische Gliedmaßenverlängerung oder Gelenkersatz

Bei Achondroplasie ist die Behandlung mit menschlichen Wachstumshormonen in der Regel nicht wirksam. Eine Zunahme der Körpergröße kann durch eine chirurgische Beinverlängerung erreicht werden. In dieser und anderen tödlichen Osteochondrodysplasien können Operationen (z. B. der Hüfte) dazu beitragen, die Gelenkfunktion zu verbessern. Eine Hypoplasie des Dens kann für eine Subluxation des ersten und zweiten Halswirbels und Kompression des Rückenmarks besonders anfällig machen. Deshalb sollte der Dens präoperativ beurteilt werden. Ist er pathologisch, sollte der Kopf des Patienten sorgfältig unterstützt werden, wenn er für die Intubation überstreckt wird.

Da die Vererbungsmuster und Genmutationen bei den meisten Typen bekannt sind, kann eine genetische Beratung effektiv sein. Organisationen, wie die „Little People of America“ (www.lpaonline.org) stellen Betroffenen Informationsmaterial zur Verfügung und handeln als Fürsprecher der Betroffenen. Ähnliche Gesellschaften sind in anderen Ländern tätig (Anm. d. Redaktion: In Deutschland sind dies z. B. www.orpha.net, www.exostosen.de, www.marfan.de).

Wichtige Punkte

  • Osteochondrodysplasien sind erbliche Anomalien des Größenwachstums und der Entwicklung von Bindegewebe, Knochen und/oder Knorpel.

  • Es gibt viele Typen, die sehr in ihrem genetischen Hintergrund, ihrem Verlauf und ihrer Prognose variieren, aber alle führen zu deutlichem Kleinwuchs und oft überproportionalem Wachstum des Rumpfes und der Extremitäten.

  • Die Diagnose basiert auf den klinischen Manifestationen und auf der Identifikation charakteristischer Röntgenveränderungen.

  • Wachstumshormonbehandlungen sind in der Regel unwirksam.

Weitere Informationen

Zur Patientenaufklärung hier klicken.
HINWEIS: Dies ist die Ausgabe für medizinische Fachkreise. LAIEN: Hier klicken, um zur Ausgabe für Patienten zu gelangen.
Erfahren Sie

Auch von Interesse

SOZIALE MEDIEN

NACH OBEN