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Chronisches Erschöpfungssyndrom

(Systemic Exertion Intolerance Disease; SEID; myalgische Enzephalomyelitis; ME/CFS)

Von

Stephen Gluckman

, MD, Perelman School of Medicine at The University of Pennsylvania

Letzte vollständige Überprüfung/Überarbeitung Jul 2018| Inhalt zuletzt geändert Aug 2018
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Kurzinformationen
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Quellen zum Thema

Das chronische Erschöpfungssyndrom bezeichnet eine lang andauernde schwere und entkräftende Erschöpfung ohne nachweisbare körperliche und psychische Ursache und ohne objektive Auffälligkeiten bei körperlichen Untersuchungen oder Laboruntersuchungen.

  • Die unerklärliche Erschöpfung hält sechs aufeinanderfolgende Monate oder länger an.

  • Manchmal treten die Symptome erstmals nach einer Krankheit auf, die einer Virusinfektion ähnelt.

  • Die Behandlung umfasst die Linderung der Symptome, kognitive Verhaltenstherapie und stufenweise aufgebaute Trainingsprogramme.

Obwohl bis zu 25 Prozent der Bevölkerung angeben, chronisch erschöpft zu sein ( Erschöpfung), liegt nur bei 0,5 Prozent (1 von 200) ein chronisches Erschöpfungssyndrom vor. Das chronische Erschöpfungssyndrom tritt vor allem bei Personen im Alter von 20 bis 50 Jahren auf und wird bei jungen Frauen und Frauen im mittleren Alter häufiger beschrieben als bei Männern, obwohl es in allen Altersklassen, auch bei Kindern, beobachtet wurde. Personen, die am chronischen Erschöpfungssyndrom leiden, weisen echte und häufig einschränkende Symptome auf. Das chronische Erschöpfungssyndrom ist nicht gleichbedeutend mit dem Vortäuschen von Symptomen (einer Erkrankung, die als „Simulieren“ bezeichnet wird).

Ursachen

Trotz beträchtlicher Forschungsanstrengungen ist die Ursache des chronischen Erschöpfungssyndroms bislang nicht bekannt. Ob eine einzige oder mehrere Ursachen zugrunde liegen und ob die Ursache physischer oder psychischer Natur ist, ist umstritten. In jedem Fall sind die Symptome für die betroffene Person sehr real.

Einige Wissenschaftler sind der Ansicht, dass die Krankheit letztlich mehrere Ursachen hat, wie etwa genetische Veranlagung, Kontakt mit Mikroben oder Giftstoffen sowie andere körperliche und emotionale Faktoren.

Ansteckende Krankheiten

Einige Studien deuten auf Infektionen mit dem Epstein-Barr-Virus, dem Zytomegalievirus, dem Bakterium, das die Lyme-Krankheit verursacht oder Candida (einem Hefepilz) als mögliche Ursachen des chronischen Erschöpfungssyndroms hin. Neuere Studien sprechen jedoch eher gegen diese Infektionen als Ursache des Syndroms. Darüber hinaus gibt es keine Hinweise darauf, dass andere Infektionen (beispielsweise Infektionen mit dem Röteln-, Herpes- oder humanen Immundefizienzvirus [HIV]) mit dem Syndrom zusammenhängen.

Immunologische Störungen

Einige kleinere Auffälligkeiten des Immunsystems sind möglich. Diese werden kollektiv als Dysregulation des Immunsystems bezeichnet. Es gibt jedoch keine besonders charakteristischen Auffälligkeiten der Erkrankung. Personen, die am chronischen Erschöpfungssyndrom leiden, haben kein ernstes medizinisches Problem in Bezug auf ihr Immunsystem. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Allergien die Ursache sind, obwohl 65 Prozent der Patienten mit chronischem Erschöpfungssyndrom zuvor Allergien hatten. Es wurde auch kein Zusammenhang des chronischen Erschöpfungssyndroms mit hormonellen Störungen oder psychischen Gesundheitsstörungen nachgewiesen.

Genetische und Umweltfaktoren

Die Erkrankung scheint familiär bedingt zu sein, was möglicherweise auf eine genetische Komponente oder einen Auslöser in der Umgebung hindeutet. Andererseits kann es genauso gut sein, dass die Mitglieder einer Familie ähnlich auf körperlichen und psychosozialen Stress reagieren und/oder den gleichen Substanzen ausgesetzt waren.

Symptome

Die meisten Personen mit chronischem Erschöpfungssyndrom sind bis zum Auftreten der Erkrankung erfolgreich und hochgradig funktionsfähig. In der Regel tritt die Störung plötzlich und häufig nach einem belastenden Ereignis auf. Das Hauptsymptom des chronischen Erschöpfungssyndroms ist eine schwere Abgeschlagenheit für mindestens sechs Monate, die zu einer starken Einschränkung alltäglicher Aktivitäten führt. Der Erschöpfungszustand besteht bereits beim Aufwachen und hält den Rest des Tages an. Körperliche Betätigung und Phasen mit psychischem Stress verschlimmern den Zustand häufig. Hinweise auf eine Muskelschwäche oder eine Gelenk- und Nervenstörung fehlen jedoch. Die extreme Erschöpfung beginnt oft während oder nach der Erholung von einer Krankheit, die mit Fieber, einer laufenden Nase und schmerzhaften und empfindlichen Lymphknoten einer Virusinfektion ähnelt. Allerdings tritt die Erschöpfung bei manchen Personen ohne vorhergehende Erkrankung auf.

Weitere mögliche Symptome sind Konzentrationsschwäche und Schlafstörungen, Halsentzündung, Kopfschmerzen, Gelenk- und Muskelschmerzen sowie Bauchschmerzen. Depressionen sind häufig, vor allem, wenn die Symptome schwerwiegend sind oder sich verschlechtern. Die Symptome überschneiden sich häufig mit denen einer Fibromyalgie, einer möglicherweise verwandten Erkrankung.

Diagnose

  • Laboruntersuchungen

Es gibt keine Laboruntersuchung, die zum Nachweis des chronischen Erschöpfungssyndroms durchgeführt werden kann. Daher müssen andere Erkrankungen ausgeschlossen werden, die ähnliche Symptome hervorrufen können. Manchmal führen Ärzte Untersuchungen zum Ausschluss anderer Erkrankungen wie Anämie, Auffälligkeiten in Bezug auf Elektrolyte, Niereninsuffizienz, entzündliche Erkrankungen (wie beispielsweise rheumatoide Arthritis), Schlafstörungen oder Erkrankungen der Schilddrüse oder der Nebenniere durch. Die Diagnose des chronischen Erschöpfungssyndroms wird nur gestellt, wenn keine andere Ursache, einschließlich der Nebenwirkungen von Medikamenten, gefunden wird, mit der die Erschöpfung und andere Symptome erklärt werden können.

Im Jahr 2015 hat das Institute of Medicine (heute Health and Medicine Division of The National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine) einen neuen Namen für diese Krankheit vorgeschlagen: Systemic Exertion Intolerance Disease (SEID), in etwa „Erkrankung mit systemischer Anstrengungsintoleranz“. Auch die Diagnosekriterien wurden vereinfacht und die Validität dieser beträchtlichen Störung anerkannt.

Die Diagnose des chronischen Erschöpfungssyndroms*

Die Diagnose macht die folgenden 3 Symptome erforderlich:

  • Eine erhebliche Minderung oder Beeinträchtigung, den beruflichen, schulischen, sozialen oder persönlichen Aktivitäten wie vor der Krankheit nachzugehen, die mehr als sechs Monate andauert und von einer Erschöpfung begleitet wird, die häufig erheblich ist, neu oder zu einem bestimmten Zeitpunkt eingesetzt hat (sie besteht also noch nicht das ganze Leben lang), die nicht die Folge einer dauerhaften, übermäßigen Anstrengung ist und die durch Ruhe nicht deutlich verbessert wird.

  • Symptome verschlechtern sich bei körperlicher Aktivität†

  • Kein erholsamer Schlaf†

Zudem ist eines der Folgenden erforderlich:

  • Schwierigkeiten beim Denken†

  • Benommenheit oder Schwindelgefühl beim Aufstehen mit Besserung durch Hinlegen

*Diese Diagnosekriterien wurden im Februar 2015 vom Institute of Medicine (heute Health and Medicine Division of The National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine) vorgeschlagen.

†Die Häufigkeit sowie die Schwere der Symptome sind wichtig. Die Diagnose sollte in Frage gestellt werden, wenn die Symptome nicht mindestens in der Hälfte der Zeit in mäßiger, erheblicher oder starker Intensität vorliegen.

Behandlung

  • Kognitive Verhaltenstherapie

  • Schrittweise gesteigertes Training

  • Bei Bedarf Medikamente gegen Depression, Schlaf- oder Schmerzmittel

Meist werden die Symptome des chronischen Erschöpfungssyndroms mit der Zeit schwächer. Es kann jedoch häufig Jahre dauern, bis die Symptome abklingen, und nicht alle Symptome verschwinden. Die Betroffenen erholen sich möglicherweise besser, wenn sie sich auf die Funktionen konzentrieren, die sie wiedererlangen können, anstatt auf die Fähigkeiten, die sie verloren haben.

Bestimmte Symptome wie Schmerzen, Depressionen und Schlafstörungen werden behandelt. Eine kognitive Verhaltenstherapie und ein abgestuftes Trainingsprogramm, die bei manchen Betroffenen wirksam waren, sind möglicherweise einen Versuch wert.

Kognitive Verhaltenstherapie

Kognitive Verhaltenstherapie besteht für gewöhnlich aus einer kurzen Phase der Psychotherapie mit dem Ziel, verdrängte Gedanken, die die Betroffenen entmutigen und einer positiven Haltung und Erholung im Wege stehen, umzuleiten.

Schrittweise gesteigertes Training

Ausgedehnte Bettruhe und lange Phasen körperlicher Inaktivität können die Symptome des chronischen Erschöpfungssyndroms noch verschlimmern. Ein stufenmäßiges Heranführen an regelmäßigen Ausdauersport wie Walking, Schwimmen, Radfahren und Jogging unter strenger medizinischer Aufsicht (ein abgestuftes Bewegungsprogramm) kann die Erschöpfung vermindern und die körperliche Funktion verbessern. Formelle und strukturierte Programme zur körperlichen Wiederherstellung sind gegebenenfalls am besten.

Medikamente und Alternativbehandlungen

Bestimmte Symptome wie Schmerzen, Depressionen und Schlafstörungen werden behandelt.

Viele verschiedene Medikamente und Alternativbehandlungen wurden getestet, um die chronische Erschöpfung selbst zu verbessern. Obwohl manche Personen auf diverse Medikamente wie Antidepressiva und Kortikosteroide ansprechen, gibt es keines, das tatsächlich bei allen Betroffenen wirksam ist. Für Ärzte und andere Fachleute ist es manchmal schwierig festzulegen, welche Behandlung anschlagen wird, da die Symptome nicht nur je nach Person variieren, sondern auch so, wie sie gekommen sind, von allein wieder abklingen können.

Kontrollierte klinische Studien ( Die wissenschaftliche Medizin), in denen der Nutzen eines Medikaments mit dem eines Placebos (ein Scheinmedikament, das aussieht wie das Medikament, jedoch keinen aktiven Wirkstoff enthält) verglichen wird, sind zur Untersuchung von Therapien am besten geeignet. Bislang hat sich in kontrollierten Studien noch keine Arzneimitteltherapie beim chronischen Erschöpfungssyndrom als wirksam erwiesen. Verschiedene Behandlungen gegen unterschiedliche mögliche Ursachen, wie beispielsweise die Gabe von Interferon, die intravenöse Injektion von Immunglobulin oder Virustatika erbrachten überwiegend enttäuschende Ergebnisse und waren potenziell gefährlich. Nahrungsergänzungsmittel wie Nachtkerzenöl, Fischölpräparate sowie hochdosierte Vitaminpräparate werden häufig angewendet, ihr Nutzen bleibt jedoch fraglich. Andere Alternativbehandlungen (wie z. B. mit essenziellen Fettsäuren, Tierleberextrakten, Ausschlussdiäten und der Entfernung von Zahnfüllungen) waren ebenfalls unwirksam. Behandlungen ohne nachweislichen Nutzen werden besser vermieden, da sie Nebenwirkungen haben können.

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