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Diabetes mellitus in der Schwangerschaft

(Gestationsdiabetes; Prägestationsdiabetes)

Von

Lara A. Friel

, MD, PhD, University of Texas Health Medical School at Houston, McGovern Medical School

Inhalt zuletzt geändert Apr 2020
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Quellen zum Thema

Eine Schwangerschaft verschärft die Situation eines vorbestehenden Typ-1-( insulinabhängigen) und Typ-2-(nicht- insulinabhängigen)Diabetes, scheint aber eine diabetische Retinopathie, Nephropathie oder Neuropathie nicht symptomatisch werden zu lassen (1).

Gestationsdiabetes} (Diabetes, der während der Schwangerschaft beginnt [2]) kann bei übergewichtigen, hyperinsulinämischen, Insulinresistenten Frauen oder bei dünnen, relativ Insulinarmen Frauen auftreten. Ein Gestationsdiabetes tritt in mindestens 5% aller Schwangerschaften auf, wobei der prozentuale Anteil in bestimmten Bevölkerungsgruppen (z. B. mexikanisch-stämmige Amerikanerinnen, amerikanische Indianerinnen, Asiatinnen, Inderinnen und Polynesierinnen) sehr viel höher liegen kann. Frauen mit Gestationsdiabetes haben ein erhöhtes Risiko für einen zukünftigen Typ-2-Diabetes.

Leitlinien für das Management von Diabetes mellitus während der Schwangerschaft sind verfügbar vom American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG)1, 2]).

Diabetesrisiken während der Schwangerschaft

Diabetes während der Schwangerschaft erhöht die fetale und mütterliche Morbidität und Mortalität. Neugeborene haben ein erhöhtes Risiko für Atemnot, Hypoglykämie, Hypokalzämie, Hyperbilirubinämie, Polyzythämie und erhöhte Blutviskosität.

Schlechte Kontrolle von vorbestehender (prägestationaler) oder Schwangerschaftsdiabetes während der Organogenese (bis zu ca. 10 Wochen) erhöht das Risiko für Folgendes:

Schlechte Kontrolle von Diabetes später in der Schwangerschaft erhöht das Risiko der folgenden:

Ein Gestationsdiabetes kann allerdings auch zur fetalen Makrosomie führen, wenn der Blutzucker annähernd normal eingestellt ist.

Allgemeine Referenzen

Diagnose

  • Oraler Glukosetoleranztest (OGTT) oder eine einzelne Plasmaglukosemessung (nüchtern oder zufällig)

Die meisten Ärzte empfehlen, alle Schwangeren auf Gestationsdiabetes zu untersuchen. Ein oGTT wird zwar meist empfohlen, aber die Diagnose kann vermutlich durch einen Nüchternblutzucker von > 126 mg/dl (> 6,9 mmol/l) oder eine routinemäßigen Bestimmung des Blutzuckers > 200 mg/dl (> 11 mmol/l) gestellt werden.

Für das Screening wird ein 2-stufiger Test empfohlen. Zunächst wird ein Belastungstest mit 50 g Glukose oral und eine Glukosebestimmung nach 1 Stunde durchgeführt. Liegt der Blutzuckerspiegel nach 1 Stunde bei > 130–140 mg/dl (> 7,2–7,8 mmol/l), erfolgt zur Bestätigung ein zweiter Belastungstest nach 3 Stunden mit 100 g Glukose (siehe Tabelle Glukoseschwellenwerte für Schwangerschaftsdiabetes unter Verwendung eines 3-stündigen oralen Glukosetoleranztests).

Die meisten Organisationen außerhalb der USA empfehlen einen einstufigen 2-Stunden-Test.

Tabelle
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Glukose-Grenzwerte für Gestationsdiabetes mit einem 3-stündigen oralen Glukosetoleranztest*

Organisation

Nüchtern mg/dl (mmol/l)

1 Stunde mg/dl (mmol/l)

2 Stunden mg/dl (mmol/l)

3 Stunden mg/dl (mmol/l)

Carpenter und Coustan

95 (5,3)

180 (10)

155 (8,6)

140 (7,8)

National Diabetes Data Group

105 (5,8)

190 (10,5)

165 (9,1)

145 (8)

* Es wird eine Glukosebelastung mit 100 g verwendet.

Behandlung

  • Engmaschige Überwachung

  • Strenge Kontrolle des Blutzuckers

  • Behandlung von Komplikationen

Beratung vor der Konzeption und optimale Einstellung des Diabetes vor, während und nach der Schwangerschaft minimieren das mütterliche und fetale Risiko, darunter auch das Risiko für kongenitale Fehlbildungen. Da sich Fehlbildungen schon vor der Diagnose einer Schwangerschaft entwickeln können, obliegt es den Frauen, die einen Diabetes haben und beabsichtigen, schwanger zu werden (oder die keine Verhütungsmittel anwenden), notwendigerweise eine ständige strenge Kontrolle der Glukosespiegel durchzuführen.

Risiken werden minimiert durch

  • Hinzuziehen eines Diabetes-Teams (z. B. Ärzte, Schwestern, Ernährungsberater, Sozialberater) und eines Kinderarztes

  • Umgehendes Erkennen und Behandeln von Schwangerschaftskomplikationen, egal, wie belanglos sie erscheinen

  • Geburtsplanung und Bereithalten eines erfahrenen Kinderarztes

  • Sicherstellen einer verfügbaren Intensivpflege des Neugeborenen

In regionalen Perinatalzentren stehen Fachärzte für Diabetologie zur Verfügung.

Während der Schwangerschaft

Frauen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes sollten ihre Blutzuckerspiegel zu Hause kontrollieren. Während der Schwangerschaft betragen die normalen Nüchternblutzuckerwerte etwa 76 mg/dl (4,2 mmol/l).

Ziele der Behandlung sind:

  • Nüchtern-Blutzuckerspiegel bei < 95 mg/dl (< 5,3 mmol/l)

  • postprandiale Werte nach 2 Stunden bei ≤ 120 mg/dl (≤ 6,6 mmol/l)

  • keine großen Blutzuckerschwankungen

  • glykosylierte Hb (Hb A1c)- Spiegel bei < 6,5%

Tabelle
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Kontrolle des Typ-1-Diabetes mellitus während der Schwangerschaft*

Zeitrahmen

Maßnahmen

Vor der Konzeption

Diabetes ist eingestellt.

Geringstes Risiko bei HbA1c-Werten 6,5% zur Zeit der Konzeption.

Abklärung umfasst

  • 24-Stunden-Urin-Sammlung (Proteinausscheidung und Kreatinin-Clearance) oder Spot-Urin-Protein:Kreatinin-Verhältnis zur Überprüfung auf Nierenkomplikationen

  • Ophthalmologische Untersuchung zur Abklärung retinaler Komplikationen

  • EKG zur Abklärung kardialer Komplikationen

Pränatal

Beginn der Vorsorge, sobald die Schwangerschaft erkannt ist.

Die Häufigkeit der Untersuchungen hängt von der Qualität der Blutzucker-Einstellung ab.

Individuelle Diät nach ADA-Richtlinien in Koordination mit der Insulin-Therapie.

3 Mahlzeiten und 3 Snacks/Tag werden empfohlen unter Betonung eines konsequenten Zeitplans.

Patientinnen sollten zur häuslichen Blutzucker-Kontrolle angeleitet werden und sie praktizieren.

Patientinnen müssen auf die Gefahr von Hypoglykämien in der Nacht und bei sportlichen Aktivitäten aufmerksam gemacht werden.

Patientin und Familienmitglieder sollten in die Anwendung von Glucagon eingewiesen werden.

HbA1c-Werte sollten in jedem Trimenon bestimmt werden.

Die Überwachung des Feten sollte von der 32. Schwangerschaftswoche bis zur Geburt (oder bei gegebener Indikation früher) erfolgen mit:

  • Nonstress-Test (wöchentlich)

  • Biophysikalischem Profil (wöchentlich)

  • Tritt zählt (täglich)

Menge und Art des Insulins sind individuell zu bestimmen. Vormittags Gabe von zwei Dritteln der Gesamtdosis (60% NPH, 40% Normal); Nachmittags Gabe von einem Drittel (50% NPH, 50% Normal). Oder Frauen können langwirksames Insulin einmal oder zweimal proTag und Insulin-Aspart unmittelbar vor Frühstück, Mittagessen und Abendessen nehmen

Während Wehentätigkeit und Geburt

Vaginale Geburt am Termin ist möglich, wenn die Patientin eine sichere Datierung und eine gute BZ-Einstellung nachgewiesen hat.

Eine Amniozentese wird nicht durchgeführt, außer es liegt eine Indikation aufgrund eines anderen Problems vor oder wird vom Paar gewünscht.

Ein Kaiserschnitt ist geburtshilflichen Indikationen oder einer fetalen Makrosomie (> 4500 g) mit dem erhöhten Risiko einer Schulterdystokie vorzubehalten.

Die Entbindung sollte um die 39. Schwangerschaftswoche erfolgen.

Während der Geburt wird meistens eine konstante „Low-dose“-Insulin-Infusion bevorzugt; die s.c. Anwendung von Insulin wird abgesetzt. Im Falle einer Geburtseinleitung kann am Vortag die übliche Nachmittagsdosis des NPH-Insulins gegeben werden.

Für eine fortlaufende und postpartale Diabetes-Überwachung muss gesorgt werden.

Der postpartale Insulinbedarf kann sich um bis zu 50% verringern.

* Die Richtlinien sind nur ein Vorschlag; deutliche individuelle Unterschiede erfordern entsprechende Anpassungen.

Je nach Labormethoden können die Normalwerte verschieden sein.

Einige Krankenhausprogramme empfehlen bis zu 4 Insulininjektionen täglich. Eine kontinuierliche s.c. Insulininfusion, die sehr arbeitsintensiv ist, kann manchmal in spezialisierten Diabetes-Kliniken angewandt werden.

ADA = American Diabetes Association; HbA1c = glykosyliertes Hb; NPH = Neutrales Protamin Hagedorn.

Tabelle
icon

Kontrolle des Typ-2-Diabetes mellitus während der Schwangerschaft*

Zeitrahmen

Maßnahmen

Vor der Konzeption

Fieber wird kontrolliert.

Geringstes Risiko bei HbA1c-Werten 6,5% zur Zeit der Konzeption.

Bei BMI > 27 kg/m2 Empfehlung zur Gewichtsreduktion.

Die Diät sollte fettarm und relativ reich an komplexen Kohlenhydraten und Ballaststoffen sein.

Bewegung wird empfohlen.

Pränatal

Für übergewichtige Patientinnen werden Diät und Kalorienzufuhr individuell gestaltet, um einer Gewichtszunahme > 9 kg (> 20 lb) vorzubeugen; adipöse Frauen sollten nicht mehr als etwa 5–9.1 kg (> 11–20 lb) zunehmen.

Einfache Spaziergänge nach dem Essen werden empfohlen.

Patientinnen sollten zur häuslichen Blutzucker-Kontrolle angeleitet werden und sie praktizieren.

Der 2-Stunden-Blutzuckerspiegel nach dem Frühstück wird, wenn möglich, wöchentlich bei den Arztbesuchen kontrolliert.

HbA1c-Werte sollten in jedem Trimenon bestimmt werden.

Die Überwachung des Feten sollte von der 32. Schwangerschaftswoche bis zur Geburt (oder bei gegebener Indikation früher) erfolgen mit:

  • Nonstress-Test (wöchentlich)

  • Biophysikalischem Profil (wöchentlich)

  • Tritt zählt (täglich)

Menge und Art des Insulins werden individuell festgelegt. Adipöse erhalten vor jeder Mahlzeit kurzwirksames Normalinsulin. Nicht adipöse Patientinnen erhalten am Vormittag zwei Drittel der Gesamtdosis (60% NPH, 40% Normal), am Nachmittag ein Drittel (50% NPH, 50% Normal). Oder Frauen können langwirksames Insulin einmal oder zweimal pro Tag nehmen und Insulin- Aspart unmittelbar vor dem Frühstück, Mittagessen und Abendessen.

Während Wehentätigkeit und Geburt

Die Behandlung ist die gleiche wie bei Typ 1 (siehe Tabelle Behandlung von Diabetes mellitus Typ 1 während der Schwangerschaft).

* Die Richtlinien sind nur ein Vorschlag; deutliche individuelle Unterschiede erfordern entsprechende Anpassungen.

Je nach Labormethoden können die Normalwerte verschieden sein.

BMI = Body-Mass-Index; HbA1c = glykosyliertes Hb; NPH = Neutral Protamin Hagedorn.

Tabelle
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Kontrolle des Gestationsdiabetes während der Schwangerschaft

Zeitrahmen

Maßnahmen

Vor der Konzeption

Patientinnen mit Gestationsdiabetes in früheren Schwangerschaften sollten versuchen, ihre Normalgewicht zu erreichen und ein leichtes Training zu machen.

Die Diät sollte fettarm und relativ reich an komplexen Kohlenhydraten und Ballaststoffen sein.

Nüchtern-Blutzuckerspiegel und HbA1c-Werte müssen kontrolliert werden.

Pränatal

Diät und Kalorienzufuhr werden individuell gestaltet, um einer Gewichtszunahme > 6,8–11,3 kg (> 15–25 lb) vorzubeugen; adipöse Frauen sollten nicht mehr als etwa 5–9,1 kg (> 11–20 lb) zunehmen.

Leichte körperliche Bewegung nach den Mahlzeiten ist anzuraten.

Die Überwachung des Feten sollte von der 32. Schwangerschaftswoche bis zur Geburt (oder bei gegebener Indikation früher) erfolgen mit:

  • Nonstress-Test (wöchentlich)

  • Biophysikalischem Profil (wöchentlich)

  • Tritt zählt (täglich)

Eine Insulintherapie bleibt anhaltender Hyperglykämie (Nüchtern-Blutzuckerwert > 95 mg/dl oder 2-Stunden-Nüchtern-Blutzuckerspiegel > 120 mg/dl) trotz eines Diätversuches über 2 Wochen vorbehalten.

Menge und Art des Insulins werden individuell festgelegt. Adipöse Patientinnen erhalten vor jeder Mahlzeit kurzwirksames Normalinsulin. Nicht adipöse Patientinnen erhalten am Vormittag zwei Drittel der Gesamtdosis (60% NPH, 40% Normal), am Nachmittag ein Drittel (50% NPH, 50% Normal). Oder Frauen können langwirksames Insulin einmal oder zweimal pro Tag nehmen und Insulin- Aspart unmittelbar vor dem Frühstück, Mittagessen und Abendessen.

Während Wehentätigkeit und Geburt

Wenn Patientinnen ein gut dokumentiertes Geburtsdatum und einen gut eingestellten Diabetes aufweisen, ist eine vaginale Geburt am Termin möglich

Eine Amniozentese ist in der Regel nicht erforderlich.

Ein Kaiserschnitt ist geburtshilflichen Indikationen oder einer fetalen Makrosomie (> 4500 g), die das Risiko einer Schulterdystokie erhöht, vorbehalten.

Die Entbindung sollte um die 39. Schwangerschaftswoche erfolgen.

HbA1c = glykosyliertes Hb; NPH = Neutral Protamin Hagedorn.

InsulinInsulin ist traditionell das Medikament der Wahl, da es die Plazenta nicht passieren kann und eine genauer vorhersagbare Blutzuckerkontrolle ermöglicht, und wird bei Typ 1- und Typ-2-Diabetes und bei einigen Frauen mit Gestationsdiabetes eingesetzt. Wenn möglich, wird Human- Insulin benutzt, da es die Ausbildung von Antikörpern sehr gering hält. Insulin-Antikörper passieren die Plazenta, aber ihre Wirkung auf den Fetus ist unbekannt. Bei einigen Frauen mit seit langem bestehendem Typ-1-Diabetes löst eine Hypoglykämie nicht die normale Ausschüttung gegenregulierender Hormone (Katecholamine, Glucagon, Kortisol und Wachstumshormon) aus; daher kann dann ein Zuviel an Insulin zu einem hypoglykämischen Koma ohne vorwarnende Symptome führen. Alle Schwangeren mit Typ-1-Diabetes sollten ein Glucagon-Set besitzen und (wie auch deren Familienmitglieder) in die Anwendung von Glucagon beim Auftreten einer bedrohlichen Hypoglykämie eingewiesen werden (indiziert bei Bewusstlosigkeit, Verwirrtheit oder Blutzuckerspiegeln < 40 mg/dl [< 2,2 mmol/l]).

Tipps und Risiken

  • Alle Schwangeren mit Typ-1-Diabetes sollten ein Glucagon-Set besitzen und (wie auch deren Familienmitglieder) in die Anwendung von Glucagon beim Auftreten einer bedrohlichen Hypoglykämie eingewiesen werden.

Zur Einstellung des Diabetes bei Schwangeren werden zunehmend orale Blutzucker-senkende Medikamente (z. B. Glibornurid) gegeben, da ihre Anwendung sehr einfach ist (Tabletten im Vergleich zu Injektionen), die Kosten niedrig sind und nur einmal täglich dosiert wird. Einige Studien haben gezeigt, dass Glibornurid in der Schwangerschaft sicher ist und dass es verglichen mit Insulin eine gleichwertige Diabeteseinstellung von Frauen mit Gestationsdiabetes ermöglicht. Zu Frauen mit bereits vor der Schwangerschaft bestehendem Typ-2-Diabetes liegen nur spärliche Daten über orale Wirkstoffe vor; Insulin wird fast immer bevorzugt. Die Einnahme oraler Antidiabetika während der Schwangerschaft kann post partum in der Stillzeit fortgesetzt werden, das Kind sollte dabei aber engmaschig auf Zeichen einer Hypoglykämie kontrolliert werden. (Anm. d. Red.: In Deutschland wird die Gabe oral Blutdruck-senkender Medikamente [z. B. Glibenclamid] während Schwangerschaft und Stillzeit zurückhaltend bewertet.)

Umgang mit Komplikationen

Obwohl diabetische Retinopathie, Nephropathie und leichte Neuropathie keine Kontraindikationen einer Schwangerschaft sind, erfordern sie doch eine präkonzeptionelle Beratung und eine sorgfältige Führung vor und während der Schwangerschaft.

Bei einer Retinopathie ist es erforderlich, dass in jedem Trimester eine augenärztliche Untersuchung stattfindet. Wird bei der ersten Untersuchung in der Schwangerschaft eine proliferative Retinopathie festgestellt, ist möglichst bald eine Photokoagulation durchzuführen, um einer zunehmenden Verschlechterung vorzubeugen.

Eine Nephropathie, vor allem bei Frauen mit Nierentransplantat, prädisponiert zur schwangerschaftsinduzierten Hypertonie. Das Risiko einer Frühgeburt ist größer, wenn die Nierenfunktion beeinträchtigt ist oder die Transplantation erst kurze Zeit zurückliegt. Findet die Geburt 2 Jahre nach Transplantation statt, ist die Prognose am günstigsten.

Angeborene Fehlbildungen der wichtigsten Organe werden durch erhöhte HbA1c-Spiegel bei der Empfängnis und während der ersten 8 Wochen der Schwangerschaft vorhergesagt. Beträgt der Wert während des 1. Trimesters 8,5%, ist das Risiko für kongenitale Fehlbildungen deutlich erhöht; zur Abklärung von Fehlbildungen werden dann während des 2. Trimenons eine gezielte Sonographie und eine fetale Echokardiographie durchgeführt (1). Wenn Schwangere mit Typ-2-Diabetes während des 1. Trimenons orale blutzuckersenkende Medikamente einnehmen, ist das fetale Risiko für kongenitale Fehlbildungen unbekannt (siehe Tabelle Medikamente mit unerwünschten Wirkungen während der Schwangerschaft).

Wehentätigkeit und Geburt

Bestimmte Vorsichtsmaßnahmen sind erforderlich, um einen optimalen Verlauf zu gewährleisten.

Die Zeitplanung der Geburt hängt vom Wohlbefinden des Feten ab. Die Schwangere wird angehalten, die Bewegungen des Feten täglich über die Dauer einer Stunde zu zählen (fetale Trittzahl) und jede plötzliche Verringerung sofort dem Geburtshelfer zu berichten. Mit vorgeburtlichen Untersuchungen wird in der 32. Schwangerschaftswoche begonnen; sie werden früher gemacht, wenn die Schwangere eine ausgeprägte Hypertonie oder eine Nierenerkrankung aufweist oder wenn eine fetale Wachstumsretardierung vermutet wird. Eine Amniozentese zur Beurteilung der fetalen Lungenreife ist oft bei Frauen erforderlich mit:

  • Geburtshilflichen Komplikationen in den vorausgegangenen Schwangerschaften

  • Unzureichender Schwangerschaftsvorsorge

  • Unsichem Geburtstermin

  • Schlechter Blutzuckereinstellung

  • Ungenügender Therapietreue

Bei der Art der Geburt handelt es sich meist um eine spontane vaginale Entbindung am Termin. Gefahr von Totgeburten und Schulterdystokie erhöht kurzfristig. Falls die Wehen nicht spontan um die 39. Schwangerschaftswoche beginnen, ist die Geburt meist einzuleiten; auch kann die Geburt zwischen der 37. und 39. Schwangerschaftswoche ohne Amniozentese eingeleitet werden, wenn die Therapietreue ungenügend oder der Blutzucker schlecht eingestellt ist. Störungen der Wehentätigkeit, ein fetopelvines Missverhältnis oder die Gefahr einer Schulterdystokie können einen Kaiserschnitt notwendig machen.

Während der Wehentätigkeit und Geburt lassen sich die Blutzuckerspiegel am besten durch eine kontinuierliche „Low-dose“- Insulininfusion kontrollieren. Falls eine Geburtseinleitung geplant ist, essen die Schwangeren am Vortag ihre normale Diät und nehmen ihre normale Insulindosis. Am Morgen der Geburtseinleitung werden Frühstück und Insulinvorenthalten. Nach Bestimmung des basalen Nüchtern-BZ-Wertes wird mit Hilfe einer Infusionspumpe mit einer i.v. Infusion von 5% Dextrose in 0,45%iger Kochsalzlösung in einer Dosis von 125 ml/Stunde begonnen. Die anfängliche Geschwindigkeit der Insulininfusion richtet sich nach dem kapillären Glukosespiegel. Die Insulindosis wird folgendermaßen festgelegt:

  • Initial: 0 I.E. bei einem kapillären Spiegel von < 80 mg/dl (< 4,4 mmol/l) oder 0,5 I.E./Stunde bei einem Spiegel von 80–100 mg/dl (4,4–5,5 mmol/l)

  • Danach: Erhöhung bei Spiegeln über 100 mg/dl für jeden Anstieg des Glukosespiegels um 40 mg/dl (2,2 mmol/l) um 0,5 I.E./Stunde bis zu 2,5 I.E./Stunde bei Spiegeln > 220 mg/dl (> 12,2 mmol/l).

  • Jede Stunde während der Wehentätigkeit: Messung des Glukosespiegels am Bett und Anpassung der Dosis, sodass die Spiegel zwischen 70 und 120 mg/dl (3,8–6,6 mmol/l) gehalten werden.

  • Bei deutlich erhöhten Glukosespiegeln: möglicherweise zusätzliche Bolus-Dosen

Bei einer Spontangeburt wird ebenso vorgegangen, außer dass die Insulindosis reduziert werden muss, falls in den vorausgegangenen 12 Stunden ein Intermediär insulin gegeben wurde. Bei Frauen mit Fieber, Infektion oder anderen Komplikationen und adipösen Frauen mit Typ-2-Diabetes, die vor der Schwangerschaft täglich > 100 I.E. Insulin benötigten, muss die Insulindosis erhöht werden.

Post partum

Nach der Geburt verringert sich mit der Ausstoßung der Plazenta, die während der Schwangerschaft große Mengen an Insulin-antagonistisch wirkenden Hormonen synthetisiert, der Insulinbedarf sofort. Daher benötigen Frauen mit Gestationsdiabetes und viele Frauen mit Typ-2-Diabetes nach der Geburt kein Insulin mehr. Für Frauen mit Typ-1-Diabetes verringert sich der Insulin-Bedarf drastisch, steigt aber nach ca. 72 Stunden allmählich wieder an.

Während der ersten 6 Wochen post partum ist das Ziel eine strenge Blutzuckereinstellung. Die Glukosespiegel werden vor den Mahlzeiten und vor dem Schlafengehen bestimmt. Stillen ist nicht kontraindiziert, kann aber bei Einnahme von oralen Antidiabetika zu neonatalen Hypoglykämien führen. Frauen, die Gestationsdiabetes hatten, sollten einen 2-stündigen oralen Glukosetoleranztest mit 75 g Glukose 6–12 Wochen nach der Geburt durchführen lassen, um festzustellen, ob der Diabetes verschwunden ist.

Behandlungshinweise

  • 1. Miller E, Hare JW, Cloherty JP, et al: Elevated maternal hemaglogin A1c in early pregnancy and major congenital anomalies in infants of diabetic mothers. N Engl J Med 304 (22):1331–1334, 1981. doi: 10.1056/NEJM198105283042204.

Wichtige Punkte

  • Diabetes in der Schwangerschaft erhöht das Risiko für Makrosomie, Schulterdystokie, Präeklampsie, Kaiserschnittgeburt, Totgeburt und – falls ein bereits existierender Diabetes oder ein Gestationsdiabetes während der Organogenese schlecht eingestellt ist – für schwere angeborene Fehlbildungen und Spontanabort.

  • Alle Schwangeren sollten mit einem oralen Glukosetoleranztest auf Gestationsdiabetes getestet werden.

  • Wenn möglich sollte ein Diabetes-Team einbezogen werden; Ziel ist es, den Nüchtern-Blutzuckerspiegel bei < 95 mg/dl (< 5,3 mmol/l) und die postprandialen 2-Stunden-Werte bei ≤ 120 mg/dl (≤ 6,6 mmol/l) zu halten.

  • Die vorgeburtlichen Untersuchungen sollten in der 32. Schwangerschaftswoche beginnen und die Entbindung in der 39. Schwangerschaftswoche sein.

  • Die Insulindosis wird unmittelbar nach Geburt der Plazenta angepasst.

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