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Untersuchung und Versorgung des normalen Neugeborenen

Von

Deborah M. Consolini

, MD, Sidney Kimmel Medical College of Thomas Jefferson University

Inhalt zuletzt geändert Nov 2016
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Quellen zum Thema

Um eine Infektionsübertragung zu vermeiden, ist das Händewaschen für das Krankenhauspersonal zwingend notwendig.

Wenn sich sowohl die Mutter als auch der Vater aktiv am Geburtsvorgang beteiligen, können sich beide leichter an die neuen Aufgaben des Elternseins gewöhnen.

Erste Lebensstunden

Sofort nach der Geburt sollten Atmung, Herzfrequenz, Hautfarbe, Muskeltonus und die Reflexe des Neugeborenen untersucht werden. Aus diesen ergibt sich dann die sog. APGAR-Zahl, die nach 1 und 5 min nach der Geburt ermittelt wird. (Anm. d. Red.: In Deutschland wird die APGAR-Zahl nach 1, 5 und 10 min bewertet; die APGAR-Zahlen bei 5 und 10 min korrelieren am ehesten mit der Prognose des Kindes nach Komplikationen bei der Geburt) (siehe Tabelle: Apgar-Zahl). Eine APGAR-Zahl zwischen 8 und 10 reflektiert einen unauffälligen Übergang zum extrauterinen Leben, ein Wert 7 nach 5 min (v. a. wenn er bis zur 10. Minute fortbesteht) ist mit einer erhöhten neonatalen Morbidität und Mortalität assoziiert. Viele normale Neugeborene zeigen nach einer Minute noch eine Zyanose, die sich dann aber bis zur 5. Minute verliert. Eine fortbestehende Zyanose kann auf einen angeborenen Herzfehler oder eine durch das zentrale Nervensystem bedingte Atemdepression hinweisen.

Zusätzlich zur APGAR-Zahl müssen Neugeborene auf äußere Fehlbildungen (z. B. Klumpfuß, Polydaktylie) und andere Auffälligkeiten wie Herzgeräusche untersucht werden. Idealerweise sollte die Untersuchung unter einem Wärmestrahler in unmittelbarer Nähe der Familie durchgeführt werden.

Tabelle
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Apgar-Zahl

Score*

Kriterien

Kürzel

0

1

2

Farbe

Erscheinungsbild

Ganz blau, blass

Rosiger Körper, blaue Extremitäten

Ganz rosig

Herzfrequenz

Pulse

Fehlend

< 100 Schläge/min

> 100 Schläge/min

Reflex Reaktion auf Nasenkatheter/taktile Stimulation

Grimace

Keine

Grimace

Niesen, Husten

Muskeltonus

Aktivität

Schwach

Leichte Bewegung der Extremitäten

Aktiv

Atmung

Atmung

Fehlend

Unregelmäßig, langsam

Gut, weint

*Ein Wert von 7–10 nach 5 min wird als normal, von 4–6 als mittelmäßig und von 0–3 als niedrig bewertet.

Als Vorbeugung gegen Gonokokken- und Chlamydieninfektionen der Augen kommen antimikrobielle Substanzen (z. B: 1 cm 0,5%ige Erythromycinsalbe, 1 cm 1%ige Tetracyclinsalbe, 2 Tropfen 1%ige Silbernitlösung; in einigen Lländern 2,5%ige Povidone Iodin Tropfen) zur Anwendung. Außerdem erfolgt die Gabe von 1 mg Vitamin K i.m., um hämorrhagische Komplikationen des Neugeborenen zu verhindern (siehe Vitamin-K-Mangel). (Anm. d. Red.: In Deutschland wird die Augenprophylaxe mit antimikrobiellen Substanzen in der Regel bei Neugeborenen, deren Mütter regelmäßig zur Schwangerschaftsvorsorge gegangen sind, nicht mehr durchgeführt. Vitamin K wird in Deutschland in der Regel in einer Dosis von 2 mg p.o. zur U1-, U2- und U3-Vorsorgeuntersuchung verabreicht.)

Anschließend wird das Neugeborene gebadet, eingewickelt und zu seiner Familie gebracht. Der Kopf sollte mit einer Mütze bedeckt sein, um Wärmeverluste zu vermeiden. Damit die Familie den Umgang mit dem Säugling kennenlernen und von den Hebammen und Schwestern gute Ratschläge und Anleitungen erhalten kann, empfiehlt sich ein Rooming-in und besonders auch frühzeitiges Stillen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Stillen erfolgreich durchgeführt werden kann, ist umso größer, je regelmäßiger der Familie Hilfestellungen angeboten werden.

Erste Lebenstage

Körperliche Untersuchung des Neugeborenen

Eine gründliche körperliche Untersuchung sollte innerhalb von 24 h durchgeführt werden. Es ist vorteilhaft, diese Untersuchung im Beisein der Mutter und anderer Familienangehöriger durchzuführen, da so Fragen gestellt werden können und der Arzt die Untersuchungsbefunde erläutern und wertvolle Ratschläge geben kann.

Zu den grundlegenden Messungen gehören Körperlänge, Körpergewicht und Kopfumfang (siehe auch Wachstumsparameter bei Neugeborenen). Die Körperlänge wird vom Scheitel bis zur Sohle gemessen; die Werte sollten auf einer Perzentilenkurve eingetragen und mit den Normwerten, die sich nach dem Gestationsalter richten, verglichen werden. Wenn das Gestationsalter ungewiss ist oder wenn das Kind zu groß für das Gestationsalter oder zu klein für das Gestationsalter erscheint, kann das Gestationsalter anhand von physischen und neuromuskulären Befunden genau bestimmt werden ( Beurteilung der Schwangerschaftsdauer — neuer Ballard-Score). Diese Methode ist auf ± 2 Wochen genau.

Beurteilung der Schwangerschaftsdauer — neuer Ballard-Score

Um den Gesamtwert zu erhalten, werden Werte aus den neuromuskulären und physischen Bereichen hinzugefügt. (Adaptiert nach Ballard JL, Khoury JC, Wedig K, et al: New Ballard score, expanded to include extremely premature infants. The Journal of Pediatrics 119 (3):417–423, 1991; mit Genehmigung des CV Mosby Unternehmen).

Beurteilung der Schwangerschaftsdauer — neuer Ballard-Score

Viele Ärzte beginnen mit einer Untersuchung des Herzens und der Lunge, gefolgt von einer systematischen Untersuchung von Kopf bis Fuß, wobei besonders auf Anzeichen von Geburtstraumata und angeborenen Fehlbildungen geachtet wird.

Kardiorespiratorisches System

Das Herz und die Lunge werden dann beurteilt, wenn das Kind ruhig ist.

Zuerst wird identifiziert, an wo die Herztöne am lautesten sind (um eine Dextrokardie auszuschließen). Herzfrequenz (normal: 100–160 Schläge/min) und Rhythmus werden geprüft. Der Rhythmus sollte regelmäßig sein, wenngleich durch vorzeitige atriale oder ventrikuläre Erregungen ausgehende Arrhythmien nicht selten sind. Ein innerhalb der ersten 24 h auskultierbares Systolikum wird in aller Regel durch den noch offenen Ductus arteriosus Botalli (PDA, persistierender Ductus arteriosus) verursacht. Das Verschwinden des PDA-Geräuschs kann meist innerhalb der ersten drei Lebenstage durch die tägliche Auskultation bestätigt werden.

Die Leistenpulse (Femoralispulse) werden geprüft und mit den Pulsen der A. brachialis verglichen. Ein schwacher oder verzögerter Femoralispuls lässt eine Aortenisthmusstenose (Coarctatio aortae) oder eine Stenose des linksventrikulären Ausflusstraktes vermuten. Liegt eine zentrale Zyanose vor, besteht der Verdacht auf einen Herzfehler, eine Lungenkrankheit oder eine Sepsis.

Die Beurteilung des respiratorischen Systems erfolgt durch Auszählung der Atemfrequenz über eine komplette Minute, da die Atmung von Neugeborenen unregelmäßig ist; die normale Atemfrequenz liegt zwischen 40–60 Atemzügen/min. Bei der Untersuchung des Brustkorbs wird auf die Symmetrie geachtet, die Atemgeräusche sollten überall gleichmäßig sein. Stöhnen, flatternde Nasenflügel und Einziehungen sind Zeichen einer Dyspnoe.

Kopf und Hals

Bei Entbindung aus Scheitellage ist der Kopf üblicherweise verformt. Die Schädelknochen überlappen sich an den Nähten, zudem findet sich meist eine gewisse Schwellung und Ekchymose der Kopfhaut (Caput succedaneum). Bei Entbindung aus Steißlage ist die Verformung des Kopfes geringer ausgeprägt; die Schwellung und die Ekchymose treten am vorangehenden Körperteil (z. B. Gesäß, Genitale oder Füße) auf. Die Fontanellen variieren in ihrem Durchmesser zwischen einer Breite von einer Fingerkuppe bis hin zu einigen Zentimetern. Eine große vordere Fontanelle kann Zeichen einer Hypothyreose sein.

Häufig findet sich ein Kephalhämatom, eine Ansammlung von Blut zwischen Periost und Knochen, die sowohl über einem als auch über beiden Parietalknochen, gelegentlich auch okzipital, zu finden sein kann. Es kann eine Schwellung auftreten, die die Schädelnähte aber nicht überschreitet. Kephalhämatome fallen normalerweise nicht auf, bevor das Weichteilödem verschwindet und gehen langsam über einige Monate zurück.

Kopfgröße und Form werden untersucht, um einen angeborenen Hydrozephalus zu erkennen.

Zahlreiche genetische Syndrome verursachen kraniofaziale Anomalien. Das Gesicht wird auf Symmetrie und normale Ausbildung, insbesondere des Unterkiefers, des Gaumens, der Ohrmuscheln und der äußeren Gehörgänge, untersucht.

Die Augen können oft am Tag nach der Geburt besser untersucht werden, da der Geburtsvorgang Schwellungen um die Augenlider verursachen kann. Bei der Untersuchung der Augen wird der rote Fundusreflex untersucht; ein Fehlen kann auf ein Glaukom, eine Katarakt oder ein Retinoblastom hinweisen. Eine subkonjunktivale Blutung wurde möglicherweise durch eine Geburtszange verursacht.

Ein niedriger Ohransatz kann auf genetische Anomalien hinweisen, auch auf eine Trisomie 21(Down-Syndrom). Fehlbildungen der Ohren, der äußeren Gehörgänge oder beides sind bei vielen genetischen Syndromen gegeben. Es muss zudem auf Ohranhängsel und Vertiefungen geachtet werden, da diese manchmal in Zusammenhang mit Gehörlosigkeit oder Nierenfehlbildungen stehen können.

Der Arzt sollte den Gaumen palpieren, um auch Fehlbildungen des weichen und harten Gaumens auszuschließen. Gesichtsspalten gehören zu den häufigsten angeborenen Defekten. Manche Neugeborene kommen mit einer Zahnfleischgeschwulst (Epulis) zur Welt, einem benignen Hamartom des Zahnfleischs, das bei entsprechender Größe zu Trink- bzw. Fütterproblemen führen und die Atemwege verlegen kann. Diese Läsionen können dauerhaft entfernt werden. Manche Neugeborene kommen mit primären und bereits sichtbaren Zähnen zur Welt. Bei der Geburt vorhandene Zähne haben keine Wurzeln und müssen eventuell entfernt werden, da sie herausfallen und aspiriert werden können. Am harten Gaumen können Inklusionszysten, auch Epstein-Perlen genannt, gefunden werden.

Bei der Untersuchung des Halses muss das Kinn angehoben werden, um Fehlbildungen wie zystische Hygrome, eine Struma oder Kiemenbogenreste zu entdecken. Ein Schiefhals (Torticollis) kann durch ein Hämatom des M. sternocleidomastoideus als Folge eines Geburtstraumas entstehen.

Bauchraum und Becken

Der Bauch sollte rund und symmetrisch sein. Eine kahnförmige Einziehung der Bauchdecken kann auf eine Zwerchfellhernie hinweisen, durch die sich in utero Bauchorgane in den Brustkorb verlagern können, was zu einer Lungenhypoplasie und postnataler Atemnot führen kann. Eine abdominale Asymmetrie kann auf eine Raumforderung hinweisen.

Eine Splenomegalie weist auf eine kongenitale Infektion oder eine hämolytische Anämie hin.

Die Nieren können bei tiefer Palpation fühlbar sein, links eher als rechts. Große Nieren können ein Hinweis auf eine Obstruktion, Tumoren oder Zysten im Bereich der ableitenden Harnwege sein.

Die Leber kann normalerweise 1–2 cm unterhalb des Rippenbogens palpiert werden. Eine Nabelhernie, verursacht durch eine zu schwache Ausbildung der umbilikalen Ringmuskeln, tritt oft auf, ist aber selten von klinischer Bedeutung. Ein normal gesetzter, offen liegender Anus sollte bestätigt werden.

Bei Jungen muss der Penis auf eine Hypospadie oder Epispadie untersucht werden. Bei reifen männlichen Neugeborenen sollten beide Hoden im Skrotum liegen (siehe Kryptorchismus). Eine skrotale Schwellung kann durch eine Hydrozele, Leistenhernie (inguinale Hernie) oder, seltener, durch eine Hodentorsion hervorgerufen worden sein. Ein typisches Zeichen der Hydrozele ist die positive Diaphanoskopie. Zeichen einer Torsion, die ein chirurgischer Notfall ist, sind Ekchymosen und ein derber Palpationsbefund.

Bei reifen weiblichen Neugeborenen sind die Schamlippen prominent. Muköse und serös-blutige vaginale Sekretionen (Pseudomenses) sind normal; sie werden durch die kindliche Exposition gegenüber intrauterin übertragenen mütterlichen Hormonen und dem geburtsbedingten Entzug verursacht. Ein kleines Anhängsel hymenalen Gewebes an der posterioren Fourchette, die auf Stimulation durch mütterliche Hormone zurückgeführt wird, ist gelegentlich zu finden, verschwindet aber innerhalb weniger Wochen.

Uneindeutige Genitalien (Intersexualität) können auf mehrere seltene Erkrankungen hinweisen (z. B. kongenitale adrenale Hyperplasie; 5-alpha-Reduktase-Mangel; Klinefelter-Syndrom, Turner-Syndrom oder Swyer Syndrom). Eine Überweisung an einen Endokrinologen für eine Beurteilung und ein Gespräch mit der Familie über Vorteile und Risiken einer sofortigen oder einer späteren Geschlechtszuordnung ist angezeigt.

Muskel-Skelett-System

Die Extremitäten werden auf Missbildungen, Amputationen (unvollständige oder fehlende Gliedmaßen), Kontrakturen und Fehlentwicklungen untersucht. Eine brachiale Nervenlähmung durch ein Geburtstrauma kann sich dadurch bemerkbar machen, dass die Armbewegung auf der betroffenen Seite eingeschränkt ist oder nicht spontan ausgeführt werden kann. Manchmal kommt eine Adduktion und eine Innenrotation der Schulter und eine Pronation des Unterarms hinzu.

Die Wirbelsäule wird auf Anzeichen für eine Spina bifida, insbesondere auf eine Exposition der Hirnhäute, des Rückenmarks oder beides (Meningomyelozele) untersucht.

Eine orthopädische Untersuchung beinhaltet die Palpation der langen Röhrenknochen auf Geburtstraumata (insbesondere eine Schlüsselbeinfraktur), ist aber in der Hauptsache auf die Erkennung einer Hüftdysplasie ausgerichtet. Risikofaktoren hierür sind weibliches Geschlecht, Geburt aus Steißlage, Zwillingsschwangerschaft und eine positive Familienanamnese. Die Barlow- und Ortolani-Tests werden angewendet, um eine Dysplasie auszuschließen. Diese Tests müssen ausgeführt werden, wenn das Neugeborene ruhig ist. Die Startposition ist für beide gleich: die Neugeborenen werden auf den Rücken gelegt, die Hüften und Knie um 90° gedreht (die Füße befinden sich dabei nicht auf der Unterlage). Die Füße sind dem Arzt zugewendet, der seinen Zeigefinger auf den Trochanter major und seinen Daumen auf den Trochanter minor legt.

Für den Barlow-Test zieht der Arzt die Hüfte heran, wobei das Knie über den Körper gezogen wird, während der Oberschenkel nach hinten gedrückt wird. Ein klackendes Geräusch zeigt an, dass sich der Kopf des Oberschenkelknochens aus der Gelenkpfanne bewegt hat; der Ortolani-Test schiebt es dann wieder zurück und bestätigt die Diagnose.

Für den Ortolani-Test wird die Hüfte in die Ausgangsposition zurückbewegt. Anschließend wird die zu testende Hüfte abduziert. Dabei wird das Knie von der Mittellinie weg in Richtung des Behandlungstisches bewegt, sodass es zu einer Froschbeinstellung kommt. Nun wird die Hüfte sanft nach vorne gezogen. Ein palpabler Klick des Femurkopfs bei der Abduktion spricht für eine Bewegung des bereits dislozierten Femurkopfs in das Azetabulum und wird als positives Zeichen für das Vorliegen einer Hüftgelenksdysplasie gewertet. (Anm. d. Red.: In Deutschland wird seit Einführung des Ultraschall-Screenings für Entwicklungsstörungen in der sechsten Lebenswoche üblicherweise bei der Erstuntersuchung auf eine Abspreizhemmung und Pofaltenasymmetrien geachtet. Der Ortolani-Test kann bei unsachgemäßer Durchführung Schäden nach sich ziehen.)

Die Manöver können bei Kindern > 3 Monate falsch-negativ sein, da die Hüftmuskeln und -bänder straffer sind. Manche Experten empfehlen die Hüftsonographie in diesem Alter für alle Kinder mit Risikofaktoren. Wenn der Befund unklar ist oder auch wenn ein hohes Risiko besteht (z. B. Mädchen nach Geburt aus Steißlage), sollte im Alter von 4–6 Wochen eine Hüftsonographie erfolgen.

Neurologisches System

Beim Neugeborenen werden der Tonus, das Maß an Aufmerksamkeit, die Bewegung der Extremitäten und die Reflexe beurteilt. Typischerweise sind die neonatalen Reflexe, inklusive Moro-, Saug- und Suchreflex, auslösbar.

  • Moro-Reflex: Die Reaktion des Neugeborenen auf einen Schreck kann durch leichtes Abheben der Arme von der Unterlage und plötzliches Loslassen ausgelöst werden. Das Neugeborene streckt daraufhin Arme und Finger, beugt die Hüften und beginnt zu weinen.

  • Suchreflex: Ein Streicheln der Wange oder der lateralen Lippen bewirkt, dass der Säugling seinen Kopf zur Seite der Berührung dreht und seinen Mund öffnet.

  • Saugreflex: Ein Schnuller oder ein behandschuhter Finger wird verwendet, um diesen Reflex auszulösen.

Diese Reflexe sind einige Monate lang vorhanden und sind Zeichen für eine normale Entwicklung des peripheren Nervensystems.

Haut

Die Haut des Neugeborenen ist normalerweise rosig; eine Zyanose der Finger und Zehen in den ersten Lebensstunden ist aber nicht ungewöhnlich. Die Vernix caseosa (sog. Käseschmiere) bedeckt die meisten Neugeborenen mit einem Gestationsalter von > 24 SSW. Trockene und schuppende Haut zeigen sich oft in den ersten Tagen, v. a. im Bereich der Hautfalten an Hand- und Fußgelenken.

An den Stellen, die während der Geburt traumatisiert wurden, können sich Petechien zeigen, so z. B. im Gesicht, sofern es der vorangehende Körperteil war; bei generalisierten Petechien muss aber eine Thrombozytopenie ausgeschlossen werden.

Viele Neugeborene haben ein Erythema toxicum neonatorum, ein gutartiges Erythem mit weißlichen oder gelblichen Papeln. Die Hauterscheinungen treten zumeist innerhalb der ersten 24 h auf, sind am ganzen Körper zu finden und können bis zu 2 Wochen zu sehen sein.

Screening-Tests für Neugeborene

Die Empfehlungen für Neugeborenen-Screening variieren je nach klinischer Situation und Empfehlungen der Länder.

Die Blutgruppenbestimmung sollte durchgeführt werden, wenn die Mutter Blutgruppe 0 hat, Rh-negativ ist oder Minorantigene vorhanden sind, da eine hämolytischen Anämie des Neugeborenen ein Risiko darstellt ( Fetale Erythroblastose).

Alle Neugeborenen müssen während des stationären Aufenthalts und vor der Entlassung auf eine Hyperbilirubinämie (Ikterus) untersucht werden. Das Risiko einer Hyperbilirubinämie wird anhand von Risikofaktoren und der Bestimmung des Bilirubinspiegels oder beidem bewertet. Das Bilirubin kann sowohl transkutan als auch im Serum bestimmt werden. In vielen Krankenhäusern werden alle Neugeborenen gescreent, um das Risiko einer extremen Hyperbilirubinämie anhand eines Nomogramms prädiktiv einzuschätzen. Die Kontrolluntersuchungen sind abhängig vom Zeitpunkt der Entlassung, dem Bilirubinwert vor der Entlassung und dem abgeschätzten Risiko für einen Ikterus.

In den meisten Ländern wird ein Neugeborenen-Screening auf bestimmte Erbkrankheiten durchgeführt, inkl. der Phenylketonurie, der Tyrosinämie, des Biotinidasemangels, der Homocystinurie, der Ahornsirupkrankheit, der Galaktosämie, der kongenitalen Nebennierenhyperplasie (AGS, adrenogenitales Syndrom), der Sichelzellanämie und der Hypothyreose. In manchen Ländern (Anm. d. Red.: auch in den meisten Bundesländern in Deutschland) werden außerdem Untersuchungen auf zystische Fibrose, Störungen der Fettsäureoxidation, andere organische Azidämien und schwere kombinierte Immunschwäche durchgeführt.

Ein HIV-Screening ist nur in manchen Ländern vorgeschrieben und ist darüber hinaus bei Kindern indiziert, deren Mütter HIV-positiv sind oder ein hohes Risiko für eine HIV-Infektion haben.

Ein toxikologisches Screening sollte bei positiver mütterlicher Anamnese für Drogenmissbrauch, ungeklärte Plazentalösung oder unerklärten vorzeitigen Wehen durchgeführt werden. Auch bei schlechter mütterlicher Compliance bezüglich der Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen oder kindlichen Entzugssymptomen ist ein toxikologisches Screening indiziert.

Ein Screening auf kritische kongenitale Herzfehler (CCHD) mit Pulsoximetrie ist nun Teil der Routinebeurteilung bei Neugeborenen. Bisher wurden Neugeborene durch pränatale Sonographie und körperliche Untersuchung auf CCHD gescreent, aber dieser Ansatz übersah viele Fälle von CCHD, was zu einer erhöhten Morbidität und Mortalität führte. Das Screening erfolgt, wenn Säuglinge ≥ 24 Stunden alt sind und gilt als positiv, wenn

  • Jede Sauerstoff-Sättigungsmessung < 90% ist.

  • Die Sauerstoff-Sättigungsmessungen sowohl in der rechten Hand und im rechten Fuß in 3 separaten Messungen, die im Abstand von 1 h genommen werden, < 95% sind.

  • Es > 3% absolute Differenz zwischen der Sauerstoffsättigung in der rechten Hand (präduktal) und dem rechten Fuß (postduktal) in 3 separaten Messungen, die im Abstand von 1 h genommen werden, gibt.

Jeder Säugling mit einem positiven Screening sollte weitere Tests erhalten, einschließlich Röntgenthorax, EKG und Echokardiographie. Der Kinderarzt des Säuglings sollte benachrichtigt werden und der Säugling muss möglicherweise von einem Kardiologen ausgewertet werden.

Kontrolluntersuchungen des Gehörs variieren je nach Land. Hörverlust ist einer der am häufigsten vorkommenden Geburtsfehler. Etwa 3/1000 Säuglinge werden mit mäßigem, hochgradigem oder schwerem Hörverlust geboren. Hörverlust ist bei Säuglingen, die bei der Geburt auf Intensivstationen eingewiesen werden, sogar noch häufiger. Aktuell screenen einige Bundesstaaten nur Hochrisiko-Neugeborene (siehe Tabelle: Hohe Risikofaktoren für Hörstörungen bei Neugeborenen), andere screenen alle Neugeborenen. Das initiale Screening erfolgt zumeist mit einem Handgerät, das die Echos, die von einem gesunden Ohr als Antwort auf weiche Klicks abgegeben werden, registriert (otoakustische Emissionen). Bei einem auffälligen Befund werden akustisch evozierte Potenziale (AEP, Hirnstammaudiometrie) abgeleitet. In manchen Kliniken wird dieser Test primär als Screening durchgeführt. Weitere Untersuchungen durch einen Pädaudiologen können erforderlich sein.

Tabelle
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Hohe Risikofaktoren für Hörstörungen bei Neugeborenen

Faktor

Besonderheiten

Geburtsgewicht

< 1500 g

Apgar-Zahl

7 bei 5 min

Serum-Bilirubin

> 22 mg/dl (> 376 μmol/l) bei einem Neugeborenen mit einem Geburtsgewicht > 2000 g.

> 17 mg/dl (> 290 μmol/l) bei einem Neugeborenen mit einem Geburtsgewicht <2000 g.

Störungen

Perinatale Anoxie oder Hypoxie

Krampfanfälle oder apnoische Zustände

Angeborene Infektionen

Exposition der Mutter

Aminoglykoside

Familienanamnese

Früher Hörverlust eines Elternteils oder eines nahen Verwandten

Regelmäßige Pflege und Beobachtung des Kindes

Neugeborene können, sobald sich die Körpertemperatur über 2 h bei 37 °C stabilisiert hat, (auf Wunsch der Eltern) gebadet werden.

Die Nabelschnurklemme kann entfernt werden, wenn die Nabelschnur trocken erscheint, meist nach etwa 24 h. Die Nabelschnurpflege zielt darauf ab, das Risiko einer Nabelschnurinfektion (Omphalitis) zu reduzieren. Der Nabelschnurrest sollte trocken und sauber gehalten werden; die weitere Pflege hängt von den jeweiligen Geburtsumständen ab. Bei einer Entbindung im Krankenhaus (oder ordnungsgemäß verwalteten Geburt zu Hause), bei der die Schnur abgeklemmt und aseptisch abgeschnitten wird, ist eine trockene Schnurpflege oder -reinigung mit Seife und Wasser ausreichend; topische Mittel verringern das Infektionsrisiko nicht. Wenn die Schnur jedoch nicht aseptisch abgeklemmt und/oder abgeschnitten wird (z. B. in einigen Entwicklungsländern, nicht ordnungsgemäß verwaltete Entbindung außerhalb des Krankenhauses), verringert die Anwendung eines topischen Antiseptikums (z. B. Chlorhexidin) auf der Schnur das Risiko für Omphalitis und Säuglingsmortalität. Die Nabelschnur sollte täglich auf Rötungen und Sekretionen untersucht werden.

Eine Zirkumzision kann, wenn dies von der Familie gewünscht wird, unter Lokalanästhesie innerhalb der ersten Lebenstage sicher durchgeführt werden. Die Zirkumzision sollte aufgeschoben werden, wenn die Mutter Antikoagulanzien oder Acetylsalicylsäure eingenommen hat, wenn eine Familiengeschichte von Blutungsstörungen vorhanden ist oder wenn das Neugeborene eine Verschiebung der Harnröhre, eine Hypospadie oder sonstige Beeinträchtigungen der Eichel oder Penis hat (weil die Vorhaut später bei der plastisch-chirurgischen Reparatur verwendet werden kann). Die Zirkumzision sollte nicht durchgeführt werden, wenn das Neugeborene an Hämophilie oder anderen Blutungsstörungen leidet.

Die meisten Neugeborenen verlieren in den ersten Lebenstagen 5–7% ihres Geburtsgewichts, primär bedingt durch Urin und Perspiratio insensibilis, sekundär durch Mekoniumabgang, Verlust der Vernix caseosa und durch Trocknen der Nabelschnur.

Der Urin kann die Windel in den ersten Lebenstagen durch Uratkristalle, die physiologisch und durch die Urinkonzentrierung bedingt sind, orange oder rosa verfärben. Die meisten Neugeborenen scheiden den ersten Urin innerhalb von 24 h postnatal aus, normalerweise nach 7–9 h. In den zweiten 24 h wird dann mindestens zweimal Urin ausgeschieden. Ein verspätetes Auftreten der ersten Miktion ist bei männlichen Neugeborenen häufiger und möglicherweise auf eine enge Vorhaut zurückzuführen; die Unfähigkeit zur Miktion kann auf posteriore Urethralklappen hinweisen. Eine Zirkumzision sollte frühestens nach der ersten Miktion durchgeführt werden; wenn innerhalb der ersten 12 h nach der Zirkumzision keine Miktion erfolgt, kann dieses auf eine Komplikation hinweisen.

Wenn innerhalb der ersten 24 h kein Mekonium abgesetzt wird, sollte eine Abklärung nach weiteren Fehlbildungen wie Analatresie, Megacolon congenitum (Morbus Hirschsprung) und auch auf eine zystische Fibrose, die einen Mekoniumileus verursachen kann, erwogen werden.

Entlassung aus dem Krankenhaus

Neugeborene, die innerhalb der ersten 48 h entlassen werden, sollten nach 2–3 Tagen einen Kontrolltermin haben, damit das Trinkverhalten (Brust oder Flasche), das Gedeihen, die Hydratation und der Grad der Gelbsucht (v. a. bei Risikokonstellation) beurteilt werden kann. Die Nachkontrollen für Neugeborene richten sich nach dem Vorliegen von Risikofaktoren, inkl. solchen für eine Gelbsucht und für Stillprobleme und jegliche identifizierte Probleme.

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