Kommentar: Es ist an der Zeit, die Hypothermie nach Herzstillstand einzufrieren

Kommentar09.08.21 Diane M. Birnbaumer, MD, Professor of Medicine, Emeritus, David Geffen School of Medicine at UCLA, Senior Clinical Educator, Department of Emergency Medicine, Harbor-UCLA Medical Center

Einen Herzstillstand außerhalb des Krankenhauses zu erleiden, verheißt nichts Gutes. Das Thema frustrierte die Forscher seit Jahrzehnten bei der Suche nach etwas zur Verbesserung der miserablen Ergebnisse. Frühe Defibrillation bei pulsloser ventrikulärer Tachykardie oder ventrikulärer Fibrillation verringerte die Mortalitätsrate, doch wenige andere Interventionen waren vielversprechend.

 

Anfang des 21. Jahrhunderts schienen zwei kleine Studien, eine aus Australien (Bernard et al.; 2002) und eine aus Europa (The Hypothermia After Cardiac Arrest Study Group; 2002), einen Hoffnungsschimmer dahingehend zu bieten, dass die Kühlung von Patienten, die nach Rückkehr des Spontankreislaufs (Return Of Spontaneous Circulation, ROSC) komatös blieben, nicht nur zu einem verbesserten Überleben, sondern auch zu einem verbesserten Überleben mit guten neurologischen Ergebnissen führen würde.

 

Trotz Nörgeleien, dass diese Studien winzig und äußerst mangelhaft waren, wurde dieses Konzept in nahezu jede Richtlinie zur Wiederbelebung integriert. Notfallabteilungen und Krankenhäuser weltweit hielten Kühlvorrichtungen auf Lager und salbten Patienten mit Eisbeuteln an Hälsen, Leisten und Achselhöhlen in dem Versuch, bei diesen Patienten unter pflichtgemäßer Befolgung der genannten Richtlinien so viele Neuronen wie möglich zu retten.

 

Die Nörgeleien wurden lauter, da nachfolgende Studien die Ergebnisse dieser ersten beiden nicht duplizieren konnten. Eine 2013 publizierte Studie an 950 randomisierten Patienten (Nielsen et al.; 2013) zeigte keinen signifikanten Unterschied in den Ergebnissen bei auf 33 °C abgekühlten Patienten gegenüber denjenigen mit „erzwungener Normothermie“ bis 36 °C. Trotz der Tatsache, dass die Gesamtzahl der Patienten in dieser Studie deutlich höher war als die in den ersten beiden zusammen, bleibt die Praxis in den Richtlinien zur Reanimation einzementiert und verlangt eine Kühlung des Patienten auf 32 bis 36 °C „so bald wie möglich“ sowie die Aufrechterhaltung dieser Temperatur für mindestens 24 Stunden.

 

Unverdrossen führten die Forscher des gezielten Temperaturmanagements (Targeted Temperature Management, TTM), welche die Studie 2013 veröffentlichten, eine größere Studie (Dankiewicz et al.; 2021) durch, die in der Ausgabe vom 17. Juni 2021 des New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde. Dankiewicz et al. nahmen 1900 komatöse Erwachsene nach einem Herzstillstand außerhalb des Krankenhauses (Out-Of-Hospital Cardiac Arrest, OOHCA) auf und randomisierten sie entweder zu einer zielgerichteten Hypothermie auf 33 °°C oder Normothermie (Körpertemperatur ≥ 37,8 °°C) mit frühzeitiger Behandlung von Fieber. Es gab keinen signifikanten Unterschied in Bezug auf Tod oder funktionelles Ergebnis nach 6 Monaten. Zusätzlich zu den nicht verbesserten Ergebnissen zeigte die Studie einige Schäden auf (instabilere Dysrhythmien, längere Zeit an einem Beatmungsgerät als die Normothermie-Gruppe).

 

Also, was nun? Die beiden Studien der TTM-Forscher, die im Abstand von acht Jahren durchgeführt wurden, zeigen keinerlei Nutzen und implizieren einen möglichen Schaden durch die Hypothermie von Patienten nach dem Stillstand. Es scheint, dass es an dieser Stelle im Fokus stehen sollte, einen Patienten normotherm zu halten (d. h. ihn kein Fieber entwickeln zu lassen). Es ist an der Zeit, diese Richtlinien zu ändern.

 

Quellen

Bernard S. A., Gray T. W., Buist M. D. et al.: Treatment of comatose survivors of out-of-hospital cardiac arrest with induced hypothermia. New Engl J Med 346:557-563, 2002. Doi: 10.1056/NEJMoa003289

The Hypothermia After Cardiac Arrest Study Group: Mild therapeutic hypothermia to improve the neurologic outcome after cardiac arrest. New Engl J Med 346:549-556, 2002. Doi: 10.1056/NEJMoa012689

Nielsen N., Wetterslev J., Cronberg T. et al.: Targeted temperature management at 33°C vs 36°C after cardiac arrest. New Engl J Med 369:2197-2206, 2013. Doi: 10.1056/NEJMoa1310519

Dankiewicz J., Cronberg T., Lilja G. et al.: Hypothermia vs. normothermia after out-of-hospital cardiac arrest. New Engl J Med 384:2283-2294, 2021. Doi: 10.1056/NEJMoa2100591