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Arzneimittelinduzierte Ototoxizität

Von

Lawrence R. Lustig

, MD,

  • Columbia University Medical Center and New York Presbyterian Hospital

Inhalt zuletzt geändert Okt 2018
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Eine Vielzahl von Medikamenten kann ototoxisch sein.

Zu den Faktoren, die Ototoxizität beeinflussen, gehören

  • Dosis

  • Der Therapiedauer

  • gleichzeitiges Nierenversagen

  • Infusionsrate

  • Lebenslange Dosis

  • Die gleichzeitige Gabe mit anderen Arzneimitteln mit ototoxischem Potenzial

  • Genetische Empfänglichkeit

Bei einer Trommelfellperforation dürfen ototoxische Substanzen nicht lokal (als Ohrensalbe) appliziert werden, weil sie sonst ins Innenohr gelangen könnten.

Aminoglykoside, einschließlich der folgenden können das Gehör beeinflussen:

  • Durch Streptomycin wird eher das Gleichgewichts- als das Hörorgan im Innenohr geschädigt. Auch wenn Schwindel und Gleichgewichtsstörungen meist nur passager auftreten, kann eine starke Minderung des Gleichgewichtsempfindens persistieren – manchmal sogar für immer. Dieser vestibuläre Sensibilitätsverlust führt besonders im Dunkeln zu Gehschwierigkeiten und Oszillopsie (einem Gefühl, als würde die Umgebung bei jedem Schritt weghüpfen). Bei etwa 4–15% der Patienten entwickelt sich nach Tagesdosen von 1 g Streptomycin über > 1 Woche ein messbarer Hörverlust, der sich gewöhnlich mit kurzer Latenzzeit (7–10 Tage) bemerkbar macht und sich langsam verschlechtert, wenn die Behandlung fortgesetzt wird. Am Ende kann eine völlige, dauerhafte Ertaubung stehen.

  • Neomycin wirkt von allen Antibiotika am stärksten toxisch auf die Cochlea. Nach hochdosierter oraler Gabe oder Spülungen (Darmsterilisation) können die resorbierten Mengen – besonders bei diffusen Schleimhautläsionen des Colon– ausreichend hoch sein, um das Hörvermögen zu beeinträchtigen. Neomycin sollte weder zur Wundreinigung noch für intrapleurale bzw. intraperitoneale Spülungen verwendet werden, weil sonst größere Wirkstoffmengen zurückgehalten und resorbiert werden und es zu Schwerhörigkeit kommen könnte.

  • Kanamycin und Amikacin haben ein ähnlich hohes cochleotoxisches Potenzial wie Neomycin; sie können beide einen hochgradigen, bleibenden Hörverlust verursachen, doch der Gleichgewichtssinn bleibt ausgespart.

  • Durch die Toxizität von Gentamicin und Tobramycin werden sowohl das Gleichgewicht wie das Hörvermögen beeinträchtigt.

  • Vancomycin kann besonders bei Niereninsuffizienz zum Hörverlust führen.

Einige mitochondriale DNA-Mutationen prädisponieren für Aminoglykosid-Ototoxizität.

Azithromycin, ein Makrolid, kann in seltenen Fällen sowohl reversiblen als auch irreversiblen Hörverlust verursachen.

Viomycin, ein basisches Peptid mit antituberkulösen Eigenschaften, wirkt auf Gehör und Gleichgewichtsorgan toxisch.

Zytostatische(antineoplastische) Medikamente (v. a. platinhaltige wie Cisplatin und Carboplatin) können Tinnitus und Hörschwäche verursachen. Bei dem hochgradigen, bleibenden Hörverlust, der sich gleich nach der ersten Dosis oder später (noch Monate nach Beendigung der Therapie) einstellen kann, tritt eine beidseitige Schallempfindungsschwerhörigkeit, die sich allmählich verschlechtert und irreversibel ist.

Wenn niereninsuffiziente Patienten gleichzeitig mit Aminoglykosidantibiotika behandelt wurden, trat nach i.v. Gabe von Etacrynsäure und Furosemid ein schwerer, dauerhafter Hörverlust auf.

Hochdosierte Salicylate (> 12 Acetylsalicylsäure-Tabletten à 325 mg täglich) führen zu passagerem Hörverlust und Tinnitus.

Einen vorübergehenden Hörverlust können auch Chinin und synthetische Chininanaloga verursachen.

(Siehe auch Hörverlust.)

Prävention

Ototoxische Antibiotika sollten während der Schwangerschaft vermieden werden, da sie das fetale Labyrinth schädigen können. Falls wirksame Alternativen verfügbar sind, sollten auch ältere und schwerhörige Patienten nicht mit ototoxischen Medikamenten behandelt werden. Ototoxische Mittel sollten in der niedrigsten Wirk- bzw. Effektivdosis verabreicht und der Wirkspiegel engmaschig kontrolliert werden, besonders bei Aminoglykosiden (beides, Höchststand und Talspiegel)

Vor einer Behandlung mit ototoxischen Mitteln sollte man nach Möglichkeit das Hörvermögen messen und es auch unter der Therapie weiterhin regelmäßig überwachen, denn Symptome sind kein verlässliches Warnzeichen. Das Risiko von Ototoxizität erhöht sich bei Patienten mit renaler Beeinträchtigung mit der Verwendung von mehreren Medikamenten mit ototoxischem Potenzial und der Verwendung von ototoxischen Medikamenten, die durch die Nieren ausgeschieden werden; in solchen Fällen wird eine genauere Überwachung der Arzneimittelspiegel empfohlen. Bei Patienten, von denen bekannt ist, dass sie mitochondriale DNA-Mutationen haben, die für die Toxizität von Aminoglykosiden prädisponieren, sollten Aminoglykoside vermieden werden.

Wichtige Punkte

  • Medikamente können zu Hörverlust, Gleichgewichtsstörungen und/oder Tinnitus führen.

  • Verbreitete Medikamente sind Aminoglykoside, platinhaltige Zytostatika und hochdosierte Salicylate.

  • Die Symptome können vorübergehend oder permanent sein.

  • Die Verwendung einer möglichst geringen Dosis von Aminoglykosiden und die Messung der Wirkstoffkonzentrationen während der Behandlung können einen durch ototoxischen Wirkstoff verursachten Hörverlust verhindern.

  • Die Medikamente sollten wenn möglich abgesetzt werden, es gibt jedoch keine spezifische Behandlung.

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HINWEIS: Dies ist die Ausgabe für medizinische Fachkreise. LAIEN: Hier klicken, um zur Ausgabe für Patienten zu gelangen.
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